Weihnachtsgeschichte

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Der Titel dieses Artikels ist mehrdeutig. Weitere Bedeutungen sind unter Weihnachtsgeschichte (Begriffsklärung) aufgeführt.
Conrad von Soest: Die Geburt Christi, 1404.

Die Weihnachtsgeschichte, in der Bibelwissenschaft auch als Kindheitsgeschichte Jesu oder Vorgeschichte Jesu bezeichnet[1], findet sich in zwei unterschiedlichen Versionen bei Matthäus und Lukas im Neuen Testament und erzählt die Geschehnisse, die mit der Empfängnis und der Geburt Jesu von Nazaret in Zusammenhang stehen. In Krippenspielen wird sie zu Weihnachten oft nachgespielt und in Weihnachtskrippen anschaulich gemacht.

Die Weihnachtsgeschichte nach Lukas[Bearbeiten]

Der Darstellung der Geburt Jesu geht im Lukasevangelium die Verheißung der Geburt an Maria durch den Engel Gabriel voraus (Lk 1,26–38 EU). Parallel dazu wird die Geburt Johannes’ des Täufers dargestellt (Lk 1,3–25 EU) in dem Sinne, dass Jesus als der Größere von beiden ausgewiesen wird („Überbietung“).[2]

Die Geburtsgeschichte Jesu (Lk 2,1–20 EU) beginnt damit, dass Kaiser Augustus eine „erste“ Volkszählung durchführen lässt und sich deswegen jede Familie in den Heimatort des Familienvaters begeben soll. Aus diesem Grund begibt sich Josef mit seiner hochschwangeren Verlobten Maria nach Bethlehem. Als sie dort ankommen, bringt Maria ihren „erstgeborenen“ Sohn zur Welt. Das Neugeborene wird gewickelt und in eine Krippe gelegt. Daraus wird zumeist geschlossen, dass die Geburt in einem Stall stattfand; es heißt im Text ausdrücklich nur, dass das Paar keinen Platz „in der Herberge“ fand (Lk 2,7 EU). Das griechische Wort κατάλυμα katályma kann als „Herberge“ oder „Gästezimmer“ übersetzt werden. Es wurde erwogen, dass Jesu Eltern eher versucht haben könnten, bei ihren Verwandten zu übernachten als in einer Herberge, aber auf ein bereits volles Haus trafen. Sie seien daher zunächst in einen Stall oder Schuppen mit einer Futterkrippe ausgewichen.[3]

In der Nähe lagernde Hirten werden von einem Engel aufgesucht. Er teilt ihnen mit, dass in Bethlehem der Heiland (Messias) geboren sei. Darauf kommt eine Schar von Engeln zu dem einen hinzu. Sie lobpreisen Gott und verheißen „den Menschen seines Wohlgefallens“ „Frieden auf Erden“. Die Hirten eilen nach Bethlehem und huldigen dem Kind. Nachdem sie das Kind gesehen und von ihrer Begegnung mit den Engeln erzählt haben, kehren sie wieder zu ihren Herden zurück. Sie „priesen und lobten Gott für alles, was sie gehört und gesehen hatten, wie denn zu ihnen gesagt war.“

Die lukanische Kindheitsgeschichte schließt mit der von der Tora geforderten Darstellung Jesu im Tempel und der Wallfahrt des zwölfjährigen Jesus mit seinen Eltern nach Jerusalem (Lk 2,21–52 EU).

Die Weihnachtsgeschichte nach Matthäus[Bearbeiten]

Der Evangelist Matthäus erzählt von verschiedenen Vorgängen rund um die Geburt Jesu (Mt 1,18–25; 2,1–23 EU). Die Geburt selbst wird eher beiläufig erwähnt (Mt 2,1 EU). Das Kind wird von „Magiern“ (griechisch μάγοι mágoi), Sterndeutern oder Weisen aus dem Osten, aufgesucht, die von einem Stern dorthin geführt worden waren. Sie treffen das Kind noch in Bethlehem an, allerdings „im Haus“, nicht in einem Stall oder einer Krippe. Sie huldigen ihm und bringen Geschenke. Auf ihrer Suche nach dem „neugeborenen König der Juden“ hatten sie vorher im Königspalast in Jerusalem nachgefragt. Auf diesem Wege erfährt König Herodes davon, dass ein Rivale geboren wurde, und befiehlt − in Erfüllung des Prophetenwortes (Jer 31,15 EU) − den Kindermord zu Bethlehem. Dank der Warnung durch einen Engel können sich Maria und Josef mit dem Kind rechtzeitig nach Ägypten absetzen (Flucht nach Ägypten). Nach Herodes’ Tod kehren sie nach Palästina zurück und siedeln sich in Nazareth an.

Matthäus spricht weder von Königen noch nennt er ihre Namen noch benutzt er die Zahl drei, wie es die spätere Legende der Heiligen drei Könige tut.

Historische Einordnung und Aussageabsicht[Bearbeiten]

Beide Erzählungen wollen das unerhörte Ereignis, das Kommen des Messias und die Menschwerdung Gottes, mit zwei Strategien glaubhaft machen: Zum einen durch Anbindung an historische Gestalten – nirgendwo in der Bibel kommen außerbiblische Personen in derartiger Häufung vor (Augustus, Publius Sulpicius Quirinius, Herodes der Große) –, zum anderen durch ausdrückliche Bezugnahme auf alttestamentliche Prophezeiungen bei Matthäus.

  • Nach Mi 5,1 EU soll der Messias in Bethlehem zur Welt kommen, was beide Evangelisten vor das Problem stellt, dass der historische Jesus nach Meinung einiger Theologen aus Nazareth kam, ein Problem, das jeder von ihnen auf andere Weise löst.
  • Nach Jes 7,14 EU soll der Messias durch eine Jungfrauengeburt zur Welt gekommen sein, was vielleicht nur ein Missverständnis ist, da das griechische Wort parthenos sowohl Jungfrau im biologischen Sinne als auch einfach „junge Frau“ bedeuten kann, und der hebräische Begriff 'almah bezeichnet eine Frau vor der Geburt ihres ersten Kindes, was dem früheren Gebrauch des Wortes Magd im Deutschen nahekommt.
  • Nach Hos 11,1 EU soll Gott seinen Sohn aus Ägypten kommen lassen, was Matthäus Anlass für die durch keine anderen Quellen belegte Geschichte vom bethlehemitischen Kindermord gibt.
  • Eine vierte von Matthäus angeführte Prophezeiung, wonach der Messias den Beinamen „Nazarener“ tragen würde (Mt 2,23 EU), lässt sich im Alten Testament nicht finden. Es könnte sich jedoch um eine Andeutung auf Jes 11,1 EU handeln, wo auf den „Spross Isais“ hingewiesen wird, auf Hebräisch „nezer“.

Auch unterscheidet sich das Matthäus-Evangelium von den drei anderen durch eine eigentümliche Besonderheit, nämlich durch anfangs immer wieder vorkommende Prophezeiungen aus dem Alten Testament, wie z. B.: „Dies alles ist geschehen, damit sich erfüllte, was der Herr durch den Propheten gesagt hat“ – eine Aussage, die eingestreut worden sein könnte, um Jesus als den erwarteten Messias und Erlöser zu bestätigen. Doch ausgerechnet bei seiner „Weisen-Erzählung“ unterlässt Matthäus einen solchen Hinweis. Dabei können in diesem Fall im Alten Testament sogar mit Ps 72,10 EU[4] und Jes 60,3 EU zwei Stellen als Hinweise auf das Ereignis in Bethlehem gedeutet werden. Der Grund für den Wegfall dieses Hinweises scheint auf der Hand zu liegen. Saba liegt im Süden der arabischen Halbinsel, also auch südlich von Jerusalem. Die Weisen und Gelehrten kamen aber von Osten – dies wusste natürlich auch Matthäus.

Die historische Anbindung der Weihnachtsgeschichte wirft ebenfalls Probleme auf. Lukas bringt mit der von ihm erwähnten Volkszählung zwei verschiedene römische Verwaltungsvorgänge durcheinander, nämlich:

  1. Den Reichszensus (Bürgerzensus), die Schätzung römischer Bürger im gesamten Imperium Romanum
  2. Den Provinzialzensus, die Schätzung der Provinzbewohner, die das römische Bürgerrecht (Civitas Romana) nicht besaßen.[5]

Der Tatenbericht des Augustus in der Vorhalle des Augustus- und Romatempels in Ancyra (Ankara) erwähnt einen Reichszensus 8 v. Chr.[6] Ein Reichszensus kann Josef nicht betroffen haben, denn wäre er römischer Bürger gewesen, hätte Pontius Pilatus seinen (Adoptiv-)Sohn nicht kreuzigen lassen dürfen. Dreizehn Jahre später, im Jahr 6 n. Chr. schickte Kaiser Augustus den Publius Sulpicius Quirinius als Statthalter in die Provinz Syria,[7] in die das Königreich Judäa kurz zuvor eingegliedert worden war, um die Verhältnisse nach der Verbannung des Herodessohnes Archelaos dort neu zu regeln. Nach Flavius Josephus hielt er in Judäa einen Provinzialzensus ab.[8] Nach Mt 2,1 wurde jedoch Jesus vor dem Tod Herodes des Großen (4 v. Chr.) geboren, was heute von vielen Historikern für glaubhaft gehalten wird.[9] Dies bedeutet, dass sich die beiden Evangelisten in ihren Versuchen, die Geburt des Erlösers in die säkulare Geschichte einzuordnen, widersprechen;[10] die von ihnen nahegelegten historischen Daten liegen um mehr als eine Dekade auseinander. Als Lösung dieses Dilemmas hat die historische Jesusforschung schon vor längerer Zeit diskutiert, ob Quirinius nicht zweimal Statthalter der Provinz Syrien gewesen sein könnte, einmal um 8 v. Chr, das zweite Mal um 6 n. Chr.[11] Die These von der zweifachen Statthalterschaft des Qurinius hat sich in der historischen Forschung aber nicht durchgesetzt.[12]

Der Tübinger Archäologe Philipp Filtzinger weist immerhin darauf hin, dass 1961 ein Steuerformular aus dem Jahre 127 n. Chr. in einer Höhle westlich des Toten Meeres gefunden wurde. Auch hundert Jahre nach dem Tod Jesu mussten sich Einwohner von ihrem Wohnort zu ihrem Geburtsort begeben, um ihre Steuerformulare vor römischen Beamten abzugeben und beispielsweise persönlich vor Ort mit mehreren einheimischen Zeugen ererbten Grundbesitz zu deklarieren.[13]

Josef wohnte nach der lukanischen Tradition in Nazareth, was zu Galiläa gehörte, dies lag aber im Herrschaftsgebiet des Herodes des Großen, wo der römische Statthalter allenfalls indirekte Befehlsgewalt hatte. Selbst wenn dieser ein Interesse daran gehabt hätte, auch die Einwohner der Klientelstaaten zu erfassen, wäre es für die Römer, denen es auf funktionierende Steuerlisten ankam, äußerst unpraktisch gewesen, als Eintragungsort nicht den Wohnort, sondern den Stammsitz der Familie zu befehlen. Ob dieser Bethlehem war, wo rund tausend Jahre zuvor König David zur Welt gekommen war, ist außerdem fraglich, denn die beiden Vorfahrenlisten (Mt 1,1–17 EU; Lk 3,23–38 EU) gelten als fiktiv. Sie stellen Josef als Nachkommen Abrahams und König Davids (Röm 1,3 EU) dar, ohne zu beachten, dass Jesus gar nicht dessen leiblicher Sohn gewesen sein soll, und haben keine historische, sondern eine theologische Aussageabsicht.[14]

Da es in der Gegend um Bethlehem im Dezember zwar kaum Nachtfröste gibt, aber vor allem im Winter keine Pflanzen wie Gräser usw. wachsen, werden die Schafe und Ziegen im Winter stets in Ställen gehalten. Daraus lässt sich schließen, dass Jesus nicht im Dezember geboren sein kann. Das Datum des 25. Dezember wurde auch erst im vierten Jahrhundert unter Kaiser Konstantin I. festgelegt, wobei möglicherweise das Fest des Sonnengottes „Sol invictus“ eine Rolle spielte.

Aus all diesen Widersprüchen innerhalb der beiden biblischen Weihnachtsgeschichten und zwischen ihnen ziehen heute die meisten Historiker und Theologen den Schluss, dass es sich um literarische Fiktionen handelt, mit denen die Gottessohnschaft Christi und sein Kommen in die Welt historisch und prophetisch glaubhaft gemacht werden sollen. Es solle vermittelt werden, dass es sich bei dem Gottessohn auf Erden ihrer Ansicht nach nicht um eine mythische Gestalt, sondern um eine wahrhaftig historische Gestalt gehandelt habe. Zum Geburtsort wird eher angenommen, dass Jesus in Nazareth, dem Wohnort seiner Familie (Mk 6,1 ff. EU; Mt 13,54 EU), wo er „erzogen“ wurde (Lk 4,16.22 EU), auch geboren wurde.[15]

Die Weihnachtsgeschichte im Kirchenjahr[Bearbeiten]

Die geläufigere Weihnachtsgeschichte ist die Erzählung über die Geburt Jesu Christi, wie sie im Neuen Testament vom Evangelisten Lukas in Lk 1,5–80; 2,1–52 EU erzählt wird. Das Kernstück dieses Textes (Lk 2,1–20 EU) wird im christlichen Kulturraum traditionellerweise am Heiligen Abend und am Weihnachtstag bei Gottesdiensten und Weihnachtsfeiern vorgelesen oder nachgespielt. In der katholischen Liturgie ist es das Evangelium der Heiligen Messe in der Nacht. In der zweiten Festmesse („Am Morgen“) ist der Evangeliumstext die Verkündigung an die Hirten (Lk 2,15–20 EU).

Die Perikope Mt 2,1–12 EU ist der Text des Evangeliums am Fest der Erscheinung des Herrn (Epiphanias) am 6. Januar.

Literatur[Bearbeiten]

  • Raymond E. Brown: The Birth of the Messiah. A Commentary on the Infancy Narratives in the Gospels of Matthew and Luke. Anchor Bible Reference Library, Doubleday, New York [u. a.] 1999, ISBN 0-385-49447-5.
  • Gerhard Perl: Der zeitgeschichtliche Hintergrund der Weihnachtsgeschichte. In: Christian Friedrich Collatz u. a. (Hrsg.): Dissertatiunculæ criticæ. Festschrift für Günther Christian Hansen. Königshausen & Neumann, Würzburg 1998.
  • Joseph Ratzinger / Benedikt XVI.: Jesus von Nazareth. Prolog. Die Kindheitsgeschichten. Herder-Verlag, Freiburg 2012, ISBN 978-3-451-34999-7.
  • Johannes Riedl: Die Vorgeschichte Jesu. Die Heilsbotschaft von Mt 1−2 und Lk 1−2. Verlag Katholisches Bibelwerk, Stuttgart 1968.
  • Peter Stuhlmacher: Die Geburt des Immanuel. Die Weihnachtsgeschichten aus dem Lukas- und Matthäusevangelium. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2005, ISBN 3-525-53535-X.
  • Thomas Schumacher: Geschichte der Weihnachtsgeschichte. Ein historischer und theologischer Schlüssel, Pneuma-Verlag, München 2012, ISBN 978-3-942013-12-3.

Dokumentation[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

 Wikisource: Weihnachtsevangelium (Latein) – Quellen und Volltexte

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Johannes Riedl: Die Vorgeschichte Jesu. Die Heilsbotschaft von Mt 1−2 und Lk 1−2. Verlag Katholisches Bibelwerk, Stuttgart 1968
  2. Johannes Riedl: Die Vorgeschichte Jesu. Die Heilsbotschaft von Mt 1–2 und Lk 1–2. Verlag Katholisches Bibelwerk, Stuttgart 1968, S. 46 f
  3. Ben Witherington: No Inn in the Room: a Christmas Sermon on Lk 2.1–7, 9. Dezember 2007. Die Ställe um Bethlehem herum waren aus dem Felsen gehauen, so dass die Futterkrippe vermutlich eine einfache Wandnische in einer solchen Höhle war.
  4. Septuaginta und Vulgata benutzen in Ps 72,10 VUL den Begriff Könige aus Arabien statt des im masoretischen Text erscheinenden Šeba
  5. Herbert Hausmaninger, Census, in: Der kleine Pauly. Lexikon der Antike in fünf Bänden, dtv, München 1979, Bd. 1, Sp. 1108
  6. Res gestae divi Augusti C.8. online lateinisch und deutsch
  7. Flavius Josephus: Jüdische Altertümer, 17.13.5.
  8. Jüdische Altertümer, 17.13.5; 18.1.1 und 18.2.1.
  9. Hans Conzelmann: Geschichte des Urchristentums, Göttingen 1978, S. 18
  10. Géza Vermes, The Nativity. History and Legend, Penguin Books, London 2006, S. 19
  11. Theodor Keim, Der geschichtliche Christus. Eine Reihe von Vorträgen mit Quellenbeweis und Chronologie des Lebens Jesu, 3. Aufl, Orell, Füßli und Comp., Zürich 1866, S. 225
  12. Werner Eck, s.v. Sulpicius [II 13] P. S. Quirinius, in: Der Neue Pauly. Enzyklopädie der Antike, Bd. 11, hrsg. von Hubert Cancik, Metzler, Stuttgart und Weimar 2001, Sp. 1105.
  13. Philipp Filtzinger: Bethlehem. Die christliche Legende – ein historisches Ereignis im Konsulatsjahr des Gaius Censorinus und Gaius Asinius 8 v. Chr.
  14. David Flusser, Jesus, 21. Aufl., Rowohlt, Reinbek 1999, S. 16 f.
  15. Gerd Theißen, Anette Merz: Der historische Jesus: Ein Lehrbuch; Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 32001; ISBN 3-525-52198-7; S. 42 ff.