Wolf Jobst Siedler

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche

Wolf Jobst Siedler (* 17. Januar 1926 in Berlin; † 27. November 2013 ebenda) war ein deutscher Verleger und Schriftsteller.

Leben[Bearbeiten]

Siedler wurde 1926 als Sohn des gleichnamigen kaiserlichen Diplomaten und späteren Syndikus' und Justitiars des »Reichsverbandes Papier und Pappe« in Berlin geboren. Zu seinen Vorfahren gehören u. a. der Bildhauer Johann Gottfried Schadow und der Musiker Carl Friedrich Zelter. Sein Onkel ist der bekannte Architekt Eduard Jobst Siedler. Seine Eltern waren mit Otto Hahn befreundet.[1]

Siedler besuchte die Internate Hermann-Lietz-Schule auf Schloss Ettersburg bei Weimar und ab 1943 die Hermann Lietz-Schule Spiekeroog. Von dort aus wurde er zusammen mit zahlreichen Mitschülern als Flakhelfer auf der benachbarten Insel Wangerooge eingesetzt. Als solcher wurde er zusammen mit Ernst Jünger jr., dem Sohn des gleichnamigen Schriftstellers, wegen Wehrkraftzersetzung verhaftet und von einem Kriegsgericht zu neun Monaten Zuchthaus und danach zur „Frontbewährung“ verurteilt. Das Kriegsende erlebte er an der Front in Italien, wo Ernst Jünger jr. 1944 fiel[2] und Siedler in britische Kriegsgefangenschaft geriet, aus der er 1947 entlassen wurde. 1948 verlobte er sich mit Imke von Heede, das Paar heiratete 1949 und der Ehe entstammen zwei Kinder, darunter Wolf Jobst Siedler jun., der ebenfalls Verleger ist.

Nach seinem Studium der Soziologie, Philosophie und Geschichte an der Freien Universität Berlin arbeitete er fast zehn Jahre als Journalist, vor allem für den Berliner Tagesspiegel, die Neue Zeitung und Der Monat. Einen Höhepunkt dieser Laufbahn erlebte er mit der Berufung zum Chefredakteur des Feuilletons beim Tagesspiegel.

1963 trat Siedler in die Ullstein Verlagsgruppe ein und übernahm die Leitung des Propyläen Verlages. In den Jahren 1967 bis 1979 wirkte er als Geschäftsführer der Ullstein GmbH für die Verlage Propyläen, Quadriga und Ullstein.

Gemeinsam mit dem Filmproduzenten Jochen Severin gründete Siedler 1980 den Verlag Severin & Siedler, der sich auf politische und historische Literatur konzentrierte. Als Severin 1983 ausschied, wurde der Verlag umstrukturiert, als Siedler Verlag neugegründet und in Partnerschaft mit der Verlagsgruppe Bertelsmann fortgeführt.[3] 1998 ging der Siedler Verlag unter der Leitung von Arnulf Conradi mit dem Berlin Verlag zusammen und wurde anschließend von der Bertelsmann-Gruppe übernommen.[4] [5] Bertelsmann behielt Siedler in beratender Funktion im Verlag.

Bis Februar 2005 schrieb Siedler für die FAZ, die Süddeutsche Zeitung, Die Zeit, Die Welt und die Berliner Morgenpost. Er wohnte seit seiner Kindheit in demselben Haus in Berlin-Dahlem.[6]

Würdigungen[Bearbeiten]

Siedler nahm bereits 1964 in seinem Buch Die gemordete Stadt klar gegen den Abriss von Gründerzeithäusern und die Fällung alter Bäume Stellung; aus diesem Grund wurde er fallweise als „Großvater der Grünen“ bezeichnet. Spiegel online würdigte Siedler in seinem Nachruf als „großer Bürgerlicher und Konservativer von einer Art, wie es sie selbst in der alten Bundesrepublik kaum gab“.[7]

Hermann Rudolph wies im Der Tagesspiegel vor allem auf die tiefe Verbindung zwischen Siedlers publizistischem Schaffen und seiner Heimatstadt hin: „Berlin hat seit den frühen Nachkriegsjahren in ihm einen Begleiter, Deuter und Mitbeweger gehabt, der seinesgleichen sucht“. Mit dem Tod von Wolf Jobst Siedler schließe eine Epoche ab.[8]

Arnulf Baring betrachtete Siedler in der Welt vor allem als eine „große schriftstellerische Begabung“, in dessen Werk die „einzigartige Mischung aus stilistischer Brillanz, weitgespannten Kenntnissen und jenem elegischen Grundton der Trauer über das Versinken des alten Europa, des früheren Deutschland, der einstigen Reichshauptstadt“ spürbar sei.[9]

Siedler war Mitglied des PEN-Zentrums Deutschland.

Egon Bahr würdigte in der Jungen Freiheit Siedlers Bescheidenheit: „Er wollte sich nicht einengen lassen durch politische Gremien, die Weisungsbefugnis eines Vorgesetzten oder den Druck von Wahlen. Er kannte die Quelle seiner Stärke: die Unabhängigkeit seines Denkens. Sie verlangte auch den selbst erkannten Verzicht auf Handeln, eine Achtung gebietende Bescheidenheit.“ [10]

Auszeichnungen[Bearbeiten]

Werke[Bearbeiten]

  • Die gemordete Stadt: Abgesang auf Putte und Straße, Platz und Baum. Siedler, Berlin 1993 [Erstausgabe 1964], ISBN 3-88680-513-1.
  • Verordnete Gemütlichkeit: Abgesang auf Spielstraße, Verkehrsberuhigung und Stadtbildpflege. Severin, Berlin 1985, ISBN 3-88679-125-4.
  • Auf der Pfaueninsel: Spaziergänge in Preußens Arkadien. Siedler, Berlin 1986, ISBN 3-88680-236-1.
  • Wanderungen zwischen Oder und Nirgendwo: Das Land der Vorfahren mit der Seele suchend. Siedler, Berlin 1988, ISBN 3-88680-303-1.
  • Stadtgedanken. Goldmann, München 1990, ISBN 3-442-12801-3.
  • Abschied von Preußen. Wolf Jobst Siedler Verlag, Berlin 1991, zuletzt Orbis Verlag, München 2000, ISBN 3-572-01174-4.
  • Der Verlust des alten Europa: Ansichten zur Geschichte und Gegenwart. DVA, Stuttgart 1996, ISBN 3-421-05047-3.
  • Ein Leben wird besichtigt: In der Welt der Eltern. Siedler, Berlin 2000, ISBN 3-88680-704-5.
  • Phoenix im Sand: Glanz und Elend der Hauptstadt. Goldmann, München 2000, ISBN 3-442-75590-5.
  • Weder Maas noch Memel: Ansichten vom beschädigten Deutschland. Goldmann, München 2002, ISBN 3-442-72827-4.
  • Wir waren noch einmal davongekommen: Erinnerungen. Siedler, München 2004, ISBN 3-88680-790-8, Leseprobe, (pdf-Datei, 23 S.; 173 kB)
  • Der lange Abschied vom Bürgertum: Joachim Fest und Wolf Jobst Siedler. wjs-verlag, München 2005, ISBN 3-937989-10-2.
  • Wider den Strich gedacht. Siedler, München 2006, ISBN 3-88680-844-0 (Essaysammlung aus fünf Jahrzehnten des publizistischen Wirkens J. W. Siedlers).[11]

Literatur über Siedler[Bearbeiten]

  • Carsten Heinze: Identität und Geschichte in autobiographischen Lebenskonstruktionen. Jüdische und nicht-jüdische Vergangenheitsbearbeitungen in Ost- und Westdeutschland. VS-Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden 2009, ISBN 978-3531158419, siehe auch Innere Emigration.

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Geert Mak: In Europa. Pantheon, München 2004, ISBN 978-3-570-55018-2, S. 417.
  2. Nichts gelesen. Der Frankfurter Krach um den Goethepreis-Kandidaten Ernst Jünger. In: Der Spiegel, 16. August 1982, aufgerufen am 3. Dezember 2013.
  3. Wolf Jobst Siedler. In: randomhouse.de
  4. „Die Kombination war ein unwiderstehliches Angebot.“ In: Tagesspiegel, 28. Juni 1998, Interview mit Arnulf Conradi.
  5. Wolf Jobst Siedler. In: randomhouse.de
  6. Geert Mak: In Europa. Pantheon, München 2004, ISBN 978-3-570-55018-2, S. 407.
  7. Sebastian Hammelehle: Zum Tode Wolf Jobst Siedlers: Ein wehmütiger Konservativer. In: Spiegel online, 28. November 2013.
  8. Hermann Rudolph: Verleger und Publizist Wolf Jobst Siedler gestorben: Der Unzeitgemäße. In: Der Tagesspiegel, 28. November 2013.
  9. Arnulf Baring: Wolf Jobst Siedler dachte Europa von Preußen aus. In: Die Welt, 28. November 2013.
  10. Egon Bahr: Solitär der Unabhängigkeit, JF, 5. Dezember 2013
  11. Rezension von Hermann Rudolph: Verteidigung des Widerspruchs. Stationen eines publizistischen Lebens. In: Tagesspiegel, 17. Januar 2006.