Joachim Fest

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Joachim Fest, 2004

Joachim Clemens Fest (* 8. Dezember 1926 in Berlin-Karlshorst; † 11. September 2006 in Kronberg im Taunus) war ein deutscher Zeithistoriker, Herausgeber und Autor.

Leben[Bearbeiten]

Die frühen Jahre[Bearbeiten]

Joachim Fest wuchs als zweiter Sohn mit zwei Schwestern und zwei Brüdern in der Familie des Mittelschulrektors und Politikers Johannes Fest (1898–1960) und dessen Ehefrau Elisabeth in Berlin auf. Seinen Vater beschrieb er als einen Mann, der die Eigenschaften des Bildungsbürgers, Preußen, Katholiken und demokratischen Verfassungspatrioten in ausgeprägtem Maße in sich vereinte. Weil der Vater während der Weimarer Republik in leitender Funktion beim republikanischen Wehrverband Reichsbanner tätig und Parteimitglied des Zentrums war, wurde er 1933 von den nationalsozialistischen Behörden seines Amtes enthoben. Das Berufsverbot erstreckte sich auch auf das Erteilen von Nachhilfeunterricht. Mehrere Angebote zur Wiedereinstellung in den Schuldienst schlug er aus, da diese stets an die Bedingung seines Eintritts in die NSDAP geknüpft waren. Seine Mutter, aus großbürgerlichem Hause stammend, sorgte für die praktische Bewältigung des Lebens unter den schwierigen Bedingungen der NS-Zeit. Fest verlebte seinen Angaben gemäß trotz aller widrigen Umstände eine glückliche Kindheit und Jugend.

Fest besuchte zunächst das Leibniz-Gymnasium in Berlin. Nachdem er eine Karikatur Hitlers auf die Schulbank geschnitzt hatte, konnte er ein consilium abeundi (Schulverweis) nur dadurch verhindern, dass er zusagte, die Schule Ostern 1941 zu verlassen.[1] Ein Onkel finanzierte ihm und seinen Brüdern den Besuch eines katholischen Internats und des humanistischen Friedrich-Gymnasiums in Freiburg im Breisgau. Als Angehöriger der so genannten Flakhelfergeneration wurde er mit 15 Jahren zum NS-Arbeitsdienst eingezogen. 1944 wurde seine gesamte Schulklasse als Flakhelfer in Friedrichshafen eingezogen. Hier lernte er auch seinen neuen Deutschlehrer Ernst Kiefer[2] kennen und schätzen, der ihm sein Lebensmotto „Im Zweifel für den Zweifel“ mit auf den Weg gab.[3][4] Nach einigen Monaten Reichsarbeitsdienst in Tirol meldete er sich freiwillig zur Luftwaffe, um den Werbern für die Waffen-SS zuvorzukommen. Seine Einheit wurde Ende 1944/Anfang 1945 u. a. am Niederrhein eingesetzt. Am 9. März 1945 geriet er bei Remagen/Rhein in fast zweijährige amerikanische Kriegsgefangenschaft, die er in einem Gefangenenlager in Laon (Frankreich) verbrachte. Anschließend machte er 1947 in Freiburg sein Abitur und studierte bis 1953 Jura (obwohl er nie Jurist oder Anwalt werden, sondern ins Verlagswesen gehen wollte),[5] dazu Geschichte, Soziologie, Germanistik und Kunstgeschichte in Freiburg/Br., Frankfurt am Main und Berlin. Auch seine Studienzeit in den Nachkriegsjahren beschrieb Fest als eine glückliche Zeit intellektueller Entdeckungen.

RIAS Berlin und NDR[Bearbeiten]

Als Doktorand schrieb Fest nebenher Rundfunkbeiträge hauptsächlich für den RIAS Berlin. Nachdem man ihm dort eine Festanstellung bot, brach er die Arbeit an seiner Dissertation ab. Die Features, die er über die Parteigrößen der NSDAP verfasst hatte, gab er später gesammelt unter dem Titel Das Gesicht des Dritten Reiches als Buch heraus. Das wiederum machte einen US-amerikanischen Verlag auf ihn aufmerksam, der ihm vorschlug, eine Hitler-Biographie zu schreiben. Fest wollte diese Aufgabe aber nur in Angriff nehmen, wenn sich herausstellte, dass die damals maßgebende Hitler-Biographie von Alan Bullock veraltet oder zu fehlerbehaftet sei.[6]

In den frühen 1950er Jahren war Fest als JU-Mitglied für anderthalb Legislaturperioden Abgeordneter für die CDU in der Bezirksverordnetenversammlung Berlin-Neukölln. 1961 ging er nach Hamburg, um dort beim NDR eine Stelle als stellvertretender Hauptabteilungsleiter anzutreten. Da er den Besetzungswünschen der CDU im Rundfunkrat des NDR nicht nachkam, wurde er aus der Partei ausgeschlossen.[7] Fest blieb beim NDR bis 1968, zuletzt, in der Nachfolge von Eugen Kogon, als Hauptabteilungsleiter für Zeitgeschehen und 1965–1968 als Moderator des Fernseh-Magazins Panorama. Hier wurde er schnell eine jüngere prominente Identifikationsfigur für demokratische Gesinnung, welche mit sezierendem Blick und hohem intellektuellem Anspruch, zuweilen auch unerbittlich ernst, die politischen Befindlichkeiten der Zeit und immer wieder das Versagen in der noch unüberwundenen Vergangenheit ansprach. In dieser Zeit litt jedoch seine literarische Produktivität, da er vorwiegend mit Verwaltungstätigkeiten beschäftigt war.

Hitler-Biographie[Bearbeiten]

Nach eigener Darstellung kam Fest durch Hugh Trevor-Ropers Aufsatz Hitlers Kriegsziele (1960)[8] zu dem Entschluss, eine neue Biographie Hitlers zu verfassen. Bullock habe Hitler als eine unideologische, rein auf Herrschaft fixierte Figur aufgefasst.[9] Die bestimmenden ideologischen Leitlinien Hitlers seien dagegen die Gewinnung von Lebensraum und die Überzeugung von der Minder- und Höherwertigkeit sogenannter „Rassen“ gewesen.[10]

1968 ließ sich Fest vom NDR beurlauben. Die Biographie, die sich Hitlers Leben, seinen Motiven und seiner Wirkung psychologisch nähert, erschien 1973 und wurde bald in zahlreiche Sprachen übersetzt. Sie machte Fest auch international einer breiten Öffentlichkeit bekannt und erzielte bis 2006 eine Auflage von 800.000 Exemplaren.[11] Bis zu seiner Pensionierung 1993 sollte sein opus magnum die einzige Publikation bleiben, der er nahezu ungeteilt seine Aufmerksamkeit zuwenden konnte. Ein geringer Verlagsvorschuss und Geldmangel zwangen ihn jedoch zur Übernahme themenverwandter Arbeiten, wie etwa der Albert-Speer-Biographie.[5] Auf der Grundlage seiner Hitler-Monographie produzierte er in Zusammenarbeit mit Christian Herrendoerfer den dokumentarischen Kinofilm Hitler – Eine Karriere, der, auf der Berlinale 1977 uraufgeführt, großes Aufsehen erregte und kontrovers diskutiert wurde.

Die Biographie gilt als eines der Standardwerke über Hitlers Leben. Kritisiert wurde jedoch das mangelnde Augenmerk auf die Novemberpogrome von 1938 und das komplette Auslassen der Nürnberger Rassengesetze. Mit dem Holocaust explizit beschäftigt sich das Werk nur relativ kurz.[12]

Frankfurter Allgemeine Zeitung[Bearbeiten]

Von 1973 bis 1993 war Fest Mitherausgeber der FAZ und Leiter des Feuilletons. In dieser Position verantwortete er 1986 die Veröffentlichung des Artikels Vergangenheit, die nicht vergehen will von Ernst Nolte. Nach einer Replik von Jürgen Habermas, der in der Zeit Nolte und drei weiteren Historikern eine revisionistische und den Nationalsozialismus wie auch den Holocaust verharmlosende Position sowie die Entwicklung eines im Sinne des Kalten Kriegs nutzbares Geschichtsbild vorwarf, entwickelte sich der sogenannte Historikerstreit. Fest distanzierte sich von den Thesen Noltes, verteidigte aber dessen Recht, sie zur Diskussion zu stellen.[13]

Mit dem Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki verband ihn ein widersprüchliches Verhältnis. Fest kannte den damaligen Zeit-Redakteur aus seiner Zeit beim NDR und holte ihn 1973 zum Feuilleton der FAZ. Ihre gute Beziehung erlitt während des Historikerstreits einen schweren Schaden, von dem sie sich, trotz späterer öffentlicher Gesprächsangebote Reich-Ranickis, nicht mehr erholen sollte.

Fest nutzte bisweilen die Kolumnen der FAZ, um auf radikale Strömungen und Entwicklungen in der Gesellschaft aufmerksam zu machen. So charakterisierte er 1976 das Theaterstück Der Müll, die Stadt und der Tod von Rainer Werner Fassbinder als Ausdruck des „Faschismus von links“, als „billige, von ordinären Klischees inspirierte Hetze“, dessen „Antisemitismus […] eine [Sache] der Taktik und des radikalen Schicks“ zu sein scheine.[14]

Weiteres Wirken[Bearbeiten]

In seinem 2001 erschienenen Buch Horst Janssen. Selbstbildnis von fremder Hand setzte er sich mit einem der bedeutendsten deutschen Grafiker der Nachkriegszeit auseinander, mit dem ihn eine enge Freundschaft verband. In dem 2004 erschienenen Buch Begegnungen stellt er aus eigenem Erleben prominente Persönlichkeiten wie Hannah Arendt, Sebastian Haffner, Golo Mann oder Rudolf Augstein vor.

Fests Darstellung der letzten Tage von Adolf Hitler in Der Untergang, die die entsprechende Schilderung in der Hitler-Biographie detaillierter wieder aufnimmt und neue Quellen einarbeitet (erschienen 2002), bildet die Vorlage für den gleichnamigen Film (Der Untergang) mit Bruno Ganz als Hitler (2004).

Fest, der in den 1960er Jahren dem einstigen NS-Rüstungsminister und Hitler-Vertrauten Albert Speer bei der Umwandlung der während der 20-jährigen Haft entstandenen Notizen in eine Autobiographie als Ghostwriter zur Seite gestanden hatte (Erinnerungen 1969), schrieb später selbst eine Speer-Biographie, die 1999 erschien. Beide Bücher stießen auf großes Publikumsinteresse, wurden aber nach der Ausstrahlung des TV-Dokudramas Speer und Er von Heinrich Breloer im Jahre 2005 wegen zu wohlwollender Darstellung der Person Speers in den Medien und von Historikern wie Götz Aly und Wolfgang Benz kritisiert. So bezeichnete Aly die Arbeit als Aneinanderreihung unwidersprochener „Lügen, Halb- und Unwahrheiten“, und Wolfgang Benz warf Fest vor, „an der Erzeugung des Markenartikels Speer Ende der sechziger Jahre“ erheblichen Anteil zu haben.[15]

Joachim Fest verstarb am 11. September 2006, wenige Tage vor der Veröffentlichung seiner Memoiren Ich nicht – Erinnerungen an eine Kindheit und Jugend, deren Titel auf die Maxime seines Vaters Etiam si omnes, ego non anspielt. (Vgl. Mt 26, 33; frei übersetzt: Auch wenn alle mitmachen, ich nicht.) In seinem letzten Werk erinnert sich der Historiker aus der Sicht seiner Kindheit und Jugend an die erlebte Zeit unter der nationalsozialistischen Diktatur. Dabei porträtiert er unter anderem den moralisch äußerst standfesten Vater als Vorbild, der sich den Nationalsozialisten entschieden widersetzte, weiterhin schildert er seinen Weg zur Literatur und Kunst.

Am 22. September 2006 fand in der Frankfurter Paulskirche eine Trauerfeier für Joachim Fest statt. Zu den Trauerrednern gehörte der Schriftsteller Martin Walser, der Fest als „großen Erzähler“, der von der „schlimmsten deutschen Geschichte in Dienst genommen wurde“, bezeichnete. Bundespräsident Horst Köhler schrieb seiner Witwe Ingrid Fest: „In seiner Persönlichkeit haben sich christliches Ethos und Bürgertugend, tiefe Bildung und intellektuelle Redlichkeit, konservative Skepsis und weltbürgerliche Liberalität zu einem wahrhaft lebendigen Geist verbunden.“

Die Beisetzung Fests erfolgte einige Tage später auf dem Friedhof der St.-Matthias-Gemeinde in Berlin-Tempelhof, wo er nahe dem Grab seiner Eltern zur letzten Ruhe gebettet wurde. Joachim Fest hinterließ seine Frau Ingrid, geborene Ascher, und zwei Söhne, Alexander und Nicolaus, die ebenfalls Publizisten wurden. Alexander Fest war Leiter des Rowohlt Verlags. Nicolaus Fest ist Mitglied der Chefredaktion von Bild.

Auszeichnungen[Bearbeiten]

Fest zählte zu den angesehenen, jedoch nicht unumstrittenen deutschen Historikern seiner Zeit. Für sein Buch Staatsstreich – Der lange Weg zum 20. Juli wurde er 1996 mit dem Friedrich-Schiedel-Literaturpreis geehrt. Für sein „Wirken auf dem Gebiet der politischen, zeithistorischen Biographie“ wurde Fest 2003 mit dem Einhard-Preis für biographische Literatur ausgezeichnet. Daneben erhielt Fest zahlreiche weitere Preise und Auszeichnungen, so etwa für „seine Verdienste um die publizistische Aufarbeitung des deutschen Widerstands gegen das NS-Regime“ den Eugen-Bolz-Preis (2004) und für sein publizistisches Lebenswerk sowie seinen Beitrag für den Qualitätsjournalismus den Henri-Nannen-Preis (2006).

An weiteren Preisen zu nennen sind der Theodor-Wolff-Preis (1972) und der Thomas-Dehler-Preis (1973), das Verdienstkreuz am Bande der Bundesrepublik Deutschland (1978),[16] die Verleihung der Ehrendoktorwürde der Universität Stuttgart (1981), der Thomas-Mann-Preis der Stadt Lübeck (1981), die Goetheplakette der Stadt Frankfurt am Main (1987), der Görres-Preis der Stadt Koblenz (1992), der Ludwig-Börne-Preis (1996), der Eduard-Rhein-Preis (1999), die Wilhelm-Leuschner-Medaille (1999), der Hildegard-von-Bingen-Preis für Publizistik (2000) sowie der Hanns Martin Schleyer-Preis (2002).

Werke[Bearbeiten]

Mitwirkung an Filmen[Bearbeiten]

  • Operation Walküre. Regie: Franz Peter Wirth, Produktion: 1971, Joachim C. Fest in einer Nebenrolle
  • Hitler – Eine Karriere. Ein Film von Joachim C. Fest und Christian Herrendoerfer. Produktion: 1977, UA: Berlinale 1977, TV-Erstsendung: 4. Januar 1987
  • Zeugen des Jahrhunderts. Roger Willemsen befragt Joachim Fest. 60 Min. Produktion: ZDF, Erstsendung: 2. Februar 2003
  • Hitler und kein Ende. Joachim Fest – Eine Jahrhundertbilanz. Reportage, 40 Min. Ein Film von Beate Pinkerneil. Produktion: ZDF/3sat, Erstsendung: 10. Dezember 2005 (Inhaltsangabe von 3sat)
  • Zur Erinnerung an Joachim Fest. ‚Ertrage die Clowns‘. Joachim Fest – Leistung als Lebensglück. 15 Min. Produktion: ZDF, Erstsendung: 13. September 2006

Interviews[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Joachim Fest – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Nachrufe

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Joachim Fest: Ich nicht – Erinnerungen an eine Kindheit und Jugend, Rowohlt Verlag 2006, S. 159 books.google
  2. Kiefer betätigte sich auch als Maler und könnte mit dem bei beyars.com genannten Ernst F.W. Kiefer, 1898 Konstanz - 1967 Radolfzell identisch sein.
  3. Joachim Fest: Ich nicht – Erinnerungen an eine Kindheit und Jugend, Rowohlt Verlag 2006, S. 209 books.google
  4. Joachim Fest: Skizze über einen Deutschlehrer, In: Begegnungen. Rowohlt 2004, S. 15–20.
  5. a b Prof. Dr. h.c. Joachim Fest, Historiker und Autor, im Gespräch mit Jochen Kölsch. Bayerischer Rundfunk, 8. Juni 2001.
  6. Zeugen des Jahrhunderts. Roger Willemsen befragt Joachim Fest. ZDF, 2. Februar 2003.
  7. Christoph Stolzenberg: Der Intellektuelle unter den Konservativen. Süddeutsche Zeitung, 12. September 2006. Vgl. Joachim Fest ist gestorben. Wiener Zeitung, 13. September 2006.
  8. In: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte 8, 1960, S. 121–133.
  9. J. C. Fest: Vorwort zur Neuausgabe von Hitler. Eine Biographie 2002. Vgl. Roger Köppel: Mitleidlosigkeit bis zum allerletzten Punkt. Die Welt, 10. September 2004, Interview mit J. C. Fest.
  10. Joachim C. Fest, Historiker, im Gespräch mit Werner Witt, SWR, 19. Juni 20050 (Online nicht mehr verfügbar).
  11. Hitler und kein Ende – Joachim Fests Jahrhundertbilanz. Ein Film von Beate Pinkerneil, 3sat, 10. Dezember 2005.
  12. nämlich auf S. 927-933 (Joachim Fest: Hitler, 4. Aufl. 2008).
  13.  Malte Herwig: Moral versteht sich von selbst. Joachim Fest über seine Autobiografie, die Grass-Debatte und das Erbe der Nazis. In: Der Spiegel. Nr. 34, 2006, S. 154–156 (21. August 2006, online).
  14. Frankfurter Allgemeine Zeitung, 19. März 1976, S. 23.
  15. Süddeutsche Zeitung: Der Intellektuelle unter den Konservativen vom 12. September 2006.
  16. Bekanntgabe von Verleihungen des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland. In: Bundesanzeiger. Jg. 30, Nr. 194, 13. Oktober 1978.