Ökozid (Fernsehfilm)

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Film
OriginaltitelÖkozid
ProduktionslandDeutschland
OriginalspracheDeutsch
Erscheinungsjahr2020
Länge90 Minuten
Stab
RegieAndres Veiel
DrehbuchAndres Veiel,
Jutta Doberstein
ProduktionThomas Kufus
MusikUlrich Reuter,
Damian Scholl
KameraMatthias Fleischer
SchnittStephan Krumbiegel,
Olaf Voigtländer
Besetzung

Ökozid ist ein von der ARD produzierter Fernsehfilm. Regie führte Andres Veiel. Die Erstausstrahlung erfolgte am 18. November 2020 im Rahmen der ARD-Themenwoche #WieLeben im Ersten. Im Anschluss folgte die Talkshow maischberger. die woche zu dem Film mit dem Thema: Die Klimakrise – Deutschland auf der Anklagebank.[2] Davor war der Film bereits in der ARD-Mediathek verfügbar. Der Titel bezieht sich auf den unterschiedlich gebrauchten Begriff Ökozid.

Handlung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Kernfrage des Films ist „Gibt es ein Recht auf eine unversehrte Natur?“ Aus Artikel 6 der UN-Konvention, dem Recht auf Leben, kann, so die Kläger, abgeleitet werden, dass die Bundesrepublik Deutschland ihre völkerrechtliche Pflicht verletzt hat, einer Erhöhung der weltweiten CO2-Konzentration entgegenzuwirken. Die Kläger sind 31 Staaten des Globalen Südens, die im Juli 2034 die Bundesrepublik Deutschland vor dem Internationalen Gerichtshof auf einen Schadenersatz von jährlich 60 Milliarden Euro für die Folgen des Klimawandels verklagen. Sie werden vertreten von den Anwältinnen Larissa Meybach, die schon als Jugendliche gegen die Kohle demonstriert hat, und ihrer Chefin Wiebke Kastager, die hinter Meybachs Rücken mit dem Anwalt der BRD, Victor Graf, über einen Vergleich verhandelt.

Nachrichtensendungen, unter anderem mit Ingo Zamperoni, verkünden, das Gericht sei nach Berlin-Tegel umgezogen, da nach der dritten Sturmflut in Folge das Gebäude in Den Haag geräumt werden musste. Die Verhandlungen finden in einem provisorischen, igluähnlichen Gerichtssaal statt und werden vom Richter Hans-Walter Klein aus der Schweiz geleitet. Neben ihm sitzen drei weitere Frauen und ein Mann auf der Richterbank. Da Altkanzler Gerhard Schröder sich wegen seiner schlechten gesundheitlichen Verfassung zur Behandlung in Russland aufhält, wie Anwalt Graf entschuldigt, konzentriert sich die Anklage auf die deutsche Klimapolitik in den Regierungsjahren 1998 bis 2020 unter Altkanzlerin Angela Merkel, die teilweise anwesend ist, befragt wird und am Ende ein Schlussplädoyer hält.

Als Zeugen werden unter anderem der Brandenburger Landwirt Hannes Schwerdtner von der Verteidigung präsentiert, dem wegen Dürre und Waldbränden, die man in eingespielten Nachrichtenclips sieht, wenige Rinder geblieben sind. So wird argumentiert, dass der Klimawandel auch die Deutschen betrifft, denen geholfen werden müsse.

Sulab Makan, Anwalt aus Bangladesch, macht im Zeugenstand auf die Folgen von Überschwemmungen und Waldrodungen aufmerksam. Die Rodungen geschahen zum Zweck des Baus von Kohlekraftwerken, die mit Mitteln der deutschen Kreditanstalt für Wiederaufbau finanziert wurden.

Filmausschnitte zeigen Bundesumweltministerin Angela Merkel, die erst ab 2012 die 1997 in Kyoto beschlossene Absenkung der Treibhausgase als „unbefriedigend“ bezeichnet hatte, wie auch Gerhard Schröder beim Besuch einer Steinkohlenzeche. Ferner gibt es eine Diskussion über SUVs und die Kohlendioxid-Grenzwerte für die Automobilindustrie.

Neben den Nachrichteneinspielern sieht man die Figuren in Verhandlungspausen im gleißenden Licht eines Hitzesommers. Nebenbei verfälscht der junge Social-Media-Operator Laurenz Opalka Aufzeichnungen aus dem Gerichtssaal, um öffentlichen Protest zu schüren, den die Nachrichten verkünden.

Nachdem die Kläger Kastager wegen ihres angestrebten Vergleichs das Mandat entzogen haben, kämpft Meybach für eine Verurteilung der BRD – mit Erfolg.[3]

Historischer Hintergrund[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die historischen Hintergrundinformationen im Film beruhen auf der Doktorarbeit[4] des Politikwissenschaftlers Matthias Corbach, der den Lobbyismus von Energiekonzernen in Deutschland anhand der Einführung des EU-Emissionshandels untersucht hat. Um die nötige Quelleneinsicht in Akten usw. für seine Forschung zu erlangen, hatte Corbach zuvor einen mehrjährigen Rechtsstreit gegen das Bundeskanzleramt und die Bundesministerien für Wirtschaft geführt und gewonnen.[5]

Rezeption[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Film wurde kontrovers aufgenommen:

„...es ist keine leichte Kost, was Andres Veiel und seine Ko-Autorin Jutta Doberstein da auffahren. Ob die Verhinderung eines wirkungsvollen europäischen Emissionshandelssystems in der Regierung Schröder oder in der Regierung Merkel die Entschärfung der Schadstoffvorschriften für Autos: Veiel setzt ganz auf Zahlen, Fakten, Details.
Hätte der vielfach ausgezeichnete Regisseur ("Black Box BRD", "Wer wenn nicht wir", "Beuys") seinen wie immer akribisch recherchierten Stoff nicht vielleicht besser in einem Dokumentarfilm verarbeiten sollen, der ja ohnehin seine eigentliche Domäne ist? Nein. Denn gerade die semifiktionale Präsentation, verbunden mit einem starken Soundtrack und Einspielern von Überschwemmungen, Hurrikans, Dürren und Tiersterben sind der emotionale Türöffner für eine differenzierte Auseinandersetzung mit dem Thema. Keine Frage, Veiel ist entsetzt über die Verfehlungen deutscher Klimapolitik in den letzten 20 Jahren, agitatorische Klischees jedoch fährt er nie auf.

...nicht nur anstrengend [], sondern auch informativ, gut gespielt und zunehmend spannend. Und er kommt genau zur richtigen Zeit: Im Rahmen der Green-Deal-Debatte der Europäischen Union stehen am 18. November Emissionsreduktion und Wasserstoff auf der Agenda, eine Woche später Erneuerbare Energien im Verkehrssektor.“

Gabriele Schoder: Badische Zeitung 16. November 2020[6]

„Unter dem Eindruck grüner Wahlerfolge und der Fridays-for-Future-Bewegung inszeniert Regisseur Andreas Veiel (»Black Box BRD«) die Verhandlung als stark faktenlastiges Kammerspiel. Ursprünglich geplant war eine Dokumentation zum klimapolitischen Versagen und Bremsen der Bundesrepublik, und das merkt man. Das Gewicht der Zahlen, Zitate und informativen Filmausschnitte (Merkel zu den Beschlüssen von Kyoto) lastet schwer auf der Veranstaltung.

In »Ökozid« wird der moralische Zeigefinger gern und oft gehoben, ein bisschen zu oft. Der Richter, gespielt von Edgar Selge, lässt immer wieder seine Sympathie für die Ökokämpfer durchscheinen. Der Anwalt, der die Bundesrepublik vertritt (Ulrich Tukur), ist ein bornierter Rechtsverdreher. Auf der Anklagebank [!] sitzt allerdings nur die Ex-Kanzlerin. Gerhard Schröder, eine schöne Pointe des Films, lässt sich 2034 wegen seines schlechten Gesundheitszustands lieber »in der russischen Föderation« behandeln.

Das dramaturgische wie didaktische Dilemma von »Ökozid« liegt darin, dass heute – noch – abzuwenden ist, was 2034 nicht abgewendet worden sein wird. Durchschlagen wird dieser gordische Knoten nach mancherlei Volte am Ende ausgerechnet von – einer salbungsvollen Rede der Altkanzlerin. Und das grenzt, so lehrreich das Lehrstück und hehr die Absichten auch sein mögen, dann doch an Merkel-Kitsch.“

Arno Frank, Gerald Traufetter: Der Spiegel 18. November 2020[7]

„Andres Veiel, der für seine minutiös recherchierten Dokumentarfilme berühmt wurde (Blackbox BRD, Die Spielwütigen), hat hier das Genre gewechselt und einen in der Zukunft verorteten Spielfilm gedreht. (...) Zum mutigen Kunstwerk wird dieser Film dadurch, dass die eigentlichen Hauptfiguren hier die Fakten und Argumente sind. Sie belegen, dass Deutschland seit 30 Jahren alle konsequente Umweltpolitik blockiert und aushebelt.“[8]

- Alex Rühle, Süddeutsche Zeitung


„Dabei scheut der Film nicht davor zurück, Firmen wie RWE und Vattenfall sowie BMW und Daimler-Benz beim Namen zu nennen und den Lobbyismus zu thematisieren.“[9]

- Kurt Sagatz, Der Tagesspiegel


"Es bleibt der Eindruck, dass „Ökozid“ nicht nur zur hierzulande beliebten Gattung der sich moralisch überhebenden Verurteilungsfilme gehört – was an sich schon ein sehr reines Gewissen erfordert (die Sache mit dem ersten Stein) –, sondern dass er dieselbe mit einem Schauprozess und Scheinjustiz auf eine neue Stufe hebt. Dem gesellschaftlichen Klima nutzt das retrospektive Ausmachen von Schuldigen wenig. Dem, was da auf uns zurollt, können wir nur gemeinsam entgegentreten."[10]

- Oliver Jungen, Frankfurter Allgemeine Zeitung


"Wichtiger kann ein Fernsehfilm kaum sein: ... Geklärt werden muss die gegenwärtig entscheidende Frage: Sind Staaten verpflichtet, gegen den Klimawandel vorzugehen?"[11]

- Maximilian Haase, Weserkurier


"Der Fernsehfilm „Ökozid“ ist ein für deutsche Fernseh-Verhältnisse geradezu sensationeller und bestechend besetzter Justiz-Thriller."[12]

Wolfgang Platzeck, WAZ


„Dass die ARD hier ein Machwerk produziert hat, das wie von der Endzeitsekte »Extinction Rebellion« erdacht wirkt, ist der eigentliche Skandal: Die beiden Autoren hatten, wie man hier sehen kann, die Nürnberger Prozesse vor Augen, als sie ihre Idee entwickelten. Man muss also ganz klar sagen: Sie hatten nichts Geringeres vor, als den Holocaust zu relativieren. Und damit sind sie Teil eines Klimadiskurses, der grundsätzlich wichtig und richtig ist, aber schon länger völlig aus den Fugen geraten und heillos überhitzt ist. [...] Es war der Gründer von »Extinction Rebellion«, Roger Hallam, der dem »Spiegel« vor einem Jahr in einem Interview sagte: »Der Klimawandel ist nur das Rohr, durch den Gas in die Gaskammer fließt. Er ist nur der Mechanismus, durch den eine Generation eine andere tötet.« Dass die ARD aus der Idee hinter diesem Satz, in dem keine Silbe und kein Gedanke richtig ist, einen Film macht und eine solche Idee alle Instanzen der Senderfamilie bis zur Ausstrahlung zur besten Sendezeit auf dem besten Kanal mit Erfolg durchläuft, ist nichts anderes als ein Skandal [...].“

Jan-Philipp Hein: Jüdische Allgemeine 20. November 2020[13]


"Veiel inszeniert kein Tribunal „Gut gegen Böse“, sondern ein rhetorisches Ringen zwischen dem soliden, interessegeleiteten bundesdeutschen Pragmatismus und globaler Moral. Viele Halbtotalen, weniger Nahaufnahmen. „Ökozid“ will nicht suggerieren, sondern zur Debatte stellen."[14]

- Stefan Reinecke, taz


"...Vor Gericht sind, wenngleich meist mit erfundenen Namen, historische Akteure aufgerufen, und ihre Aussagen gründen auf Aktenauswertung. Dafür steht der vielfach preisgekrönte Regisseur Andres Veiel. Seine Dokumentar- und Spielfilme wie seine Theaterstücke (Black Box BRD, Das Himbeerreich) schillern oft zwischen Interpretation und Wirklichkeit, sind aber stets akribisch recherchiert. (…) enorme Spannung bezieht das aufklärerische Kammerspiel aus seiner Brisanz."[15]

- Christiane Grefe, DIE ZEIT

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Ökozid. (PDF) In: www.rbb-online.de. Rundfunk Berlin-Brandenburg, November 2020, abgerufen am 17. November 2020.
  2. Die Klimakrise – Deutschland auf der Anklagebank. In: maischberger. die woche. Das Erste, 18. November 2020, abgerufen am 19. November 2020.
  3. Ökozid - Kritik zum Film - Tittelbach.tv. Abgerufen am 19. November 2020.
  4. Matthias Corbach: Energiepolitischer Lobbyismus in Deutschland. Dissertation, Freie Universität Berlin 2018. Abgerufen am 19. November 2020.
  5. ARD-Gerichtsdrama »Ökozid«. Merkel-Kitsch. In: Spiegel Online, 18. November 2020. Abgerufen am 19. November 2020.
  6. Gabriele Schoder: In Andres Veiels Film "Ökozid" steht Angela Merkel vor Gericht. In: badische-zeitung.de. Abgerufen am 17. November 2020.
  7. Arno Frank, Gerald Traufetter: ARD-Gerichtsdrama »Ökozid« Merkel-Kitsch. In: spiegel.de. 18. November 2020, abgerufen am 18. November 2020.
  8. Alex Rühle: "Ökozid" im Ersten: ARD-Drama über Klimakatastrophe. Abgerufen am 20. November 2020.
  9. Deutschland am Klimapranger. Abgerufen am 20. November 2020.
  10. Oliver Jungen: Der Film „Ökozid“ in der ARD: Wir schaffen das nicht. In: FAZ.NET. ISSN 0174-4909 (faz.net [abgerufen am 20. November 2020]).
  11. Maximilian Haase: Die Bundesrepublik auf der Anklagebank. Abgerufen am 20. November 2020.
  12. Wolfgang Platzeck: TV-Tipp: „Ökozid“ in der ARD - Angeklagt des Klimawandels. 18. November 2020, abgerufen am 20. November 2020 (deutsch).
  13. Jan-Philipp Hein: Die Nürnberger Prozesse der CO2-Endzeitprediger. In: juedische-allgemeine.de. 20. November 2020, abgerufen am 20. November 2020.
  14. Stefan Reinecke: Gerichtsdrama „Ökozid“ im Ersten: Verbrechen gegen das Klima. In: Die Tageszeitung: taz. 18. November 2020, ISSN 0931-9085 (taz.de [abgerufen am 20. November 2020]).
  15. ZEIT ONLINE | oekozid-ard-klimakrise-schuld-angela-merkel-ulrich-tukur. Abgerufen am 20. November 2020.