Bernd Schneidmüller

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Bernd Schneidmüller im Jahr 2017

Bernd Schneidmüller (* 22. Januar 1954 in Hainchen) ist ein deutscher Historiker für mittelalterliche Geschichte. Schneidmüller hatte Professuren an den Universitäten Oldenburg (1987–1990), Braunschweig (1990–1994) und Bamberg (1994–2003). Seit 2003 lehrt er an der Universität Heidelberg als Professor für mittelalterliche Geschichte.

Leben und Wirken[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der 1954 in der hessischen Wetterau geborene Bernd Schneidmüller machte 1972 das Abitur am Wolfgang-Ernst-Gymnasium in Büdingen. Von 1972/1973 bis 1976/1977 studierte er die Fächer Geschichte, Germanistik, Evangelische Theologie und Deutsche Rechtsgeschichte an den Universitäten Zürich und Frankfurt am Main. Im Jahr 1976 legte Schneidmüller das Staatsexamen für das Lehramt an Gymnasien in Geschichte und Deutsch ab. Er wurde 1977 promoviert an der Universität Frankfurt am Main mit einer von Joachim Ehlers betreuten Arbeit über das Thema Karolingische Tradition und frühes französisches Königtum. Untersuchungen zur Herrschaftslegitimation der westfränkisch-französischen Monarchie im 10. Jahrhundert.

Von 1978 bis 1981 war er Wissenschaftlicher Mitarbeiter von Ehlers im DFG-Schwerpunktprogramm „Nationes“ am Historischen Seminar der Universität Frankfurt am Main. In den Jahren 1981–1987 war er Wissenschaftlicher Angestellter und Akademischer Rat auf Zeit am Historischen Seminar der Technischen Universität Braunschweig. Dort habilitierte er sich 1985 über das Thema Nomen patriae. Die Entstehung Frankreichs in der politisch-geographischen Terminologie (10.–13. Jahrhundert) und wurde Privatdozent für Mittelalterliche Geschichte.

Es folgten Professuren für Mittelalterliche Geschichte in Oldenburg (1987–1990), Braunschweig (1990–1994) und von 1994 bis 2003 in Bamberg. An den Universitäten Braunschweig und Bamberg betreute er von 1993 bis 2006 sieben Dissertationen. In Bamberg war er Gründungsdirektor des Zentrums für Mittelalterstudien und Dekan der Fakultät Geschichts- und Geowissenschaften. Seit dem Wintersemester 2003/2004 lehrt Schneidmüller als Nachfolger von Jürgen Miethke an der Universität Heidelberg. Schneidmüller lehnte Berufungen nach Köln und Oldenburg (1994) sowie nach Bonn (1997) ab. Seit April 2014 ist er Direktor des Marsilius-Kollegs. Mit Jörg Peltzer leitet Schneidmüller das Institut für Fränkisch-Pfälzische Geschichte und Landeskunde in Heidelberg. Zu seinen akademischen Schülern gehören u. a. Alexander Schubert, Klaus Oschema, Jörg Peltzer und Klaus van Eickels.

Schneidmüller ist Mitglied der Historischen Kommission für Niedersachsen und Bremen (1987) sowie der Frankfurter Historischen Kommission (1989), korrespondierendes Mitglied der Braunschweigischen Wissenschaftlichen Gesellschaft (1993) und ordentliches Mitglied der Heidelberger Akademie der Wissenschaften (2005). Er ist außerdem Mitglied der Kommission für geschichtliche Landeskunde in Baden-Württemberg (2004), der Kommission für bayerische Landesgeschichte bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften (2001), der Gesellschaft für Fränkische Geschichte (1996) und des Konstanzer Arbeitskreises für mittelalterliche Geschichte (1998). Schneidmüller ist seit 1995 Mitherausgeber der Zeitschrift für historische Forschung.

Seine Forschungsschwerpunkte sind die vergleichende Geschichte Europas im Mittelalter, landesgeschichtliche Forschungen, die gesamte europäische Nationenbildung und die Entstehung von politischen, sozialen und gesellschaftlichen Identitäten. Schneidmüller legte mehr als 220 Veröffentlichungen vor.

Die 1979 veröffentlichte Dissertation Schneidmüllers verfolgte die Absicht, „die politische Theorie in Frankreich während des zehnten Jahrhunderts zu untersuchen und in den gesamthistorischen Rahmen einzubetten“.[1] Mit seiner 1987 veröffentlichten Habilitation verfolgte Schneidmüller das Ziel, „die politisch-geographische Terminologie der französischen Quellen vom 10. bis zum 13. Jahrhundert vorzustellen und in ihrem spezifischen Quellenwert deutlich zu machen“ und ihre Bedeutung für „die Bildung eines politischen Identitätsbewußtseins“ zu ergründen.[2] In neun Kapitel analysierte Schneidmüller den Sprachgebrauch in den Quellen von Begriffen wie regnum Francorum, regnum Franciae, Francia, Franci, corona Franciae, Gallia, Galli, patria, terra, natio, gens oder lingua. Im Jahr 1995 gab Schneidmüller einen Sammelband zu den Welfen und ihrem Braunschweiger Hof im hohen Mittelalter heraus, die darin veröffentlichten Beiträge gehen auf das 33. Wolfenbütteler Symposion der Herzog August Bibliothek zurück. Auf einem Bamberger Symposion im Juni 1996 wurden die Kontinuitäten und Diskontinuitäten in der Herrschaft Ottos III. und Heinrichs II. diskutiert. Die Beiträge gab Schneidmüller gemeinsam mit Stefan Weinfurter 1997 heraus. Dieser Band bildete zugleich den Auftakt für die Reihe Mittelalter-Forschungen, die Schneidmüller seitdem herausgibt. Mit seiner 2000 veröffentlichten Darstellung über die Welfen legte er „eine erste moderne Zusammenfügung der Familiengeschichte über viereinhalb Jahrhunderte“ vor.[3] Schneidmüllers im Jahr 2000 veröffentlichten Ausführungen zur „konsensualen Herrschaft[4] brachten einen wesentlichen Erkenntnisfortschritt für die Mediävistik und wurden seitdem vielfach aufgegriffen.[5] Mit Weinfurter gab er 1997 einen Sammelband über die deutschen Herrscher des Mittelalters heraus. Das Werk enthält 28 biographische Kurzdarstellungen von Heinrich I. bis Maximilian I. und vermittelt so einen Überblick über die mittelalterliche Reichsgeschichte.

Gemeinsam mit Michael Borgolte war er Sprecher des DFG-Schwerpunktprogramms 1173 „Integration und Desintegration der Kulturen im europäischen Mittelalter“ (2005–2011). Im Jahr 2011 veröffentlichte er mit der Darstellung Grenzerfahrung und monarchische Ordnung eine Geschichte über das Spätmittelalter. Einen einheitlichen Europa-Begriff für das Spätmittelalter lehnt er ab. „Leitlinie der Darstellung“ ist Schneidmüllers Überzeugung, „dass der Europabegriff beständig changierenden Konzepten folgte und immer noch folgt“.[6] In dem Buch geht es ihm daher weniger um die Geschichte Europas als um „Geschichte in Europa“.[7] Die Geschichte von 1200 bis 1500 verknüpft Schneidmüller auf 300 Seiten mit drei historischen Großereignissen (so genannte „Knotenpunkte“), die sich auf das gesamte Denk- und Ordnungssystem der Menschen auswirkten. Im 13. Jahrhundert sind es der Ansturm der Mongolen und die Absetzung Kaiser Friedrichs II. durch Innozenz IV. Im 14. Jahrhundert wählt er das Auftreten der Pestepidemie und die Konsolidierung der Königreiche um die Mitte des 14. Jahrhunderts und schließlich im 15. Jahrhundert der Fall von Konstantinopel 1453 und der Sieg des Papsttums über den Konziliarismus. Mit Martin Kintzinger veranstaltete er 2008 eine Herbsttagung des Konstanzer Arbeitskreises auf der Insel Reichenau zum Thema „Politische Öffentlichkeit im Spätmittelalter“. Die Beiträge wurden 2011 veröffentlicht. Mit Stefan Weinfurter und Gert Melville war er Herausgeber eines 2014 erschienen Sammelbandes zur internationalen Tagung vom Oktober 2012 mit dem Thema „Innovation durch Deuten und Gestalten. Klöster im Mittelalter zwischen Jenseits und Welt“.

Schneidmüller war an der Konzeption und Durchführung großer historischer Ausstellungen wesentlich beteiligt, darunter die Ausstellungen Heinrich der Löwe und seine Zeit (Braunschweig 1995), Canossa 1077. Erschütterung der Welt (Paderborn 2006), Heiliges Römisches Reich Deutscher Nation 962–1806 (Berlin/Magdeburg 2006), Aufbruch in die Gotik (Magdeburg 2009), Die Wittelsbacher am Rhein. Die Kurpfalz und Europa (Mannheim 2013/2014) und Das Konstanzer Konzil 1414–1418 (Konstanz 2014).

Am 25. November 2015 wurde ein Asteroid des äußeren Hauptgürtels nach Bernd Schneidmüller benannt: (65712) Schneidmüller.[8] 2016 erhielt er den Eike-von-Repgow-Preis der Stadt Magdeburg.

Schneidmüller ist verheiratet und hat drei Kinder.

Schriften (Auswahl)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Monographien

  • Karolingische Tradition und frühes französisches Königtum. Untersuchungen zur Herrschaftslegitimation der westfränkisch-französischen Monarchie im 10. Jahrhundert (= Frankfurter historische Abhandlungen. Bd. 22). Steiner, Wiesbaden 1979, ISBN 3-515-03202-9.
  • Nomen patriae. Die Entstehung Frankreichs in der politisch-geographischen Terminologie (10.–13. Jahrhundert) (= Nationes 7). Thorbecke, Sigmaringen 1987, ISBN 3-7995-6107-2.
  • Die Welfen. Herrschaft und Erinnerung (819–1252) (= Kohlhammer-Urban-Taschenbücher. Bd. 465). Kohlhammer, Stuttgart u. a. 2000, ISBN 3-17-014999-7.
  • Die Kaiser des Mittelalters. Von Karl dem Großen bis Maximilian I. (= Beck’sche Reihe. C. H. Beck Wissen 2398). 2., verbesserte Auflage. Beck, München 2007, ISBN 3-406-53598-4.
  • Grenzerfahrung und monarchische Ordnung. Europa 1200–1500 (= C. H. Beck Geschichte Europas. Beck’sche Reihe 1982). Beck, München 2011, ISBN 978-3-406-61357-9.

Herausgeberschaften

  • Die Welfen und ihr Braunschweiger Hof im hohen Mittelalter (= Wolfenbütteler Mittelalter-Studien. Bd. 7). Harrassowitz, Wolfenbüttel 1993, ISBN 3-447-03705-9.
  • mit Joachim Ehlers, Heribert Müller: Die französischen Könige des Mittelalters. Von Odo bis Karl VIII. 888–1498. Beck, München 1996, ISBN 3-406-40446-4.
  • mit Stefan Weinfurter: Otto III. – Heinrich II. Eine Wende? (= Mittelalter-Forschungen. Bd. 1). Thorbecke, Sigmaringen 1997, ISBN 3-7995-4251-5.
  • mit Stefan Weinfurter: Ottonische Neuanfänge. Symposion zur Ausstellung „Otto der Große, Magdeburg und Europa“. von Zabern, Mainz 2001, ISBN 3-8053-2701-3.
  • mit Stefan Weinfurter: Die deutschen Herrscher des Mittelalters. Historische Portraits von Heinrich I. bis Maximilian I. (919–1519). Beck, München 2003, ISBN 3-406-50958-4.
  • mit Stefan Weinfurter: Heilig – römisch – deutsch. Das Reich im mittelalterlichen Europa. Sandstein, Dresden 2006, ISBN 3-937602-56-9.
  • mit Stefan Weinfurter: Salisches Kaisertum und neues Europa. Die Zeit Heinrichs IV. und Heinrichs V. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2007, ISBN 978-3-534-20871-5.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Bernd Schneidmüller. In: Jürgen Petersohn (Hrsg.): Der Konstanzer Arbeitskreis für mittelalterliche Geschichte. Die Mitglieder und ihr Werk. Eine bio-bibliographische Dokumentation (= Veröffentlichungen des Konstanzer Arbeitskreises für Mittelalterliche Geschichte aus Anlass seines fünfzigjährigen Bestehens 1951–2001. Bd. 2). Thorbecke, Stuttgart 2001, ISBN 3-7995-6906-5, S. 377–383 (Digitalisat).
  • Antrittsrede als Ordentliches Mitglied an der Heidelberger Akademie der Wissenschaften am 10. Juni 2006. In: Jahrbuch der Heidelberger Akademie der Wissenschaften für 2006, Heidelberg 2007, S. 125–127.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Anmerkungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Bernd Schneidmüller: Karolingische Tradition und frühes französisches Königtum. Untersuchungen zur Herrschaftslegitimation der westfränkisch-französischen Monarchie im 10. Jahrhundert. Wiesbaden 1979, S. 1.
  2. Bernd Schneidmüller: Nomen patriae. Die Entstehung Frankreichs in der politisch-geographischen Terminologie (10. – 13. Jahrhundert). Sigmaringen 1987, S. 11.
  3. Bernd Schneidmüller: Die Welfen. Herrschaft und Erinnerung (819–1252). Stuttgart u. a. 2000, S. 8. Vgl. dazu die Besprechung von Rudolf Schieffer in Deutsches Archiv für Erforschung des Mittelalters 57 (2001), S. 297 (Digitalisat).
  4. Bernd Schneidmüller: Konsensuale Herrschaft. Ein Essay über Formen und Konzepte politischer Ordnung im Mittelalter. In: Paul-Joachim Heinig u.a. (Hrsg.): Reich, Regionen und Europa in Mittelalter und Neuzeit. Festschrift für Peter Moraw. Berlin 2000, S. 53–87 (online). Der Aufsatz erschien 2013 in gekürzter englischer Übersetzung Rule by Consensus. Forms and Concepts of Political Order in the European Middle Ages. In: The Medieval History Journal 16, 2, 2013, S. 449–471.
  5. Für die Karolingerzeit vgl. Roman Deutinger: Königsherrschaft im Ostfränkischen Reich. Eine pragmatische Verfassungsgeschichte der späten Karolingerzeit. Ostfildern 2006, S. 225–272; zum Hochmittelalter: Jutta Schlick: König, Fürsten und Reich (1056–1159). Herrschaftsverständnis im Wandel. Stuttgart 2001; Monika Suchan: Fürstliche Opposition gegen das Königtum im 11. und 12. Jahrhundert als Gestalterin mittelalterlicher Staatlichkeit. In: Frühmittelalterliche Studien, Bd. 37 (2003), S. 141–165; Jürgen Dendorfer: Fidi milites? Die Staufer und Kaiser Heinrich V. In: Hubertus Seibert, Jürgen Dendorfer (Hrsg.): Grafen, Herzöge, Könige. Der Aufstieg der frühen Staufer und das Reich. Ostfildern 2005, S. 213–265; Jürgen Dendorfer: Autorität auf Gegenseitigkeit – Fürstliche Partizipation im Reich des 13. Jahrhunderts. In: Hubertus Seibert, Werner Bomm, Verena Türck (Hrsg.): Autorität und Akzeptanz. Das Reich im Europa des 13. Jahrhunderts. Ostfildern 2013, S. 27–41.
  6. Bernd Schneidmüller: Grenzerfahrung und monarchische Ordnung. Europa 1200–1500. München 2011, S. 7.
  7. Bernd Schneidmüller: Grenzerfahrung und monarchische Ordnung. Europa 1200–1500. München 2011, S. 77.
  8. The Minor Planet Circular, Rundschreiben des Minor Planet Centers, S. 96937 (englisch).