Jürgen Petersohn

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Jürgen Petersohn (* 8. April 1935 in Merseburg; † 20. Juli 2017 in Würzburg) war ein deutscher Historiker mit den Schwerpunkten Mittelalter und nordostdeutsche Landesgeschichte. Petersohn lehrte von 1981 bis 2000 als Professor für mittelalterliche Geschichte an der Philipps-Universität Marburg.

Leben und Wirken[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der 1935 in Merseburg geborene Jürgen Petersohn wuchs zunächst in Köslin und ab 1946 in Coburg auf. Er legte 1954 das Abitur am Gymnasium Ernestinum Coburg ab. Von 1954 bis 1960 studierte er Geschichte, Germanistik und Philosophie an den Universitäten Würzburg, Marburg und Bonn. Ab Sommersemester 1955 hatte er ein Stipendium der Studienstiftung des deutschen Volkes. Bei Walter Hubatsch wurde er 1959 an der Universität Bonn promoviert mit der Arbeit Markgraf Georg Friedrich von Brandenburg-Ansbach und Bayreuth als Herzog in Preußen 1578–1603. Die erste Staatsprüfung für das höhere Lehramt in den Fächern Deutsch und Geschichte legte er 1960 ab.

In den Jahren 1957 bis 1963 verfasste Petersohn etwa ein Dutzend Aufsätze vor allem zur preußischen Geschichte der frühen Neuzeit. Durch einen halbjährigen Forschungsaufenthalt in Rom (1960/61) konzentrierten sich seine Forschungen zunehmend auf das Mittelalter. Von 1961 bis 1964 war er Stipendiat der Deutschen Forschungsgemeinschaft. Von 1964 bis 1970 war Petersohn wissenschaftlicher Assistent am Historischen Seminar der Universität Würzburg. Dabei wurde Otto Meyer als akademischer Lehrer prägend. Durch ihn konzentrierte er sich auch fortan auf das Mittelalter in seinen Forschungen. Im Jahre 1970 wurde er in Würzburg für Mittelalterliche Geschichte und Historische Hilfswissenschaften mit der Studie Sakralstruktur und Kultgeschichte des südlichen Ostseeraums habilitiert. Die Arbeit wurde 1979 veröffentlicht und ein Standardwerk.[1] Von 1970 bis 1972 war er Oberassistent am Institut für Geschichte der Universität Würzburg. An der Universität Tübingen nahm er von 1971 bis 1973 Lehrstuhlvertretungen wahr. In Würzburg lehrte er ab 1975 als außerplanmäßiger und ab 1978 als außerordentlicher Professor. Von 1981 bis 2000 war er als Nachfolger von Helmut Beumann Professor für Mittelalterliche Geschichte an der Universität Marburg. Dort war er 1985/86 und 1993/94 Dekan des Fachbereichs Geschichtswissenschaften. Als akademischer Lehrer betreute er 16 Dissertationen und die Habilitationen von Matthias Thumser und Irmgard Fees. Bald nach seiner Emeritierung kehrte er nach Würzburg zurück. Petersohn ist am 20. Juli 2017 im Alter von 82 Jahren in seinem zu Hause in Würzburg verstorben. Er war verheiratet und hatte drei Kinder.

Ab 1983 war Petersohn Mitglied und von 1998 bis 2001 Vorsitzender des Konstanzer Arbeitskreises für Mittelalterliche Geschichte. Für den Konstanzer Arbeitskreis initiierte er im Herbst 1990 und im Frühjahr 1991 Tagungen auf der Insel Reichenau zum Thema Politik und Heiligenverehrung im Hochmittelalter. Der Sammelband dazu wurde 1994 von ihm herausgegeben. Zum 50-jährigen Jubiläum des Konstanzer Arbeitskreises gab er die bio-bibliographische Dokumentation der Mitglieder und ihres Werkes sowie den Tagungsband Mediaevalia Augiensia. Forschungen zur Geschichte des Mittelalters heraus. Er war unter Mitglied der Historischen Kommission für Pommern (1959), der Gesellschaft für fränkische Geschichte (1968), im Johann Gottfried Herder-Forschungsrat (1973) und der Historischen Kommission für Hessen (1985). Im Jahr 1976 wurde ihm die Ehrengabe zum Georg-Dehio-Kulturpreis und 1988 der Pommersche Kulturpreis verliehen.

Schwerpunkte von Petersohns Forschungen waren die politische Ideen-, Bildungs- und Kirchengeschichte, Rom und das Kaisertum im Hochmittelalter, Landesgeschichte Frankens und Nordostdeutschlands der Humanismus, die Missionierung Pommerns, die Geschichte der Heiligsprechungen und ihrer Instrumentalisierung durch die Kaiser und die konziliare Bewegung im 15. Jahrhundert. Die Ergebnisse sind in achtzehn Monographien und über hundert Aufsätzen veröffentlicht.

Petersohn befasste sich jahrzehntelang mit der Geschichte Roms. Ab 1974 hat er zahlreiche und grundlegende Beiträge für die salische und staufische Epoche zu diesem Thema veröffentlicht.[2] Im Jahr 2009 veröffentlichte er eine Untersuchung über die Rolle Roms für Heinrich V. und die Bedeutung der Herrschaftszeit dieses Saliers für die Entwicklung der kaiserlich-stadtrömischen Beziehungen.[3] Als Summe seiner jahrzehntelangen Forschungsarbeit erschien 2010 die Studie Kaisertum und Rom in spätsalischer und staufischer Zeit. Gegenstand der Arbeit sind die umfassendenden Wechselwirkungen von Romidee und Rompolitik im Ringen von Kaiser, Papst und städtischer Kommune in spätsalischer und staufischer Zeit. Über viele Jahre erforschte er Andreas Jamometić und seinen Basler Konzilsversuch von 1482 sowie die Reaktion von Kaiser und Papst. Im Jahr 2015 erschien dazu die Darstellung Reichsrecht versus Kirchenrecht. Außerdem standen Viten und Nachleben Ottos I. von Bamberg im Mittelpunkt, verbunden mit Studien zu Ethnogenese und Selbstverständnis Frankens im Mittelalter sowie zu Überlieferung und Bildung im Mittelalter. Für die Monumenta Germaniae Historica legte er die Edition der ältesten Lebensbeschreibung des Bischofs Otto von Bamberg, die sogenannte Prüfeninger Vita vor.[4] Der heilige Otto war zugleich Eckpunkt für Studien zu Mission, Kult und Kirche im mittelalterlichen Pommern. In seinen landesgeschichtlichen Arbeiten behandelte Petersohn auch frühneuzeitliche Themen. Im Jahr 2008 veröffentlichte er eine Darstellung über die Wandlungen des Begriffs Franken von den Karolingern bis zum 16. Jahrhundert.[5] Diese Untersuchung widmete er seinem Lehrer Meyer. Die Arbeit gilt als grundlegende Untersuchung zu Begriff und Vorstellung von Franken im Mittelalter und damit zur Bildung der historischen Landschaft Franken. Außerdem untersuchte er die Mittelalterforschung im 19. und 20. Jahrhundert.[6]

Schriften (Auswahl)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Monographien

  • Fürstenmacht und Ständetum in Preußen während der Regierung Herzog Georg Friedrichs. 1578–1603 (= Marburger Ostforschungen. Bd. 20, ISSN 0542-6537). Holzner, Würzburg 1963.
  • Das Breviarium Caminense der 2. Hälfte des 15. Jahrhunderts in der ehemaligen Preußischen Staatsbibliothek. Ms. theol. lat. 208 der Westdeutschen Bibliothek in Marburg (= Veröffentlichungen der Historischen Kommission für Pommern. Reihe 5: Forschungen zur Pommerschen Geschichte. H. 3, ISSN 0440-9582). Böhlau, Köln u. a. 1963.
  • Der südliche Ostseeraum im kirchlich-politischen Kräftespiel des Reichs, Polens und Dänemarks vom 10. bis 13. Jahrhundert. Mission, Kirchenorganisation, Kultpolitik (= Ostmitteleuropa in Vergangenheit und Gegenwart. Bd. 17). Böhlau, Köln u. a. 1979, ISBN 3-412-04577-2 (Zugleich: Würzburg, Universität, Habilitations-Schrift, 1970: Sakralstruktur und Kultgeschichte des südlichen Ostseeraumes von den Anfängen der Slavenmission bis zum Abschluß der deutschen Kolonisation (10.–13. Jahrhundert).).
  • Ein Diplomat des Quattrocento. Angelo Geraldini (1422–1486) (= Bibliothek des Deutschen Historischen Instituts in Rom. Bd. 62). Niemeyer, Tübingen 1985, ISBN 3-484-82062-4.
  • Rom und der Reichstitel „Sacrum Romanum Imperium“ (= Sitzungsberichte der Wissenschaftlichen Gesellschaft an der Johann-Wolfgang-Goethe-Universität Frankfurt am Main. Bd. 32, 4). Steiner, Stuttgart 1994, ISBN 3-515-06562-8 (PDF).
  • Heinrich Raspe und die Apostelhäupter oder: Die Kosten der Rompolitik Kaiser Friedrichs II. (= Sitzungsberichte der Wissenschaftlichen Gesellschaft an der Johann-Wolfgang-Goethe-Universität Frankfurt am Main. Bd. 40, 3). Steiner, Stuttgart 2002, ISBN 3-515-08211-5.
  • Franken im Mittelalter. Identität und Profil im Spiegel von Bewußtsein und Vorstellung (= Konstanzer Arbeitskreis für Mittelalterliche Geschichte. Vorträge und Forschungen. Sonderbd. 51). Thorbecke, Ostfildern 2008, ISBN 978-3-7995-6761-9 (Digitalisat).
  • Kaisertum und Rom in spätsalischer und staufischer Zeit. Romidee und Rompolitik von Heinrich V. bis Friedrich II. (= Monumenta Germaniae Historica. Schriften. Bd. 62). Hahn, Hannover 2010, ISBN 978-3-7752-5762-6 (Rezension).
  • Reichsrecht versus Kirchenrecht. Kaiser Friedrich III. im Ringen mit Papst Sixtus IV. um die Strafgewalt über den Basler Konzilspronuntiator Andreas Jamometić 1482–1484 (= Forschungen zur Kaiser- und Papstgeschichte des Mittelalters. Bd. 35). Böhlau, Köln u. a. 2015, ISBN 978-3-412-22375-5.

Herausgeberschaften

  • Diplomatische Berichte und Denkschriften des päpstlichen Legaten Angelo Geraldini aus der Zeit seiner Basel-Legation (1482–1483) (= Historische Forschungen. Bd. 14). Steiner-Verlag, Wiesbaden, Stuttgart 1987, ISBN 3-515-05026-4.
  • Die Prüfeninger Vita Bischof Ottos I. von Bamberg nach der Fassung des Großen Österreichischen Legendars (= Monumenta Germaniae Historica. Scriptores. 7 = Scriptores rerum Germanicarum in usum scholarum separatim editi. Bd. 71). Hahn, Hannover 1999, ISBN 3-7752-5471-4.
  • Der Konstanzer Arbeitskreis für mittelalterliche Geschichte. Die Mitglieder und ihr Werk. Eine bio-bibliographische Dokumentation (= Veröffentlichungen des Konstanzer Arbeitskreises für Mittelalterliche Geschichte aus Anlass seines fünfzigjährigen Bestehens 1951–2001. Bd. 2). Thorbecke, Stuttgart 2001, ISBN 3-7995-6906-5.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Oliver Jungen: Held der Knochenarbeit. Kosmos Mittelalter: Der Historiker Jürgen Petersohn wird siebzig. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 8. April 2005, Nr. 81, S. 36.
  • Jürgen Petersohn. In: Jürgen Petersohn (Hrsg.): Der Konstanzer Arbeitskreis für mittelalterliche Geschichte. Die Mitglieder und ihr Werk. Eine bio-bibliographische Dokumentation (= Veröffentlichungen des Konstanzer Arbeitskreises für Mittelalterliche Geschichte aus Anlass seines fünfzigjährigen Bestehens 1951–2001. Band 2). Thorbecke, Stuttgart 2001, ISBN 3-7995-6906-5, S. 333–340 (Digitalisat).
  • Roderich Schmidt: Laudatio auf Professor Dr. Jürgen Petersohn. In: Pommern. Kunst – Geschichte – Volkstum 26 (1988), S. 1–4.
  • Jörg Schwarz, Matthias Thumser, Franz Fuchs (Hrsg.): Kirche und Frömmigkeit – Italien und Rom. Colloquium zum 75. Geburtstag von Professor Dr. Jürgen Petersohn. Würzburg 2012, ISBN 978-3-923959-84-6 (Volltext online).
  • Jörg Schwarz: Nach Rom gelangt' er so. Über Bamberg und Basel: Zum Tode des Mittelalterhistorikers Jürgen Petersohn. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 27. Juli 2017, Nr. 172, S. 12.
  • Matthias Thumser (Hrsg.): Studien zur Geschichte des Mittelalters. Jürgen Petersohn zum 65. Geburtstag. Theiss, Stuttgart 2000, ISBN 3-8062-1448-4.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Anmerkungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Jürgen Petersohn: Der südliche Ostseeraum im kirchlich-politischen Kräftespiel des Reichs, Polens und Dänemarks vom 10. bis 13. Jahrhundert. Mission, Kirchenorganisation, Kultpolitik. Köln u. a. 1979.
  2. Jürgen Petersohn: Kaiserliche Skriniare in Rom bis zum Jahre 1200. In: Quellen und Forschungen aus italienischen Archiven und Bibliotheken 75 (1995), S. 1–31 (online); Jürgen Petersohn: Capitolium conscendimus. Kaiser Heinrich V. und Rom. Stuttgart 2009; Jürgen Petersohn: Der Brief der Römer an König Lothar III. vom Jahre 1130. Überlieferung – Text – Absenderschaft. In: Deutsches Archiv für Erforschung des Mittelalters 50 (1994), S. 461–507.
  3. Jürgen Petersohn: Capitolium conscendimus. Kaiser Heinrich V. und Rom. Stuttgart 2009.
  4. Jürgen Petersohn: Die Prüfeninger Vita Bischof Ottos I. von Bamberg nach der Fassung des Großen Österreichischen Legendars, MGH Script. rer. Germ., 71, 1999; Vgl. dazu Jürgen Petersohn: Legasthenie als Ursache von Textvarianten? Beobachtungen an der Überlieferung der Prüfeninger Otto-Vita. In: Deutsches Archiv für Erforschung des Mittelalters 52 (1996), S. 585–597 (Digitalisat)
  5. Jürgen Petersohn: Franken im Mittelalter. Identität und Profil im Spiegel von Bewußtsein und Vorstellung. Ostfildern 2008.
  6. Vgl. Jürgen Petersohn: Deutschsprachige Mediävistik in der Emigration. Wirkungen und Folgen des Aderlasses der NS-Zeit (Geschichtswissenschaft – Rechtsgeschichte – Humanismusforschung). In: Historische Zeitschrift 277 (2003), S. 1–60.