Christiaan Tonnis

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Christiaan Tonnis, 2012

Christiaan Dirk Tonnis (* 5. Juni 1956 in Saarbrücken) ist ein deutscher Maler, Zeichner, Videokünstler und Autor. Er studierte von 1980 bis 1985 an der Hochschule für Gestaltung in Offenbach am Main bei Dieter Lincke und Herbert Heckmann, lebt und arbeitet in Frankfurt am Main.

Leben und Werk[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ludwig Wittgenstein, Bleistift auf Karton, 1985
Magic Mountain (after Thomas Mann), 1987, Öl auf Leinwand
Thomas Bernhard's Haus, Video, 2006, Fotografie, 1992

Tonnis` Vater Dirk Tonnis wurde als Niederländer in Amsterdam geboren. Er war Schöpfer von Zeichentrick- und Puppentrickfilmen sowie Knetfigurenanimationen. Als Programmdirektor des Saarländischen Fernsehens arbeitete er u.a. mit Herbert Heckmann und Heinz Sielmann zusammen.[1] Tonnis` Mutter Gisela Purwins wurde als Deutsche in Aglohnen, Kreis Memel, geboren. Sie war Publizistin, erste Ansagerin beim Saarländischen Fernsehen, Moderatorin und Produzentin von Rundfunk- und Fernsehserien.[1][2][3] Beide heirateten in Dover, England.[1]

Tonnis' Beschäftigung mit Literatur der Psychopathologie und Psychoanalyse spiegelt sich in seinen frühen Arbeiten wider.[4] Dies sind zeichnerische Darstellungen verschiedener Krankheitsbilder wie z. B. der Katatonen Starre oder Postpartalen Psychose, in denen er z. T. „Drähte, Nähte, Masken, Teilmasken – sie sind manchmal kaum sichtbar, so identisch scheinen sie mit der Physiognomie[5] – über die Porträts legt und damit für komplizierte Seins-Schichten eine Mitteilungs-Ebene schafft.[5] Tonnis selbst sieht in Krankheiten kein passives Erleiden, sondern eine kreative Leistung, die im Dienst der Selbstreparation steht. Hierfür bezieht er sich auf Erkenntnisse von Sigmund Freud und Viktor von Weizsäcker und verweist auch auf die Sippe der Asklepiaden, die Kranke durch Rituale und Zaubergesänge heilte. „Für sie war Heilen eine Sache der Priesterschaft und der Religion [...] Der Priester stellte die zerbrochene Brücke zwischen Mensch und Gott dar [...] Heilen hieß damals HEILIGEN.“[6] Ab 1986 bezieht Tonnis eine malerische Position: Auch die neuen Porträtmalereien von Schriftstellern und Philosophen geben in erster Linie die innere Befindlichkeit der Protagonisten wieder.[7]

2003 entstehen „Meditationsbilder“ – „geometrische Muster in leuchtenden Farben“,[8] angeregt durch die Auseinandersetzung mit Tibetischem Totenbuch und Neuem Testament.[9]

Es folgt eine Serie von Collagen, auf denen Katzenköpfe – auf Frauenkörper platziert – dem Betrachter „traurig oder verträumt“[10] entgegenblicken. Diese sind bestimmte, an Personen festgemachte Porträts: Eine Katze z. B. ist mit Virginia Woolf, eine andere mit Alice Miller untertitelt.[10]

2006 erscheint Tonnis' Publikation Krankheit als Symbol,[11] die sich der Entschlüsselung von Tuberkulose, Krebs und Schizophrenie durch psychosomatische Modelle widmet und beschreibt, wie in Kunst und Literatur Krankheiten zu Symbolen werden, die im Laufe der Zeit einem Wandel unterworfen sind.[12]

Im selben Jahr erstellt und im Januar 2008 für 10 Tage öffentlich zugänglich: Eine Thomas Bernhard gewidmete Myspace Seite, auf der jedes Bild aus einem Roman oder einer Szene seiner Autobiographie stammt. Das Thema dieser Seite ist Bernhard's Motto: In der Finsternis wird alles deutlich.[13] Ebenso zu diesem Motto entsteht 2009/10 das großformatige Triptychon Frost in „hartem Schwarz und Weiß“ – „Materialbilder, die eine literarische Landschaft aus Eis und Schnee in unterschiedlichen Perspektiven abbildet (...) eine malerische Transformation des gleichnamigen, 1963 erschienenen Romans von Thomas Bernhard.“[14]

Von 2008 bis 2009 schreibt Tonnis Artikel für das Ressort Art+Culture der Online-Ausgabe Dazed Digital des britischen Magazins Dazed & Confused, London.[15]

Teilnahme an der Performance „Who let the dogs out, Edith?“ während des „Sommer Atelier 2009“[16] im Kunstverein Familie Montez, Frankfurt am Main. „Als Ausgangsmaterial dient dabei Hans-Jürgen Syberbergs 1988 in Frankfurt gezeigte Inszenierung von Heinrich von Kleists Drama ‚Penthesilea‘, ein Monolog der großen Schauspielerin Edith Clever.“[17]

Mit der Darstellung eines goldenen Kreuzes über schwarzem und violettem Untergrund – in einzelne Pixel gegliedert auf die Wand gemalt – ist Tonnis einer von 36 internationalen Künstlern, die im Januar 2013 den 4,5 Meter hohen, gekachelten Raum "Pixelkitchen" im Günes Theater Frankfurt gestalten[18] und dadurch die digitale in die analoge Welt holen. Alle „künstlerischen Arbeiten werden an die Wände geklebt, gemalt und genagelt.“[19]

Einfache, grundlegende Formen wie das Kreuz oder der Kreis sind der christlichen und buddhistischen Symbolik entlehnt. In dem MultipleFranz von Assisi“ wird der Heilige zu einem violetten Kreuz auf schwarzem Grund abstrahiert. Dieser Arbeit ging die Auseinandersetzung mit Biografie und Sonnengesang voraus.[9]

Tonnis' Werk wird in internationalen Publikationen zur Illustration von Artikeln, Essays, enzyklopädischen Einträgen u. a. veröffentlicht.[20] [21][22]

Video[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

2006 wendet sich Tonnis dem Video zu. In kurzen Sequenzen zeigt er z. B. Impressionen über die Schriftsteller und Künstler William S. Burroughs, Thomas Bernhard (2006), Rachel Whiteread (2008), Fjodor Dostojewski, Taryn Simon (2009), Michael Beutler, Alberto Giacometti, Georg Trakl (2010), Félix González-Torres (2011), Alicja Kwade (2015), Nikolaus Alexander Nessler, Torsten de Winkel (2016) u.a.. Neben diesen eher ernsthaften Arbeiten steht die Serie von „Träumen“, „Elektrischen Bildern“ und Tieren. Einen melancholischen Blick auf die Leipziger Baumwollspinnerei vermittelt das in Schwarz–Weiß gedrehte, gleichnamige Video von 2013.[23]

Teilnahme an „Road Movie“,[24] einer Produktion von Frieze Film 2008 für die Frieze Art Fair und Channel 4, London. „Road Movie“ ist ein von Neville Wakefield kuratiertes,[25] 4-teiliges, multiples Film-Experiment – zusammengestellt aus mehreren Beiträgen und produziert auf YouTube – das sich auf den Roman Die Straße (2006) von Cormac McCarthy bezieht.[26]

Ab 2009 entstehen 92 Videodokumentationen zu Ausstellungsvorbereitungen und Vernissagen sowie Künstlerinterviews für den Kunstverein Familie Montez.[27] Diese werden von einem Familienalbum aus Film stills begleitet.[28]

Zitat[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

„Im Blick, den Tonnis festhält, ist immer ein doppelter; er geht nach außen wie nach innen [...] er weiß, dass der Mensch zwei Gesichter hat.“

Herbert Heckmann[29].[30]

„In diesem Kontext sind meine Bildfindungen zu sehen: Die eine Ebene des Erleidens einer Krankheit wird von einer zweiten Ebene, der kreativen Haltung des Protagonisten, durchdrungen. Deshalb haben meine Arbeiten meist zwei Titel. Der Weibliche Krieger ist eine Person, die sich im Prozess der Heilung und einem damit einhergehendem Bewusstwerdungsprozess befindet, der auch zu einer Berufung, ein Schamane zu werden, führen kann. Die dunkelste Stunde der Nacht ist der Moment kurz vor Sonnenaufgang, der Schritt in ein neues Leben auf unserem Weg zurück zu Gott. Krankheit IST bereits Heilung und Verwandlung.“

Christiaan Tonnis[31]

Ausstellungen und Projekte (Auswahl)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • 1986: Zeichnungen, Galerie Das Bilderhaus, Frankfurt am Main
  • 1986: Zeichnungen, Galerie 42, Gießen
  • 1989: Christiaan Tonnis, Galerie Einbaum, Frankfurt am Main
  • 1990: Christiaan Tonnis, Galerie Limberg, Frankfurt am Main
  • 2006: Zeichnung und Malerei, Höpershof, Hannover-Wedemark
  • 2007: CATWALK!, Kunstverein Eulengasse, Frankfurt am Main
  • 2007: Sem Palavras / Ohne Worte, Instituto Histórico de Olinda, Olinda
  • 2008: Antarctic Meltdown, Melbourne International Arts Festival, Melbourne
  • 2008: Digital Fringe 08, Melbourne Fringe Festival, Melbourne
  • 2008: Electrofringe, This Is Not Art, Newcastle
  • 2008: Road Movie, Frieze Art Fair, London
  • 2009: Gut ist was gefällt, Kunstverein Familie Montez, Frankfurt am Main
  • 2009: Traumwelten | CATWALK!Schloss Frauenstein, Mining am Inn
  • 2010: 2009 Was A Rough Year, Lilly McElroy, Thomas Robertello Gallery, Chicago
  • 2010: Hinter dem Spiegel, Klosterpresse, Frankfurt am Main
  • 2011: Thomas Bernhards "Frost", Kunstverein Eulengasse, Frankfurt am Main
  • 2011: Fragile Helden, Kunstverein Familie Montez, Frankfurt am Main
  • 2012: Terremoto – Beben, von Nikolaus Alexander Nessler in Zusammenarbeit mit Christiaan Tonnis (Film), Nico Rocznik (Licht) und Manuel Stein (Sound), Kunsthaus Wiesbaden[32][33]
  • 2013: Wurzeln weit mehr Aufmerksamkeit widmen, Kunstverein Familie Montez und Der Laden/Bauhaus-Universität Weimar
  • 2014: Les Fleurs du Mal – Dithering Cities, mit Elizabeth Dorazio, Mirek Macke, Nikolaus Alexander Nessler, Christiaan Tonnis und Alexander M. Winn, Luminale[34]
  • 2015 Kunst Messe Frankfurt 15, Kunstverein Familie Montez, Halle 1.2 / G13 + G14, Messe Frankfurt GmbH, Frankfurt am Main

Kuratierte Ausstellungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • 2011 Schamanismus aus dem Großen Altai, Kunstverein Eulengasse, Frankfurt[35]
  • 2011 Meg Cebula. Geheimnis und Schönheit, Kunstverein Eulengasse, Frankfurt[36][37]

Bibliografie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Christiaan Tonnis – Krankheit als Symbol, Pro Business Verlag, Berlin 2006, Aufl. 1, ISBN 978-3-939533-34-4
  • Christiaan Tonnis – Everyone we know, Sketchbook Project 3, Kat. Nr. 135.8–5, Brooklyn Art Library 2009, New York
  • 5+5=1!, DVD-Video (25 min.), von Christiaan Tonnis, Oswald-von-Nell-Breuning-Schule, Stadt Rödermark (Hrsg.), Archiv der Stadt Rödermark 2011[38]
  • ROTAxel Dielmann-Verlag, Frankfurt 2013, S. 15-16, 145, 148-149, 15, ISBN 978-3-86638-180-3
  • Montez im Exil – Kunstverein Familie Montez, Frankfurt 2014, von Kerstin Krone-Bayer und Hanna Rut Neidhardt (Hrsg.), ISBN 978-3-00-045918-4
  • Leipziger Baumwollspinnerei – Video Still Images, von Christiaan Tonnis (Hrsg.), Book-On-Demand, Berlin 2016

Artikel für Dazed Digital | Dazed & Confused Magazine[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Frankfurt Goes To Brazil – The artists of Showroom Eulengasse collaborate in Olinda (7. Januar 2008)
  • Female Impressionists in Frankfurt – From Berthe Morisot to Mary Cassat (12. März 2008)
  • The Archaeological Horror – Jonathan Meese and Daniel Richter collaborate in Hamburg (23. Januar 2008)
  • Mark Rothko in Hamburg – A landmark retrospective of the "myth-maker" (21. März 2008)
  • Takashi Murakami in Frankfurt – A major retrospective from the Tokyo pop artist and Louis Vuitton collaborator (17. September 2008)
  • Martin Kippenberger in New York – German artist Martin Kippenberger has a retrospective at MoMa in New York called "The Problem Perspective" until May 11th (27. April 2009)

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Christiaan Tonnis – Album mit Bildern, Videos und Audiodateien

Quellen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b c Christiaan Tonnis, Biografie, Homepage, blogspot.de, 12. Juni 2010
  2. Der Kreis schloß sich – Zum Tode unserer Heimatdichterin Lisbeth Purwins-Irrittié, Memeler Dampfboot, Nr. 10, Seite 187, Oktober 1974. (In der PDF-Version auf Seite 7)
  3. Gisela Tonnis flog für spots nach Berlin – Große Deutsche Funkausstellung 1963, spots – Zeitschrift für Fernsehen und Funk, Nr. 17, Jahrg. 4, 19. September 1963, Seiten 3-4 und 7-10
  4. Kai Hoffmann, Hübsches Frauengesicht als Flickwerk, Frankfurter Rundschau, 20. Februar 1986
  5. a b Das Gesicht hinter dem Antlitz, Gießener Allgemeine Zeitung, 20. Oktober 1986
  6. Christiaan Tonnis, Biografie, blogspot.de
  7. Kai Hoffmann, Gesichtsteil als Maske, Frankfurter Rundschau, 30. August 1990
  8. Erste Vernissage im Höpershof, Wedemark Echo, 11. November 2006
  9. a b Meditationsbilder, re-title.com
  10. a b Solveig Frick, Keine Angst vor Virginia Woolf, Frankfurter Rundschau, Nr. 86, S. 31, 13. April 2007
  11. Christiaan Tonnis, Krankheit als Symbol, Berlin : Pro Business, 2006, ISBN 978-3-939533-34-4
  12. Angaben aus der Verlagsmeldung, Krankheit als Symbol / von Christiaan Tonnis, Katalog der Deutschen Nationalbibliothek, 2006
  13. Stephen Mitchelmore, Thomas Bernhard on MySpace, This Space, 10. Januar 2008
  14. Christiaan Tonnis: Thomas Bernhards „Frost“ kunstaspekte.de, 12. August 2011
  15. Dazed Digital – Contributors
  16. Christoph Schütte, Kunst mit Familienanschluss, Frankfurter Allgemeine Zeitung, R4 Kultur, 21. Juni 2009
  17. "Gut ist was gefällt" im Kunstverein Familie Montez e.V" (Memento vom 19. Juli 2011 im Internet Archive), kulturportal.hessen.de, 29. August 2009
  18. Antonia Troschke, Menü mit Allem, Frankfurter Rundschau, Nr. 20, RS/B7, 24. Januar 2013
  19. Amelie Persson, Pixelkitchen (Memento vom 10. Dezember 2014 im Internet Archive), schirn-magazin.de, 25. Januar 2013
  20. Nigel Warburton, Ludwig Wittgenstein – Language Games, Yale University Press London, 26. April 2013
  21. APA, Innsbrucker Mediziner wollen Schizophrenie auf den Grund gehen (Memento vom 14. Dezember 2014 im Internet Archive), WirtschaftsBlatt, 4. Dezember 2014
  22. Fabián Ramírez Flores, En los límites de la personalidad, magis – ITESO Universidad Jesuita de Guadalajara, 18. Januar 2010
  23. Guido Corleone, Vierte Welle Hypezig (Memento vom 2. Dezember 2013 im Internet Archive), heldenstadt.de, 21. November 2013
  24. My Journey My Memory My Soul, FriezeFilm2008's Channel, YouTube Video, 26. Juli 2008
  25. Frieze goes YouTube, Deutsche Bank ArtMag, Ausgabe 51, Oktober 2008
  26. Frieze Film 2008, Frieze Foundation, London, 2008
  27. Kunstverein Familie Montez, YouTube Playlist
  28. Kunstverein Familie Montez – Familienalbum, abgerufen am 4. April 2015
  29. Krankheit unter der Maske des Normalen, Gießener Anzeiger, 21. Oktober 1986
  30. Herbert Heckmann, Einführungsrede vom 31. Januar 1986, re-title.com
  31. Christiaan Tonnis - Biografie, blogspot.de
  32. Kurze Nacht der Galerien und Museen im Kunsthaus Wiesbaden (Memento vom 2. Juni 2012 im Internet Archive), hessen-tageblatt.com, 15. März 2012
  33. Terremoto – Beben kunstaspekte.de, 24. März 2012
  34. Luminale - Biennale der Lichtkultur (Memento vom 5. Februar 2015 im Internet Archive), light–building.messefrankfurt.com, 2014, S. 21
  35. Алтайские художники шаманят в Германии, Контрабанда, 12. September 2011
  36. Meg Cebula, Journal Frankfurt, No. 13, Seite 76, Mai 2011
  37. Meg Cebula. Geheimnis und Schönheit kunstaspekte.de, 27. Mai 2011
  38. Christine Ziesecke, Kultursommer auf Leinwand, Offenbach-Post, op-online.de, 29. Oktober 2011