Christian Lüth

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Christian Lüth (geboren 1976)[1] ist ein ehemaliger Pressesprecher der Alternative für Deutschland. Von 2013 bis 2017 war er Leiter der Kommunikationsabteilung der Partei und anschließend bis 2020 Leiter der Pressestelle der AfD-Bundestagsfraktion. Im April 2020 wurde er von dieser Position zunächst freigestellt, weil er sich selbst als Faschisten bezeichnet hatte. Im September 2020 wurde er auf einstimmigen Beschluss des AfD-Fraktionsvorstands fristlos entlassen, nachdem menschenverachtende Äußerungen Lüths über Migranten bekannt geworden waren. Sein Austritt aus der Partei wurde im August 2020 bestätigt.

Beruflicher Werdegang[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ausbildung und Tätigkeit für die FDP[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Lüth studierte zunächst Wirtschaftsinformatik an der Universität Stuttgart und wechselte später an die Freie Universität Berlin, wo er Politikwissenschaft studierte. Nach seinem Diplomabschluss arbeitete er unter anderem für die Friedrich-Naumann-Stiftung als Projektleiter in Honduras, wo er zeitweise auch Staatspräsident Manuel Zelaya beriet. Als im Juni 2009 das honduranische Militär den demokratisch gewählten Zelaya gewaltsam außer Landes schaffte und putschte, bezeichnete Lüth den Staatsstreich in Honduras zunächst als „Legende“ und äußerte anschließend Verständnis für das putschende Militär, von dem er sich eine „Rückkehr zu Rechtsstaat und Verfassung“ in dem zentralamerikanischen Land erhoffe.[2] Später gestand er ein, dass der Sturz von Zelaya ein Verfassungsbruch gewesen sei. Angesichts der selbst von Zelaya begangenen Verfassungsbrüche sei es jedoch richtig gewesen, diesen aus dem Amt zu entfernen.

Ebenfalls in Honduras beriet Lüth nach eigenen Angaben den Wirtschaftsmagnaten Miguel Facussé, dem Menschenrechtsorganisationen vorwarfen, Morde an politischen Gegnern in Auftrag gegeben zu haben.[3]

2011 versuchte Lüth erfolglos, in das von Dirk Niebel (FDP) geführte Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit nach Berlin zu wechseln. Ende 2011 hatte er kurzzeitig bei der dem Ministerium unterstellten Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) und bis Anfang Februar 2012 als Referent im Referat 220 für Themen wie das „Innovationsmanagement“ gearbeitet, das Ministerium dann aber wieder verlassen müssen. Hintergrund war laut Medienberichten die mangelnde Eignung Lüths, der fälschlicherweise vorgegeben haben soll, die vom Ministerium per Hausverfügung verlangte Mindestnote 2 für Universitätsabsolventen zu erfüllen. Tatsächlich soll sein Abschluss in Politikwissenschaft mit einer Diplomarbeit zum Thema „Reformansätze in der UN-Friedenssicherung nach dem Völkermord in Ruanda“ diesen Anforderungen aber nicht genügt haben.[4]

Danach arbeitete Lüth bis zum Ausscheiden der FDP aus dem Bundestag 2013 als Mitarbeiter des Bundestagsabgeordneten Hans-Werner Ehrenberg (FDP).[4] Nach insgesamt zehn Jahren in Diensten der FDP verlor Lüth seine Anstellung und wechselte zur AfD.[5]

Bereits in seiner Zeit als Mitarbeiter der FDP soll er unter Alkoholeinfluss öffentlich das Horst-Wessel-Lied gesungen haben.[5]

Pressesprecher der AfD[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Lüth arbeitete seit 2013 für die AfD, zunächst als Leiter der Kommunikationsabteilung und nach dem Einzug der Partei in den Bundestag 2017 als Leiter der Pressestelle der AfD-Bundestagsfraktion.[6] Er galt als enger Vertrauter der AfD-Parteiführung, insbesondere des Fraktionvorsitzenden Alexander Gauland.[5]

Nach Berichten des Magazins Stern aus dem Jahr 2018 schönte Lüth seinen Lebenslauf. Deshalb und wegen seines Rufs, öfter gegenüber politischen Berichterstattern gelogen zu haben, hatte er bei Journalisten den Spitznamen „Lügen-Lüth“.[5] Auch Kollegen bei FDP und AfD beurteilten sowohl seinen Umgang mit Mitarbeitern als auch mit Journalisten als „unprofessionell“, „selbstherrlich“ und „unsouverän“.[5]

Die damalige AfD-Vorsitzende Frauke Petry stellte im Jahr 2016 die Zusammenarbeit mit Lüth ein. Sie begründete dies mit Kritik an seiner Arbeit. Der übrige Bundesvorstand schloss sich ihrer Kritik nicht an und folgte dieser Entscheidung nicht.[7] Ende September 2020 berichteten verschiedene Medien, Petry und dem Bundesvorstand sei spätestens seit 2016 bekannt gewesen, dass Lüth den Hitlergruß zeigte.[8]

Im April 2020 stellte Gauland ihn von seiner Tätigkeit frei, unter anderem weil Lüth sich selbst als Faschisten bezeichnet hatte.[9] Der Fraktionsvorstand versäumte es anschließend, ihm fristgerecht zu kündigen.[10]

Laut Zeit Online hatte sich herausgestellt, dass Lüth eine problematische Einstellung zum Nationalsozialismus hat. So soll er sich selbst als Faschisten[5][11] bezeichnet haben. Mit Bezug auf seinen Großonkel,[12] Wolfgang Lüth, von dem er behauptete, er sei sein Großvater,[5] soll er von seiner „arischen“ Abstammung gesprochen haben. Zudem sang Lüth laut Medienberichten wiederholt und enthusiastisch alte Wehrmachtslieder und fiel mehrfach durch „zweifelhafte Sprüche“ auf.[13] Er trat anschließend aus der Partei aus.[14]

Im September 2020 beschloss der AfD-Bundesvorstand die sofortige und fristlose Kündigung Lüths. Grund waren zuvor bekannt gewordene Äußerungen des Pressesprecher über die Möglichkeit der „Erschießung“ oder „Vergasung“ von Migranten.[10]

Die Zeit hatte von den Recherchen für die Fernseh-Dokumentation Rechts. Deutsch. Radikal des Fernsehsenders ProSieben berichtet, nach denen Lüth zu seiner Zeit als Pressesprecher der AfD-Bundestagsfraktion in einem vermeintlich vertraulichen Gespräch mit der rechten Aktivistin Lisa Licentia darüber „schwadroniert“ habe, man könne Migranten auch „erschießen oder vergasen“. Auf die Frage, ob er mehr Migranten nach Deutschland holen wolle, antwortet er: „Ja. Weil dann geht es der AfD besser. Wir können die nachher immer noch alle erschießen. Das ist überhaupt kein Thema. Oder vergasen, oder wie du willst. Mir egal!“[15] Die AfD müsse dafür sorgen, dass Deutschland sich in einer möglichst misslichen Lage befinde, um die eigene politische Position im Land zu sichern: „Solange die AfD noch ein bisschen instabil ist […] müssen wir dafür sorgen, dass es Deutschland schlecht geht.“[16]

Die Veröffentlichung dieser Recherche führte dazu, dass der AfD-Fraktionsvorstand Lüth am 28. September fristlos kündigte,[17] nachdem mehrere Abgeordnete entsprechende Anträge für die Fraktionssitzung vorbereitet hatten. Mehrere AfD-Abgeordnete warfen dem Fraktionsvorsitzenden Gauland vor, Lüth zu lange geschützt zu haben, was Gauland zurückwies.[18] Tino Chrupalla zeigte sich auf Twitter empört über die Äußerungen: "Es macht mich und die gesamte Partei fassungslos, dass solche Worte gefallen sein sollen". Allerdings sollte sowohl er als auch Gauland und weitere von dem Treffen und einige der verstörenden Aussagen bereits seit Ende April 2020 gewusst haben. Trotzdem deckte u. a. Gauland Lüth. Die Zeit indiziert, basierend auf genannten Informationen, dass die Aufrichtigkeit der Distanzierung von Seiten der AfD nach Bekanntwerden der Äußerungen von Lüth mehr als fragwürdig sei.[19]

In einer persönlichen Stellungnahme erklärte Lüth, in diesem Gespräch seien „abscheuliche und nicht entschuldbare Äußerungen [gefallen], die von einer aufgeheizten, ironischen und übersteigerten Wortwahl geprägt waren“. Er stritt ab, rechtsradikal zu sein, und betonte, einen Großteil seines Lebens im Ausland verbracht zu haben und „mit vielen verschiedenen Kulturen in Berührung gekommen“ zu sein.[20]

Familie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Lüth, der sich wahrheitswidrig als Enkel des U-Boot-Kommandanten und überzeugten Nationalsozialisten Wolfgang Lüth ausgegeben hatte,[5]ist Vater[21] und lebt im Berliner Stadtteil Zehlendorf.[5]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Nadine Lindner: Öffentlichkeitsarbeit der Parteien – Brauchen Politiker noch Journalisten? In: Deutschlandfunk-Sendung „Formate des Politischen“. 15. November 2019, abgerufen am 1. Mai 2020.
  2. Philipp Lichterbeck: Staatsstreich: Friedrich-Naumann-Stiftung rechtfertigt Putsch in Honduras. In: Tagesspiegel.de. 14. August 2009, abgerufen am 27. April 2020.
  3. Ole Schmidt: Sie können alle Blumen abschneiden. In: Der Freitag. 16. Juli 2011, abgerufen am 1. Mai 2020.
  4. a b Hans-Martin Tillack, Rainer Nübel: Unliebsame Karrierestation: Wie AfD-Fraktionssprecher Christian Lüth seinen Lebenslauf retuschiert. In: Stern.de. 12. Juni 2018, abgerufen am 1. Mai 2020.
  5. a b c d e f g h i Christian Fuchs, Jan Aleksander Karon: Christian Lüth: Der verstummte Sprecher. In: Zeit Online. 1. Mai 2020, abgerufen am 2. Mai 2020.
  6. Christian Lüth: AfD entlässt Pressesprecher wegen Faschismus-Vorwürfen. In: Welt Online. 26. April 2020, abgerufen am 26. April 2020.
  7. Frauke Petry arbeitet nicht mehr mit Vorstands-Pressesprecher zusammen. In: Der Spiegel. Abgerufen am 29. September 2020.
  8. Kay-Alexander Scholz: AfD feuert Ex-Pressesprecher nun wirklich. In: Deutsche Welle, 28. September 2020, abgerufen am 1. Oktober 2020.
    Georg Ismar, Robert Kiesel, Paul Starzmann: Wie die AfD sich selbst zerlegt. In: Der Tagesspiegel, 29. September 2020, abgerufen am 1. Oktober 2020.
    Lars Wienand: AfD ließ Sprecher trotz Hitlergruß-Vorwürfen im Amt. In: t-online. 30. September 2020, abgerufen am 30. September 2020.
  9. Georg Schwarte: AfD-Fraktion wirft Pressesprecher raus. In: tagesschau.de. 26. April 2020, abgerufen am 28. September 2020.
  10. a b Jan Sternberg: Menschenverachtende Aussagen: AfD will Ex-Sprecher Lüth feuern. Redaktionsnetzwerk Deutschland, 28. September 2020, abgerufen am 28. September 2020.
  11. Christian Fuchs, Jan Aleksander Karon: Christian Lüth: Der verstummte Sprecher. In: Zeit Online. 1. Mai 2020, abgerufen am 2. Mai 2020.
  12. Severin Weiland: Affäre um AfD-Fraktionssprecher: „Das kann man so nicht stehen lassen“. In: Der Spiegel. 1. Mai 2020, abgerufen am 1. Mai 2020 (Interview mit Jan Lüth).
  13. Werner Kolhoff: Faschismus-Outing: AfD-Fraktion stellt Pressesprecher Christian Lüth frei. In: Saarbrücker Zeitung. 27. April 2020, abgerufen am 27. April 2020.
  14. AfD-Fraktionsvorstand entlässt Ex-Sprecher Lüth fristlos. In: Süddeutsche Zeitung. 28. September 2020, abgerufen am 28. September 2020.
  15. Christian Fuchs: "Je schlechter es Deutschland geht, desto besser für die AfD". In: Zeit Online. 28. September 2020, abgerufen am 28. September 2020.
  16. "Wir müssen dafür sorgen, dass es Deutschland schlecht geht." Für die Reportage "Rechts. Deutsch. Radikal." recherchiert ProSieben-Reporter Thilo Mischke im Machtzentrum der AfD. In: Presseportal.de. ProSieben, 27. September 2020, abgerufen am 28. September 2020.
  17. Severin Weiland: AfD-Fraktionsvorstand entlässt Ex-Pressesprecher Lüth fristlos. In: Der Spiegel. 28. September 2020, abgerufen am 28. September 2020.
  18. Martin Schmidt: AfD kündigt früherem Sprecher fristlos. In: tagesschau.de. 28. September 2020, abgerufen am 28. September 2020.
  19. Jan-Philipp Hein, Jan Aleksander Karon: Ex-AfD-Pressesprecher: Gauland wusste seit Monaten von Lüths Aussagen. In: Die Zeit. 5. Oktober 2020, abgerufen am 8. Oktober 2020.
  20. Früherer AfD-Pressesprecher nennt rassistische Äußerungen "ironisch". In: Die Zeit. 2. Oktober 2020, abgerufen am 2. Oktober 2020.
  21. Steffen Vogel, Hendrik Vöhringer: Hire and fire im Bundestag: Wahlverlierer auf Jobsuche. In: Spiegel TV. 29. September 2013, abgerufen am 27. April 2020 (Video, 6:44 Minuten, zu Lüth ab Minute 2:44).