Eilenburger Chemiewerk

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Logo des ECW, das ab etwa 1974 benutzt wurde

Das Eilenburger Chemiewerk (ECW) war ein traditionsreicher Chemiestandort in der Stadt Eilenburg. Die Fabrik wurde 1887 vom Leipziger Industriellen Ernst Mey zur Herstellung von Zelluloid gegründet und firmierte in ihrer Geschichte unter mehreren Namen. Im Laufe der Jahre wurden viele weitere chemische Produkte, wie Peroxide und Celluloseacetat in das Programm aufgenommen. Seit 1936 stellte man auch PVC-Kunststoffe unter der Marke Decelith her. Nach der Wiedervereinigung scheiterte der Versuch einer Privatisierung; es folgte die Liquidation und anschließende Neugründung des Eilenburger Compound-Werkes (später Polyplast Compound-Werk), das noch heute am Standort Kunststoffe produziert. Die nicht mehr genutzten Anlagen und Gebäude wurden nach und nach abgebrochen und das Gelände für Neuinvestitionen erschlossen.

Der Transport der Waren erfolgte hauptsächlich über die Schiene, von 1892 bis 1998 besaß das Werk ein Anschlussgleis. Das Werksbahnnetz wuchs mit dem Werk und hatte 1984 eine Länge von 10 Kilometern erreicht. Neben dem Betriebsbahnhof und dem Anschlussbahnhof gab es in den späteren Jahren zudem einen Containerbahnhof. Zum Einsatz kamen vor allem Dampfspeicherlokomotiven.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Von der Gründung bis zum Zweiten Weltkrieg[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im Jahre 1885 wurde im Gebiet und zwischen der Stadt Eilenburg und dem 1865 eingemeindeten Kültzschau rechts der Mulde mit dem Bau einer Chemiefabrik begonnen. Eigentümer war der Leipziger Industrielle Ernst Mey, der auch Inhaber des in Leipzig-Plagwitz ansässigen Betriebs Mey & Edlich war. Am 14. Mai 1887 wurde das Unternehmen Ernst Mey & Co. „Herstellung von Wäsche aus Papier und Celluloid in Leipzig“ mit dem Zweigwerk Eilenburg in das Handelsregister eingetragen. Am 1. November 1887 wurde der Betrieb in Eilenburg aufgenommen. Damals war das einzige Produkt des Eilenburger Werks Cellulosenitrat zur Herstellung von Zelluloid und Lacken. Bereits Ende 1889 erfolgte die Umwandlung des Unternehmens in eine Aktiengesellschaft. Damit einher ging die Umbenennung in Deutsche Celluloid-Fabrik AG Leipzig (DCF).

Anfang des 20. Jahrhunderts wuchs das Werk weiter. Hinzu kamen eine Nitrieranlage und ein Papierholländer. Mit der Imitation von Stoffen wie Perlmutt durch Zelluloid, wofür das Unternehmen unter dem Namen „Perloid“ Patent anmeldete, konnte auch der Kundenstamm vergrößert werden, zu dem nun auch Schmuck- und Musikinstrumentehersteller gehörten. In Vorbereitung auf den Ersten Weltkrieg wurde die Produktion zum großen Teil auf Schießbaumwolle umgestellt und während des Krieges immer weiter ausgedehnt, so dass auch in dieser Zeit weitere Neubauten realisiert wurden. So wurden ein Kraftwerk mit mechanisierter Bekohlung, eine Produktionsstätte für Salpetersäure und der Wasserturm zur Wasserversorgung der Produktion und als Löschwasserspeicher errichtet. 1915 wurde der Sitz der AG nach Eilenburg verlegt.

In den Inflationsjahren nach dem Krieg hatte die DCF kurze Zeit die Genehmigung, selbst Notgeld auszugeben. 1923 wurde die DCF durch einen rückwirkend auf 1921 abgeschlossenen Anschlussvertrag zur Tochtergesellschaft der Köln-Rottweil AG, wurde aber 1926 von der Muttergesellschaft an den I.G.-Farben-Konzern verkauft. Die Weltwirtschaftskrise ab 1929 zwang auch die DCF zur Reduzierung der Belegschaft, dennoch blieb sie der größte Arbeitgeber der Stadt. 1936 kam die Produktion eines Kunststoffs auf Grundlage von Polyvinylchlorid zur Produktionspalette hinzu. Als Handelsname wurde der Begriff Decelith als teilweises Akronym zum Betriebsnamen Deutsche Celluloid-Fabrik eingeführt. Für den Zweiten Weltkrieg ging man wieder zur Kriegsproduktion über, allerdings wurde auch Decelith weiterhin hergestellt; zusätzlich erhöhte sich die Belegschaft auf über 2.500, von denen viele Fremdarbeiter und Kriegsgefangene waren. Zur Versorgung dieser Arbeiter wurde unweit des Betriebsgeländes ein Agrarbetrieb eröffnet. Den Krieg überstand das Werk im Vergleich zur Stadt, in der 90 Prozent aller Bauten zerstört wurden, bis auf einige Granateneinschläge relativ unbeschädigt, wenngleich Anlagen zerstört wurden und ausgebessert werden mussten.

Nachkriegszeit bis heute[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ende Mai 1945 gingen das Kesselhaus und das Kraftwerk wieder in Betrieb, einen Monat später wurde die Produktion wieder aufgenommen. Nach den Bestimmungen des Potsdamer Abkommens begann im August 1945 die komplette Demontage der Filmfabrik und der Schallplattenherstellung. Die Facharbeiter mussten teilweise in die Sowjetunion, um die Maschinen wieder aufzubauen und neue Arbeiter einzuarbeiten. Da die DCF der I.G. Farben angehörte, war eine Gesamtdemontage vorgesehen, diese konnte jedoch durch Bemühungen des Betriebsrates abgewendet werden. In den Betriebsteilen der Zelluloid- und Decelith-Herstellung gab es daher nur Teildemontagen. Die Demontage war im September 1945 abgeschlossen. 1946 erfolgte die Umwandlung in eine Sowjetische Aktiengesellschaft (SAG), gleichzeitig änderte sich der Name in Eilenburger Celluloid-Werk (ECW). Das Werk unterstand der SAG für Mineralische Düngemittel.

Logo mit stilisiertem Wasserturm und Kraftwerksschornstein, das das ECW ab 1956 verwendete[1]

Im August 1953 wurde von der sowjetischen Regierung beschlossen, die letzten SAGs, zu denen auch das ECW gehörte, an die DDR zurückgegeben. Ab dieser Zeit wurden zahlreiche Produktionslinien neu aufgebaut oder in bestehenden Gebäuden errichtet, so zum Beispiel die große Celluloseacetat-Abteilung. Auch entwickelte sich nun der soziale und kulturelle Bereich. Im Februar 1953 eröffnete das ECW-Klubhaus, später auch eine Arztstation, eine Kinderkrippe und ein Kindergarten. 1954 wurde das Werk aufgrund seiner Nähe zur Mulde besonders stark von einem Sommerhochwasser getroffen. Das Wasser stand auf dem Betriebsgelände durchschnittlich einen halben Meter und zerstörte teilweise die Produktionsanlagen. Zehn Tage lang ruhte der Betrieb zwangsweise. Die Ausfälle mussten mit Sonderschichten kompensiert werden. Zum 1. Januar 1955 wurde die ehemalige Produktionshalle der Maschinenfabrik Nestler, die 1945 zum VEB Plaste Bitterfeld kam, als Werk III dem ECW eingegliedert. Als Werk II wurde der nunmehr dem ECW unterstehende Betriebsteil in Leipzig bezeichnet, der Konsumartikel wie Kämme und Seifendosen herstellte.

Schon seit der Gründung des Werkes wurden produzierte Waren auch exportiert. Ende der 1950er Jahre nahm das ECW seine Exporttätigkeit nach dem Zweiten Weltkrieg wieder auf. Diese unterlag damals jedoch einigen Beschränkungen, so war der Außenhandel Sache des staatlichen VE Außenhandelsbetriebes Chemie Export/Import Berlin. Dennoch konnte das ECW selbst Exportvereinbarungen treffen, die dann über den staatlichen Außenhandel stattfanden. Der Anteil des Exports an der Gesamtproduktion lag bis in die 1970er Jahre bei etwa 10 Prozent. Bis in die 1980er steigerte sich das Ausfuhrvolumen auf 25 Prozent, davon gingen etwa 80 Prozent in das „nichtsozialistische Wirtschaftssystem“. Das ECW hatte Handelsbeziehungen zu 15 kapitalistischen Staaten und fünf Entwicklungsländern. 20 Prozent der Exporte ging in die RGW-Staaten.

1960 brachte das ECW erstmals PVC-Granulate auf den Markt. 1969 wurde das ECW als Betriebsteil dem neu entstandenen VEB Orbitaplast Gölzau eingegliedert, das hatte den Nachteil für das ECW, dass Investitionen vor allem im Stammbetrieb getätigt wurden. Am 1. Januar 1974 wurde das Eilenburger Celluloid-Werk in Eilenburger Chemie-Werk umbenannt und gleichzeitig wieder aus dem VEB Orbitaplast herausgelöst. Mit der Umbenennung wurde der Vergrößerung der Produktpalette um weitere Kunststoffe Rechnung getragen. Das ECW war wieder ein selbstständiger Betrieb im Kombinat Chemische Werke Buna.

Standort des PCW

Nach 1990 übernahm die Treuhandanstalt den Betrieb und forcierte dessen Privatisierung zur Eilenburger Chemie-Werk GmbH (später zur Eilenburger Chemie-Werke AG umfirmiert). Damit einher ging die starke Reduzierung der Belegschaft. Dennoch scheiterte der Versuch der Privatisierung und es folgte die Liquidation des Betriebes. 1994 gründete sich die Eilenburger Compound-Werk GmbH neu, die einzig die Betriebsteile der PVC- und Compound-Herstellung übernahm und weiter entwickelte. 1998 wurde zudem die Produktion von PP-Compounds aufgenommen. Seit 2006 firmiert das Unternehmen unter dem neuen Namen Polyplast Compound-Werk (PCW). Damit verschwand die über 60 Jahre verwendete Abkürzung ECW. Die Produktionspalette des Nachfolgeunternehmens, das der Polyplast Müller-Unternehmensgruppe angehört, umfasst teilweise die Traditionsmarken wie Decelith des ehemaligen ECW. Bis 2008 investierte der Mutterkonzern über fünf Millionen Euro in neue Produktionshallen. Das PCW beschäftigt heute noch etwa 120 Menschen. [2]

Rückbau und Neuerschließung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Abriss von Fabrikhallen 2007

Im Laufe der 1990er Jahre wurden nach und nach die Betriebsteile Celluloseacetat (1990), Nitrocellulose (etwa 1994) und Peroxide (etwa 1995) stillgelegt. Da die Gebäude nur schwer einer neuen Nutzung zuzuführen waren, war ein Abriss der Anlagen nur eine Frage der Zeit. Die ersten Abbrucharbeiten erfolgten 1995 an der Nitrieranlage. In den nächsten Jahren wurden viele kleinere Gebäude abgerissen. 2002 wurde der über 100 Meter hohe Schornstein des bereits ein Jahr zuvor zurückgebauten Kraftwerkes gesprengt. 2007 begannen die umfangreichsten Abbrucharbeiten, die sich bis 2009 hinzogen. In dieser Zeit wurden die Peroxid-Abteilung, die ehemalige Produktionsstätte für PVC-Halbzeuge, das Vorratslager („Magazin“), die Zentralen Werkstätten, ein Büro- und Technikumsgebäude (aufgrund zahlreicher Umbauten „Millionenbau“ genannt), die Labors, das Turbinenhaus und das bereits seit Mitte der 1960er Jahre ungenutzte Kesselhaus abgebrochen. 2008 wurde das denkmalgeschützte Kulturhaus, das seit Mitte der 1990er Jahre leer stand, abgerissen. Im selben Jahr wurden das markante Hauptgebäude der Celluloseacetat-Abteilung, sowie das ehemalige Wasserwerk und der Kohlebunker zurückgebaut. 2009 folgte der Abriss der letzten ungenutzten Bauten, damit war der Rückbau abgeschlossen.

Im Zusammenhang mit den letzten Rückbaumaßnahmen führte die Stadt Eilenburg ab 2007 die Erschließung des ehemaligen Betriebsgeländes nördlich der Ziegelstraße und die Rekultivierung der Flächen südlich der Ziegelstraße durch. Seither siedelten sich mehrere mittelständische Unternehmen an, neben dem PCW unter anderem die Stadtwerke Eilenburg mit einem Blockheizkraftwerk und die Eilenburger Umwelttechnik GmbH und ein Maschinenbaubetrieb. Das neue Gewerbegebiet wird von der Stadt unter dem Namen Kunststoffcenter am ECW-Wasserturm vermarktet.

Produkte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bei der Eröffnung des Werkes war das einzige Produkt Cellulosenitrat, zum Beispiel Kollodiumwolle, für die hauseigene Herstellung des thermoplastischen Kunststoffes Zelluloid und die Lackindustrie. Durch neue Rezepturen wurde es Anfang des 20. Jahrhunderts möglich, mit dem hergestellten Zelluloid auch Stoffe wie Perlmutt („Perloid“), Elfenbein und Horn zu imitieren. Damit konnte auch der Kundenstamm vergrößert werden, zu dem nun auch Schmuck- und Musikinstrumentehersteller gehörten.

In Vorbereitung auf den Ersten Weltkrieg wurde die Produktion hauptsächlich auf Schießbaumwolle umgestellt, das zur Herstellung von Schießpulver benötigt wurde. Zudem wurde in den Jahren des Krieges eine Produktionsstätte für Salpetersäure errichtet. Nach dem Krieg ging man wieder zur Friedensproduktion über, das heißt es wurden Rohzelluloid in Tafeln, Röhren und Stäben sowie Wäsche aus Zelluloid hergestellt. Zudem wurden neue Anlagen zur Herstellung von Nitrolack und Nitrofilmunterlagen errichtet. Außerdem wurden die Kapazitäten für die Herstellung der von Lackindustrie benötigten Kollodiumwolle ausgebaut.

Produktpalette des ECW nach der Privatisierung 1990

1924 begann mit dem Bau des Serum-Werkes südlich des eigentlichen Werksgeländes die Produktion von Präparaten für die Veterinärmedizin. Dieser Betriebsteil wurde allerdings schon Ende der 1920er Jahre wieder aufgegeben. Die Laborgebäude wurden zu Betriebswohnungen umgebaut.

Logo der Marke Decelith aus dem Jahr 1958[3]; ein ähnliches Logo war seit den 1930er Jahren u. a. für die Schallplattenherstellung in Gebrauch

1936 kam die Produktion eines Kunststoffes namens Decelith auf Grundlage von Polyvinylchlorid zur Produktionspalette hinzu. Das Decelith (hart) wurde als Halbfabrikat in Form von Tafeln, Platten, Folien und Rohren angeboten, das mit Weichmachern versetzte Decelith (weich) wurde für die weitere Produktion von Folien, Platten, Schläuchen und Schallplatten hergestellt. Der große Absatz von Schallplatten sorgte dafür, dass eine eigene Abteilung eingerichtet wurde. Für den Zweiten Weltkrieg ging man wieder zur Kriegsproduktion über. So wurde in der Fabrik hauptsächlich Schießpulver hergestellt, die Decelith-Produktion wurde aufrechterhalten, da der Stoff in den Kriegsjahren als Ersatz für Fensterglas benutzt wurde.

Nach dem Krieg wurden die Film- und Schallplatten-Produktion als Reparation demontiert. Zelluloid sowie Kollodiumwolle und die Decelith-Herstellung wurden fortgesetzt. 1946 bestimmte die sowjetische Werkleitung die Einrichtung einer Wasserstoffperoxidanlage, die 1948 in Betrieb ging. Ein Jahr später wurde die Produktion von Kaliumpersulfat und Derivaten von Wasserstoffperoxid aufgenommen. 1950 eröffnete die Herstellunglinie von Perkasil, einer Additionsverbindung von Wasserstoffperoxid an Natriumcarbonat, die als Sauerstoffträger für die Waschmittelindustrie benötigt wurde. Im selben Jahr nahm man auch die Produktion von Fahrradbereifung unter dem Namen Krepp-Decelith auf Basis von Decelith (weich) auf. Aufgrund mangelnder Qualität konnte sich das Produkt jedoch nicht durchsetzen, die Herstellung wurde nach kurzer Zeit wieder eingestellt.

Als das Werk 1953 in Besitz der DDR überging, wurde die Herstellung von Decelith-Halb- und Fertigfabrikaten weiter ausgebaut, die hauptsächlich von der Bauindustrie benötigt wurden. Da das ECW den Bedarf allein nicht decken konnte, wurden neue Werke in unter anderem in Osternienburg errichtet, die sich darauf spezialisierten. 1958 nahm der Betrieb die Produktion von transparenten Schläuchen aus PVC auf, die für Milchleitungen in Melkanlagen gebraucht wurden. In den 1950er Jahren wurden neue thermoplastische Kunststoffe in das Programm aufgenommen. So kam 1959 die Produktion von Halbzeugen des thermoplastischen PS-Kunststoff unter dem Namen Saxerol zur Produktpalette hinzu, die weiterverarbeitet unter anderem bei der Innenverkleidung von Kühlschränken Verwendung fanden. Im selben Jahr begann die Herstellung von Polyethylen und Polypropylen in Form von Tafeln, die unter der Marke Saxolen vertrieben wurden und zum Beispiel in der Galvanotechnik sowie der Luft- und Klimatechnik gebraucht wurden. 1963 wurden organische Peroxide mit in die Produktion aufgenommen, zum Beispiel Dibenzoylperoxid.

Von 1961 bis 1964 wurde eine neue Celluloseacetat-Abteilung aufgebaut, die die DDR unabhängig von Westimporten machen sollte, der Probebetrieb startete Anfang Mai 1963. Das ECW war Alleinhersteller dieses Produktes in der DDR. Der Produktionsausstoß betrug etwa 6.000 Tonnen jährlich, was jedoch nur den Inlandsbedarf abdecken konnte. Mit Hilfe von Weichmachern und anderen Stoffen wurde das Cellulose-Acetat auch granuliert. Aus diesem Granulat, das unter dem Handelsnamen Saxetat geführt wurde, wurden später Griffe von Handwerkzeugen, Kämme, Bürsten oder Sanitärartikel hergestellt. 1976 und 1977 wurde eine Anlage für Celluloseacetat-Tafeln aufgebaut, die für die Herstellung von Brillenfassungen von Bedeutung waren. 1979 wurde eine neue Alkoholisierungsanlage für die Cellulosenitrat-Abteilung in Betrieb genommen. 1981 nahm der erste Roboter im ECW seine Arbeit in der Palettierung der Granulatsäcken auf.

Nach der Wende waren die meisten Betriebsteile nicht konkurrenzfähig und mussten nach und nach schließen. Bis heute wird vom Polyplast Compound Werk das Decelith (hart und weich) hergestellt, sowie der TPE-Compound Saxomer, der PP-Compound Saxene und der PA-Compound Saxomid.

Energieversorgung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Altes Kesselhaus kurz vor dem Abriss 2007; Reste der alten Kohlebandanlage sind noch erhalten

Im Jahre 1916 wurde erstmals ein werkseigenes Kraftwerk errichtet. Es verfügte über zehn Dampferzeuger mit je 10 Tonnen Dampf pro Stunde. Mit einer verkleideten Bandanlage wurde die Kohle von der Entladestelle zum Kesselhauses transportiert. 1935 wurde zudem südlich des eigentlichen Betriebsgeländes ein Heizhaus mit zwei Kohlestaubkesseln mit je 30 Tonnen Dampf pro Stunde errichtet. Damit hatte die Fabrik für kurze Zeit zwei nebeneinander bestehende Heizwerke. 1945 wurden sowohl drei Kessel des alten Heizhauses, als auch die Bandanlage und die beiden Kohlestaubkessel als Reparation von der Sowjetarmee abgebaut.

In den Anfangsjahren wurde die entstandene Asche auf Loren abtransportiert und zu den verschiedenen Ablagerungsorten gefahren. 1953 ging man dazu über, die Asche im so genannten Ascheverspülungsverfahren mit Wasser zu vermischen und über ein Rohrsystem in das Überflutungsgebiet der Lossa östlich des Betriebsgeländes zu leiten.

Als in den 1950er Jahren mit Aufnahme weiterer Produktionen die von den sieben verbliebenen Kesseln erzeugte Energie nicht mehr ausreichte, wurde an der Stelle, an der sich bis 1945 die beiden Kohlestaubkessel befanden, ein neues Heizwerk mit zwei Rostfeuerungskesseln errichtet. 1954 begann der Bau des Werkes, der 1957 mit Inbetriebnahme des zweiten Kessels vorerst abgeschlossen war. Als Anfang der 1960er Jahre die Abteilung für Celluloseacetat aufgebaut wurde, mussten im neuen Heizhaus zwei weitere Kessel den Betrieb aufnehmen. Diese hatten jeweils eine Leistung von 64 Tonnen Dampf pro Stunde. Gleichzeitig wurde südlich des neuen Heizwerkes ein Kohlebunker mit Entladestation für Kohleganzzüge errichtet. Das alte Kesselhaus war von nun an nur im Bedarfsfall bis zur endgültigen Abschaltung 1967 am Netz.

Direkt neben dem alten Heizhaus befand sich das ebenfalls 1916 errichtete Turbinenhaus, das mit vier Dampfturbinen insgesamt eine Leistung von 16,2 Megawatt hatte. Das ECW war verpflichtet, aus dem werkseigenen Kraftwerk Strom in das Verbundnetz einzuspeisen. Außerdem versorgte das ECW im Stadtteil Ost 1200 Wohnungen, mehrere Kindergärten, -krippen und Schulen sowie eine Schwimmhalle mit Fernwärme. Hinzu kam die Versorgung mehrerer kleiner Industriebetriebe.

Wegen Verschleißerscheinungen an den Kesseln erhielt das ECW 1985 einen transportablen Ölheizkessel mit einer Leistung von 15 Tonnen Dampf pro Stunde. Ein Jahr später wurden die beiden in den 1950er Jahren in Betrieb genommenen Kessel saniert, so dass die ebenfalls verbrauchten Kessel aus den 1960er Jahren in der Leistung zurückgefahren werden konnten. Das verbliebene Heizwerk wurde in den 1990er Jahren stillgelegt und 2001 abgebrochen, 2007 folgte das seit 1967 ungenutzte alte Kesselhaus.

Beschäftigtenzahl[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Entwicklung der
Beschäftigtenzahl[4][5][6]
1888 142
1899 300
1911 400
1914 730
1931 922
1932 687
1936 1.432
1937 1.652
1960 2.434
1987 2.296

Das Unternehmen nahm in den 1880er Jahren seinen Betrieb mit etwa 140 Mitarbeitern auf. Anfang des 20. Jahrhunderts erschloss sich die Aktiengesellschaft weitere Geschäftsfelder, so dass der Produktionsstandort weiter wuchs. Damit stieg auch die Zahl der Beschäftigten stark an, 1911 auf 400. Zum Ausbruch des Ersten Weltkrieges umfasste die Belegschaft etwa 730 Arbeiter. Während des Krieges, als die Produktion hauptsächlich auf Schießbaumwolle umgestellt wurde, war ein sprunghafter Anstieg auf bis zu 2.000 zu verzeichnen. Nach dem Krieg nahm die Zahl wieder ab. Ein starker Einbruch der Beschäftigtenzahl liegt in den Auswirkungen der Weltwirtschaftskrise 1929 begründet: mit noch über 900 Mitarbeitern im Jahr 1931 sank die Zahl im Laufe des Jahres 1932 auf unter 700. Schon zum Ende des Jahres 1932 stieg die Zahl wieder leicht auf 740, etwa der Belegschaftsstärke der Vorkriegsproduktion. Mit diesen Zahlen war das Unternehmen allerdings diese Zeit über immer noch der mit Abstand größte Arbeitgeber Eilenburgs.

Mit Entwicklung des Decelith-Kunststoffes und der allgemeinen wirtschaftlichen Erholung in den 1930er Jahren stieg die Mitarbeiterzahl wieder an. Bis 1937 stieg die Beschäftigtenzahl auf über 1.600 stark an. Dieser Aufwärtstrend setzte sich auch in den Jahren des Zweiten Weltkrieges fort, als in der Fabrik vorrangig Schießpulver hergestellt wurde. Die Arbeiterschaft setzte sich zu großen Teilen aus Fremdarbeitern und Kriegsgefangenen zusammen, die Zahl überstieg in jenen Jahren die Marke von 2.500 Beschäftigten. Nach dem Krieg wurde der Betrieb im Juni 1945 mit etwa 160 Leuten wieder aufgenommen. Durch die Beseitigung der Kriegsschäden und der Errichtung neuer Produktionsanlagen, wie der Celluloseacetat-Abteilung wurde die Mitarbeiterzahl wieder stark gesteigert; Anfang der 1960er lag sie bei über 2.400 Arbeitern. Dieses Niveau wurde bis zur Wiedervereinigung etwa gehalten, wenngleich 1987 mit knapp 2.300 Arbeitskräften bereits ein leichter Rückgang zu verzeichnen war. Heute arbeiten auf dem gesamten ehemaligen Betriebsgelände noch etwa 125 Menschen.

Werksbahn[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Fakten ECW-Werksbahn (Stand 1984)[7]
Spurweite 1435 mm
Gleislänge 10 km
Anzahl Weichen 42
davon:
Kreuzungsweichen
 
2
Anzahl Lokomotiven 12
davon:
Dampfspeicherloks
Kleinloks
Dampfloks
 
7
4
1

Die Planungen für eine Werksbahn begannen bereits wenige Jahre nach der Eröffnung des Werkes. Diese beinhalteten auch den Anschluss zweier nahe gelegenen Ziegeleien. Am 23. September 1892 wurde der Betrieb aufgenommen, der in den Anfangsjahren noch komplett von der Preußischen Staatsbahn übernommen wurde. Während des Ersten Weltkrieges setzte ein großes Wachstum des Betriebes und damit des Werksbahnnetzes ein. Es entstanden mehrere Ladestellen; für das Wenden der Lokomotiven gab es damals 17 Drehscheiben, die ausschließlich per Muskelkraft bedient werden konnten.

Da der Umfang des Güterverkehrs dadurch zunahm, ging der Anschlussbahnbetrieb 1917 in die Verantwortung des Unternehmens über. Der werkseigenen Bahnabteilung standen zu Beginn zwei Lokomotiven zur Verfügung. Es handelte sich dabei um eine Dampfspeicherlokomotive und eine Dampflokomotive. Erstere übernahm den Betrieb auf dem Werksgelände, da die Explosionsgefahr in den Betriebsteilen der Nitrozellulose- und Zelluloid-Herstellung bei dem Einsatz von Dampflokomotiven zu hoch gewesen wäre. Die Dampflokomotive war für die Beförderung der Übergabegüterzüge zwischen dem Betriebsbahnhof und dem Anschlussbahnhof zuständig.

Kohlebunker (links), Werksbahngleis zur Hauptbahn, Entladestelle für Kohlezüge (rechts, 2008 abgebrochen)

Nach dem Krieg kamen zwei Kleinlokomotiven zum Fuhrpark hinzu. Diese waren hauptsächlich für den betriebsinternen Verkehr zuständig. Darüber hinaus gab es einen Stückgutverkehr zwischen dem Werk und dem Bahnhof Eilenburg. Die Betriebsabläufe auf dem viergleisigen Anschlussbahnhof unterstanden dem 1927 errichteten Stellwerk Aw, das sich am Abzweig der Bahnstrecke Eilenburg–Wurzen von der Hauptbahn Halle–Cottbus befand. Mitte der 1930er Jahre kam es zu einem weiteren Ausbau des Netzes. Dazu gehörte auch die Erweiterung des Betriebsbahnhofes und des Werkslokschuppens, der mit vier Ständen ausgestattet war. Gleichzeitig wurde der seit Betriebsaufnahme der Werksbahn bestehende und seit 1918 nicht mehr benötigte Anschluss an eine Ziegelei zurückgebaut. Die im Zweiten Weltkrieg erfolgte Umstellung auf Kriegsproduktion sorgte für ein starkes Ansteigen des Güterverkehrsaufkommens. Um dieses zu bewältigen, schaffte sich der Betrieb 1944 eine stärkere Dampfspeicherlok an. Diese war allerdings zu schwer für die manuellen Drehscheiben, so dass sie etwa zehn Jahre später an die Filmfabrik Wolfen abgegeben wurde.

Dampfspeicherlok des Raw Meiningen als technisches Denkmal auf dem ehemaligen Werksgelände

Der Gleiskörper und die Fahrzeuge befanden sich nach dem Krieg in schlechtem Zustand. Dennoch hielt man an der Werksbahn fest. Mit der Eröffnung weiterer Betriebsteile in den 1950er und 1960er Jahren kamen mehrere Gleiskilometer zum bestehenden Netz hinzu. Gleichzeitig wurden die meisten Drehscheiben ausgebaut und durch Weichen ersetzt, übrig blieben zwei mittlerweile auf elektrischen Betrieb umgestellte Drehscheiben am Wasserturm und an der alten Betriebskantine, da die Gleise im zentralen Teil des Werkes (nördlich der F 87) teilweise dem dort rechtwinkligem Straßennetz folgtem. Die Waggons wurden, nachdem sie gedreht wurden, z. T. per Seilwinde von den Drehscheiben heruntergezogen. Zudem legte sich die Fabrik neue Dieselloks der Baureihe V 15 / V 18 und Dampfspeicherloks aus DDR-Produktion zu. Der Einsatz der Dieselloks wurde jedoch später reduziert, da Diesel nicht ausreichend zur Verfügung stand. In den 1970er Jahren wurde zusätzlich zum Betriebsbahnhof ein Containerbahnhof im Nordosten des Werksgeländes in Betrieb genommen, womit das Schienennetz seine größte Ausdehnung erreichte. Da es fast bis zum Dermatoidwerk reichte, war eine Verbindung beider Werksbahnen angedacht; damit hätte der Güterverkehr des ECW nicht weiterhin die Fernverkehrsstraße 87 überqueren müssen, was zu erheblichen Staus führte. Die Pläne wurden jedoch nie realisiert. 1987 wurde mit einer Dampfspeicherlok des Raw Meiningen die letzte Lokomotive der Werksbahn in Betrieb gestellt. Sie war hauptsächlich als Ersatz für die nur eingeschränkt nutzbaren Dieselloks angeschafft worden.

Nach der Wiedervereinigung und der Umstellung auf die Marktwirtschaft wurden nach und nach zahlreiche Betriebsteile geschlossen, damit nahm auch der Werksbahnverkehr ab. 1994 begann die Demontage nicht mehr genutzter Gebäude und Anlagen. Die letzten Aufträge der Werksbahn bestanden in der Beförderung von Schutt- und Schrottzügen. Am 16. Dezember 1998 wurde der Verkehr nach 106 Betriebsjahren offiziell eingestellt. Einen Tag später wurden die verbliebenen Lokomotiven abgezogen und gingen in den Bestand privater Eisenbahnunternehmen über oder wurden verschrottet. Die 1987 in Dienst gestellte Dampfspeicherlok aus dem Raw Meiningen wurde aufbereitet und auf dem ehemaligen Werksgelände als technisches Denkmal aufgestellt. Als erstes wurde der Containerbahnhof zurückgebaut, um Platz für eine Umgehungsstraße zu schaffen. Danach folgten die Bahnübergänge über die B 87. Die letzten Reste des Gleiskörpers verschwanden mit dem Rückbau der letzten ungenutzten Produktionshallen im Jahr 2009.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Wolfgang Beuche: Die Industriegeschichte von Eilenburg Teil I, 1803–1950, Books on Demand, Norderstedt 2008, ISBN 978-3-8370-5843-7
  • Wolfgang Beuche: Die Industriegeschichte von Eilenburg Teil II, 1950–1989, Books on Demand, Norderstedt 2009, ISBN 978-3-8391-3043-8

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Informationen zum ehemaligen Logo des ECW auf den Seiten des Deutschen Patent- und Markenamtes
  2. Kathrin Kabelitz: Polyplast Compound: Neue Produktionshalle entsteht in Leipziger Volkszeitung, 5. Oktober 2012
  3. Informationen zum ehemaligen Logo der Kunststoffmarke Decelith auf den Seiten des Deutschen Patent- und Markenamtes
  4. Wolfgang Beuche: Die Industriegeschichte von Eilenburg Teil I, 1803–1950, Books on Demand, Norderstedt 2008, ISBN 978-3-8370-5843-7
  5. Pädagogisches Kreiskabinett Eilenburg (Hrsg.): Kreis Eilenburg vorgestellt, Eilenburg 1987
  6. Rolf Vettermann, Andreas Flegel: Geschichte der Stadt Eilenburg, Kapitel 7 und 8, Eilenburg 1989
  7. Steffen Reichert: Die Betriebseinstellung der ECW-Werkbahn jährte sich zum zehnten Mal in Amtsblatt Eilenburg, 30. Januar 2009

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Eilenburger Chemiewerk – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
 Commons: Abriss des Eilenburger Chemiewerkes – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Koordinaten: 51° 27′ 49″ N, 12° 38′ 45″ O