Exportweltmeister

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Deutsche Import- und Exportzahlen bis 2004

Mit dem SchlagwortExportweltmeister“ wird allgemein der Staat bezeichnet, der innerhalb eines Jahres weltweit den höchsten Gesamtwert an Waren exportiert. Die Ermittlung des Exportweltmeisters erfolgt üblicherweise in US-Dollar, in Euro oder in zu Kaufkraftparitäten umgerechneten Wechselkursen.

In der Währung Euro wurde im Jahr 2009 erstmals die Volksrepublik China mit Exporten im Wert von 840 Milliarden Euro Exportweltmeister, während Deutschland an zweiter Stelle mit Exporten im Wert von 816 Milliarden Euro folgte[1][2].

Geschichte[Bearbeiten]

Exporte und Exportüberschüsse im Verhältnis zum BIP

Im 20. Jahrhundert bis 2002 waren die USA mit wenigen Ausnahmen (Deutschland 1986, 1987, 1988 und 1990) der Exportweltmeister. Von 2003 bis 2008 hat Deutschland diese erste Position übernommen. Seit 2009 hat China die erste Position inne.

Die vormals führenden USA wurden von 2003 bis 2010 nur noch Zweiter oder Dritter. Großbritannien verlor schon 1960 seine langjährige zweite Position an Deutschland und 1971 seine dritte Position an Japan. Japan war 1971 bis 2003 kontinuierlich Dritter nach den USA und Deutschland, wurde dann aber 2004 von China aus dieser dritten Position verdrängt. China stieg 2007 und 2008 zum Zweiten auf und ist seit 2009 Erster in dieser Wertung (siehe auch Welthandel/Tabellen und Grafiken).[3]

In der Abbildung sind für die Vereinigten Staaten, Japan und Deutschland die Exporte im Verhältnis zum jeweiligen Bruttoinlandsprodukt (BIP) dargestellt, außerdem der Nettoexport im Verhältnis zum BIP.

Beurteilung[Bearbeiten]

Investitionsquoten in der Triade
Spiegelbildlich zu Exportüberschüssen bestehen negative Kapitalbilanzsalden Deutschlands

Die starke Exportorientierung hat für die deutsche Wirtschaft Vorteile:

  • Der Exportanteil beträgt heute 40% der deutschen Wirtschaftsleistung (1999 waren es noch 25%). Der Importanteil beträgt 33% der deutschen Wirtschaftsleistung. Die starke Vernetzung mit dem Welthandel bedingt, dass sich die deutsche Wirtschaft trotz Eurokrise besser entwickelt als viele andere Euro-Länder, weil das Exportwachstum die dämpfende Wirkung der europäischen Wirtschaftskrise z.T. kompensiert.[4]
  • Die deutschen Unternehmen sind global Wettbewerbsfähig.[5]

Die starke Exportorientierung hat für die deutsche Volkswirtschaft auch Nachteile:

  • Deutschland ist besonders anfällig für Konjunkturschwankungen. So hat die Finanzkrise ab 2007 und Weltwirtschaftskrise ab 2007 Deutschland härter getroffen als fast alle anderen Industrienationen.[6]
  • Hohe Wettbewerbsfähigkeit und hohe Exporte führen nicht automatisch zu hohem Wohlstand. Trotz starker Exportzuwächse hat sich das deutsche Bruttoinlandsprodukt von 2000 - 2014 schwächer Entwickelt als in den meisten anderen Industriestaaten.[7] Sowohl die Reallohnentwicklung als auch der Zuwachs des Pro-Kopf-Einkommens fiel in Deutschland geringer aus als in anderen Industrieländern.[8] Der Grund liegt drin, dass der Zuwachs an preislicher Wettbewerbsfähigkeit kaum durch Produktivitätsfortschritt, sondern ganz überwiegend durch Lohnzurückhaltung erzielt wurde. Ein solches Wirtschaftsmodell kann keinen Wohlstand erzeugen.[9]

Die Erzielung von dauerhaften Leistungsbilanzüberschüssen (= die deutsche Wirtschaft exportiert mehr Waren und Dienstleistungen an das Ausland als sie vom Ausland importiert) hat für die deutsche Wirtschaft folgende Nachteile:[10]

  • In einer Volkswirtschaft die dauerhaft mehr produziert als konsumiert leben die Menschen ökonomisch eingeschränkter als sie müssten, "sie leben unter ihrem Niveau".
  • Permanente Exportüberschüsse stellen sich in der Kapitalbilanz als permanenten Kapitalexport dar. Diese Kapitalexporte kommen den "Konkurrenzvolkswirtschaften" in Form von Krediten oder Direktinvestitionen zugute. Die deutsche Volkswirtschaft fördert so ihre ausländische Konkurrenz, während für die deutsche Volkswirtschaft die Investitionsmittel verloren gehen.
  • Spiegelbildlich zu permanenten deutschen Leistungsbilanzüberschüssen muss es Länder geben, die permanent Leisstungsbilanzdefizite habe, die "über ihrem Niveau leben". Dies kann auf Dauer zu einer Schuldenkrise führen, die wiederum dazu führt, dass ein Teil oder alle deutschen Forderungen abgeschrieben werden müssen.

Beispielsweise sieht Hans-Werner Sinn die deutsche Exportorientierung als überholt an. Die alte Strategie, Maschinen gegen Lehman-Brothers-Zertifikate zu verkaufen, habe nicht funktioniert. Auch der amerikanische Ökonom Adam Posen ist der Ansicht, dass eine ausgewogenere Struktur mehr Wohlfahrtsgewinne bringe als eine reine Exportorientierung.[11] Nach Ansicht von Marcel Fratzscher ist eine starke Exportorientierung nicht per se schlecht, so wie sie in Deutschland seit dem Jahr 2000 betrieben wird funktiere sie aber nicht gut. Das Potential eine Volkswirtschaft Wirtschaftswachstum und Wohlstand zu erzeugen hängt eng mit dem Produktivitätszuwachs zusammen, der wiederum stark mit der Investitionsquote zusammenhängt. Weil Deutschland seit 2000 eine sinkende Investitionsquote aufweist (2014 betrug sie 17%, so gering wie in kaum einem anderen Industrieland), war das Wirtschaftswachstum und das Wachstum des Pro-Kopf-Einkommens in Deutschland sehr gering und wird es bis auf weiteres auch sehr gering bleiben. Statt zu investieren sparen die Deutschen sehr viel und recht schlecht. Seit 2000 ist deutsches Vermögen in Höhe von 15% der jährlichen Wirtschaftsleistung im Ausland verloren gegangen.[12]

Basarökonomiethese[Bearbeiten]

Bei dem global zunehmenden Handel kommt es nicht nur zu einem Zuwachs von Exporten, sondern auch von Importen bzw. importieren Vorleistungen. Einige Ökonomen, wie zum Beispiel Hans-Werner Sinn, sind wegen dieses Zuwachses der importierten Vorleistungen der Ansicht, dass Deutschland zu einer Basarökonomie verkommt. Von 2003 bis 2005 war Deutschland zwar "Exportweltmeister", hatte aber gleichzeitig eine steigende Arbeitslosigkeit zu verzeichnen. Dies lag daran, dass nicht nur die Exporte, sondern auch die Importe bzw. importierten Vorleistungen zunahmen.[13]

Dieser steigende Anteil importierter Vorleistungen an den Exporten lässt sich nach Lester C. Thurow über eine verstärkte internationale Arbeitsteilung auf die zunehmende weltwirtschaftliche Verflechtung zurückführen. Empirisch lässt sich bestätigen, dass der Anteil der Importe an den deutschen Exporten in den letzten Jahren zugenommen hat; allerdings liegt er nach wie vor unter dem vergleichbarer Länder, so dass derzeit entweder (noch) nicht von einer Basarökonomie gesprochen werden kann, oder dies auf die im Zuge der Globalisierung zunehmende Handelsverflechtung als weltweite Erscheinung hinzunehmen ist. Der Anteil deutscher Wertschöpfung an den deutschen Exportprodukten beträgt 3/4 und ist damit nach wie vor sehr signifikant.[14]

Literatur[Bearbeiten]

  • Alexander Loschky, Liane Ritter: Konjunkturmotor Export (PDF). In: Wirtschaft und Statistik 05/2007, Statistisches Bundesamt, Wiesbaden 2007.

Siehe auch[Bearbeiten]

Rundfunkberichte[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. China ist Exportweltmeister – die tageszeitung, 11. Januar 2010
  2. Deutschland abgehängt – China ist neuer Exportweltmeister – Spiegel Online, 6. Januar 2010
  3. Exportweltmeister Deutschland – Titel auf Zeit? – PDF des Statistischen Bundesamtes
  4. Marcel Fratzscher, Die Deutschland-Illusion: Warum wir unsere Wirtschaft überschätzen und Europa brauchen, Carl Hanser Verlag GmbH Co KG, 2014, ISBN 9783446441453, Kapitel "Deutschland, der Exportweltmeister"
  5. Marcel Fratzscher, Die Deutschland-Illusion: Warum wir unsere Wirtschaft überschätzen und Europa brauchen, Carl Hanser Verlag GmbH Co KG, 2014, ISBN 9783446441453, Kapitel "Deutschland, der Exportweltmeister"
  6. R. Reuter, Exportweltmeister in der Krise - Experten fordern Umorientierung, GBI Genios Wirtschaftsdatenbank GmbH, 2009, ISBN 9783737916530
  7. Marcel Fratzscher, Die Deutschland-Illusion: Warum wir unsere Wirtschaft überschätzen und Europa brauchen, Carl Hanser Verlag GmbH Co KG, 2014, ISBN 9783446441453, Kapitel "Die gespaltene Volkswirtschaft"
  8. R. Reuter, Exportweltmeister in der Krise - Experten fordern Umorientierung, GBI Genios Wirtschaftsdatenbank GmbH, 2009, ISBN 9783737916530
  9. Marcel Fratzscher, Die Deutschland-Illusion: Warum wir unsere Wirtschaft überschätzen und Europa brauchen, Carl Hanser Verlag GmbH Co KG, 2014, ISBN 9783446441453, Kapitel "Die gespaltene Volkswirtschaft"
  10. Mark Spoerer, Jochen Streb, Neue deutsche Wirtschaftsgeschichte des 20. Jahrhunderts, 2013, ISBN 978-3-486-76656-1, De Gruyter, S. 250
  11. R. Reuter, Exportweltmeister in der Krise - Experten fordern Umorientierung, GBI Genios Wirtschaftsdatenbank GmbH, 2009, ISBN 9783737916530
  12. Marcel Fratzscher, Die Deutschland-Illusion: Warum wir unsere Wirtschaft überschätzen und Europa brauchen, Carl Hanser Verlag GmbH Co KG, 2014, ISBN 9783446441453, Kapitel "Vorwort"
  13. Glossar zum ifo-Wirtschaftskompass, Exportweltmeister
  14. Marcel Fratzscher, Die Deutschland-Illusion: Warum wir unsere Wirtschaft überschätzen und Europa brauchen, Carl Hanser Verlag GmbH Co KG, 2014, ISBN 9783446441453, Kapitel "Deutschland, der Exportweltmeister"