Gemeinwohl-Ökonomie

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Als Gemeinwohl-Ökonomie werden seit den 1990er Jahren verschiedene Konzepte und alternative Wirtschaftsmodelle bezeichnet, die eine Orientierung der Wirtschaft am Gemeinwohl, Kooperation und Gemeinwesen in den Vordergrund stellen. Auch Menschenwürde, Solidarität, ökologische Nachhaltigkeit, soziale Gerechtigkeit und demokratische Mitbestimmung („Partizipation“) werden als Werte der Gemeinwohl-Ökonomie bezeichnet.

Begriffsgeschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Erste Ansätze wurden in den 1990er Jahren von Joachim Sikora, Bernd Winkelmann, Hans Diefenbacher und Richard Douthwaite entwickelt. 2010 gründete Christian Felber in Wien den „Verein zur Förderung der Gemeinwohl-Ökonomie“ für ein Wirtschaften, das auf Kooperation statt Konkurrenz setzt.[1] Außerdem ist er Initiator des Projektes Bank für Gemeinwohl und stellvertretender Aufsichtsratsvorsitzender der projekttragenden Genossenschaft.[2][3] Die Gemeinwohl-Ökonomie soll eine Systemalternative zur Marktwirtschaft und der Planwirtschaft sein – zum Teil auch deren Synthese.

Gemeinwohlbilanz[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Ermittlung welchen Beitrag ein Unternehmen/Gemeinde/Land/Privatperson zum Gemeinwohl leistet, kann über die Gemeinwohl-Bilanz ermittelt werden. Als Kriterien werden Menschenwürde, Solidarität und Gerechtigkeit, ökologische Nachhaltigkeit, Transparenz und Mitentscheidung herangezogen.[4]

Gemeinwohl-Ökonomie als gesellschaftliche Bewegung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Seit der Entstehung 2010 haben sich über 2200 Unternehmen, ca. 400[5] Organisationen und über 9000 Personen der Initiative angeschlossen. Rund 100 Regionalgruppen (Stand Juni 2017) haben sich gebildet.[6] Schwerpunkte bilden dabei die DACH-Staaten, weitere Staaten in Europa sowie in Südamerika.

Die Einbettung der Gemeinwohl-Ökonomie in das europäische Wirtschaftssystem und Wirtschaftsprogramm Europa 2020 wurde ab Februar 2015 im Europäischen Wirtschafts- und Sozialausschuss diskutiert. Der Ausschuss nahm eine zehnseitige Initiativ-Stellungnahme am 17. September 2015 mit 86 % Stimmenmehrheit an und „erachtet das Modell als geeignet, in den Rechtsrahmen der EU und ihrer Mitgliedschaften integriert zu werden“.[7][8]

Der Bericht des Club of Rome von 2017 bringt Beispiele für seine Analyse, wonach die Welt – trotz aller Widerstände – sich auf dem Weg einer sozialen Transformation zu globaler Nachhaltigkeit befindet; als eines dieser Beispiele wird die Gemeinwohl-Ökonomie vorgestellt.[9]

Kritik durch Wirtschaftskammern[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Wirtschaftskammer Österreich veröffentlichte am 27. August 2013 eine „umfassende und kritische Analyse“ mit dem Titel „Gemeinwohl-Ökonomie auf dem Prüfstand“;[10] Hauptkritikpunkte waren im Vergleich zum österreichischen Modell der Ökosozialen Marktwirtschaft

  • die Gemeinwohl-Ökonomie gehe von Wertungen aus,
  • schränke Eigentums- und Freiheitsrechte ein,
  • wolle Marktwirtschaft und Konkurrenz abschaffen,
  • die Individuen einem Gemeinwohl-Gremium unterwerfen,
  • sie sei bürokratisch und ineffektiv,
  • außerdem nur weltweit durchsetzbar, nicht von einzelnen Ländern.

Die Wirtschaftskammer Steiermark brachte 2013 eine Broschüre ähnlichen Inhalts zu den Themen Wachstumskritik und Gemeinwohl-Ökonomie heraus. Felber setzte sich ausführlich mit den Kritikpunkten auseinander:[11]

  • Es gebe keine wertfreien Aussagen darüber, wie die Wirtschaftsordnung beschaffen sein soll. Auch das ökosoziale Modell gehe von Wertungen aus.
  • Jede Wirtschaftsordnung müsse demokratisch legitimiert werden, diese Legitimation fehle gerade dem bestehenden liberalen System.
  • Schrankenlose Freiheit sei keine sinnvolle Freiheit. Die größtmögliche Freiheit aller sei nur möglich, wenn sie begrenzt sei, um Machtkonzentration auszuschließen.
  • Das Gemeinwohlprinzip sei in vielen Verfassungen festgelegt.
  • Verpflichtung zu ethischem Verhalten sei keine unzulässige Einschränkung der Freiheit.

2010 bezeichnete der Unternehmer Mirko Kovats, Mehrheitseigner der noch im gleich Jahr insolvent gewordenen A-Tec Industries, in einem Streitgespräch mit Felber das Modell der Gemeinwohl-Ökonomie als „weltfremd“.[12] 2011 sah der ehemalige Chefökonom der österreichischen Industriellenvereinigung Erhard Fürst, heute ein Kritiker der Klimapolitik, in der Gemeinwohl-Ökonomie einen „Wegweiser in Armut und Chaos“.[13]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Hannes Koch: Der Finanzmissionar In: die tageszeitung 14. April 2012.
  2. Christian Felber: Lebenslauf. Abgerufen am 19. Juni 2018.
  3. Christian Felber – Genossenschaft für Gemeinwohl. Abgerufen am 19. Juni 2018.
  4. Susanne Meier: Menschlichkeit statt Finanzgewinn: 16 Tiroler Pionier-Unternehmen erstellen erstmals eine Gemeinwohlbilanz, indem sie ihre Firma in Punkten wie soziale Gerechtigkeit und ökologische Nachhaltigkeit bewerten. In: Tiroler Tageszeitung, 17. November 2012
  5. Gemeinwohl-Unternehmen. Abgerufen am 28. November 2018.
  6. Liste der GWÖ-Regionalgruppen (Memento des Originals vom 3. September 2017 im Internet Archive) i Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.@1@2Vorlage:Webachiv/IABot/www.ecogood.org. Website des Vereins zur Förderung der Gemeinwohl‐Ökonomie, Wien. Abgerufen am 20. Juni 2017.
  7. Presseinformation: Gemeinwohl-Ökonomie in Brüssel angenommen vom 18. Oktober 2015, abgerufen am 12. Februar 2017
  8. Stellungnahme des Europäischen Wirtschafts- und Sozialausschusses zum Thema „Die Gemeinwohl-Ökonomie: Ein nachhaltiges Wirtschaftsmodell für den sozialen Zusammenhalt“ (pdf; 293 kB; 11 Seiten), vom 17. September 2015, abgerufen am 12. Februar 2017
  9. Ernst Ulrich von Weizsäcker, Anders Wijkman u. a.: Wir sind dran. Club of Rome: Der große Bericht. Eine neue Aufklärung für eine volle Welt, Gütersloh 2017, S. 310–314
  10. Gemeinwohlökonomie am Prüfstand (Memento vom 4. März 2016 im Internet Archive)
  11. Anmerkungen zum Positionspapier der WK Steiermark „Wachstum und Wirtschaftsmodelle. Bruttoinlandsprodukt, Gemeinwohl-Ökonomie & Co“ (Memento des Originals vom 22. Januar 2017 im Internet Archive) i Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.@1@2Vorlage:Webachiv/IABot/economia-del-bien-comun.org, Christian Felber, 1. Juli 2013
  12. Format, Print-Ausgabe, 24. September 2010.
  13. Erhard Fürst: Ein Wegweiser in die Armut. Die Presse, 31. Januar 2011, abgerufen am 4. Juli 2017.