Diego Garcia

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Der Titel dieses Artikels ist mehrdeutig. Weitere Bedeutungen sind unter Diego Garcia (Begriffsklärung) aufgeführt.

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Diego Garcia
Satellitenbild von Diego Garcia
Satellitenbild von Diego Garcia
Gewässer Indischer Ozean
Archipel Chagos-Archipel
Geographische Lage 7° 18′ S, 72° 24′ O-7.372.4Koordinaten: 7° 18′ S, 72° 24′ O
Diego Garcia (Chagos-Archipel)
Diego Garcia
Anzahl der Inseln 4
Hauptinsel Diego Garcia
Landfläche 30 km²
Lagunenfläche 174 km²
Einwohner 4000
Klimadiagramm von Diego Garcia
GEODSS-Anlage

Diego Garcia ist nach der Landfläche das größte Atoll des Chagos-Archipels, der den letzten verbliebenen Teil des Britischen Territoriums im Indischen Ozean darstellt. Die gleichnamige Hauptinsel des Atolls ist die größte Einzelinsel des Archipels.

Lage und Daten[Bearbeiten]

Das Atoll liegt rund 750 Kilometer südlich der Insel Gan (Atoll Addu), der südlichsten Insel der Malediven, etwa 1800 Kilometer östlich der Seychellen. Diego Garcia befindet sich auf einem Mittelozeanischen Rücken, dem Zentralen-Indischen-Rücken, mitten im Indischen Ozean.

Die höchste Erhebung der Insel liegt 20 Meter über dem Meeresspiegel, der Höhendurchschnitt beträgt allerdings nur 1,2 Meter. Die Insel hat eine Fläche von rund 27 km² und eine Küstenlinie von ungefähr 69 Kilometern.

Neben der Hauptinsel Diego Garcia, die hufeisenförmig einen nahezu geschlossenen Atollring bildet, gibt es drei kleine Inseln an der 6,4 km breiten Öffnung im Norden:

  1. West Island (3,4 ha)
  2. Middle Island (6 ha)
  3. East Island (11,75 ha)

Die USA haben die Insel bis zum Jahr 2016 gepachtet und nutzen sie ausschließlich militärisch beziehungsweise geheimdienstlich. Die strategisch günstige Lage zwischen Afrika, Australien, Indien und der Arabischen Halbinsel macht die Insel für diese Nutzung interessant. Im Zuge der militärischen Nutzung wurde ein Flugplatz mit einer 3659 Meter langen Start- und Landebahn angelegt (IATA-Code NKW / ICAO-Code FJDG). Daneben befindet sich ein kleiner Hafen auf dieser Insel.

Ebenfalls aufgrund dieser Nutzung werden dort ein Mittelwellen- (1485 AM), zwei Ultrakurzwelle-Radiosender (Power 99 FM und 101.9 FM) und drei Fernsehsender (Island 8, Newsports 10 und Tropical 12) betrieben. Alle Arten der Anbindung (weitere Fernseh- und Radiosender, Telefon und Internet) werden über Satellit abgewickelt. Die dazugehörige Bodenstation wird von Cable and Wireless Diego Garcia betrieben. Auch im Ausland zu empfangen ist der Kurzwellensender American Forces Network auf den Frequenzen 12759 kHz oder 4319 kHz im oberen Seitenband. Auch in Mitteleuropa wird von Kurzwellenhörern gelegentlich ein Empfang von AFN gemeldet.

Geschichte[Bearbeiten]

Die unbewohnten Inseln wurden von dem portugiesischen Seefahrer, Entdecker und Diplomaten Pedro Mascarenhas im Jahre 1512, zunächst als Dom Garcia, zu Ehren seines Gönners, Garcia de Noronha, entdeckt.[1][2] Es wird aber allgemein davon ausgegangen, dass die Insel hauptsächlich nach Diego García de Moguer, einem Spanier in portugiesischen Diensten benannt wurde. Er leitete im Jahre 1544 eine portugiesischen Expedition und entdeckte den Chagos-Archipel. Dabei versah er die größte der Inseln mit seinem Namen. Er starb auf der Rückfahrt in der Mitte des Indischen Ozean, vor der südafrikanischen Küste. Der Zusatz im Inselnamen "Diego" kann auch von den Briten gemacht worden sein, als sie die portugiesischen Karten kopierten. Auch eine Verballhornung des Ausspruches Deo Gracias ("Gott sei Dank") kommt in Frage für die Namensnennung des Atolls. Die Einzelheiten der Entdeckung wie auch der tatsächliche Ursprung des Namens sind weiterhin nicht dokumentiert.

Bis kurz nach 1700 gehörte die Insel formell zu Portugal, danach wurde sie von Frankreich beansprucht und von Mauritius aus verwaltet. Nach dem Ende der Napoleonischen Kriege musste Frankreich Diego Garcia gemeinsam mit Mauritius an Großbritannien abtreten.

Seit dem Ende des 18. Jahrhunderts wurden die Inseln von Europäern (Plantagengründern und Bewohnern einer Leprakolonie), deren schwarzen Sklaven und später von Indern besiedelt. 1838 wurde die Sklaverei abgeschafft. 1859 gab es 338 Einwohner. 1895 wurde die erste Kirche erbaut. Die Bevölkerung, Îlois oder auch Chagossianer genannt, wuchs bis zum Ende der 1960er Jahre auf 1200 bis 2000 Personen an. Bis 1971 war der wichtigste Wirtschaftsfaktor ein aus Kokosnüssen (Kopra) gewonnenes Öl.

1965 gliederte Großbritannien die Insel aus der Verwaltung von Mauritius aus, damit Diego Garcia bei der bevorstehenden Unabhängigkeit von Mauritius im Jahre 1968 bei Großbritannien verbleiben konnte. Die Insel wurde danach von Großbritannien für 50 Jahre an die USA verpachtet.

In den folgenden Jahren wurden die Einwohner allmählich nach Mauritius und auf die Seychellen zwangsumgesiedelt, während militärische und geheimdienstliche Strukturen aufgebaut wurden. Der Regierung von Mauritius wurde eine Entschädigung für die Zwangsumsiedlung zugesagt. Aber das Geld floss nur spärlich und da die Einwohner, welche Nachfahren von afrikanischen Sklaven waren nur kreolisch sprachen und Analphabeten waren, konnten sie sich in der neuen Umgebung nur schlecht integrieren und endeten vorwiegend in den Slums von Port Louis.

Im November 2000 wurde den Îlois von einem englischen Gericht das Recht zugesprochen, in ihre Heimat zurückzukehren. Mit Hilfe eines „königlichen Edikts“ setzte sich die britische Regierung über dieses Urteil hinweg. Dies wurde 2007 von einem Berufungsgericht als „Machtmissbrauch“ verurteilt. Dem widersprach als letzte Instanz das britische Oberhaus. Eine Klage dagegen wurde beim Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte eingereicht.[3] Ende 2012 entschied der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte, dass er keine Jurisdiktion über die Sache der Chagossianer habe.[4] Anfang 2013 haben die Chagossianer Klage beim Ständigen Schiedshof in Den Haag gegen das Vereinigte Königreich eingereicht.[5]

Im April 2006 konnte eine Gruppe von 100 Chagossianern auf Kosten des British Foreign Office den Chagos-Archipel besuchen.[6]

Im April 2012 wurde eine internationale Petition an die Vereinigten Staaten eingereicht, um das Weiße Haus darum zu bitten, den Fall der Chagossianer zu überprüfen. Eine offizielle Antwort wurde auf der Petitionsseite des Weißen Hauses veröffentlicht. Darin wird die Zuständigkeit für den Fall der Chagossianer an das Vereinigte Königreich verwiesen.[7]

Die britische Regierung vertritt die Meinung, dass eine Rückkehr der Bewohner und ihrer Nachfahren erst möglich sei, wenn keine Notwendigkeit für die weitere militärische Nutzung spricht. Dies wird auch durch den Umstand bestätigt, dass der Vertrag für die militärische Nutzung durch die USA noch bis 2016 läuft. Die USA haben die Möglichkeit, den Vertrag um 20 Jahre zu verlängern.

In dem Urteil von 2000 wurde auch die britische Staatsangehörigkeit der Îlois bestätigt, womit sie gleichzeitig EU-Bürger sind.

Nach dem Unglück der Raumfähre Columbia am 1. Februar 2003 wurde Diego Garcia als Notlandeplatz für weitere Space-Shuttle-Missionen ausgewählt.[8] Es befindet sich auch eine Beobachtungsanlage (GEODSS) des Space Surveillance System auf der Insel.[9]

Das Erdbeben im Indischen Ozean 2004 wurde laut Aussage des US-Militärs ohne relevante Schäden überstanden.

Militärische Nutzung[Bearbeiten]

Geschichte[Bearbeiten]

Rockwell-B-1-Bomber auf Diego Garcia

Ab Ende der 1960er Jahre wurde auf der Insel ein gemeinsamer Militärstützpunkt Großbritanniens und der USA angelegt, auf dem normalerweise etwa 1700 Mitglieder der Streitkräfte und 2000 zivile Mitarbeiter stationiert sind. Zwischen 1966 und 1976 schlossen die beiden Regierungen drei Verträge ab, die die Nutzung regeln. 1973 nahm auf der Insel der US-Geheimdienst NSA einen Horchposten in Betrieb, um die Bewegungen sowjetischer Kriegsschiffe zu überwachen. Strategisch diente die Insel der Kontrolle und nötigenfalls der Bekämpfung des Schiffsverkehrs der Sowjetunion und des damals mit ihr verbündeten Indien im Indischen Ozean.

Es war geplant, ab 1993 vier Northrop-B-2-Bomber auf Diego Garcia zu stationieren. Erst im Zuge der Operation Enduring Freedom 2001 wurden einige Northrop-B-2-Bomber nach Diego Garcia verlegt. Die geplante Stärke von vier Maschinen wurde allerdings erst 2004 erreicht. Hierfür wurden vier goldfarbene Kuppeln errichtet; hierbei handelt es sich um Extra Large Deployable Aircraft Hangar Systems (ehemals: B-2 Shelter Program oder B-2 Shelter System), die für die Wartung der B-2 benötigt werden.

Bei den US-amerikanischen Militäraktionen in der Golfregion (Zweiter und Dritter Golfkrieg sowie den Einsätzen in Afghanistan nach den Terroranschlägen am 11. September 2001 in den USA) wurden von Diego Garcia aus Bombenangriffe geflogen.

Im August 2003 wurde bekannt, dass auf Diego Garcia ein Gefangenenlager nach dem Vorbild von Guantánamo Bay auf Kuba angelegt wurde. Der Washington Post zufolge wurden in dem kaum bekannten Lager mutmaßliche Al-Qaida-Terroristen gefangen gehalten. Bis zur zufälligen Enttarnung des Lagers handelte es sich anders als bei Guantánamo um ein komplett geheim gehaltenes Lager.

Die US-Soldaten auf Diego Garcia waren die einzigen Menschen, die 2004 auf die Warnung der US-Wetterbehörde vor dem großen Tsunami rechtzeitig reagierten und entsprechende Vorkehrungen trafen, nachdem die Flutwelle bereits Teile Südostasiens erreicht und zerstört hatte.

Aktueller Stand[Bearbeiten]

Großbritannien plant, die militärische Basis wieder stärker zu nutzen, obwohl von den rund 3.250 auf Diego Garcia stationierten Soldaten (2010) nur 50 den britischen Streitkräften angehören. Des Weiteren wurde im März 2010 ein Schifffahrtunternehmen damit beauftragt, 192 BLU-116-Sprengköpfe zu liefern. Darüber hinaus ist noch eine Vielzahl von Joint-Direct-Attack-Munition für die US Air Force geliefert worden. Dies wurde bereits im Januar 2010 durch einen Vertrag mit einem aus Florida stammenden Schifffahrtunternehmen beschlossen, das für die Ausführung des Transports 699.500 US-Dollar erhalten haben soll.[10]

Die Einrichtungen werden von der US Navy und der US Air Force gemeinsam genutzt. Der US Navy dient Diego Garcia unter anderem als Stützpunkt für Schiffsverbände zur Versorgung von Marineeinheiten sowie zum Transport von Militärgerät für Bodentruppen. Die US Air Force hat dort Einheiten mit Langstreckenbombern (hauptsächlich Boeing B-52-Bomber sowie Boeing KC-135 Stratotanker zur Luftbetankung) und AWACS-Flugzeuge stationiert.

Im Frühjahr 2007 wurde berichtet, dass die US-Streitkräfte auf Diego Garcia einen U-Boot-Hafen bauen, von dem aus umgebaute Atom-U-Boote kleinere U-Boote für gezielte, schnell vorgetragene und durchgeführte Kommandounternehmen küstennah absetzen können (vgl. United States Navy Seals).[11] Von Diego Garcia aus sind etwa der Iran oder auch Pakistan in relativ kurzer Zeit zu erreichen.

Im März 2010 wurde berichtet, dass die Ausrüstung im Jahre 2010 deutlich aufgestockt und mit der Aufrüstung von Diego Garcia begonnen würde.[12] Im April 2010 gab Großbritannien die Gründung eines Meeresschutzgebietes für das gesamte Chagos-Archipel bekannt.[13] Die militärische Nutzung durch die USA kann bis mindestens 2036 aufrechterhalten werden.[14]

Protest[Bearbeiten]

Zwei kleine Boote, die „People’s Navy”, starteten im Dezember 2007 in Richtung Chagos-Archipel, um auf die Situation der Exil-Bevölkerung aufmerksam zu machen. Nach einer 2000 Meilen langen Reise wurden Pete Bouquet und Jon Castle, die Besatzung des Bootes Musichana, am 11. März 2008 vor Diego Garcia verhaftet und am 23. März 2008 nach Singapur abgeschoben.[15]

Diego Garcia in der Fiktion[Bearbeiten]

Im Film Transformers – Die Rache ist Diego Garcia der Stützpunkt des geheimen Einsatzkommandos NEST.[16] Mit dem Punksong Diego Garcia auf ihrem Album The Stormy Petrel (2010) setzt die Band Leatherface den zwangsumgesiedelten Bewohnern der Insel ein musikalisches Denkmal.

Literatur[Bearbeiten]

  • David Vine: Island of Shame: The Secret History of the U.S. Military Base on Diego Garcia. Princeton University Press 2009.
  • Sand, Peter H. 2009: Diego Garcia. Schwarzes Loch im Indischen Ozean. In: Zeitschrift für Außen- und Sicherheitspolitik. Bd. 2. Nr. 4. S. 403-413.

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Diego Garcia – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. http://jmbd1945.blogspot.pt/2011_04_01_archive.html
  2. http://www.zianet.com/tedmorris/dg/dgtest.html
  3. Marc Engelhardt, Vertrieben aus dem Paradies, in: die tageszeitung (Berlin), Nr. 8797 vom 29. Januar 2009, S. 5; siehe auch: http://www.taz.de/1/politik/afrika/artikel/1/vertrieben-aus-dem-paradies/
  4. European court says it has ‘no jurisdiction’ on Chagos case
  5. Britain faces UN tribunal over Chagos Islands marine reserve
  6. BBC News: In pictures: Chagossians' visit
  7. The U.S. Government Must Redress Wrongs Against the Chagossians. Whitehouse.gov. Abgerufen am 4. April 2012.
  8. NSF Diego Garcia, Chagos Archipelago, Indian Ocean SPACE SHUTTLE EMERGENCY LANDING SITES, globalsecurity.org (zugriff=15.April 2010)
  9. Ground-Based Electro-Optical Deep Space Surveillance System The Federation of American Scientists website; Satellite Provides Vital Information to Military defense.gov, 1.Mai 2006, abgerufen am 4. November 2010
  10. ynetnews: US shipping arms ahead of strike on Iran (ynetnews, 17. März 2010)
  11. Lewis Page: US Navy builds Stingray-esque base in Indian Ocean (The Register, 7. April 2007)
  12. The Herald: Final destination Iran? (The Herald, 14. März 2010)
  13. Weltgrößtes Meeresschutzgebiet hat eine dunkle Seite derstandard.at, abgerufen am 4. November 2010
  14. UK Creates World’s Largest Marine Reserve. U.S.News & World Report, 2. April 2010, abgerufen am 3. September 2012 (englisch).
  15. British campaigners arrested at sea in Diego Garcia protest(The Guardian, 12. März 2008), Bombenparadies greenpeace magazin 4.08
  16. Transformers: Revenge of the Fallen guardian.co.uk, film review 19. Juni 2009 (zugriff=15.April 2010)