Hawala

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Das Hawala-Finanzsystem (arabisch حوالة, DMG Ḥawāla, von حَوَّلَ / ḥawwala / ‚wechseln, überweisen‘; Hindi: Vertrauen; auch der Begriff Avalkredit bezieht sich darauf) ist im Zahlungsverkehr ein weltweit bestehendes informelles Zahlungsverfahren, bei dem Transaktionen ausschließlich mit Bargeld erfolgen.

Allgemeines[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Hawala hat seine Wurzeln in der frühmittelalterlichen Handelsgesellschaft des Vorderen und Mittleren Orients.[1] Es ist heute jedoch nicht Teil des islamischen Bankwesens, weil Kreditinstitute nicht eingeschaltet werden.

Mit dem Hawala-System kann Bargeld schnell, vertraulich, anonym und sehr kostengünstig transferiert werden. In Deutschland ist das Hawala-Banking ohne Genehmigung und Kontrolle der BaFin verboten. Dennoch vorgenommene Hawala-Transaktionen sind strafbar.

Die Übergabe von Bargeld fördert die Anonymität bei der Bareinzahlung und bei der Barauszahlung, denn Zahlungspflichtiger und Zahlungsempfänger werden nicht registriert. Damit gehört die gesamte Zahlungskette einschließlich Hawala zur Transaktion von Schwarzgeld.

Funktionsweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Funktionsweise von Hawala (vgl. Text): 1 – A übergibt Geld (rot) an X und nennt ihm den Code (blau); 2a/2b: Code wird unabhängig voneinander an B sowie M mitgeteilt; 3a: B nennt gegenüber M das Codewort, 3b: woraufhin M weiß, dass B rechtmäßiger Empfänger ist und ihm das Geld aushändigt.

Hawala basiert hauptsächlich auf Vertrauen.

Beispiel

Eine Person A (Zahlungspflichtiger), die Bargeld an eine Person B (Zahlungsempfänger) transferieren will, muss dem „Hawaladar“ (Händler), dem sie das Bargeld übergibt, vertrauen. Person B muss andererseits ihrem Hawaladar vertrauen. Zudem dient ein zwischen A und B vereinbarter Code zur Authentifizierung gegenüber dem Hawaladar. Bei diesem Code kann es sich z. B. um ein Wort oder um Zahlen handeln.

Person A übergibt an Hawaladar X in New York 10.000 Dollar Bargeld. Dieser steht in Beziehung zu Hawaladar M in Karatschi, der an Person B dort den gewechselten Gegenwert bar auszahlt. Dabei werden Bankgebühren oder Steuern umgangen. Die vom Hawaladar einbehaltene Kommission beträgt dabei 0,25 bis 1,25 Prozent der transferierten Summe.[2] Die gesamte Transaktion kann, sofern A und B sich gleichzeitig bei ihren Hawaladaren (X und M) aufhalten, innerhalb weniger Minuten ablaufen.

Das System hat Ähnlichkeit mit den auf Geschwindigkeit ausgelegten Auslandsüberweisungssystemen von Western Union und MoneyGram mit dem Unterschied, dass bei Hawala X und M voneinander unabhängig handelnde Personen sind, wohingegen bei den genannten Banksystemen jeweils dieselbe Bank sowohl die Rolle von X als auch von M übernimmt. Ein weiterer Unterschied ist, dass sich A und B normalerweise gegenüber den Hawaladaren X und M weder identifizieren noch die Herkunft des Geldes nachweisen müssen. Außerdem können bei Hawala A und B das Codewort bereits vorher absprechen, anstatt von X eine Referenznummer zugewiesen zu bekommen.

Nun hat der Hawaladar X 10.000 Dollar Schulden bei Hawaladar M. Diese Schulden werden mit den nächsten Transaktionen, die mit den Personen A und B nichts zu tun haben müssen, wieder beglichen. Diese „Verrechnung“, die häufig nicht notwendig ist, wird dann im Rahmen gegenseitiger Warenlieferungen, Dienstleistungen oder durch Schmuck, Gold oder andere Wertgegenstände vorgenommen. In Wirklichkeit ist dieses System wesentlich komplexer.

Ein Hawaladar, der betrügt oder sich mit kriminellen Organisationen einlässt, wird früher oder später von seinen nationalen und internationalen Kollegen geächtet und meist mit Berufsverbot belegt. Er bekommt keine Aufträge mehr, und umgekehrt werden keine Aufträge mehr von ihm angenommen. Der Bestrafte verliert mindestens seine Einlage, sein Geschäft und die Reputation in seiner religiösen bzw. ethnischen Gemeinschaft.

Das Büro eines Hawala-Händlers befindet sich häufig innerhalb eines regulären Geschäftes wie einem Einzelhandelsgeschäft, einem Import-Export-Unternehmen oder einer religiösen oder sozialen Einrichtung. Die Geschäfte in einem Café oder auf der Parkbank abzuwickeln ist möglich.[3]

Rechtsfragen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In einem typischen Hawala-System sind die Übertragungen des Bargelds geheim: Es werden keine Aufzeichnungen darüber geführt oder Buchungsbelege ausgestellt, wer Absender und wer Empfänger einer bestimmten Überweisung ist. Dadurch laufen alle Maßnahmen ins Leere, die darauf abzielen, unerwünschte Aktivitäten anhand der damit verbundenen Finanzströme zu identifizieren (etwa Geldwäschegesetz). Das betrifft auch staatliche Maßnahmen

Daher ist in einigen Staaten das Hawala-System gesetzlich verboten (so in Indien). In anderen Staaten ist nicht das System an sich verboten, aber es gibt Vorschriften darüber, welche Aufzeichnungen bei Finanztransaktionen zu führen sind (die meisten westlichen Länder).

In Deutschland[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im Jahre 1998 ermittelte die Vorgängerinstitution der BaFin, das ehemalige Bundesaufsichtsamt für das Kreditwesen (BaKred), in 201 Verwaltungsverfahren gegen Unternehmen, die illegal grenzüberschreitende Transferdienstleistungen anboten. 1999 wurden weitere 284 Verfahren eröffnet.[4] Einigen Überweisungsbüros wurde eine reguläre Zulassung des BaKred gegeben, um Finanztransfers nach dem Hawala-Prinzip völlig legal und dauerhaft anzubieten – unter Beachtung der allgemeingültigen bankenrechtlichen Vorschriften.[5] 2002 wurden 120 Verwaltungsverfahren gegen nicht zugelassene, grenzüberschreitend Geld transferierende Unternehmen eingeleitet und im Jahr 2003 weitere 210 Verfahren.[6]

Wer Zahlungsverkehrsdienstleistungen ohne Erlaubnis der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) erbringt, macht sich gemäß § 54 Kreditwesengesetz strafbar.[7]

Die Hawaladare können sich auch nach anderen Vorschriften strafbar machen, beispielsweise wegen gewerbsmäßiger Steuerhinterziehung[8] oder Verstoßes gegen das Außenwirtschaftsgesetz (AWG) (bspw. Irak-Embargo gemäß § 74 Abs. 1 Außenwirtschaftsverordnung (AWV)).[9] Die Gefahr einer Strafbarkeit wegen des Außenwirtschaftsgesetzes besteht wegen des Warentransfers, der zum Ausgleich des Geldtransfers stattfindet. Sobald Waren Deutschland verlassen, um in den Zielstaat transferiert zu werden, muss geprüft werden, ob ein Embargo besteht.

Geldwäschegesetz[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Da es weder Aufzeichnungen über den Zahlungspflichtigen noch über den Zahlungsempfänger gibt, ist eine Identifizierung der Beteiligten durch Feststellung der Identität (Erheben von Angaben) und die Überprüfung der Identität gemäß § 1 Abs. 3 GwG nicht möglich. Da auch der wirtschaftlich Berechtigte gemäß § 3 GwG nicht ermittelt werden kann, handelt es sich nach § 1 Abs. 1 GwG um Geldwäsche, die als Straftatbestand gemäß § 261 StGB strafbar ist.

Rechtslage seit Juni 2009[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Seit dem 25. Juni 2009 richtet sich die Strafbarkeit des Hawala-Banking nach dem neu erlassenen Zahlungsdiensteaufsichtsgesetz (ZAG). Es wurde ein detaillierter Tatbestand geschaffen, nach dem das Hawala-Banking, das ohne Genehmigung und Kontrolle der BaFin durchgeführt wurde, strafbar ist. Die Strafbarkeit richtet sich daher nach § 1 Abs. 1, 2 Nr. 6 ZAG, § 31 Abs. 1 Nr. 2 ZAG in Verbindung mit § 8 Abs. 1 ZAG. Für die Strafverfolgung kommt es für die Anwendung des ZAG oder des KWG auf den Zeitpunkt der Tatbegehung an: Wenn das Banking vor dem 25. Juni 2009 durchgeführt worden ist, gilt das alte KWG, nach diesem Zeitpunkt das aktuelle ZAG.

Hawala-Banking-Fall im November 2019 in Deutschland[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im November 2019 wurden bei einer bundesweiten Razzia gegen illegales Hawala-Banking Geld, Fahrzeuge, Gold und Schmuck im Wert 22 Millionen Euro beschlagnahmt. Leiter der Organisation soll ein Düsseldorfer Besitzer einer Juwelierkette sein, der in seinen Juwelierfilialen und Pfandhäusern in Berlin das Hawala-Banking-Geschäft betrieb.[10]

Verbreitung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Hawala wird vor allem von muslimischen Migranten für Rücküberweisungen an ihre Familien in den Heimatländern verwendet. Insbesondere wird das Hawala-Banking dann durchgeführt, wenn im Heimatstaat kein funktionierendes Bankensystem besteht. So hat beispielsweise der Irak seit vielen Jahren kein Bankensystem, so dass reguläre Überweisungen aus Europa in den Irak nicht möglich sind. Da hauptsächlich Migranten dieses Transfersystem benutzen, fließen von den einzelnen Zahlern nur geringe Summen (z. B. als monatliche Unterhaltszahlungen) in die Heimatstaaten, so dass reguläre Überweisungen der Migranten über das internationale Bankensystem oftmals zu teuer sind. Daher versuchen die Migranten, mit Hilfe des Hawala-Bankings teure Überweisungsgebühren des internationalen Zahlungsverkehrs zu umgehen.

Praktisch steht dieses Geldsystem jedermann offen. Auch von deutschen Firmen[11] und internationalen Hilfsorganisationen[12] wird es bei Bedarf für Überweisungen genutzt.

Ein gleiches Geldtransfersystem gibt es auch in Ostasien; es ist unter den Namen „Hundi“, „Fei Chien“ (chinesisch 飛錢 / 飞钱, Pinyin fēiqián, W.-G. fei1-ch’ien2 ‚fliegendes Geld‘), „Huikuan“ (匯款 / 汇款, huìkuǎn ‚Überweisung‘), „Chop“, „Chit“ oder „Flying Money“ bekannt.[1] In Lateinamerika existiert seit den 1970er Jahren das „Kolumbianische System“; es ist das Ergebnis des Peso-Schwarzmarktes.[13]

Nach Aussagen supranationaler Organisationen werden auf diesem Wege jährlich weltweit etwa 200 Milliarden Dollar transferiert. Nach Schätzungen des pakistanischen Finanzministers Shaukat Aziz gingen von den 6 Milliarden Dollar, die im Jahre 2000 nach Pakistan transferiert wurden, lediglich 1,2 Milliarden Dollar über das reguläre Bankensystem seines Landes.[1] Nach Schätzungen von Experten der Financial Action Task Force on Money Laundering (FATF), die der OECD angeschlossen ist, benutzt die Hälfte der indischen Wirtschaft für Geldüberweisungen das Hawala-System.[5]

Einer schwedischen Untersuchung von 280 Geldüberweisungsbüros zufolge wurden im Jahr 2003 in den 244 „offiziellen“ (Western Union, MoneyGram etc.) 1 Milliarde Kronen überwiesen, jedoch in den nur 36 „alternativen“, inoffiziellen Geldüberweisungsbüros 1,1 Milliarden Kronen.[14] Als ein Zentrum des Hawala-Systems gilt der internationale Finanz- und Handelsplatz Dubai, an dem auch größere Überweisungen und die Verrechnung der Hawaladare getätigt werden. Von Fachleuten wird eine stärkere Nutzung von Geldautomaten (ATM) für Heimatüberweisungen der Arbeitsmigranten vorhergesagt, die zu einem geringeren Marktanteil des Hawala-Systems führen wird.[5]

Die russische Drogenkontrollbehörde entdeckte im Juli 2005 eine kriminelle Organisation. Sie wickelte illegale Geldtransaktionen ab, die aus den Gewinnen durch den Handel mit Rauschgift und Schmuggelwaren in Russland erzielt wurden. Der Geldtransfer wurde seit 2003 über das Hawala-System abgewickelt.

Auch Terrororganisationen wie der Islamische Staat werden so mit Spendengeldern finanziert.[15][16]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Kristin Wahlers: Die rechtliche und ökonomische Struktur von Zahlungssystemen inner- und außerhalb des Bankensystems, Springer, Heidelberg / Berlin / Dordrecht / London / New York, NY 2013, ISBN 978-3-642-37389-3.

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b c Ordnungsprinzipien der supranationalen Transaktionssicherung im islamischen hawala-Finanzsystem M. Schramm und M. Taube, Universität Duisburg, Juli 2002
  2. Informal Money Transfer Systems: Opportunities and Challenges for Development Finance (PDF; 276 kB) Leonides Buencamino and Sergei Gorbunov, Discussion Paper of the United Nations Department of Economic and Social Affairs, November 2002, page 2
  3. FAZ vom 25. Februar 2011, Seite 25: Keine Fragen, keine Namen, keine Quittung
  4. Michael Findeisen: Underground Banking in Deutschland – Schnittstellen zwischen illegalen "Remittance Services" i. S. v. §1 Abs. 1a Nr. 6 KWG und dem legalen Bankgeschäft, in: WM – Wertpapiermitteilungen, Zeitschrift für Wirtschafts- und Bankrecht, 54. Jg., Heft 43, Oktober 2000: 2125–2133
  5. a b c Islamistischer Terrorismus – Bestandsaufnahme und Bekämpfungsmöglichkeiten (Memento vom 3. Juli 2007 im Internet Archive) Volker Foertsch/Klaus Lange (Hrsg.) Hanns-Seidel-Stiftung, München, 2005 ISBN 3-88795-282-0 : Role of ethnic diasporas and migrants in the formation of conditions to finance international terrorism, Irina Abramova, Seite 100
  6. Islamistischer Terrorismus – Bestandsaufnahme und Bekämpfungsmöglichkeiten (Memento vom 3. Juli 2007 im Internet Archive) Volker Foertsch/Klaus Lange (Hrsg.) Hanns-Seidel-Stiftung, München, 2005 ISBN 3-88795-282-0 Michael Findeisen, Measures of the FATF against Terrorism Financing, Seite 128
  7. Der Missbrauch des Finanzsystems durch „Underground Banking“ – Bestandsaufnahme und Gegenmaßnahmen (Memento vom 31. Januar 2012 im Internet Archive) Dt. Bundesfinanzministerium, Monatsbericht 10/2004
  8. entsprechende Freiheitsstrafen im Berliner Terroristenprozess: "Ausbildung für Terrorflieger in Strausberg?" Die Welt, 5. Juli 2003, "Revision gegen Berliner Al-Kaida-Urteil" BBV, 8. April 2005
  9. "BRD-Justiz tut ihre Pflicht" junge welt vom 29. November 2006, BGH Urteil 1 StR 73/02 (Memento vom 21. August 2008 im Internet Archive)
  10. Handelsblatt vom 20. November 2019, „Hawala-Banking“: Bei Razzia wurden Werte in Höhe von 22 Millionen Euro sichergestellt, abgerufen am 24. November 2019
  11. Spiegel Nr. 37/2002, S. 86
  12. Opium für die ganze Welt Von Lutz Kleveman DIE ZEIT 48/2002
  13. Das Bankensystem der Armen Alfred Hackensberger, Telepolis vom 21. Mai 2004
  14. Islamistischer Terrorismus – Bestandsaufnahme und Bekämpfungsmöglichkeiten (Memento vom 3. Juli 2007 im Internet Archive) Volker Foertsch/Klaus Lange (Hrsg.) Hanns-Seidel-Stiftung, München, 2005 ISBN 3-88795-282-0 The Economy of Terrorism – Transfer of Money, Dan Magnusson, Seite 185
  15. Alfred Hackensberger: So finanziert sich der Islamische Staat. In: Welt Online, 17. November 2015. Abgerufen am 18. November 2015. 
  16. Elizabeth Dickinson: Playing with Fire: Why Private Gulf Financing for Syria’s Extremist Rebels Risks Igniting Sectarian Conflict at Home. In: Brookings Institution ANALYSIS PAPER Number 16, December 2013. Archiviert vom Original am 6. Februar 2016. Abgerufen am 18. November 2015.
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