Hermann Billung

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Hermann Billung und Ehefrau Hildegard von der Westerburg. Zeichnung nach einem hölzernen Relief auf einer Chorstuhlwange der ehemaligen Klosterkirche in der Pfalz Pöhlde. (Unbekannter Meister um 1280, heute Niedersächsisches Landesmuseum in Hannover)

Hermann Billung († 27. März 973 in Quedlinburg) aus der Verwandtengruppe der Nachfahren Widukinds war ein sächsischer Graf und Begründer des sächsischen Adelsgeschlechtes der Billunger, der als enger Vertrauter Ottos I. des Großen ab 953 mehrfach die Rolle als Stellvertreter des Königs (procurator regis) im Herzogtum Sachsen übernahm. Ob Hermann damit bereits de facto in die Herzogstellung einrückte ist umstritten.

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Herkunft und Familie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Hermann entstammte den Nachfahren Widukinds und damit der mit Abstand einflussreichsten und vornehmsten Verwandtengruppe des nördlichen Sachsen.[1] Sein Geburtsdatum und der Name seiner Eltern sind allerdings unbekannt. Vermutungen, er stamme von Billung oder Billing ab,[2] gründen sich auf entsprechende Einträge in der Hauschronik des Klosters St. Michael in Lüneburg, die aber erst im 13. und 14. Jahrhundert vorgenommen wurden. Als nächste Verwandte aus der Elterngeneration sind stattdessen die Grafen Ekbert und Bernhard von Borghorst anzusprechen. Hermann hatte zwei ältere Brüder, Wichmann I. den Älteren, und Amelung, Bischof von Verden. Hermanns ältester Sohn Bernhard I. aus der Ehe mit Oda von Sachsen wurde nach dem Tod des Vaters Herzog in Sachsen. Über einen weiteren Sohn Liutger (Liudger) ist wenig bekannt. Als Töchter sind Mathilde I., Suanhilde (Schwanhild) und die Äbtissin Imma zu Herford belegt. Eine zweite Ehe mit Hildesuith oder Hildegard ist zweifelhaft.

Grenzschutz im Nordosten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Hermann hatte Grafenrechte im Wetigau, im Tilithigau, im Marstemgau und im Bardengau. Im Herbst 936 wurde Hermann von Otto I. mit der Niederwerfung der aufständischen Redarier betraut und zum princeps militiae ernannt.[3] Möglicherweise war mit dieser Ernennung ein Auftrag zur Sicherung der Nordostgrenze des Ostfrankenreiches an der unteren Elbe gegen die Dänen verbunden. Darauf deutet zumindest eine Notiz Dudos von St. Quentin hin, nach der Hermann zu einem unbekannten Zeitpunkt vor dem Jahr 942 in dänische Gefangenschaft geriet, in der er auch die dänische Sprache erlernte.[4]

Stellvertreter des Königs[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In den Jahren 953 (Liudolfinischer Aufstand), 961 (zweiter Italienzug Ottos) und 966 (dritter Italienzug Ottos) wurde er von König Otto als procurator regis (Vertreter des Königs) mit Herrschafts- und Gerichtsbefugnissen im Herzogtum Sachsen betraut. Die königliche Hofkanzlei vermied die Bezeichnung dux (Herzog) und verwendete die Titel marchio und comes, während er in den zeitgenössischen erzählenden Quellen dux genannt wird. In dieser Zeit gelang es Hermann, seine Neffen Wichmann II. und Ekbert den Einäugigen, die mit den Aufständischen sympathisierten, aus Sachsen zu vertreiben.

Grabplatte in der St. Michaeliskirche Lüneburg

Im August 961 brach Otto zu seinem zweiten Italienzug auf und ließ sich am 2. Februar 962 von Papst Johannes XII. in Rom zum Kaiser krönen; für die Zeit seiner Abwesenheit ernannte er Hermann erneut zu seinem Stellvertreter in Sachsen.

972 wurde Hermann Billung vom Erzbischof Adalbert von Magdeburg wie ein König empfangen, saß an dessen Platz an der Tafel und schlief in dessen Bett. Otto I. war über die Anmaßung erzürnt und bestrafte den Erzbischof; an der Stellung Hermanns als Stellvertreter Ottos änderte sich indessen nichts. Hermann Billung wurde in der Kirche des von ihm gegründeten Klosters St. Michaelis in Lüneburg bestattet. Diese Darstellung wird durch Dietmar von Merseburg widerlegt. Bischof Bruno von Verden verweigerte die Grablege (Kirchenbann).[2]

Nach ihm ist in Celle ein Gymnasium, in Soltau eine Straße und eine Schule, in Quedlinburg, Schneverdingen und Munster (Örtze) je eine Straße und der Hermann-Billung-Wanderweg benannt.

Ehen und Nachkommen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Stammtafel von Hermann Billung

Hermann Billung war vermutlich zweimal verheiratet; seine erste Frau war vermutlich Oda von Sachsen († 15. März wohl nach 973), seine zweite hieß Hildesuith (Hildegard ? von der Westerburg). Hermann hatte vermutlich fünf Kinder:

∞ Hildegard, die Tochter des Grafen Heinrich I. der Kahle, Graf von Stade (929–976).
Emma von Lesum (* 975/980; † 3. Dezember 1038), Tochter von Immed IV. aus dem Adelsgeschlecht der Immedinger und Adela von Hamaland, sowie die Schwester Bischofs Meinwerk von Paderborn, als Heilige verehrt, bestattet im Bremer Dom.
∞ 961 Balduin III. Graf von Flandern († 1. Januar 962),
∞ um 963 Gottfried der Gefangene († 3./4. April nach 995) 963/982 Graf von Verdun (Wigeriche), bestattet in der Abtei St. Peter in Gent
Thietmar I. (* um 920; † 3. August nach 979), 965–979 Markgraf der Nordmark, 976–979 Markgraf von Meißen und Merseburg
∞ vor 1000 Ekkehard I. (ermordet 30. April 1002 bei Pöhlde im Harz), um 987 Markgraf von Meißen, bestattet im Kloster der Burg Kapellenberg südlich von Kleinjena bei Naumburg, vor 1028 umgebettet in die Kirche des Klosters St. Georg in Naumburg

Quellen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Theodor Sickel (Hrsg.): Diplomata 12: Die Urkunden Konrad I., Heinrich I. und Otto I. (Conradi I., Heinrici I. et Ottonis I. Diplomata). Hannover 1879 (Monumenta Germaniae Historica, Digitalisat)
  • Paul Hirsch, Hans-Eberhard Lohmann (Hrsg.): Widukindi monachi Corbeiensis rerum gestarum Saxonicarum libri tres. = Die Sachsengeschichte des Widukind von Korvei (= Monumenta Germaniae Historica. Scriptores. 7: Scriptores rerum Germanicarum in usum scholarum separatim editi. Bd. 60). 5. Auflage. Hahn, Hannover 1935, (Digitalisat).
  • Robert Holtzmann (Hrsg.): Thietmari Merseburgensis episcopi chronicon. = Die Chronik des Bischofs Thietmar von Merseburg und ihre Korveier Überarbeitung (= Monumenta Germaniae Historica. Scriptores. 6: Scriptores rerum Germanicarum. Nova Series Bd. 9). Weidmann, Berlin 1935, (Digitalisat).

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Gerd Althoff: Das Bett des Königs in Magdeburg. Zu Thietmar II, 28, in: Helmut Maurer/Hans Patze (Hrsg.), Festschrift für Berent Schwineköper. Zu seinem 70. Geburtstag, Sigmaringen 1982, S. 141–153.
  • Hans-Joachim Freytag: Hermann Billung. In: Neue Deutsche Biographie (NDB). Band 8, Duncker & Humblot, Berlin 1969, ISBN 3-428-00189-3, S. 640 f. (Digitalisat).
  • Wolfgang Giese: Der Stamm der Sachsen und das Reich in ottonischer und salischer Zeit : Studien zum Einfluß des Sachsenstammes auf die politische Geschichte des Deutschen Reichs im 10. und 11. Jahrhundert und zu ihrer Stellung im Reichsgefüge mit einem Ausblick auf das 12. und 13. Jahrhundert. Wiesbaden 1979. ISBN 3-515-02787-4.
  • Alfred Keseberg: Sachsenherzog Hermann Billung und die Grafen Wichmann. Schweiger & Pick Verlag/Cellesche Zeitung, Celle 1973.

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Gerd Althoff: Adels- und Königsfamilien im Spiegel ihrer Memorialüberlieferung. Studien zum Totengedenken der Billunger und Ottonen. (= Münstersche Mittelalter-Schriften. Band 47). Fink, München 1984, ISBN 3-7705-2267-2, S. 73.
  2. a b Dietrich Wiedemann: Soltauer Schriften Freudenthal-Gesellschaft, Soltau 2005: „Sin Vader heed Bilingh (filio comitis Billingi)“
  3. Widukind II, 4
  4. Dudo, Gesta Normannorum, Kap. 23.