Hermann Klenner

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Hermann Klenner (* 5. Januar 1926 in Erbach (Odenwald)) ist ein deutscher Jurist und war Honorarprofessor an der Humboldt-Universität zu Berlin.

Leben und Karriere[Bearbeiten]

Klenner besuchte ein Realgymnasium und legte dort 1944 das Abitur ab. Anschließend wurde er zum Kriegsdienst einberufen. Mit 18 Jahren trat er in die NSDAP ein. Nach dem Krieg arbeitete er 1945/46 als Bauarbeiter, trat zunächst der SPD bei und verblieb 1946 dann in der SED.[1] Klenner studierte 1946 bis 1949 Rechtswissenschaft an der Martin-Luther-Universität in Halle und war dann Aspirant an der Universität Leipzig. Gleichzeitig lehrte er an der Verwaltungsakademie in Forst Zinna. Mit Wirkung vom 1. September 1951, also mit 25 Jahren, wurde Hermann Klenner an der Juristischen Fakultät der Berliner Humboldt-Universität mit der Wahrnehmung einer Dozentur für die Fächer Theorie des Staats und des Rechts und Geschichte der politischen Anschauungen beauftragt. 1952 promovierte er dort. 1953/54 war er als Dozent und stellvertredender Direktor des Instituts für Theorie des Staates und des Rechts tätig. Bereits 1956 erhielt dort seine erste Professur und wurde Prodekan der Juristischen Fakultät der Humboldt-Universität. Er gilt als ein international bekannter Verfechter marxistischer Rechtsgeschichte, Rechtsphilosophie und Rechtsauffassung. Als SED-Mitglied in leitender Funktion verfasste Klenner eine Würdigungsrede zum 40. Jahrestag der Oktoberrevolution, die aufgrund teils historisch-kritischer Betrachtungen das Missfallen der politischen Führung erregte. Obwohl er daraufhin von einer misslungenen Rede sprach und das „Schädliche und Falsche“ gegenüber der Staatsführung einräumte, führte der Vorfall zum Verlust seiner Professur und zeitweisem Publikationsverbot.[2]

Klenner wurde zunächst Bürgermeister von Letschin im Oderbruch. 1960 bis 1967 arbeitete er an der Hochschule für Ökonomie in Karlshorst und erhielt danach eine Professur an der Akademie der Wissenschaften der DDR und wurde in das Komitee für Menschenrechte der DDR aufgenommen. Nach einem Lehrbuchentwurf wurde er von der Staatsführung als „rückfälliger Revisionist“ eingestuft und seine Arbeitsstelle 1969 geschlossen. Als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Zentralinstitut für Philosophie der Akademie verfasste er weiter Bücher und Aufsätze und wurde später mit dem Nationalpreis der DDR ausgezeichnet, zudem erhielt er die Hegel- und die Pufendorf-Medaille. 1978 wurde er ordentliches Mitglied der Akademie der Wissenschaften der DDR, 1984 bis 1986 vertrat er die DDR als Leiter der DDR-Delegation bei der UNO-Menschenrechtskonferenz in Genf, seine Wahl zum Vorsitzenden der der UN-Menschenrechtskommission scheitert 1986, weil er durch antiisraelische Äußerungen aufgefallen war.[3] Der Vertreter Israels verlas daraufhin Klenners NSDAP-Mitgliedsnummer und bemerkte, Klenner sei wohl besonders zu Stellungnahmen in jüdischen Angelegenheiten berufen.[4]

Seit September 1990 war er Honorarprofessor an der Humboldt-Universität zu Berlin. 1992 wurde er emeritiert.

In seinem wissenschaftlichen Wirken thematisiert Klenner insbesondere das Verhältnis von Macht und Recht und den Wert des Rechts in seiner Normativität. Die Vereinigung Demokratischer Juristinnen und Juristen würdigte ihn für seine „ideologiekritische Rechtswissenschaft“, „die Recht nicht lediglich als Ausdruck der Macht und Reflex von Interessen versteht, sondern auch als Maß von Macht und Machtausübung“.[5]

Klenner ist Mitglied der Internationalen Vereinigung für Rechts- und Sozialphilosophie, gehörte von 1967 bis 1987 deren Präsidium an und ist heute Ehrenmitglied des Präsidiums.[6] Er ist Mitglied der Partei Die Linke und sitzt in deren Ältestenrat.[3] Klenner ist Mitglied der Leibniz-Sozietät der Wissenschaften zu Berlin.

Kritik[Bearbeiten]

Für sein Verhältnis zur DDR-Staatsführung wurde Klenner wiederholt kritisiert. André Gursky sieht in Klenner ein exponiertes Beispiel dafür, wie das Ministerium für Staatssicherheit Rechtsphilosophie und Rechtspolitik im innerdeutschen Verhältnis zu beeinflussen versuchte.[7] Obwohl zeitweise selbst in Ungnade gefallen, arbeitete Klenner als Inoffizieller Mitarbeiter der Staatssicherheit (IM „Klee“)[8] und erstellte in dieser Funktion unter anderem Gutachten über den Dissidenten Rudolf Bahro.[9] Auch seine Rechtfertigung der Todesstrafe in der DDR, der er „humanistischen Charakter“ bescheinigte, wurde kritisiert.[10]

Klenner wurde auch der Menschenrechtspreis der Gesellschaft zum Schutz von Bürgerrecht und Menschenwürde verliehen, die vom Berliner Verfassungsschutz beobachtet wird und als Plattform für Personen gilt, „die nach 1990 ihre Ämter oder Reputation als Angehörige der DDR-Funktionselite oder als Künstler, Wissenschaftler oder Juristen verloren haben“.[11]

Auszeichnungen[Bearbeiten]

  • Hegel-Medaille der Akademie der Wissenschaften der DDR
  • Pufendorf-Medaille
  • 1988: Nationalpreis der DDR III. Klasse
  • 1998: Hans-Litten-Preis[12]

Schriften (Auswahl)[Bearbeiten]

  • Hermann und Annelies Klenner: Plädoyer für eine materialistische Rechtstheorie. In: Johann J. Hagen, Peter Römer, Wolfgang Seiffert (Hrsg.): Rechtswissenschaft und Arbeiterbewegung. Festschrift für Eduard Rabofsky. Pahl-Rugenstein Verlag, Köln 1976, ISBN 3-7609-0254-5, S. 27–44.
  • Marxismus und Menschenrechte: Studien zur Rechtsphilosophie, Akademie Verlag, 1982
  • Vom Recht der Natur zur Natur des Rechts. Akademie Verlag, 1984
  • Immanuel Kant – Rechtslehre: Schriften zur Rechtsphilosophie. (Hrsg.) Akademie Verlag, 1988
  • Deutsche Rechtsphilosophie im 19. Jahrhundert: Essays. Akademie Verlag, 1991
  • Das wohlverstandene Interesse: Rechts- und Staatsphilosophie in der englischen Aufklärung. Dinter, 1998
  • Die Geschichtlichkeit des Rechts: Klassisches Rechtsdenken in Deutschland. Dinter, 2003
  • Recht und Unrecht. Transkript Verlag, 2004
  • Historisierende Rechtsphilosophie. Haufe-Lexware, 2009
Herausgeber
  • Thomas Hobbes. Leviathan. Aus dem Englischen übertragen von Jutta Schlösser. Mit einer Einführung und herausgegeben von Hermann Klenner, Hamburg (Meiner) 1996 (Mehrwert gegenüber anderen Ausgaben: Vollständige Neuübersetzung der Erstauflage von 1651; Einführung, Chronologie, Literaturverzeichnis, über 400 Anmerkungen mit Quellennachweisen, Begriffserklärungen, Erläuterungen zum Hintergrund, Lebensdaten von Hobbes erwähnter Personen, Verweise auf Parallelpassagen in Hobbes‘ Werken, Wiedergabe der Originalüberschriften im englischen und lateinischen Original und erstmals die Übersetzung der 800 strukturierenden Marginalien, in Kapitälchen gesetzt randverschoben eingefügt.)
  • Haufe Schriftenreihe zur rechtswissenschaftlichen Grundlagenforschung, hrsg. von Hermann Klenner, Freiburg Berlin 1990ff.

Literatur[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Bernd Rüthers: Geschönte Geschichten, geschonte Biographien: Sozialisationskohorten in Wendeliteraturen : ein Essay. Mohr Siebeck, 2001, S. 61.
  2. Guntolf Herzberg: Anpassung und Aufbegehren: die Intelligenz der DDR in den Krisenjahren 1956/58. Ch. Links Verlang, 2006, S. 395ff.
  3. a b Ex-Nazis an führenden Stellen, Focus, 8. Mai 2010.
  4. Henry Leide: NS-Verbrecher und Staatssicherheit. Vandenhoeck & Ruprecht, 2005, S. 87.
  5. Geburtstagsgratulation an Hermann Klenner (Memento vom 1. April 2012 im Internet Archive).. Vereinigung demokratischer Juristinnen und Juristen.
  6. Joachim Herrmann: Vorrede zu Ehren von Hermann Klenner. Sitzungsberichte der Leibniz-Sozietät, 85(2006), S. 5–11.
  7. André Gursky: Rechtspositivismus und konspirative Justiz als politische Strafjustiz in der DDR. Peter Lang, Frankfurt am Main 2011.
  8. Georg Iggers: Die DDR-Geschichtswissenschaft als Forschungsproblem. Oldenbourg Wissenschaftsverlag, 1998, S. 97.
  9. Guntolf Herzberg: Aufbruch und Abwicklung: Neue Studien zur Philosophie in der DDR. Ch. Links Verlag, 2000, S. 99, 112.
  10. Günter Platzdasch: Was nicht zusammengehört. FAZ, 25. September 2008.
  11. Berichte im Ausschuss für Verfassungsschutz (VSA) des Abgeordnetenhauses von Berlin, behandelt in öffentlicher und nicht-öffentlicher Sitzung am 14. März 2007 und am 18. April 2007, S. 4.
  12. Laudatio für Hermann Klenner und Erwin Siemantel. Vereinigung demokratischer Juristinnen und Juristen.