Hermann Klenner

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Hermann Klenner (* 5. Januar 1926 in Erbach (Odenwald)) ist ein deutscher Jurist und war Honorarprofessor an der Humboldt-Universität zu Berlin.

Leben und Karriere[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Aufgewachsen ist Klenner im schlesischen Adelsbach und Breslau und legte dort 1944 das Abitur ab. Anschließend wurde er zum Kriegsdienst einberufen. Seit 1936 war er Mitglied der Hitlerjugend (HJ) und wurde am 20. April 1944 in die NSDAP übernommen. Seit Oktober 1944 Soldat der Nazi-Wehrmacht, als Gefreiter einer Granatwerfer-Kompanie verwundet, wurde er im September 1945 als Kriegsgefangener von der Sowjetarmee aus einem Lazaret in Halle (Saale) entlassen. Nach dem Krieg arbeitete er bis 1946 als Bauarbeiter im Buna-Werk. Er trat zunächst der SPD bei und wurde nach der Zwangsvereinigung von SPD und KPD 1946 Mitglied der SED.[1] Klenner studierte 1946 bis 1949 an der Rechts- und Staatswissenschaftlichen Fakultät der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg (MLU) in Halle (Saale). Nach dem Staatsexamen war Klenner Wissenschaftlicher Aspirant an der juristischen Fakultät der Universität Leipzig. Gleichzeitig lehrte er an der Verwaltungsakademie in Forst Zinna.

Mit Wirkung vom 1. September 1951, also mit 25 Jahren, wurde Hermann Klenner an der Juristischen Fakultät der Humboldt-Universität zu Berlin (HUB) mit der Wahrnehmung einer Dozentur für die Fächer Theorie des Staats und des Rechts und Geschichte sowie Geschichte der Rechtsphilosophie beauftragt. 1952 wurde er dort zum Doktor der Rechte (Dr. jur.) promoviert.

Von 1953 bis 1954 war er als Dozent und stellvertretender Direktor des Instituts für Theorie des Staates und des Rechts tätig. Bereits 1956 erhielt er dort den Ruf zum Professor mit Lehrauftrag, und er wurde Prodekan der Juristischen Fakultät der Humboldt-Universität.

Er gilt als ein international bekannter Verfechter marxistischer Rechtsgeschichte, Rechtsphilosophie und Rechtsauffassung. Als SED-Mitglied in leitender Funktion verfasste Klenner eine Würdigungsrede zum 40. Jahrestag der Oktoberrevolution, die aufgrund teils historisch-kritischer Betrachtungen das Missfallen der politischen Führung erregte. Obwohl er daraufhin von einer misslungenen Rede sprach und das „Schädliche und Falsche“ gegenüber der Staatsführung einräumte, führte der Vorfall zum Verlust seiner Professur und zeitweisem Publikationsverbot.[2] Nach einer Kritik durch Walter Ulbricht 1958 auf der Babelsberger Konferenz wurde Klenner bis 1960 Bürgermeister von Letschin im Oderbruch.

1960 bis 1967 wirkte er als Professor am Institut für Wirtschafts- und Internationales Wirtschaftsrecht an der Hochschule für Ökonomie in Karlshorst. Dort habilitierte er sich 1964. von 1967 bis 1969 war er Leiter der Arbeitsstelle für Rechtswissenschaft an der Akademie der Wissenschaften der DDR (AdW) und wurde in das DDR-Komitee für Menschenrechte aufgenommen. Nach einem Lehrbuchentwurf wurde er nach staatsanwaltlichem Vorwurf von der Staatsführung als „rückfälliger Revisionist“ eingestuft und seine Arbeitsstelle 1969 geschlossen.

Von 1969 bis 1991 war er wissenschaftlicher Mitarbeiter am Zentralinstitut für Philosophie der AdW. Er verfasste weiter Bücher und Aufsätze und wurde später mit dem Nationalpreis der DDR ausgezeichnet, zudem erhielt er die Hegel-Medaille und die Pufendorf-Medaille. 1978 wurde er Korrespondierendes und 1987 Ordentliches Mitglied der Akademie der Wissenschaften der DDR, 1984 bis 1986 vertrat er die DDR als Leiter der DDR-Delegation bei der UNO-Menschenrechtskonferenz in Genf, seine Wahl zum Vorsitzenden der UN-Menschenrechtskommission scheiterte 1986, weil er durch antiisraelische Äußerungen aufgefallen war.[3] Der Vertreter Israels verlas daraufhin Klenners NSDAP-Mitgliedsnummer und bemerkte, Klenner sei wohl besonders zu Stellungnahmen in jüdischen Angelegenheiten berufen. Die New York Post kommentierte: Die Ostdeutschen haben es zu ihrer regulären Praxis gemacht, anderen vorzuwerfen, ehemalige Nazis unterzubringen. Dass sie selbst in den UN von einem Ex-Nazi repräsentiert werden, ist ein interessanter Kommentar über kommunistischen Zynismus.[4]

1991 wurde er emeritiert. Vom September 1990 bis 1993 war er Honorarprofessor an der Juristischen Fakultät des Humboldt-Universität zu Berlin.

In seinem wissenschaftlichen Wirken thematisiert Klenner insbesondere das Verhältnis von Macht und Recht und den Wert des Rechts in seiner Normativität. Die Vereinigung Demokratischer Juristinnen und Juristen würdigte ihn für seine „ideologiekritische Rechtswissenschaft“, „die Recht nicht lediglich als Ausdruck der Macht und Reflex von Interessen versteht, sondern auch als Maß von Macht und Machtausübung“.[5]

Klenner ist Mitglied der Internationalen Vereinigung für Rechts- und Sozialphilosophie, gehörte von 1967 bis 1987 deren Präsidium an und ist heute Ehrenmitglied des Präsidiums.[6] Er ist Mitglied der Partei Die Linke und sitzt in deren Ältestenrat.[3] Klenner ist seit 1993 Gründungsmitglied der Leibniz-Sozietät der Wissenschaften zu Berlin.

Kritik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Für sein Verhältnis zur DDR-Staatsführung wurde Klenner wiederholt kritisiert. André Gursky sieht in Klenner ein exponiertes Beispiel dafür, wie das Ministerium für Staatssicherheit Rechtsphilosophie und Rechtspolitik im innerdeutschen Verhältnis zu beeinflussen versuchte.[7] Obwohl zeitweise selbst in Ungnade gefallen, arbeitete Klenner als Inoffizieller Mitarbeiter der Staatssicherheit (IM „Klee“)[8] und erstellte in dieser Funktion unter anderem Gutachten über den Dissidenten Rudolf Bahro.[9]

Westdeutsche Linke kritisierten seinen theoretisch-opportunistischen Umgang mit dem Recht, so seine Verzeichnung des juristischen Positivismus, die einen Rechtsnihilismus befördere.[10] Wilhelm Raimund Beyer, Philosoph und Rechtsprofessor an der Humboldt-Universität Ost-Berlin, kritisierte Klenner für die „Unperson-Erklärung“, die dieser vornahm, nachdem Beyer in der DDR in Ungnade gefallen war und im Zuge der Peter Ruben/Camilla Warnke-Affäre seinen Lehrauftrag niedergelegt hatte und aus der DDR-Akademie der Wissenschaften sowie aus der DKP ausgetreten war.[11] Klenner wurde auch der „Menschenrechtspreis“ des Vereins Gesellschaft zum Schutz von Bürgerrecht und Menschenwürde e.V. verliehen, die vom Berliner Verfassungsschutz beobachtet wird und als Plattform für Personen gilt, „die nach 1990 ihre Ämter oder Reputation als Angehörige der DDR-Funktionselite oder als Künstler, Wissenschaftler oder Juristen verloren haben“.[12]

Auszeichnungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Schriften (Auswahl)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Hermann Klenners wissenschaftlicher Nachlass liegt als Vorlass im Archiv der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften in Berlin.

  • Hermann und Annelies Klenner: Plädoyer für eine materialistische Rechtstheorie. In: Johann J. Hagen, Peter Römer, Wolfgang Seiffert (Hrsg.): Rechtswissenschaft und Arbeiterbewegung. Festschrift für Eduard Rabofsky. Pahl-Rugenstein Verlag, Köln 1976, ISBN 3-7609-0254-5, S. 27–44.
  • Marxismus und Menschenrechte: Studien zur Rechtsphilosophie, Akademie Verlag, 1982
  • Vom Recht der Natur zur Natur des Rechts. Akademie Verlag, 1984
  • Immanuel Kant – Rechtslehre: Schriften zur Rechtsphilosophie. (Hrsg.) Akademie Verlag, 1988
  • Deutsche Rechtsphilosophie im 19. Jahrhundert: Essays. Akademie Verlag, 1991
  • Das wohlverstandene Interesse: Rechts- und Staatsphilosophie in der englischen Aufklärung. Dinter, 1998
  • Deutsche Rechtsphilosophie im 19. Jahrhundert: Essays. Akademie Verlag, 1991
  • Das wohlverstandene Interesse: Rechts- und Staatsphilosophie in der englischen Aufklärung. Dinter, 1998
  • Die Emanzipation des Bürgers. Studien zur Rechtsphilosophie und zur Aufklärung, Köln 1998
  • Die Geschichtlichkeit des Rechts: Klassisches Rechtsdenken in Deutschland. Dinter, 2003
  • Recht und Unrecht. Transkript Verlag, 2004
  • Historisierende Rechtsphilosophie, Freiburg 2009
  • Historisierende Rechtsphilosophie. Haufe-Lexware, 2009
  • Kritik am Recht. Aktualisierende Rechtsphilosophie. Dietz-Verlag, 2015
  • Recht, Rechtsstaat und Gerechtigkeit, Köln 2016

Herausgeberschaft[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Thomas Hobbes. Leviathan. Aus dem Englischen übertragen von Jutta Schlösser. Mit einer Einführung und herausgegeben von Hermann Klenner, Hamburg (Meiner) 1996 (Mehrwert gegenüber anderen Ausgaben: Vollständige Neuübersetzung der Erstauflage von 1651; Einführung, Chronologie, Literaturverzeichnis, über 400 Anmerkungen mit Quellennachweisen, Begriffserklärungen, Erläuterungen zum Hintergrund, Lebensdaten von Hobbes erwähnter Personen, Verweise auf Parallelpassagen in Hobbes‘ Werken, Wiedergabe der Originalüberschriften im englischen und lateinischen Original und erstmals die Übersetzung der 800 strukturierenden Marginalien, in Kapitälchen gesetzt randverschoben eingefügt.)
  • Wilhelm von Humboldt: Individuum und Staatsgewalt [1789–1793], Leipzig 1985
  • Gerrard Wollstonecraft, Gleichheit im Reich der Freiheit [1649–1652], Leipzig 1986, Frankfurt 1988
  • John Milton: Zur Verteidigung der Freiheit, [1644–16601]. Leipzig 1987
  • Immanuel Kant, Rechtslehr, [1784–1798], Berlin 1988
  • Baruch de Spinoza, Politischer Traktat [1677], Leipzig 1988
  • Haufe Schriftenreihe zur rechtswissenschaftlichen Grundlagenforschung, hrsg. von Hermann Klenner, Freiburg Berlin 1990ff.
  • Edmund Burke, Friedrich Gentz, Über die Französische Revolution [1790–1793], Berlin 1991
  • James Harrington, Oceana [1665], Leipzig 1991
  • Rudolf von Ihering, Der Kampf ums Recht [1872], Freiburg 1992
  • Wilhelm von Humboldt, Menschenbildung und Staatsverfassung [1791–1819], Freiburg 1994
  • Thomas Hobbes. Leviathan. Aus dem Englischen übertragen von Jutta Schlösser. Mit einer Einführung und herausgegeben von Hermann Klenner, Hamburg (Meiner) 1996, 2005. (Mehrwert gegenüber anderen Ausgaben: Vollständige Neuübersetzung der Erstauflage von 1651; Einführung, Chronologie, Literaturverzeichnis, über 400 Anmerkungen mit Quellennachweisen, Begriffserklärungen, Erläuterungen zum Hintergrund, Lebensdaten von Hobbes erwähnter Personen, Verweise auf Parallelpassagen in Hobbes‘ Werken, Wiedergabe der Originalüberschriften im englischen und lateinischen Original und erstmals die Übersetzung der 800 strukturierenden Marginalien, in Kapitälchen gesetzt, randverschoben eingefügt.)
  • Mary Wollstonecraft, Verteidigung der Menschenrechte [1790], Freiburg 1996
  • William Godwin, Politische Gerechtigkeit [1793], Freiburg 2004
  • Arthur Baumgarten, Grundzüge der juristischen Methodenlehre [1939], Freiburg 2005
  • Francis Bacon: Über die Würde und die Förderung der Wissenschaft [1605/1623], Freiburg 2006

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Bernd Rüthers: Geschönte Geschichten, geschonte Biographien: Sozialisationskohorten in Wendeliteraturen: ein Essay. Mohr Siebeck, 2001, S. 61.
  2. Guntolf Herzberg: Anpassung und Aufbegehren: die Intelligenz der DDR in den Krisenjahren 1956/58. Ch. Links Verlag, 2006, S. 395ff.
  3. a b Ex-Nazis an führenden Stellen, Focus, 8. Mai 2010.
  4. Henry Leide: NS-Verbrecher und Staatssicherheit. Vandenhoeck & Ruprecht, 2005, S. 87.
  5. Geburtstagsgratulation an Hermann Klenner (Memento vom 1. April 2012 im Internet Archive). Vereinigung demokratischer Juristinnen und Juristen.
  6. Joachim Herrmann: Vorrede zu Ehren von Hermann Klenner. S. 5–11, abgerufen am 12. Juni 2018 (pdf, Sitzungsberichte der Leibniz-Sozietät 85(2006)).
  7. André Gursky: Rechtspositivismus und konspirative Justiz als politische Strafjustiz in der DDR. Peter Lang, Frankfurt am Main 2011.
  8. Georg Iggers: Die DDR-Geschichtswissenschaft als Forschungsproblem. Oldenbourg Wissenschaftsverlag, 1998, S. 97.
  9. Guntolf Herzberg: Aufbruch und Abwicklung: Neue Studien zur Philosophie in der DDR. Ch. Links Verlag, 2000, S. 99, 112.
  10. Peter Römer, Günter Platzdasch u. a.: Rechtsphilosophie in der Krise. Demokratie und Recht, 5. Jahrgang, Heft 4/1977, S. 463–472.
  11. Wilhelm Raimund Beyer: Freibeuter in Hegelschen Gefilden. Frankfurt am Main 1983, S. 147.
  12. Berichte im Ausschuss für Verfassungsschutz (VSA) des Abgeordnetenhauses von Berlin, behandelt in öffentlicher und nicht-öffentlicher Sitzung am 14. März 2007 und am 18. April 2007, S. 4.
  13. Laudatio für Hermann Klenner und Erwin Siemantel. Vereinigung demokratischer Juristinnen und Juristen.