Hermann von Reichenau

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Hermann der Lahme auf einer Kachel der Schatzkammer des Münsters in Reichenau-Mittelzell. Der Ofen ist 1745-1746 gesetzt worden. Die Inschrift lautet: „Beatus Hermannus Contractus Monachus Augiae a devotione Mariae celebris obiit 19. Julii 1054.“ (Der selige Hermann der Lahme, Mönch der Reichenau, berühmt ob seiner Marienverehrung, starb am 19. Juli 1054.)[1]
Dieses Bild wird häufig fälschlicherweise mit Hermann von Reichenau (rechts) in Verbindung gebracht, weil die dargestellte Person ein Astrolabium in der Hand hält. Tatsächlich handelt es sich bei dieser Abbildung um Hermann von Carinthia.[2]

Hermann von Reichenau (* 18. Juli 1013; † 24. September 1054 im Kloster Reichenau) auch Hermann der Lahme, Hermannus Contractus, Herimannus Augiensis oder im Spätmittelalter irreführend Hermann von Veringen genannt, da er aus dem Geschlecht der Grafen von Altshausen-Veringen stammte, war ein Benediktiner und bedeutender Wissenschaftler, Komponist und Schriftsteller des Mittelalters.

Leben[Bearbeiten]

Hermann stammte aus dem schwäbischen Dynastengeschlecht von Altshausen-Veringen. Er wurde als Sohn des Grafen Wolfrat II. und dessen Frau Hiltrud in Oberschwaben geboren. Sein Geburtsort ist nicht überliefert.

Hermann litt medizinhistorischen Untersuchungen zufolge wohl seit seiner Geburt an einer spinalen Muskelatrophie, weshalb er – wie sein Schüler Berthold schildert – niemals gehen lernte, in seinem ganzen Leben an einen Tragestuhl gebunden war und nur mit Mühe schwer verständlich sprechen konnte.[3] Wegen dieser Behinderung wurde er Hermannus Contractus bzw. Hermann der Lahme genannt.

Er kam im Alter von sieben Jahren, im September 1020, in klösterliche Obhut, wahrscheinlich in das Kloster Reichenau, wo er 1043 unter Abt Berno die Mönchsgelübde ablegte. Bis zu seinem Tode hat er dieses Kloster vermutlich nicht wieder verlassen. Er erfuhr die damals übliche klösterliche Bildung und entwickelte sich zu einem herausragenden Kenner der Geschichte, der Musik sowie der Mathematik und der Astronomie. Mit Abt Berno, unter dem Hermann Mönch in Reichenau war, zählt er zu den bedeutendsten und vielseitigsten Gelehrten seiner Zeit und wurde als das Wunder des Jahrhunderts benannt.

Er starb im Jahr 1054 und wurde in der Familiengrablege in Altshausen beigesetzt.

Reliquie Hermanns in der Schlosskirche in Altshausen

Bedeutung[Bearbeiten]

Er war eine der führenden Personen seiner Zeit bei der Übertragung des bis dahin ausschließlich auf Arabisch überlieferten Wissens in der Mathematik und der Astronomie, so prägte er den astronomischen Begriff „Almukantarat“ für einen dem Horizont parallelen Kreis der Himmelskugel. Künstlerisch trat er als Komponist und Dichter hervor.

Seine Chronik ist eine Hauptquelle für die Geschichte des mittleren 11. Jahrhunderts. In Anbetracht seiner schwierigen Lebensumstände sind seine Leistungen, auf der Höhe der Wissenschaft zu stehen und aktiv zu forschen, sicherlich nicht zu unterschätzen. Trotzdem gilt er wissenschaftshistorisch gesehen nicht als die geniale und begnadete Einzelerscheinung des 11. Jahrhunderts. Er war wohl unter den führenden Gelehrten seiner Zeit und galt nach dem deutschen Mediävisten Arno Borst als der Universalgelehrte seiner Zeit, seine eigenen Beiträge und Erfindungen konnten sich aber kaum durchsetzen. Seine eigentliche Bedeutung erlangte er vor allem als Kompilator, also jemand, der bereits vorhandenes Wissen zugänglich machte, indem er es sinnvoll und übersichtlich anordnete.

Hermann als Lokalheiliger[Bearbeiten]

Hermann der Lahme besitzt in Oberschwaben als Lokalheiliger einen hohen Stellenwert und wurde in zahlreichen Kirchen dargestellt.

Darstellungen in Kunstwerken[Bearbeiten]

In der sakralen Kunst wird Hermann oftmals mit Krücken oder beim Abfassen des Salve Regina dargestellt:

Ort Bauwerk Bildbeschreibung Bild
Altshausen Schloss- und Pfarrkirche St. Michael Hermann in Verehrung des Christuskindes, Holzbildwerk von Kunstmaler Zodel aus Leutkirch im Allgäu, gestiftet von Pfarrer Andreas Eisenbach als Schrein für die Hermann-Reliquie (Teil der Schädeldecke)
Bad Buchau (Kappel) St. Peter und Paul Hermann bei der Niederschrift des Salve Reginas, Wandmalerei 1934 von Josef Niklas (* 1893 in Ulm; † 1974 in Weingarten) (Niklas war durch Kinderlähmung stark behindert und konnte nur mit der linken Faust malen)
Bad Schussenried Bibliotheksaal des ehemaligen Prämonstratenserklosters Hermann in Verehrung der Muttergottes von Franz Georg Hermann
Beuron Mauruskapelle beim Benediktinerkloster Hermann als Heiliger
Großes Walsertal St. Gerold Hermann mit Astrolab, Fresko eines unbekannten Künstlers
Neresheim Benediktiner-Abtei Hermann bei der Niederschrift des Salve Regina
St. Gallen Kapelle der bischöflichen Residenz des ehemaligen Benediktinerklosters St. Gallen, Hermann im 7. Medaillon der Kassettendecke Maler Johann Sebastian Hersche (St. Galler Hofmaler, um 1670)
St. Gallen Stiftsbibliothek: Deckenbild Hermann und sein Schüler Berthold, auf einer Darstellung der Geographie als Disziplin benediktinischer Gelehrsamkeit, Josef Wannenmacher, 1762
St. Gallen St. Gallus und Otmar Hermann als Marienverehrer und Musikwissenschaftler neben Papst Gregor (1. Joch im südlichen Seitenschiff), 1762
Ottobeuren Basilika Ottobeuren, Fresko in der Langhauskuppel Hermann mit einem Text des Salve Regina, Franz Anton Zeiller, 1759
Ottobeuren Kloster Ottobeuren, Klausur HERMANNVS CONTRACTVS. Öl auf Leinwand; 210 x 120 cm; 1678, Johann Friedrich Sichelbein. Der gelähmte Hermann sitzt mit seinem Krückstock in den Händen vor der ihm links erscheinenden Muttergottes, der er seine Kompositionen widmet. Sein Salve Regina hält ein Putto im Vordergrund dem Bildbetrachter entgegen. Die Anfänge des Alma redemptoris mater wie auch des Salve Regina sind auf einem geöffneten Buch neben Hermann zu erkennen.
Reichenau-Mittelzell Hermannus-Contractus-Straße Nach Hermann dem Lahmen benannte Straße.
Speyer Bronzetor des Domes Relief von Toni Schneider-Manzell, 1971
Stuttgart Württembergische Landesbibliothek Stuttgart: HB V 4a, 60r Hermann bei der Niederschrift des Salve Regina, Kolorierte Zeichnung des Gabriel Bucelinus
Veringendorf St. Michael, Wandmalerei 1. Hälfte des 14. Jahrhunderts von einem Konstanzer Meister Vermutete Deutung Hermann kniet vor dem Jesuskind und Maria, Auf Schriftbändern über ihm wird das Salve Regina angenommen
Veringenstadt Sgraffito auf der Außenfassade des Schulhauses vom Sigmaringer Kunstmaler Günther Dietrich 1952 geschaffen. Hermann im Kreise seiner Schüler; das Salve Regina liegt als Text im Zentrum des Bildes; die Weltkugel symbolisiert seine weltumspannende Bedeutung; das Wappen der Grafen von Veringen zeigt seine Abstammung.
Veringenstadt Hermanus Contractus.jpg
Veringenstadt Glasbild im Chorfenster der Stadtpfarrkirche St. Nikolaus von Wilhelm Geyer 1957 geschaffen. Im zentralen Fenster ist Maria mit Hermann dem Lahmen dargestellt. Wie im Salve Regina „... zeig uns Jesu, die gebenedeite Frucht deines Leibes“ deutet sie mit ihrer Geste auf die Darstellung des Gottessohnes im oberen Mittelfenster.
Veringenstadt St. Nikolaus. Maria und Hermann der Lahme.jpg
Veringenstadt Hermann der Lahme als Glasbild im kath. Pfarrhaus Veringenstadt von Wilhelm Geyer 1957 geschaffen.
Herrmann der Lahme im Pfarrhaus Veringenstadt.jpg
Veringenstadt Glocke der Stadtpfarrkirche St. Nikolaus 1948 gegossen von der Glockengießerei Heinrich Kurtz in Stuttgart Inschrift: SALVE REGINA. HERMANN DER LAHME
2012-11 Veringenstadt Glocken 5.jpg
Zwiefalten Münster Unserer Lieben Frau, Emporenfresko Meinrad von Au Maria, die Lehrerin des Papstes Cölestin, links vorne ist Hermann mit einer Krücke dargestellt

Gedenktag

Werke[Bearbeiten]

Geschichtsschreibung[Bearbeiten]

  • Chronicon[1]: Unter seinen Werken als Historiker ragt die in lateinischer Sprache verfasste, die Zeit von der Geburt Christi bis in das Jahr 1054 schildernde Weltchronik Chronicon heraus. In ihr bezieht er nicht nur sich selbst, seine Geburt und seinen Schulanfang, sondern auch seine Familiengeschichte in die Zeitgeschichte ein. Seine Weltchronik wurde nach dem Tod Hermanns auf dessen Wunsch hin von seinem Schüler Berthold von Reichenau bis zum Jahr 1080 fortgesetzt. Bertholds Fortsetzung setzt mit der Lebensgeschichte Hermanns des Lahmen ein.
  • Gesta Chuoradi et Heinrici imperatorum vermutlich nicht erhalten; wahrscheinlich handelte es sich nur um Zusätze zur Gesta Chuoradi des Wipo Presbyter

Musik[Bearbeiten]

  • De musica: Die von ihm entwickelte Notentheorie ist in dem Werk De musica niedergelegt.
  • Sequenzen:
  1. Sequentia de beata Maria virgine (Oesch, S. 145: Urheberschaft Hermanns kaum beweisbar; auch Heinrich, dem Lehrer des Gottschalk zugeschrieben; seit dem 12. Jahrhundert auch ins Deutsche übertragen)
  2. Grates honos hierarchia
  3. Rex regum Dei Agne
  4. Benedictio trinae unitati (Zuschreibung, aber kaum bestritten)
  5. Exurgat totus almiphonus (Zuschreibung, aber kaum bestritten)
  1. Afra-Officium, ed. Brambach 1892.
  2. andere, wahrscheinlich nicht mehr erhaltene, laut der Vita seines Schülers Berthold

Astronomie/Mathematik[Bearbeiten]

  • Liber de mensura astrolabii, wahrscheinlich von Gerbert von Aurillac und von Hermannus überarbeitet
  • De utilitatibus astrolabii libri duo wahrscheinlich nur Kapitel 1 von Hermannus
  • De mense lunari: über die Länge des Mondmonats (29d 12h 29m, 348 „Atome“); ed. Meier, Einsiedeln 1887.
  • De horologiorum compositione: Fragment ed. Oesch 1961.
  • Regulae in computum: Zusammenfassung über die kirchliche Zeitrechnung; ed. Nadja Germann, De temporum ratione, Leiden 2006.
  • De conflictu arithmimachiae: ed. Wappler, 1892.
  • Qualiter multiplicationes fiant in abaco: ed. Treutelein, 1877.
  • De geometria (wahrscheinlich nicht mehr erhalten)

Dichtung[Bearbeiten]

  • Opusculum Herimanni de octo vitiis principalibus: an Nonnen gerichtetes Lehrgedicht über die acht Hauptlaster (1722 Verse); Neue Ausgabe: Hermann der Lahme, Opusculum Herimanni (De octo vitiis principalibus), Eingeleitet, herausgegeben und übersetzt von Bernhard Hollick (Reichenauer Texte und Bilder Band 14), Heidelberg 2008.
  • versus pro epitaphio matris suae als Einschub in der Chronik
  • Martyrologium: ed. Dümmler 1885.

Literatur[Bearbeiten]

Textausgaben[Bearbeiten]

  • Hermann von Reichenau: Chronicon. Bearb. von Rudolf Buchner. In: Werner Trillmich (Hrsg.): Quellen des 9. und 11. Jahrhunderts zur Geschichte der Hamburgischen Kirche und des Reiches (Ausgewählte Quellen zur deutschen Geschichte des Mittelalters. Freiherr vom Stein-Gedächtnisausgabe, Band 11). [zuerst 1961] 7. um einen Nachtrag erweiterte Auflage, Darmstadt 2000, ISBN 3-534-00602-X, S. 615–707.
  • Herimanni Augiensis chronicon a. 1–1054. In: Georg Heinrich Pertz u. a. (Hrsg.): Scriptores (in Folio) 5: Annales et chronica aevi Salici. Hannover 1844, S. 67–133 (Monumenta Germaniae Historica, Digitalisat)
  • Opusculum Herimanni (De octo vitiis principalibus). Eine Vers- und Lebensschule. (= Reichenauer Texte und Bilder. Band 14). Hrsg. und übersetzt von Bernhard Hollick Mattes. Heidelberg 2008, ISBN 978-3-930978-96-0.

Sekundärliteratur[Bearbeiten]

Tonträger[Bearbeiten]

  • The Miracle oft the Century: Das Wunder des Jahrhunderts. Hermannus Contractus – Hermann dem Lahmen von der Reichenau. Ensemble Ordo Virtutum für Musik des Mittelalters. Leitung: Stefan Johannes Morent. Edition Raumklang, 2013.[4]

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Hermann von Reichenau – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Vgl. Walter Berschin: Hermann der Lahme, Gelehrter und Dichter. Heidelberg 2004, S. 4.
  2. Siehe Hermann von Carinthia
  3. Vgl. Christoph Brunhölzl: Gedanken zur Krankheit Hermanns von Reichenau (1019–1054). In: Sudhoffs Archiv, Band 83, 1999, S. 239–243. "1019" im Aufsatztitel ist ein Druckfehler für "1013".
  4. CD-Neuerscheinung. „Himmlische Harmonie“. Auf der Website von SWR 2, abgerufen am 11. Mai 2013.