Herrenknecht

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Der Titel dieses Artikels ist mehrdeutig. Weitere Bedeutungen sind unter Herrenknecht (Begriffsklärung) aufgeführt.
Herrenknecht
Logo
Rechtsform Aktiengesellschaft
Gründung 1977: GmbH
1998: AG
Sitz Schwanau, Deutschland

Leitung

Mitarbeiter 4.939 (2014)[3]
Umsatz 1.082 Mio. EUR (2014)[3]
Branche Maschinenbau
Website www.herrenknecht.com

Die Herrenknecht AG ist ein Hersteller von Tunnelvortriebsmaschinen. Firmensitz ist Schwanau-Allmannsweier in der Nähe von Lahr in Baden-Württemberg. Gut zwei Drittel der 4939 Mitarbeiter (2014) sind am Stammsitz in Allmannsweier beschäftigt, wo die Montage der Hydraulik- und Elektronikkomponenten sowie die Endabnahme der Tunnelvortriebsmaschinen durchgeführt werden. Etwa 300 Mitarbeiter sind an drei Standorten in der Volksrepublik China beschäftigt. Neben der Montage der Maschinen für den asiatischen Markt werden dort auch Stahlbauten gefertigt.

Das Unternehmen erwirtschaftete 95 Prozent seines Umsatzes von zuletzt 1,34 Milliarden Euro im Ausland.[4]

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Unternehmen wurde 1977 von Martin Herrenknecht als Herrenknecht GmbH gegründet. 1992 gründete er die erste Tochtergesellschaft in den USA. Im Jahr 1998 wandelte er das Unternehmen in die Rechtsform einer Aktiengesellschaft um. Auf den geplanten Börsengang verzichtete die Eignerfamilie wegen der Börsenbaisse im Jahr 2000, die Herrenknecht AG ist daher nicht börsennotiert.[5] Als neues Geschäftsfeld wurde die oberflächennahe Geothermie entwickelt.

Zum Jahresende 2015 überführte Martin Herrenknecht sein Unternehmen in eine Familienstiftung, die nun Eigentümerin der Herrenknecht AG ist. Seine Familie verzichtete auf den Pflichtanteil ihres Erbes und Martin Herrenknecht nahm einen persönlichen Kredit auf, um die nun fällig gewordenen Erbschaftssteuern von etwa 15 bis 20 Millionen Euro wegen der Stiftungsgründung zu übernehmen.[6]

Produkte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Unternehmen stellt Tunnelvortriebsmaschinen her. Beispielsweise produzierte Herrenknecht Maschinen für Großprojekte wie den Gotthard-Basistunnel oder die Vortriebsmaschine TRUDE, die die Erweiterung des Elbtunnels gebohrt hat. Andere Produkte sind Mikromaschinen für den Ausbau der Kanalisation. Das Produktionsprogramm deckt Querschnitte von 10 cm bis 19 Meter ab.[7]

Zusätzlich bietet Herrenknecht Service[8] das Projektmanagement von Tunnelprojekten und einen Mietpark für Tunnelbohrmaschinen sowie Gebrauchtmaschinen[9] an.

Außerdem erfolgt die Herstellung von Bohranlagen für erdnahe Thermie und Geothermie.[10]

Projekte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Herrenknecht exportiert und installiert seine Maschinen weltweit.[11] Viele Aufträge erhielt das Unternehmen aus China, wo in mehreren Ballungsgebieten U-Bahnen und Eisenbahnverbindungen für Schnellzüge zwischen den Metropolen gebaut werden.[12]

In den 2000er-Jahren erfolgte die Entwicklung und der Einsatz von vier Hartgesteinsmaschinen für den Schweizer Gotthard-Basistunnel, der sich in zwei einspurigen Tunnelröhren unter bis zu 2 km Gebirgsdecke erstreckt. Herrenknecht hatte bis dahin wenig Erfahrung mit Hartgesteinsabbau und löste das Problem mit sogenannten Grippern. Während des Bohrens wird der Bohrschild mit hydraulisch zur Seite ausfahrbaren Krallen (Grippern) am Felsen festgehalten, so dass ein genügend hoher Anpressdruck gegen das Hartgestein erzeugt werden kann.[13]

Eine mit großer medialer Aufmerksamkeit[14] begleitete Bestellung der damals größten Tunnelvortriebsmaschine mit rund 20 Metern Durchmesser durch den russischen Oligarchen Roman Abramowitsch im Jahr 2008 wurde wieder stillschweigend von Abramowitsch storniert.[15] Anlässlich der Winterolympiade 2014 in Sotschi baute Herrenknecht sechs neue Tunnel zwischen der Schwarzmeerküste und dem Skigebiet im Kaukasus für eine kombinierte Eisenbahnlinie und Schnellstraße. Dazu errichtete das Unternehmen in Sotschi die seinerzeit weltgrößte Fabrik für Tübbinge, die Schalungselemente der Tunnelröhren.[16]

Einen Meilenstein in der neueren Unternehmensgeschichte stellt für Herrenknecht die 3,34 km lange Untertunnelung der geologisch heiklen Zone des Bosporus im August 2015 dar. Neben einem sehr hohen Anteil an Sanden und anderem Lockergestein war hier auch ein Wasserdruck von bis zu elf bar technisch zu bewältigen, beim neuen Hamburger Elbtunnel liegt dagegen der Wasserdruck bei lediglich 5,5 bar. Außerdem wurden zwei spezielle seismische Ausgleichs-Ringe eingebaut, die der Tunnelröhre eine gewisse Flexibilität gegen Erdbeben verleihen.[17] Ab Ende 2016 sollen im Eurasia Tunnel täglich rund 100.000 Fahrzeuge auf zwei übereinander liegenden Fahrbahnen zwischen den Kontinenten wechseln und so das Verkehrsaufkommen in Istanbul erheblich entlasten.[18]

Kennzahlen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Unternehmen hat gemessen am Umsatz einen Exportanteil von 90 % (2006).[19]

Der Weltmarkt für Geräte des maschinellen Tunnelbaus wird vom Unternehmen auf etwa 1,5 Milliarden Euro beziffert, wovon das Unternehmen nach eigenen Angaben etwa 1,1 Milliarden Euro abdeckt (Stand: Januar 2014).[20] Die Firma wird in der Wirtschaftsliteratur auch als Hidden Champion bezeichnet, da sie eher „still und unauffällig“ einen Markt beherrscht.[21]

Soziales Engagement[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Herrenknecht fördert finanziell Leistungssportler wie die Speerwerferin Christina Obergföll, die Siebenkämpferinnen Jennifer Oeser und Carolin Schäfer sowie den Kugelstoßer David Storl. Außerdem spenden auch die Mitarbeiter von Herrenknecht für karitative Einrichtungen wie dem Freiburger Förderverein für krebskranke Kinder, Aktion Deutschland Hilft, Ärzte ohne Grenzen, Karlheinz Böhms Äthiopienhilfe Menschen für Menschen und weiteren Hilfsorganisationen.[22]

Filme[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Der Tunnelbohrer Herrenknecht – Weltmarktführer aus Baden. Dokumentarfilm, Deutschland, 2014, 29 Min., Buch und Regie: Joachim Auch, Produktion: SWR, Reihe: made in Südwest, Erstsendung: 8. Januar 2015 beim SWR, Inhaltsangabe von ARD.
  • Die Tunnelbauer: Ein deutscher Bohrer für die französische Eisenbahn. Dokumentarfilm, Deutschland, 2013, 29:14 Min., Buch und Regie: Michael Hertle, Produktion: SWR, Reihe: Schlaglicht, Erstsendung: 26. Februar 2013 beim SWR, Inhaltsangabe von ARD.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Der Vorstand und der Aufsichtsrat der Herrenknecht AG stellen sich vor. In: herrenknecht.com aufgerufen am 16. März 2016.
  2. Pressemitteilung: Wechsel im Aufsichtsratsvorsitz der Herrenknecht AG. In: herrenknecht.de, 25. September 2012.
  3. a b Herrenknecht in Zahlen. In: herrenknecht.com, aufgerufen am 16. März 2016.
  4. Preuß, Susanne: Tunnelbohrer mit Nachdruck. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung. Nr. 181, 8. Mai 2016, ISSN 0174-4909, S. 28.
  5. Chronik der Firma Herrenknecht. In: herrenknecht.de, aufgerufen am 16. März 2016.
  6. Jörg Buteweg, Bernd Kramer: Herrenknecht überführt sein Unternehmen in eine Stiftung. In: Badische Zeitung, 15. Januar 2016, Interview mit Martin Herrenknecht.
  7. Tunnelling. In: herrenknecht.com, aufgerufen am 16. März 2016.
  8. Services. Umfassende Serviceleistungen rund um den maschinellen Tunnelbau. In: Herrenknecht AG, aufgerufen am 16. März 2016.
  9. Gebrauchtmaschinen. Zuverlässige Alternative bei passenden Projektbedingungen. In: herrenknecht.de, aufgerufen am 16. März 2016.
  10. Exploration. Vertikalbohranlagen zur Erschließung von neuen Energielagerstätten. In: Herrenknecht Vertical GmbH, aufgerufen am 16. März 2016.
  11. Herrenknecht weltweit. Rund um den Globus für Sie da. In: herrenknecht.com, aufgerufen am 16. März 2016.
  12. Referenzen Tunnelling China. In: herrenknecht.com, aufgerufen am 16. März 2016.
  13. Georg Küffner: Gotthard-Durchstich. Der längste Eisenbahntunnel der Welt. In: FAZ, 14. Oktober 2010.
  14. itz/dpa: Made in Germany: Russischer Milliardär ordert größten Tunnelbohrer der Welt. In: Spiegel online, 26. März 2008.
    Verena Diethelm: Oligarch kauft größte Tunnelfräse. In: WirtschaftsBlatt, 27. März 2008.
  15. Georg Meck: Der Tunnelbohrer. In: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 25. September 2009:
    Nur mit dem Kunden Roman Abramowitsch ist gerade nicht viel los. „Der hat nur noch die junge Freundin und seinen Fußballclub im Kopf.“
  16. Achim Kühn: Tempo für Olympia 2014. In: herrenknecht-formwork.com, 23. Juli 2010, aufgerufen am 14. Februar 2015.
  17. Hightech unter dem Bosporus. Ultimativer Tunnel-Vortrieb. In: All Around, Nr. 4, (deutsch), aufgerufen am 16. März 2016.
  18. Connecting Continents. In: All Around, Nr. 4, (deutsch), aufgerufen am 16. März 2016.
  19. Neue Zürcher Zeitung: Der Bezwinger des Gotthards. Herrenknecht baut die größten Tunnelbohrmaschinen der Welt. 23. April 2007, S. 9.
  20. Max Hägler: „Der Deutsche hat wirklich vor allem Angst“. In: Süddeutsche Zeitung. 20. Januar 2014, ISSN 0174-4917, S. 16, (Anfang des Interviews).
  21. Matthias Kamp: Deutschlands beste Mittelständler. Der neue Stil der Hidden Champions. In: WirtschaftsWoche, 11. November 2015.
  22. Sport und Soziales. In: herrenknecht.com, aufgerufen am 16. März 2016.

Koordinaten: 48° 21′ 34″ N, 7° 46′ 30″ O