Hilary Mantel

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Dame Hilary Mary Mantel [mænˈtɛl], DBE (* 6. Juli 1952 als Hilary Mary Thompson in Glossop, Derbyshire; † 22. September 2022 in Exeter, Devon) war eine britische Schriftstellerin und Kritikerin. Sie wurde vor allem durch ihre historischen Romane bekannt und erhielt für die Romane Wölfe (2009) und Falken (2012) jeweils den Booker Prize.

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Mantel wuchs zunächst in Derbyshire und später in Cheshire in relativ armen Verhältnissen[1] in einer großen irisch-katholischen Familie auf, die seit zwei Generationen in England lebte. Die ersten sechs Jahre lebte sie bei ihrer irischen Großmutter, deren endlosen Redestrom und Wortschatz sie aufsog. Nach der Trennung ihrer Eltern, Margaret und Henry Thompson, nahm sie mit elf Jahren den Namen ihres Stiefvaters, Jack Mantel, an.

Ihr Familienhintergrund war die Antriebsfeder ihrer meisten Veröffentlichungen. Mantel wurde weithin bekannt als Autorin historischer Romane, aber Themen ihrer Romane sind auch die „faulen Kompromisse der Volkskirche“ und die „panischen Phantasien des islamischen Fundamentalismus“ (so Patrick Bahners).[2] Kennzeichnend für ihr Werk sei zudem die „Einbeziehung der Totenwelt in den literarischen Realismus“ in Verbindung mit „einer Weltanschauung des entschiedenen Rationalismus“.[3]

Mantel studierte ab 1970 Rechtswissenschaft an der London School of Economics and Political Science sowie der University of Sheffield und machte dort 1973 ihren Bachelor. Sie arbeitete zunächst als Sozialarbeiterin.[4] Ab 1973 war sie mit dem Geologen Gerald McEwen verheiratet, von dem sie sich 1981 zunächst scheiden ließ, den sie jedoch 1982 erneut heiratete.[5] Bereits 1975 begann sie mit dem Schreiben an ihrem Roman Brüder (engl.: A Place of Greater Safety), den sie 1979 fertigstellte, jedoch erst 1992 veröffentlichen konnte.[5]

Aufgrund des Berufs ihres Ehemanns lebte sie mit ihm ab 1977 fünf Jahre in Botswana, danach vier Jahre in Dschidda in Saudi-Arabien. In ihren später erschienenen Romanen Eight Months on Ghazzah Street (1988) und A Change of Climate (1994) verarbeitete sie Erfahrungen aus dieser Zeit. Nach ihrer Rückkehr nach England arbeitete sie 1987 bis 1991 als Filmkritikerin für den Spectator.[6]

2003 veröffentlichte sie mit Giving Up the Ghost eine Autobiographie, die 2015 unter dem Titel Von Geist und Geistern auch auf Deutsch erschien.[7]

Als ihr Hauptwerk gilt die zwischen 2009 und 2020 erschienene Trilogie über Thomas Cromwell,[1] bestehend aus den Romanen Wölfe (engl.: Wolf Hall, erschienen 2009), Falken (Bring Up the Bodies, 2012) sowie Spiegel und Licht (The Mirror & the Light, 2020). Für die ersten beiden Romane wurde sie nach Erscheinen jeweils mit dem Booker Prize geehrt. Die Royal Shakespeare Company brachte Wölfe und Falken 2013 in Stratford upon Avon auf die Bühne. Eine auf Wölfe basierende, gleichnamige Fernsehserie wurde 2015 auf BBC Two ausgestrahlt. Im deutschsprachigen Fernsehen lief die sechsteilige Produktion auf Arte. Nach achtjähriger Pause beschloss der Roman Spiegel und Licht 2020 Mantels Trilogie.[8][9]

Neben ihren Romanen kommentierte Mantel auch in diversen Essays und Reden das Zeitgeschehen und galt dabei unter anderem als Kritikerin der britischen Monarchie und der Königsfamilie[3][10] sowie der katholischen Kirche[11].

Hilary Mantel starb am 22. September 2022 im Alter von 70 Jahren in einem Krankenhaus in Exeter, nachdem sie drei Tage zuvor einen Schlaganfall erlitten hatte.[12]

Auszeichnungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

1987 erhielt sie den Shiva Naipaul Memorial Prize,[13] 1996 den Hawthornden-Preis, 2006 den Commonwealth Writers’ Prize und den Orange Prize for Fiction. Im selben Jahr wurde sie mit dem Komturkreuz (engl. Commander) des Order of the British Empire ausgezeichnet.

2009 erhielt ihr Roman Wölfe (engl. Wolf Hall) mit dem Booker Prize den wichtigsten britischen Literaturpreis.[14] 2012 wurde auch die Fortsetzung dieses Romans, Falken (Bring Up the Bodies), mit dem Booker Prize ausgezeichnet.[15] Damit war Mantel nach dem Südafrikaner J. M. Coetzee und dem Australier Peter Carey die dritte Person, die den Preis zweimal gewann.[16] Der dritte Teil der Trilogie, Licht und Schatten (The Mirror & the Light) schaffte es 2020 erneut auf die Longlist des Booker Prize, ebenso wie zuvor bereits 2005 ihr Roman Beyond Black.[17]

Für Wolf Hall wurde sie 2010 darüber hinaus auch mit dem Walter Scott Prize for historical fiction ausgezeichnet. 2015 wurde dieser Roman von der BBC-Auswahl der besten 20 Romane von 2000 bis 2014 zu einem der bislang bedeutendsten Werke des 21. Jahrhunderts gewählt. Für Bring Up the Bodies erhielt sie zudem auch den Costa Book Award im Jahr 2012.[18] Für The Mirror & the Light erhielt Mantel 2021 zum zweiten Mal den Walter Scott Prize for historical fiction.[19]

Für ihr Lebenswerk wurde Mantel 2013 mit dem David Cohen Prize ausgezeichnet.

2014 wurde sie von Königin Elisabeth II. zur Dame Commander des Order of the British Empire ernannt.[20] Seit 2014 hängt ein Bild von ihr in der British Library.[21]

Ab 2020 war sie eine von zwölf Personen, die die höchste Auszeichnung der Royal Society of Literature, den Titel Companion of Literature, trug.[22]

Werke[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Adaptionen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

2018 gestaltete Regisseur Walter Adler für den WDR eine 13-stündige Hörspielserie mit 26 Teilen aus Mantels historischem Roman Brüder über die Jahre der Französischen Revolution von 1789 bis zum Sturz und zur Hinrichtung Robespierres 1794.[25] An der Produktion waren insgesamt 200 Schauspieler als Sprecher beteiligt.[26]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b Elke Schmitter: Hilary Mantel: So groß und so erstaunlich. In: zeit.de. 23. September 2022, abgerufen am 24. September 2022.
  2. Eine Besessene, immer absolut flüssig., FAZ vom 6. Juli 2012
  3. a b Patrick Bahners: Die Geisterseherin. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung. 24. September 2022, abgerufen am 24. September 2022.
  4. Hilary Mantel, Offizielle Seite des Booker Prize mit Kurzbiografie (engl.), abgerufen am 30. September 2012
  5. a b Seb Emina: Hilary Mantel: The queen of historical fiction. In: The Gentlewoman. Nr. 21, 2020 (englisch, thegentlewoman.co.uk [abgerufen am 24. September 2022]).
  6. Wolf Hall (Memento vom 8. Oktober 2009 im Internet Archive), Official Site Booker Prize mit Kurzbiografie (engl.), abgerufen am 6. Juli 2012.
  7. Booker-Preisträgerin Hilary Mantel Ein bewegender Lebensbericht, Rezension von Frank Meyer im Deutschlandradio Kultur vom 21. Februar 2015, abgerufen am 24. Februar 2015
  8. Stephanie Merritt: The Mirror and the Light by Hilary Mantel review – a shoo-in for the Booker prize. In: The Guardian. 1. März 2020, ISSN 0261-3077 (theguardian.com [abgerufen am 6. März 2020]).
  9. Sigrid Löffler: Brillant, belesen, zu Ruchlosigkeiten fähig, deutschlandfunkkultur.de, erschienen und abgerufen am 23. März 2020
  10. Hannah Pilarczyk: Scharfe Urteile, noch schärfere Gedanken. In: Spiegel Online. 24. September 2022, abgerufen am 24. September 2022.
  11. Anita Singh: Hilary Mantel: Catholic Church is not for respectable people. In: The Telegraph. 13. Mai 2012, abgerufen am 24. September 2022 (englisch).
  12. Alex Marshall, Alexandra Alter: Hilary Mantel, Prize-Winning Author of Historical Fiction, Dies at 70. In: The New York Times. 23. September 2022, abgerufen am 23. September 2022 (englisch).
  13. Last Morning in Al Hamra – Shiva Naipaul Prize, 1987, Seite des Spectator mit dem prämierten Text von Mantel (englisch)
  14. Meldung auf zeit.de vom 7. Oktober 2009, abgerufen am 6. Juli 2012
  15. Meldung auf guardian.co.uk vom 16. Oktober 2012, abgerufen am 16. Oktober 2012
  16. Meldung auf zeit.de vom 17. Oktober 2012, abgerufen am 17. Oktober 2012
  17. Hilary Mantel. In: thebookerprizes.com. Abgerufen am 24. September 2022.
  18. Costa Novel Award Winner2012 (Memento vom 25. Juni 2013 im Internet Archive) (PDF; 150 kB)
  19. Mark Chandler: Mantel wins £25k Walter Scott Prize for second time, thebookseller.com, 18. Juni 2021, abgerufen am 26. Oktober 2021
  20. http://news.sky.com/story/1281969/queens-birthday-honours-stephen-suttons-mbe
  21. Als erstes Porträt eines lebenden Schriftstellers in der British Library überhaupt; FAZ.net, 14. Februar 2014: Englands erste Autorin
  22. Companions of Literature. Abgerufen am 27. Oktober 2021 (britisches Englisch).
  23. "Jeder Tag ist Muttertag" Schauergeschichte mit bösem Humor, DeutschlandRadio Kultur, 20. April 2016
  24. "Im Vollbesitz des eigenen Wahns" Mehr als eine bösartige Satire, Kultumea.de, 1. November 2016
  25. WDR: Kulturradio WDR 3: Historien-Roman „Brüder“ als 13-stündige Hörspielserie – Presselounge – WDR. 19. Juli 2018, abgerufen am 7. September 2018.
  26. Hartwig Tegeler: „Idealisten sind die besten Tyrannen“, deutschlandfunkkultur.de vom 22. Oktober 2018, abgerufen am 23. März 2020