Ida (2013)

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Filmdaten
Deutscher Titel Ida
Originaltitel Ida
Produktionsland Polen, Dänemark, Frankreich, Vereinigtes Königreich
Originalsprache Polnisch
Erscheinungsjahr 2013
Länge 80 Minuten
Altersfreigabe FSK 0[1]
Stab
Regie Paweł Pawlikowski
Drehbuch Paweł Pawlikowski,
Rebecca Lenkiewicz
Produktion Eric Abraham,
Piotr Dzięcioł,
Ewa Puszczyńska
Musik Kristian Eidnes Andersen
Kamera Ryszard Lenczewski,
Łukasz Żal
Schnitt Jarosław Kamiński
Besetzung

Ida ist ein polnischer Spielfilm von Paweł Pawlikowski aus dem Jahr 2013. Er erzählt von der doppelten Reise der jungen Novizin Anna zu ihrer Vergangenheit und durch das Polen der 1960er Jahre. Der Schwarzweißfilm erhielt den Europäischen Filmpreis 2014[2] und wurde bei der Oscarverleihung 2015 als Bester fremdsprachiger Film ausgezeichnet.

Handlung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Schwarz-Weiß-Film spielt im Polen der 1960er Jahre. Er handelt vom Spannungsfeld zwischen Sozialismus, Antisemitismus und Katholizismus.

Die junge Novizin Anna bereitet sich auf ihr Gelübde vor. Sie ist bis zu diesem Zeitpunkt in einem Waisenhaus aufgewachsen. Auf Bitten ihrer Oberin besucht sie vor dem Gelübde noch einmal ihre Tante Wanda, ihre letzte Verwandte. Die Tante war nach dem Zweiten Weltkrieg eine unerbittliche Richterin und trug den Spitznamen Blutige Wanda. Inzwischen hat sie einen Hang zu Alkohol, Zigaretten und wechselnden Liebhabern. Bei Annas Besuch konfrontiert die Tante sie mit ihrer Vergangenheit: Anna ist die gebürtige Jüdin Ida Lebenstein, deren Eltern während des Zweiten Weltkrieges von Nachbarn erst versteckt und dann doch ermordet wurden. Auf der Suche nach dem Grab ihrer Eltern begeben sich die beiden Frauen auf eine Reise durch Polen.

Bei dieser Reise, im Stil eines Roadmovies, lernt Ida zunehmend die Welt außerhalb des Klosters kennen. Hierbei trifft sie auf den Saxophon spielenden Musiker Lis und zahlreiche weitere Personen: Eine Reise, die das Leben der beiden Frauen tiefgreifend verändert. Wanda sagt Ida, dass sie attraktiv sei und fragt sie nach ihren Gedanken über die körperliche Liebe. Als Ida verneint, erwidert ihr Wanda: „Du solltest es mal versuchen, sonst ist dein Gelübde kein richtiger Verzicht.“ Nachdem Ida und Wanda den Mörder von Idas Eltern und Wandas Sohn gefunden und die sterblichen Überreste der Verwandten im jüdischen Familiengrab bestattet haben, geht Ida zurück ins Kloster, um wie geplant ihr Gelübde abzulegen. Nach dem Erlebten fühlt sie sich jedoch noch nicht bereit dafür und verzichtet auf das Ritual. Auch Wanda kann nach den letzten Tagen nicht in ihr gewohntes Leben zurückkehren und verübt Suizid.

Ida trifft auf der Beerdigung ihrer Tante den Musiker Lis wieder. Sie legt ihre Novizentracht ab, sie raucht, sie trinkt Alkohol, besucht einen Tanzkeller, tanzt mit Lis und schläft schließlich mit ihm. Sein Angebot, mit ihm zusammen ans Meer zu reisen, lehnt sie jedoch ab. Am nächsten Morgen legt sie ihre Novizentracht wieder an und verlässt ihn, während er noch schläft.

Kritik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Film wurde in der Presse sehr gut besprochen. Bei Rotten Tomatoes sind 96 % der insgesamt 135 Kritiken positiv; die durchschnittliche Bewertung beträgt 8,3/10.[3] Metacritic bewertete Ida mit 90 von 100 Punkten, basierend auf 34 Kritiken.[4]

Die Zeitschrift Epd film nannte Ida ein „vielschichtiges Porträt der polnischen Nachkriegsgeschichte“ von „existenzielle[r] Kraft“, das weit über die „zeitgeschichtliche Situation“ hinauswirke.[5] Die Zeit schrieb, Ida erzähle „nuanciert und emphatisch“ „von den inneren Konflikten zwei[er] sehr unterschiedlicher Frauen“ und bescheinigte dem Film eine „zeitlose Gültigkeit“, da er „auf jedwede moralische Wertung verzichte.“[6] Der film-dienst lobte die Erzählstruktur des „fulminanten“ Films. Durch den Verzicht auf eine detaillierte Erläuterung der Handlung, sei Ida ein Film, der „lange nachwirkt“.[7]

David Denby vom Magazin New Yorker war besonders von der „kargen Strenge“ des „kompakten Meisterwerks“ bewegt, die beim Publikum „von Anfang an […] ein Gefühl der Ehrfurcht“, zumindest „einer starken Konzentration und der Anteilnahme“ erzeuge. Zwischen den einzelnen Bildern des Films, der in seiner Komposition „beinah statisch“ anmute, sei gleichwohl die „emotionale Energie“ spürbar, „die die Beziehung zwischen den Frauen fortwährend auflädt“.[8] Die Neue Zürcher Zeitung attestierte Ida „starke, ikonische Bilder“ und sah deren Kraft ebenfalls in der Gegensätzlichkeit der beiden Frauen.[9]

Die Los Angeles Times sah die große Stärke des Films in der Besetzung der Titelrolle mit der noch unerfahrenen Schauspielerin Trzebuchowska, die eine bemerkenswerte „Ausstrahlung und Präsenz“ habe. Es sei ihr „Gesicht und ihre Situation, ihre reale und existenzielle Reise“, die „mitreißt“.[10] A. O. Scott von der New York Times zeigte sich begeistert vom Spannungsbogen des Films. Es gebe „nichts Ergreifenderes“, als dem noch „unbeschriebenen Blatt“ Ida zuzusehen, wie sie auf ihrem Weg „zu Klugheit und Einsicht“ gelange.[11] Variety zeigte sich ebenfalls „fasziniert“ von Trzebuchowska, kritisierte aber, der Film biete mehr „eine intellektuelle als eine emotionale Erfahrung“.[12]

The Guardian schrieb, Ida sei ein „kleines Juwel“, „eine Art Neo-New-Wave-Film“ mit Anklängen „an die klassische polnische Filmschule und besonders Truffaut“, aber auch „Béla Tarr und Aki Kaurismäki“.[13] Der film-dienst sah sich an die Kinodramen eines Carl Theodor Dreyer oder Robert Bresson erinnert, erweitert um Elemente des „Kinos der polnischen Neuen Welle um 1960.“[7] Die Zeit bezeichnete Ida demgemäß als „Hommage an das polnische Nachkriegskino“.[6]

Kontroverse in Polen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In Polen wurde der Film von einigen als anti-polnisch und geschichtsfälschend kritisiert. Von der polnischen Anti-Diffamierungs-Liga (Reduta Dobrego Imienia) wurde eine Petition in die Wege geleitet. Sie kritisierte den Film, weil dieser die deutsche Besatzung ausblende und bei ungebildeten Zuschauern den Eindruck erwecken könnte, Polen sei für den Holocaust verantwortlich zu machen. Die Petition erhielt mehr als 40.000 Unterschriften.[14][15]

Der Erstausstrahlung im polnischen Fernsehen war ein 12-minütiger kritischer Kommentar vorangestellt, der den Film als historisch ungenau, ein übermäßig negatives Bild Polens zeichnend, kritisierte und behauptete, dass der Gewinn des Oscars auf dessen pro-jüdische Sichtweise im „polnisch-jüdischen Konflikt“ zurückzuführen sei. Die Kommentar-Sendung rief Proteste der Europäischen Filmakademie sowie zahlreicher polnischer Filmemacher, wie Agnieszka Holland, Małgorzata Szumowska und Andrzej Wajda, hervor.[16][17]

Hintergrund[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Mit der Arbeit an dem Film kehrte der in Großbritannien lebende Regisseur Paweł Pawlikowski filmisch in seine Heimat Polen zurück. Für die Hauptdarstellerin Agata Trzebuchowska ist es der erste Auftritt in einem Film.

Ewa Puszczyńska, die Produzentin des Films, bei einer Aufführung auf dem 14. Festival des mittel- und osteuropäischen Films

Der Film wurde von Opus Film produziert. Die deutsche Uraufführung fand am 10. April 2014 im Rahmen des GoEast-Festivals in Wiesbaden statt, hier erhielt der Film den ŠKODA Filmpreis für den Besten Film. Der Film wird in Deutschland von Arsenal Film vertrieben.

Bereits zuvor konnte der Film in Frankreich Erfolge feiern. Alleine am Startwochenende sahen ihn über 100.000 Besucher.[18]

Trivia[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Das Auto, mit dem Wanda und Ida die ganze Zeit über fahren, ist ein Wartburg 311. Zu hören ist allerdings ein anderer als der charakteristische Motor.

Auszeichnungen (Auswahl)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Film gewann 2013 Hauptpreise auf dem Gdynia Film Festival, dem Internationalen Filmfestival Warschau und dem London Film Festival.

2014 folgten neben einem Jurypreis für die Kameraarbeit fünf Auszeichnungen beim Europäischen Filmpreis, darunter in der Hauptkategorie als Bester Film.

Ebenfalls 2014 gewann er den LUX-Filmpreis des europäischen Parlaments.

Ida wurde für den Golden Globe 2015 nominiert.

Bei der Oscarverleihung 2015 erhielt Ida die Auszeichnung in der Kategorie Bester fremdsprachiger Film. Weiterhin war der Film in der Kategorie Beste Kamera nominiert.[19]

2016 belegte Ida bei einer Umfrage der BBC zu den 100 bedeutendsten Filmen des 21. Jahrhunderts den 55. Platz.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Freigabebescheinigung für Ida. Freiwillige Selbstkontrolle der Filmwirtschaft, April 2014 (PDF; Prüf­nummer: 144 423 K).
  2. Polnisches Drama „Ida“ gewinnt europäischen Filmpreis. Frankfurter Allgemeine Zeitung. 13. Dezember 2014. Abgerufen am 14. Dezember 2014.
  3. Ida (2014). Rotten Tomatoes, abgerufen am 22. Februar 2015 (englisch).
  4. Ida. Metacritic, abgerufen am 22. Februar 2015 (englisch).
  5. Rudolf Worschech: Film des Monats April: „Ida“. Epd film, 25. März 2014, abgerufen am 22. Februar 2015.
  6. a b Andreas Busche: Film „Ida“. Die Krise einer Nonne. Die Zeit, 10. April 2014, abgerufen am 22. Februar 2015.
  7. a b Ralf Schenk: Ida. film-dienst, , abgerufen am 22. Februar 2015.
  8. David Denby: “Ida”. The New Yorker, 27. Mai 2014, abgerufen am 22. Februar 2015 (englisch): „: […] thrown into a state of awe by the movie’s fervent austerity. […] if not awe, then at least extreme concentration and satisfaction. […] compact masterpiece. […] “Ida” might be called static were it not for the currents of emotion from shot to shot, which electrify the women’s relation to each other throughout.“
  9. Christina Tilmann: «Ida». Der Rest ist Schweigen. Neue Zürcher Zeitung, 16. April 2014, abgerufen am 22. Februar 2015.
  10. Kenneth Turan: Review: 'Ida' a journey of discovery through Polish, personal history. Los Angeles Times, 1. Mai 2014, abgerufen am 22. Februar 2015 (englisch): „ […] casting Trzebuchowska, a young woman of remarkable poise and presence who had never acted before […]. It is Trzebuchowska's face, and her character's situation, her existential and practical journey, that hold our interest in „Ida.““
  11. A. O. Scott: An Innocent Awakened. ‘Ida,’ About an Excavation of Truth in Postwar Poland. The New York Times, 1. Mai 2014, abgerufen am 22. Februar 2015 (englisch): „ […] as an empty vessel, with little knowledge or experience of the world. To watch her respond to it is to perceive the activation of intelligence and the awakening of wisdom. I can’t imagine anything more thrilling.“
  12. Peter Debruge: Telluride Film Review: ‘Ida’. Variety, 30. August 2013, abgerufen am 22. Februar 2015 (englisch): „She’s mesmerizing to watch. […] offering an intellectual exercise in lieu of an emotional experience […].“
  13. Peter Bradshaw: Ida – London film festival review. The Guardian, 14. Oktober 2013, abgerufen am 27. Februar 2015 (englisch): „It is a small gem […] a sort of neo-new wave movie with something of the classic Polish film school and something of Truffaut, but also  […] of Béla Tarr and Aki Kaurismäki.“
  14. Ida director Pawel Pawlikowski stands ground against complaints of historical inaccuracy The Guardian 30 Januar 2015 (engl)
  15. Polish nationalists launch Petition against Oscar-nominated film Ida The Guardian 22 Januar 2015 (engl)
  16. Polish TV broadcaster criticised for its treatment of Ida screening The Guardian, 4. März 2016 (englisch)
  17. Polish Directors’ Guild Expresses ‘Outrage’ at Public Television Network’s Attack on Oscar-Winning Film ‘Ida’ Variety.com, 29. Februar 2016 (englisch)
  18. Uwe Mies: Kino „Ida“: Die Dämonen des Verrats. Kölner Stadt-Anzeiger. 10. April 2014. Abgerufen 16. Dezember 2014.
  19. Offizielle Website der Academy of Motion Picture Arts and Sciences (englisch)