Internationale Grüne Woche Berlin

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Logo der Grünen Woche in der 2006 aktualisierten Version

Die Internationale Grüne Woche Berlin, meist kurz Grüne Woche genannt, ist eine Messe in Berlin, auf der landwirtschaftliche Erzeugnisse (im weitesten Sinne) von Herstellern und Vermarktern der weltweiten Agrarindustrie präsentiert werden und die nicht nur Fachbesuchern, sondern auch dem allgemeinen Publikum offensteht. Sie ist die international wichtigste Messe für Ernährungswirtschaft, Landwirtschaft und Gartenbau und findet traditionell jeweils am Jahresanfang in den Messehallen unter dem Funkturm statt. 2020 hatte sie knapp 400.000 Besucher, davon 90.000 Fachbesucher.

Veranstalter der Grünen Woche ist die Messe Berlin, ideelle Träger sind der Deutsche Bauernverband (DBV) und die Bundesvereinigung der deutschen Ernährungsindustrie (BVE).

Die Grüne Woche im Januar 2021 fand wegen der COVID-19-Pandemie nur als digital übertragenes Event ohne Vor-Ort-Publikum und nur an zwei Tagen (20. und 21. Januar) statt.[1] Die nächste Grüne Woche soll vom 21. bis 30. Januar 2022 stattfinden.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Anfänge[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Reichspräsident Paul von Hindenburg bei der Besichtigung wertvoller Jagd-Trophäen, große Jagdausstellung auf der Grünen Woche 1928
Grüne Woche, 1930

Die erste „Grüne Woche“ (damals noch nicht „international“) fand vom 20. bis zum 28. Februar 1926 statt, nachdem ein Mitarbeiter im Berliner Fremdenverkehrsamt die Idee hatte, die traditionelle Wintertagung der Deutschen Landwirtschafts-Gesellschaft in Berlin mit einer landwirtschaftlichen Ausstellung zu verbinden und damit den ohnedies stattfindenden Straßenverkauf landwirtschaftlicher Artikel an die Teilnehmer der Tagung in eine geordnete Form zu bringen. Im ersten Jahr wurden auf einer Ausstellungsfläche von 7.000 m² bereits 50.000 Besucher gezählt. Ihren Namen verdankt die Messe den damals häufig in grüne Lodenmäntel gekleideten Forst- und Landwirtschaftsbesuchern.[2]

Zeit des Nationalsozialismus[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Wilhelm Hölter entwarf 1935 das Logo mit zwei stilisierten Gerstenhalmen, deren Ähren von den Wörtern Grüne Woche gebildet werden, auf der auch das heutige Logo basiert

Ab 1933 war die Grüne Woche in die nationalsozialistische Ideologie eingebunden. Eine umfassende Aufarbeitung der Geschichte der Grünen Woche in dieser Zeit steht noch aus.[3] Bis 1939 fand die Grüne Woche jedes Jahr statt, mit Ausnahme von 1938 wegen der damals grassierenden Maul- und Klauenseuche.

Neustart 1948[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nach kriegsbedingter Pause gab es die Grüne Woche ab 1948 erneut. Nachdem sie 1950 wegen größerer Bauarbeiten ausfallen musste, fand sie ab 1951 wieder in jährlichem Rhythmus statt. Die Beteiligung ausländischer Aussteller stieg ab diesem Zeitpunkt kontinuierlich, im Jahr 1963 machten sie bereits zwei Drittel aller Teilnehmer an der Leistungsschau aus. Seit den 1990er Jahren erlebte die Grüne Woche durch die deutsche Wiedervereinigung und die Öffnung des Ostblocks einen besonderen Aufschwung. Sonderschauen zu Themen wie „Käse aus Deutschland“ und ein fachliches Rahmenprogramm mit z. B. im Jahr 2005 über 250 Vorträgen, Seminaren und Symposien runden die Messe ab.

21. Jahrhundert[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Internationale Grüne Woche in Berlin, Eingangsbereich zum Messegelände, 2006

Anlässlich der Grünen Woche findet in Berlin etwa zeitgleich seit 2008 jährlich die Welternährungskonferenz „Global Forum for Food and Agriculture“ statt und als dessen politischer Höhepunkt seit 2009 ein internationaler Agrarministergipfel im Auswärtigen Amt.

Die 80. Internationale Grüne Woche fand vom 16. bis 25. Januar 2015 statt.[4] Im Sinne des Gutachtens des Wissenschaftlichen Beirats der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen (WBGU) aus dem Jahr 2011, „Gesellschaftsvertrags für eine Große Transformation“ mit seinem Postulat einer Abkehr von fossilen Brennstoffen als Grundlage der Ökonomie, hat der Begriff der Bioökonomie als neues Leitbild für die weltweite Landwirtschaft und Nahrungsmittelerzeugung das jährliche internationale Treffen der Landwirtschaftsminister auf dieser Veranstaltung bestimmt.[5][6] Die Messe wurde von 415.000 Besuchern besucht, 5.000 mehr als im Vorjahr.

Vom 15. bis 24. Januar 2016 präsentierten sich 1660 Aussteller aus 65 Ländern. Die Russische Föderation, seit 1993 auf der Messe vertreten und seit 2006 einer der größten Aussteller, nahm nicht teil, da der Landwirtschaftsminister Alexander Tkatschow aufgrund der Sanktionen der EU im Krimkonflikt keine Einreiseerlaubnis erhalten hatte.[7][8] Mit Marokko war erstmals ein nichteuropäisches Land Gastland. Die Zahl der Messe- und Kongressbesucher ging auf knapp 400.000 zurück, davon waren gut 100.000 Fachbesucher.[9]

Im Jahr 2018 nahm Russland trotz weiterbestehender Sanktionen der EU wieder teil, allerdings in eingeschränkter Form (der russische Landwirtschaftsminister kam bereits 2017 wieder zum Agrarministertreffen und sprach auf der Welternährungskonferenz). Nach längerer Abwesenheit waren auch Schweden, Japan und Kasachstan wieder dabei. Erstmals war das Emirat Katar auf der Messe vertreten. Im Rahmen der Grünen Woche fand erstmals die Hippologica statt.

Am 20. August 2020 teilte die Messe Berlin mit, dass die Grüne Woche des Folgejahres aufgrund der Auswirkungen der COVID-19-Pandemie nicht als Publikums- bzw. Verbrauchermesse, sondern nur als Fachveranstaltung ohne Ausstellung stattfinden soll. Am 16. November 2020 folgte die Ankündigung, dass die Grüne Woche ohne Publikum als rein digital übertragene Veranstaltung durchgeführt werde. Diese fand an am 20. und 21. Januar 2021 unter dem Titel IGW Digital 2021 statt.[10][1] Über das Live-Streaming-Portal der Messe konnten über 100 Programmbeiträge kostenfrei abgerufen und nach Angaben des Veranstalters mehr als 20.000 Nutzer erreicht werden.[11][12]

Nebenausstellungen und -konferenzen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

GFFA[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Global Forum for Food and Agriculture (GFFA), eine internationale Konferenz zu agrar- und ernährungspolitischen Fragen, findet seit 2008 parallel zur Internationalen Grünen Woche in Berlin statt. Die Konferenz wird veranstaltet vom Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) in Kooperation mit dem Senat von Berlin, der Messe Berlin und dem Verein GFFA Berlin e. V. Beim GFFA diskutieren Teilnehmende aus Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Zivilgesellschaft zu einem Schwerpunktthema, meist aus dem Bereich Ernährungssicherung. Am letzten Konferenztag findet als Höhepunkt des GFFA die Berliner Agrarministerkonferenz mit rund 70 Agrarministern sowie Vertretern internationaler Organisationen (wie FAO, OECD, WTO und Weltbank) statt.[13]

Hippologica[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Seit 2018 findet im Rahmen der Grünen Woche die Hippologica, ein viertägiges Hallenreitsportturnier mit angeschlossener Pferdemesse statt. Es finden Wettkämpfe in Springen, Dressur und Voltigieren statt. Außerdem wird ein Zweispänner-Hindernisfahren ausgetragen.[14]

Offizielle Partnerländer[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Seit 2005 gibt es jährlich ein offizielles Partnerland auf der Grünen Woche:[15]

2005 TschechienTschechien Tschechien
2006 RusslandRussland Russland
2007 DeutschlandDeutschland Deutschland
2008 SchweizSchweiz Schweiz
2009 NiederlandeNiederlande Niederlande
2010 UngarnUngarn Ungarn
2011 PolenPolen Polen
2012 RumänienRumänien Rumänien
2013 NiederlandeNiederlande Niederlande
2014 EstlandEstland Estland
2015 LettlandLettland Lettland
2016 MarokkoMarokko Marokko
2017 UngarnUngarn Ungarn
2018 BulgarienBulgarien Bulgarien[16]
2019 FinnlandFinnland Finnland
2020 KroatienKroatien Kroatien

Begleitende Proteste[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Demonstration 2013

Die Grüne Woche wird seit einigen Jahren von Protesten unter dem Motto Wir haben es satt! begleitet.[17][18] Die Bewegung sieht sich selbst als globale Bewegung für Klimagerechtigkeit und konsequenten Klimaschutz.[19] Zum Auftakt 2013 protestierten 25.000 Menschen gegen die Massentierhaltung, den übermäßigen Einsatz von Antibiotika bei Masttieren und forderten eine Agrarwende. Der Vorsitzende des Bundes für Umwelt und Naturschutz, Hubert Weiger, sagte auf der Abschlusskundgebung 2013: „Hinter dem schönen Schein der Messestände verbirgt sich millionenfaches Tierleid.“[20] Ina Müller-Arnke, Nutztierexpertin von Vier Pfoten sieht „absolut keine Notwendigkeit, Tiere auf Messen auszustellen...die Tiere werden aus der gewohnten Umgebung herausgerissen und von der vertrauten Herde getrennt“.[21] Auch 2015 protestierten Zehntausende (nach Angaben der Polizei 25.000, nach denen der Veranstalter 50.000).[22]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Sven Schultze: „Land in Sicht“? Agrarexpositionen in der deutschen Systemauseinandersetzung. be.bra verlag, Berlin 2014, ISBN 978-3-95410-103-0.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b Internationale Grüne Woche 2021 findet ausschließlich digital statt. Presseinformation der Messe Berlin, 16. November 2020
  2. Woher die Grüne Woche ihren Namen hat. In: Berliner Morgenpost, 15. Januar 2010.
  3. Grüne-Woche-Jubiläum: Macht reinen Tisch mit eurer Nazi-Vergangenheit! In: berliner-kurier.de, 20. Januar 2016.
  4. Pressemitteilung: Historie der Grünen Woche, (Memento des Originals vom 24. März 2016 im Internet Archive)  Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.@1@2Vorlage:Webachiv/IABot/www.gruenewoche.de abgerufen am 14. Januar 2015.
  5. Benjamin Dierks, Schwerer Sprung vom Labor in die Industrie. Bei: Deutschlandfunk in der Sendung Hintergrund, 15. Januar 2015.
  6. Rückblick des Global Forum for Food and Agriculture (GFFA) 2015, gffa-berlin.de gffa-berlin.de, Suchergebnisse „Bioökonomie“ (Memento des Originals vom 19. September 2015 im Internet Archive)  Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.@1@2Vorlage:Webachiv/IABot/www.gffa-berlin.de
  7. Grüne Woche in Berlin ohne Russland: Einer der größten Aussteller bleibt der Messe schweigend fern. In: Der Tagesspiegel, 9. Januar 2016.
  8. Grüne Woche – Russischer Minister darf nicht einreisen. (Memento des Originals vom 16. Januar 2016 im Internet Archive)  Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.@1@2Vorlage:Webachiv/IABot/www.deutschlandfunk.de Bei: Deutschlandfunk, 15. Januar 2016.
  9. Abschlussbericht Grüne Woche 2016
  10. Internationale Grüne Woche 2021 findet als Branchentreff statt. Presseinformation der Messe Berlin, 20. August 2020
  11. Grüne Woche startet erstmals als reine Online-Ausgabe. Bei: RBB, 20. Januar 2021
  12. Erfolgreicher Abschluss der IGW Digital. Bei: Messe Berlin/Grüne Woche, 22. Januar 2021
  13. GFFA: Was ist das GFFA.
  14. Hippologica
  15. Historie der Grünen Woche: Von einer lokalen Warenbörse zur Weltmesse, (Memento des Originals vom 24. September 2015 im Internet Archive)  Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.@1@2Vorlage:Webachiv/IABot/www.gruenewoche.de abgerufen am 18. Januar 2015.
  16. Website der Internationalen Grünen Woche Berlin, (Memento des Originals vom 16. Januar 2018 im Internet Archive)  Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.@1@2Vorlage:Webachiv/IABot/www.gruenewoche.de abgerufen am 15. Januar 2018.
  17. Umweltschützer fordern Agrarwende. In: die tageszeitung, 22. Januar 2012.
  18. Daten und Fakten über Tiere als Nahrungsmittel, Heinrich-Böll-Stiftung, S. 47 (Memento vom 5. November 2013 im Internet Archive) (PDF; 5,1 MB).
  19. www.wir-haben-es-satt.de
  20. 25.000 Demonstranten fordern eine Agrarwende. In: Die Welt, 19. Januar 2013.
  21. Darum sehen Tierschützer die Grüne Woche kritisch, vom 27. Januar 2020 in Tagesspiegel.de.
  22. Hanna Gersmann und dpa: Zehntausende demonstrieren gegen Agrarfabriken. In: Badische Zeitung, 19. Januar 2015.