Jürgen Dendorfer

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Jürgen Dendorfer (* 19. Juli 1971 in Roding) ist ein deutscher Historiker. Dendorfer lehrte von 2010 bis 2011 als Professor für Mittelalterliche Geschichte an der KU Eichstätt-Ingolstadt. Ab Oktober 2011 ist er Inhaber des Lehrstuhls für Mittelalterliche Geschichte I und Direktor der Abteilung Landesgeschichte an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg.

Leben und Wirken[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Jürgen Dendorfer legte das Abitur am Gymnasium in Straubing ab. Er studierte von 1992/93 bis 1998 Geschichte und Germanistik an den Universitäten Regensburg, München und Wien. 1998 erfolgte der Magister mit einer Arbeit über das Adelshaus der Grafen von Sulzbach und 1999 das Staatsexamen für das Lehramt an Gymnasien. In München wurde er 2002 mit einer von Stefan Weinfurter angeregten und betreuten sowie summa cum laude beurteilten Arbeit über adlige Gruppenbildung am Beispiel der Grafen von Sulzbach promoviert.[1] Die Zweit- und Drittgutachter waren Alois Schmid und Ludwig Holzfurtner. Im Jahre 2008 erfolgte ebenfalls in München die Habilitation. Dendorfer war Stipendiat der Studienstiftung des deutschen Volkes. Als wissenschaftlicher Mitarbeiter war er an der Universität Heidelberg (1999/2000) und an der Universität München (LMU) (2001–2004) tätig. Dendorfer war von 2004 bis 2007 wissenschaftlicher Mitarbeiter im DFG-Sonderforschungsbereich 573 „Pluralisierung und Autorität in der Frühen Neuzeit“. 2006 wurde ihm der wissenschaftliche Förderpreis der Stauferstiftung Göppingen verliehen. Von 2007 bis 2008 war er wissenschaftlicher Assistent an der LMU München am Lehrstuhl für Spätmittelalter von Claudia Märtl. Es folgten Lehrstuhlvertretungen für Stefan Weinfurter an der Universität Heidelberg (WS 2008/09) und für Claudia Märtl an der Universität München (LMU) (SS 2009). Anschließend war er ein Jahr Gastdozent am Deutschen Historischen Institut in Rom. Von Oktober 2010 bis September 2011 war Dendorfer Lehrstuhlinhaber für Mittelalterliche Geschichte an der KU Eichstätt-Ingolstadt. Dendorfer lehrt seit Oktober 2011 an der Universität Freiburg als W3-Professor für Mittelalterliche Geschichte (Früh- und Hochmittelalter) und Landesgeschichte des deutschsprachigen Südwestens. Seine Freiburger Antrittsvorlesung hielt er im Juli 2012 über die Herzogin Hadwig auf dem Hohentwiel.[2] Dendorfer ist Mitglied im Konstanzer Arbeitskreis für mittelalterliche Geschichte (seit 2015).

Seine Forschungsschwerpunkte sind die politische Geschichte des Früh- und Hochmittelalters, die süddeutsche Landesgeschichte im Mittelalter, die Geschichte des Adels, die politisch-sozialen Bindungsformen im Hochmittelalter (Verwandtschaft, Freundschaft und insbesondere das Lehnswesen) sowie Papsttum und Kurie im 15. Jahrhundert.

Mit seiner Dissertation untersuchte er erstmals seit 170 Jahren umfassend die Geschichte vom Aufstieg bis zum Fall der Grafen von Sulzbach und kam zu zahlreichen neuen Einsichten für die Landesgeschichte Süddeutschlands und der Reichsgeschichte im 12. Jahrhundert. Dendorfer untersuchte dass „exzeptionelle Hervortreten eines einzelnen Grafengeschlechts am spätsalisch-frühstaufischen Königshof“[3] nicht anhand einer herausragenden Einzelpersönlichkeit, sondern als Ergebnis adeliger Gruppenbildung am Fallbeispiel der Grafen von Sulzbach. Dendorfers Fragestellung war es, „ob und wie sich überlagernde verwandtschaftliche, freundschaftliche und herrschaftliche Bindungen [...] zu einer über das agnatische Geschlecht hinausgreifenden Gruppenbildung des Adels verdichten konnten.“[4] Im Laufe des 12. Jahrhunderts konnte Dendorfer bei der Analyse der Beziehungen des Grafengeschlechts zum Königshof ein deutliches Schwanken zwischen Königsnähe und Königsferne feststellen. Das Adelsgeschlecht hatte seinen größten Einfluss unter Graf Berengar I. am Königshof Heinrichs V. Berengars Sohn Graf Gebhard war hingegen überhaupt nicht am Hof Lothars III.[5]

Mit Hubertus Seibert gab Dendorfer 2005 einen Sammelband zu den frühen Staufern heraus. Die Geschichtswissenschaft hatte sich der Zeit der Staufer vielfach gewidmet. Das Interesse in der Forschung hatte sich bis dahin aber weniger der Frühzeit der Dynastie, sondern dem Wirken Kaiser Friedrich Barbarossas und seiner Söhne gerichtet. Gemeinsam mit Roman Deutinger gab Dendorfer die Ergebnisse einer 2008 in München stattfindenden Tagung heraus. Ausgangspunkt war die Kritik von Susan Reynolds Mitte der 1990er Jahre an der bisherigen Vorstellung eines Lehnswesens.[6] Der zeitliche Schwerpunkt der Beiträge liegt auf dem 12. Jahrhundert. Das Ziel war es, „den Stellenwert des Lehnswesens im Rahmen der Ordnungskonfigurationen des Früh- und Hochmittelalters neu zu bestimmen“.[7] Dendorfer befasste sich mit der im Wormser Konkordat geregelten Belehnung von Bischöfen mit Szepterlehen. Als wesentliches Ergebnis der Tagung wurde festgestellt, dass eine zwingende Verbindung von Lehen und Vasallität sich im Reich nördlich der Alpen vor 1150 nicht erkennen lasse.[8] Mit Claudia Märtl gab Dendorfer 2008 einen Sammelband für die Zeit nach dem Basler Konzil heraus. Der Band widmet sich den kurialen Reformdiskussionen nach 1450. Im Jahr 2011 gab er mit Ralf Lützelschwab ein Handbuch zum Kardinalat heraus. Der zeitliche Schwerpunkt liegt auf den Jahren 1049 bis 1503. Dendorfer gab 2015 die Beiträge einer im September 2011 abgehaltenen Eichstätter Tagung über den Bischof Johann von Eych, die Geschichte des Bistums in der Mitte des 15. Jahrhunderts und die frühe Phase des Humanismus in Eichstätt heraus. Nach Dendorfer sei Eichstätt unter Bischof Johann von Eych „zu einem Knotenpunkt der geistigen Strömungen des Jahrhunderts“ geworden.[9] Im September 2016 fand in St. Peter im Schwarzwald, im Hauskloster der Zähringer, eine Tagung zu den Zähringern („Die Zähringer. Rang und Herrschaft um 1200“) statt. Die Tagung wurde von der Abteilung Landesgeschichte des Historischen Seminars der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg, dem Alemannischen Institut Freiburg e. V. und dem Verein Zähringerzentrum St. Peter veranstaltet. Die Beiträge wurden von Dendorfer zum Gedenkjahr 2018, 800 Jahre nach dem Tod des letzten Zähringers Bertold V., herausgegeben.

Schriften[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Monografien

  • Adelige Gruppenbildung und Königsherrschaft. Die Grafen von Sulzbach und ihr Beziehungsgeflecht im 12. Jahrhundert (= Studien zur bayerischen Verfassungs- und Sozialgeschichte. Arbeiten aus der historischen Atlasforschung in Bayern. Bd. 23). Kommission für bayerische Landesgeschichte, München 2004, ISBN 3-7696-6870-7 (Zugleich: München, Universität, Dissertation, 2002). (Rezension)

Herausgeberschaften

  • mit Heinz Krieg und R. Johanna Regnath: Die Zähringer. Rang und Herrschaft um 1200. Thorbecke, Ostfildern 2018, ISBN 3-7995-1296-9.
  • Reform und früher Humanismus in Eichstätt. Bischof Johann von Eych (1445–1464) (= Eichstätter Studien. Bd. 69). Pustet, Regensburg 2015, ISBN 3-7917-2494-0.
  • Geschichte des Kardinalats im Mittelalter (= Päpste und Papsttum. Bd. 39). Hiersemann, Stuttgart 2011, ISBN 978-3-7772-1102-2.
  • mit Roman Deutinger: Das Lehnswesen im Hochmittelalter. Forschungskonstrukte - Quellenbefunde - Deutungsrelevanz. (= Mittelalter-Forschungen. Bd. 34). Thorbecke, Ostfildern 2010, ISBN 978-3-7995-4286-9 (Digitalisat).
  • mit Claudia Märtl: Nach dem Basler Konzil. Die Neuordnung der Kirche zwischen Konziliarismus und monarchischem Papat (ca. 1450–1475) (= Pluralisierung & Autorität. Bd. 13). Lit, Berlin u. a. 2008, ISBN 978-3-8258-1370-3. (Rezension)
  • mit Hubertus Seibert: Grafen, Herzöge, Könige. Der Aufstieg der frühen Staufer und das Reich (1079–1152) (= Mittelalter-Forschungen. Bd. 18). Thorbecke, Ostfildern 2005, ISBN 978-3-7995-4269-2 (Digitalisat).

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Jürgen Hilse: Verleihung des wissenschaftlichen Förderpreises der Stauferstiftung Göppingen an Dr. Jürgen Dendorfer. In: Friedrich Barbarossa und sein Hof (= Schriften zur staufischen Geschichte und Kunst. Bd. 28). Gesellschaft für staufische Geschichte, Göppingen 2009, ISBN 978-3-929776-20-1, S. 158–161.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Anmerkungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Vgl. dazu die Besprechungen von Bernd Schütte in: Sehepunkte 6 (2006), Nr. 9 [15. September 2006], (online); Karl Borchardt in: Deutsches Archiv für Erforschung des Mittelalters 62 (2006), S. 392–394 (Digitalisat); Gudrun Pischke in: Zeitschrift der Savigny-Stiftung für Rechtsgeschichte, Germanistische Abteilung 123 (2006), S. 494–496; Wolfgang Wagner, in: Passauer Jahrbuch. Beiträge zur Geschichte, Geographie und Kultur Ostbaierns 54 (2012), S. 250f.
  2. Jürgen Dendorfer: Herzogin Hadwig auf dem Hohentwiel - Landesgeschichtliche Perspektiven für das Früh- und Hochmittelalter. In: Zeitschrift für die Geschichte des Oberrheins 161 (2013), S. 11–42 (online)
  3. Jürgen Dendorfer: Adelige Gruppenbildung und Königsherrschaft. Die Grafen von Sulzbach und ihr Beziehungsgeflecht im 12. Jahrhundert. München 2004, S. 2.
  4. Jürgen Dendorfer: Adelige Gruppenbildung und Königsherrschaft. Die Grafen von Sulzbach und ihr Beziehungsgeflecht im 12. Jahrhundert. München 2004, S. 3.
  5. Jürgen Dendorfer: Adelige Gruppenbildung und Königsherrschaft. Die Grafen von Sulzbach und ihr Beziehungsgeflecht im 12. Jahrhundert. München 2004, S. 315–385.
  6. Susan Reynolds: Fiefs and vassals. The medieval evidence reinterpreted. Oxford 1994.
  7. Jürgen Dendorfer: Zur Einleitung. In: Jürgen Dendorfer, Roman Deutinger (Hrsg.): Das Lehnswesen im Hochmittelalter. Forschungskonstrukte - Quellenbefunde - Deutungsrelevanz. Ostfildern 2010, 11–39, hier: S. 21.
  8. Jürgen Dendorfer: Der König von Böhmen als Vasall des Reiches? Narrative der deutschsprachigen Forschung des 19. und 20. Jahrhunderts im Licht der Diskussion um das Lehnswesen. In: Knut Görich, Martin Wihoda (Hrsg.): Friedrich Barbarossa in den Nationalgeschichten Deutschlands und Ostmitteleuropas (19.–20. Jh.). Köln u. a. 2017, S. 229–284, hier: S. 235.
  9. Jürgen Dendorfer: Einleitung. In: Jürgen Dendorfer (Hrsg.): Reform und früher Humanismus in Eichstätt. Bischof Johann von Eych (1445–1464). Regensburg 2015, S. 11–24, hier: S. 11.