Jack Goody

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Sir Jack Goody (* 27. Juli 1919; † 16. Juli 2015 in Cambridge) war ein britischer Ethnologe, Anthropologe und Medientheoretiker.

Leben[Bearbeiten]

Goody wuchs in Welwyn Garden City und St Albans auf, wo er die St Albans School besuchte. Er trat 1938 in das Johannes College in Cambridge ein, um englische Literatur zu studieren. Hier lernte er einen Kreis von linken Intellektuellen wie Eric Hobsbawm kennen. Im Zweiten Weltkrieg kämpfte er in Nordafrika, wurde dort von den Deutschen gefangen genommen und verbrachte drei Jahre in deutschen Gefangenenlagern.

Beeinflusst von James George Frazers Golden Bough und dem Archäologen V. Gordon Childe wechselte er 1946 zum Studium der Archäologie und Anthropologie. Jack Goody promovierte 1954 an der Universität Cambridge und unternahm anschließend Feldstudien in Nord-Ghana mit den LoWiili und LoDagaa Völkern. Goody arbeitete an Vergleichsstudien zwischen Europa, Afrika und Asien. Von 1954 bis 1984 unterrichtete er Sozialanthropologie an der Universität Cambridge, ab 1961 unterrichtete er am St John’s College in Cambridge, nahm in den 1960er Jahren eine Professur in Ghana an, von 1973 bis 1984 als William-Wyse-Professur für Sozialanthropologie. 1976 wurde Goody Fellow der British Academy und auch von der Queen zum Ritter geschlagen. 1987 gab er Luce-Vorlesungen an der Yale University.

Goody hat in der vergleichenden Anthropologie der Alphabetisierung Pionierarbeit geleistet und die Voraussetzungen und Wirkungen der Schreibarten als eine Technologie zu untersuchen. Er hat aber auch über die Geschichte der Familie und der Anthropologie der Vererbung veröffentlicht. In jüngerer Zeit hat er an der Anthropologie von Blumen und Lebensmittel geschrieben.

Werk[Bearbeiten]

Goody veröffentlichte zahlreiche einflussreiche Publikationen zur Schriftkultur, zur Geschichte der Familie und zu Ritualen. Goody gilt als einer der bekanntesten englischsprachigen Kulturwissenschaftler.

Leistungen der Alphabetschriften[Bearbeiten]

„Die Ursache für den Erfolg des Alphabets, das David Diringer im Gegensatz zu der ‚theokratischen‘ ägyptischen Schrift als eine ‚demokratische‘ Schrift bezeichnet, hängt damit zusammen, dass seine graphischen Zeichen – und darin unterscheidet es sich von allen anderen Schriftsystemen – Repräsentationen des extremsten und universalsten Beispiels kultureller Selektion sind – des elementaren phonemischen Systems. Die menschlichen Sprechwerkzeuge können zwar eine riesige Zahl von Lauten erzeugen, doch beruhen fast alle Sprachen auf dem formalen Wiedererkennen von nur ungefähr vierzig dieser Laute durch die Mitglieder einer Gesellschaft. Der Erfolg des Alphabets (das gleiche gilt für einige seiner gelegentlichen Schwierigkeiten) gründet darin, dass sein System der graphischen Repräsentation sich diese in allen Sprachsystemen gesellschaftlich konventionalisierte Lautstruktur in allen Sprachsystemen zunutze macht, denn dadurch, dass das Alphabet diese ausgewählten phonemischen Elemente symbolisiert, wird es möglich, alles, worüber die Gesellschaft sprechen kann, ohne Mühe aufzuschreiben und die Schrift ohne Mehrdeutigkeiten zu lesen. […]“

„Die Niederschrift einiger der wesentlichen Elemente der kulturellen Tradition in Griechenland machte zwei Dinge bewusst: den Unterschied von Vergangenheit und Gegenwart und die inneren Widersprüche in dem Bild des Lebens, das dem Individuum durch die kulturelle Tradition, soweit sie schriftlich aufgezeichnet war, vermittelt wurde. Wir dürfen annehmen, dass diese beiden Wirkungen der allgemein verbreiteten alphabetischen Schrift angedauert und sich – vor allem seit der Erfindung der Buchdruckerkunst – vielfach verstärkt haben“ (aus: Jack Goody: The Domestication of the Savage Mind, 1977; zit in [1])

Auszeichnungen[Bearbeiten]

Schriften[Bearbeiten]

  • 1969: Comparative Studies in Kinship. Stanford University Press
  • 1977: The Domestication of the Savage Mind. Cambridge University Press
  • 1977: Production and Reproduction. A Comparative Study of the Domestic Domain. Cambridge University Press
  • 1981: Literalität in traditionalen Gesellschaften. Frankfurt am Main (dt. Ausg. von Literacy in traditional society. Cambridge University Press 1968)
  • 1982: Cooking, Cuisine and Class. A Study in Comparative Sociology. Cambridge University Press
  • 1986: Die Entwicklung von Ehe und Familie in Europa. Reimer, ISBN 3-496-00827-X
  • 1987: The Interface between the Written and the Oral. Cambridge University Press, ISBN 978-0-521-33268-2
  • 1990: Die Logik der Schrift und die Organisation von Gesellschaft. Frankfurt am Main: Suhrkamp. ISBN 3-518-58061-2 (dt. Ausg. von The Logic of Writing and the Organization of Society. Cambridge University Press 1986)
  • 1990: The Oriental, the Ancient and the Primitive. Cambridge University Press
  • 1993: The Culture of Flowers. Cambridge University Press
  • 1995: The Expansive Moment. The Rise of Social Anthropology in Britain and Africa 1918-1970. Cambridge University Press
  • 1996: The East in the West. Cambridge University Press
  • 1997: Representations and Contradictions. Ambivalence Towards Images/ Theatre/ Fiction/ Relics and Sexuality. Blackwell Publishers
  • 1998: Die Entwicklung von Ehe und Familie in Europa. Frankfurt am Main: Suhrkamp. ISBN 3-518-28381-2 (dt. Ausgabe von The Development of the family and marriage in Europe. Cambridge University Press, 1994)
  • 1998: Food and Love. A Cultural History of East and West. Verso
  • 1998: Literalität in traditionalen Gesellschaften. Suhrkamp, Frankfurt am Main, ISBN 3-518-57504-X
  • 1999: The European Family (Making of Europe Series). Blackwell Publishers
  • 2000: The Power of the Written Tradition. Smithsonian Institution Press
  • 2002: Geschichte der Familie. C. H. Beck, München, ISBN 3-406-48439-5 (Rezension als PDF-Datei)
  • 2003: Entstehung und Folgen der Schriftkultur. Suhrkamp, Frankfurt am Main, ISBN 3-518-28200-X (mit Ian Watt und Kathleen Gough, dt. Ausgabe von The Logic of Writing and the Organization of Society; ein Auszug aus dem Sammelbande Literalität in traditionalen Gesellschaften von 1968 mit einer Einleitung von Heinz Schlaffer)
  • 2004: Capitalism and Modernity. Polity Press
  • 2004: Islam in Europe. Polity Press

Siehe auch[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]