KZ Neckarelz

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Das Konzentrationslager Neckarelz war von März 1944 bis März 1945 eine so genannte Außenstelle des bald in Auflösung befindlichen Konzentrationslagers Natzweiler-Struthof. Im Rahmen der Untertageverlagerung kriegswichtiger Produktion brachte man mehrere Tausend Zwangsarbeiter und KZ-Häftlinge in und um Neckarelz (heute ein Stadtteil von Mosbach) unter, die Stollen in den, auf der anderen Neckarseite bei Obrigheim gelegenen, Bergen ausbauen sollten. Es sollten hier Flugzeugmotoren von dem aus Genshagen ins Neckartal verlegten Werk der Daimler-Benz-Motoren GmbH (Tarnname: Goldfisch GmbH) gefertigt werden.

Als Konzentrationslager ist das Lager in Neckarelz ein wesentlicher Teil der Neckarlager gewesen. Heute erinnern ein Museum in der KZ-Gedenkstätte Neckarelz und der Geschichtslehrpfad Goldfischpfad bei Obrigheim, der u.a. zu den Stollen mit den Decknamen Goldfisch und Brasse führt, an das Lager und die Untertage-Fabrik.

Über Jahrzehnte wurde fast nichts über diesen umfangreichen Konzentrationslagerkomplex im Norden Baden-Württembergs berichtet. Die Stadt Mosbach begann 1985 mit der Aufarbeitung der Geschichte, das hauptsächlich beteiligte Industrieunternehmen schloss sich in den 1990er Jahren an.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Planung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Daimler-Benz Motoren GmbH fertigte seit 1941 in ihrem Flugzeugmotorenwerk in Genshagen die 1500 PS starken Zwölfzylinder-Flugzeugmotoren „DB 603“ und „DB 605“. Anfang 1944, als die Luftangriffe auf Genshagen häufiger wurden, beschloss der Jägerstab (genannt nach dem Militärflugzeugtyp) – eine Koordinationsstelle aus SS, Luftwaffe und Rüstungsministerium und Rüstungsbetrieben – die Produktion in unterirdische Stollen zu verlegen. Die Gipsgruben „Friede“ und „Ernst“ im badischen Obrigheim boten sich nach einer Erkundung im Februar 1944 hierfür an, da sie in Süddeutschland vermeintlich sicher vor gegnerischen Bomben wären, in einem Seitental des Neckaruferhanges, der Luttenbachschlucht bzw. im Karlsberg, versteckt im Wald lagen, aber dennoch über die – heute nicht mehr bestehende – Neckarbrücke der Bahnstrecke Meckesheim–Neckarelz zwischen Neckarelz und Obrigheim bereits gut an den Verkehr angebunden waren (von Mannheim an die Neckartalbahn bzw. die Strecke WürzburgStuttgart).

Bahnnetz damals - heute (zwi. 1862 u. 1945 bzw. 2006, Straßen heute)

Die vorhandenen Stollen der Gipsgruben erhielten die Tarnnamen Goldfisch (Friede) und Brasse (Ernst). Am 7. März ging an den Stuttgarter Architekten Kiemle von Daimler-Benz und der SS der Planungsauftrag für eine 50.000 m² große unterirdische Produktionsfläche im Goldfisch, die binnen sieben Wochen errichtet werden sollte. Etwas später wurde im benachbarten Stollen Brasse zusätzlich eine 9.000 m² große Produktionsstätte geplant, die jedoch nach schweren Luftangriffen im Februar und März 1945 nicht fertiggestellt werden konnte. In das Handelsregister von Mosbach wurde eine Goldfisch GmbH eingetragen, die in kürzester Zeit zum größten „Arbeitgeber“ der Region wurde.

Errichtung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Lagerhalle des Verladebahnhofs am Stollen Goldfisch in Obrigheim, Aufn. v. Juli 2006
Eingang zum Stollen Brasse, Obrigheim, Sommer 2004

Am 15. März 1944 wurden 500 Häftlinge des KZ Dachau in der Schule von Neckarelz einquartiert. Das dortige Schulgebäude wurde zur Außenstelle Neckarelz I des KZ Natzweiler. Dort wurden fünf Klassenzimmer zu Schlafräumen für die etwa 800 Häftlinge umfunktioniert. Durch den Schichtbetrieb in der Fabrikanlage waren immer nur die Hälfte der Häftlinge in den Räumen. Der Schulhof war nun Appellplatz. Darum wurden Stacheldrahtverhau und Wachtürme errichtet. Noch 1944 wurden zusätzlich in dem Bereich Baracken gebaut und eine Duschanlage für das ebenfalls vergrößerte Wachpersonal. Hinter diesen Baracken gab es für den Lagerkommandanten einen Garten.

Den Weg von Neckarelz zu den Stollen in Obrigheim mussten die Häftlinge täglich zu Fuß über die damals bestehende Eisenbahnbrücke zurücklegen. Die Aufgabe der ersten Häftlinge war es, die Zufahrtswege zu den Stollen auszubauen und den weiträumigen Tunnelboden zu befestigen und zu ebnen, Stromleitungen zu verlegen, um dort schnellstmöglich Maschinen betreiben zu können. Das benötigte Baumaterial (die Firma Hochtief, die die Arbeiten organisierte, rechnete mit circa 750 Tonnen Eisen und 3200 Tonnen Zement) musste auf dem Rücken über 40 Höhenmeter eine schmale Treppe hinauf transportiert werden. Außerdem mussten die Häftlinge in der Umgebung mehrere Barackenlager zur Unterbringung von weiteren Zwangsarbeitern errichten. Im Mai 1944 wurden 500 bis 700 Häftlinge aus dem KZ Oranienburg nach Neckarelz gebracht.

In den darauffolgenden Monaten wurden zusätzlich vier kleinere Nebenlager des Konzentrationslagers in Oberschefflenz, Bad Rappenau und Neckarbischofsheim eingerichtet. Im Sommer 1944 kam es zu Typhus- und Ruhr-Epidemien. Darauf wurde im Herbst 1944 der KZ-Teil in Neckargerach als "Krankenlager" eingerichtet. Ein Krankenlager bedeutete im SS-Jargon nicht eine ärztliche Heilbehandlung, sondern verminderte Essensrationen - denn die SS hielt einen Arbeitseinsatz dieser Häftlinge nicht mehr für möglich; andere Bezeichnungen waren Sterbe- und Seuchenlager (vergleiche KZ-Außenlager Vaihingen (auch … Wiesengrund) und Krankenlager Großsachsenheim).

Unter unmenschlichen Bedingungen und strengem Termindruck wurden die Stollen ausgebaut, wobei weitere Verbindungs- und Belüftungsstollen zu graben waren. Außerhalb der Stollen entstand der Heizbunker Kesselhaus, ein starker Bunker-Vorbau am Stollen Goldfisch mit Flak-Geschütz, diverse Küchen- und Unterkunftsbaracken am Eingang zur Brasse. Für die Versorgung der Stollen wurde parallel zur Bahnstrecke am Hang entlang der nicht-öffentliche Haltepunkt „Finkenhof“ und ein Ladegleis erbaut, das sich teilweise geschützt im zweigleisig ausgelegten, aber bisher nur eingleisig genutzten 147 m langen Kalksbergtunnel[1] befand. Der Gleisabschnitt zwischen Neckarelz und Obrigheim und einiges umgebendes Gelände wurde zum Sperrgebiet erklärt, so dass in den durchfahrenden Zügen das Öffnen der Fenster nicht gestattet war.[2] Ein- und Ausfahrt auf den umliegenden Straßen wurden durch Wachen kontrolliert.

Zwangsarbeiter- und weitere Lager[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Zusätzliche Lager in Mosbach (das Hammerlager in Mosbach für SS-Strafgefangene) und Neckarelz (Neckarelz II, alter Bahnhof) wurden im Zusammenhang mit der Industrieanlage Goldfisch in Betrieb genommen. Für Zwangsarbeiter/-innen wurden errichtet: das Lager Hohl in Neckarelz für 1.100 Ostarbeiter/-innen, ein Lager in Obrigheim für „Westeuropäische Fremdarbeiter“, das Lager in der Turnhalle in Mosbach für italienische Militärinternierte (IMI) und für weitere Gefangene die kleineren Lager Bahnhof Hasbachtal und Bahnhof Asbach (Baden). Bis Juni 1944 kamen 2.000 Bauhäftlinge in den Lagern Neckargerach und Neckarelz – Alter Bahnhof (Neckarelz II) unter.

In unmittelbarer Umgebung befanden sich noch weitere unterirdisch ausgelagerte Rüstungs-Produktionsanlagen, in denen KZ-Häftlinge und andere nebeneinander Zwangsarbeit verrichteten, so z.B. im 690 m langen Mörtelsteiner Tunnel der Bahnlinie zwischen den heutigen Obrigheimer Ortsteilen Asbach und Mörtelstein (Tarnname Kormoran), in einer Grube in Haßmersheim-Hochhausen (Tarnname Rotzunge) sowie im Gipsstollen in Neckarzimmern (Tarnname Baubetrieb Neustadt). Ein Arbeitskommando war auch in der Gurkenfabrik in Diedesheim eingesetzt. Ein im September 1944 von Neckarelzer Häftlingen in Neckarbischofsheim errichtetes Auffanglager für etwa 150 Häftlinge des bereits von den Alliierten erreichten KZ Natzweiler wurde dem Lager in Neckarelz als Unterkommando angegliedert, ebenso Kommandos in Asbach/Bd., Neckargerach, Bad Rappenau und in der Heeresmunitionsanstalt in Siegelsbach.

Betrieb[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Westliches Portal des Tunnels Kormoran, Juli 2006
Einfahrt zum Gipsstollen Neckarzimmern, 2007

Bereits am 26. Juni 1944 wurden die ersten 21 Maschinen aus Genshagen antransportiert. Im Juli 1944 befanden sich circa 1.400 Häftlinge und 400 Mann Arbeiter beziehungsweise Wachpersonal in Neckarelz und Obrigheim. Da der Ausbau der Stollen schwieriger war als geplant, konnte die Produktion nur schleppend anlaufen, so dass erst im Oktober 1944 die ersten Flugzeugmotoren ausgeliefert wurden. Die Planungen sahen monatlich 500 Motor-Neubauten und 350 -Instandsetzungen vor, diese Zahlen wurden allerdings nie erreicht.

Mit einer Belegschaft von 2.500 Personen war das Lager in Neckarelz zum größten der Außenkommandos von Natzweiler geworden, die Häftlinge waren in insgesamt sieben so genannten Neckarlagern untergebracht. Die offizielle Lagerstärke betrug dreitausend Plätze. Die genaue Zahl konnte nach dem Krieg aber nicht rekonstruiert werden. Es gab ständig Wechsel zwischen den Lagerteilen und Zu- und Abgänge. Das Schicksal der meisten Häftlinge blieb unbekannt. Nur wenige werden von Anfang bis Ende des Lagers vor Ort gewesen sein. Insgesamt waren etwa 10.000 Gefangene in einem der zum Neckarelzer Lager gehörigen Kommandos, wenn auch nicht alle zur selben Zeit, da die Häftlinge je nach Bedarf zwischen den Kommandos verschoben und nicht mehr arbeitsfähige Menschen „selektiert“ wurden.

Schloss in Binau

Aufgrund der unmenschlichen Bedingungen waren zahlreiche Tote zu beklagen, unter anderem beim teilweisen Einsturz eines der Stollen im September 1944 mit über 20 Toten und bei einer Typhus-Epidemie im Herbst 1944. Nicht mehr arbeitsfähige Häftlinge wurden nach Natzweiler, Dachau oder Vaihingen deportiert. Allein bis Oktober 1944 waren dies bei drei Transporten mindestens 750 Personen.

Das Rathaus in Guttenbach und das Schloss in Binau, wenige Kilometer flussabwärts, waren Sitz der SS-Kommandantur der gesamten Außenlager des KZ Natzweiler in der Region. In Guttenbach (vis-a-vis über dem Neckar von Neckargerach aus) wurde versucht, die Verwaltung des aufgelösten KZ Natzweiler wieder aufzubauen. Anfang März 1945 zog diese Gesamtkommandantur von Natzweiler weiter nach Stuttgart und schließlich nach Dürmentingen.[3]

Ein benachbarter, aber separater Produktionsstollen und Lager mit ähnlicher Funktion war das KZ Kochendorf in Bad Friedrichshall. Ebenfalls separat gab es eine zusätzliche Munitionsfabrik in Neckarzimmern.

Luftangriffe[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im Unterschied zu anderen Konzentrationslagern kam es 1944/1945 zu verschiedenen Luftangriffen auf die Neckarlager. Deren Systematik und Erfolge sind bisher wenig erforscht. Das gilt auch für den Angriff auf Neckargerach am 22. März 1945 mit möglicherweise über 200 Toten.[4]

Todesmarsch und Befreiung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Betrieb der unterirdischen Produktion endete am 23. März 1945.[5] Am 28. März wurden wegen des Vorrückens amerikanischer Truppen in den Neckarraum die zu diesem Zeitpunkt dort befindlichen 4.000 gehfähigen Häftlinge der Außenlager Heppenheim, Bensheim und Neckarelz über Neuenstadt und Kupferzell zum Bahnhof in Waldenburg in Marsch gesetzt. Der Marsch sollte als „Todesmarsch“ traurige Bekanntheit erlangen, da circa 600 Häftlinge die Strapazen nicht überlebten. Von Waldenburg aus erfolgte gruppenweise der Bahntransport nach Dachau, eine Gruppe von 400 Häftlingen musste den gesamten Weg bis Dachau bei München zu Fuß bewältigen. Knapp 900 nicht mehr gehfähige Häftlinge aus Neckarelz sollten per Zug nach Dachau verbracht werden, blieben aber wegen zerstörter Bahngleise mit dem Zug bereits im 30 km entfernten Osterburken liegen, wo bis zum Eintreffen der amerikanischen Truppen über 40 weitere Tote zu beklagen waren. Eine Gruppe weiblicher Gefangener, die ab Neckargerach dem Bahntransport angehörten, sind allem Anschein nach durch Verbrennen der Waggons getötet worden. Über 800 Gefangene konnten am 3. April von amerikanischen Truppen aus dem Zug befreit werden.

In Obrigheim sprengten unterdessen die nach Osten abrückenden deutschen Truppen am 30. März 1945 die Neckarelzer Eisenbahnbrücke, um den Alliierten ein Überschreiten des Neckars an dieser Stelle unmöglich zu machen. Auch Stollenzugänge wurden noch kurz vor dem Einmarsch der Amerikaner gesprengt. Am 2. April 1945 wurden die Stollen von amerikanischen Truppen besetzt und noch einige wenige bei den unterirdischen Produktionsanlagen zurückgebliebene Häftlinge befreit.

Demontage und Abwicklung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Stollen blieben zunächst für einige Zeit von Amerikanern besetzt. Erst Mitte Mai 1945 erlaubte man Betriebsangehörigen wieder kurzfristig den Zugang, um Wasser abzusaugen, das sich in den Stollen angesammelt und Schäden an den Maschinen verursacht hatte. Am 25. Mai 1945 wurden 2091 Drehbänke, Fräs-, Bohr- und Hobelmaschinen registriert. Bis August 1945 war der Zugang nur Angehörigen amerikanischer Dienststellen möglich. In jener Zeit wurden zahlreiche Maschinen demoliert oder gestohlen. Ende September 1945 wurde die Goldfisch GmbH als Demontagebetrieb eingestuft. Ende Dezember erklärte ein amerikanischer Reparationsoffizier, dass das Werk den Russen zugesprochen worden sei. Die Anlage erscheint in den Unterlagen als Reparationswerk Nr. 13, bis Juli 1946 verließen 586 Maschinen aus Obrigheim den Hafen von Bremerhaven in Richtung der Sowjetunion. Aus der bis März 1947 anhaltenden Demontage des Werks Goldfisch stammten rund die Hälfte aller aus Baden-Württemberg in die Sowjetunion gelieferten Maschinen-Reparationen. Der genaue Ablauf der von deutscher Seite wenig begrüßten Demontage ist urkundlich kaum mehr nachvollziehbar, es kam jedoch zu verschiedenen Zwischenfällen. Es gibt Gerüchte, dass statt Maschinen Steine in Kisten verladen wurden oder dass die Demontagefirma Maschinen unbrauchbar gemacht hätte. Für Aufregung sorgte auch ein Zug aus 60 Waggons mit Werkzeugmaschinen aus Genshagen, der noch im März 1945 nach Neckarelz gelangt war, aber dort nicht mehr ausgeladen, sondern weitergeleitet worden war und in den Wirren des Kriegsendes monatelang verschwunden blieb. Was sich im Einzelnen ereignete, ist nicht mehr verifizierbar, jedoch war die gesamte Belegschaft der Demontagefirma 1946 für 14 Tage inhaftiert, wodurch die Maschinenverladung zeitweilig ruhte, und wurden fünf sowjetische Militärangehörige, die bei der Demontage in Obrigheim beteiligt waren, wenig später in Gera wegen Nichterfüllung ihrer Aufgaben von einem Kriegsgericht zum Tode verurteilt und hingerichtet.[6]

Die im Stollen verbliebenen und nicht zur Reparationsmasse zählenden Maschinen mussten nach dem Ende der Lieferungen an Russland aus dem Stollen geräumt werden, danach sollte der Stollen Goldfisch auf Wunsch der russischen Seite gesprengt werden. Die amerikanische Militärregierung sprach sich jedoch bereits im Januar 1947 gegen die Sprengung aus. Noch im Stollen Goldfisch verbliebene Maschinen wurden zu Schätzpreisen an die deutsche Wirtschaft verkauft, die letzten Maschinenteile zum Schrottpreis an die Heilbronner Firma Lindauer. Die Fundamente der Maschinen wurden zerstört.

Zur wirtschaftlichen Abwicklung der Goldfisch GmbH wurde im April 1946 der bei der Daimler-Benz-Motoren AG tätige Diplomkaufmann Georg Willi Reinhard zum Treuhänder bestellt. Reinhard stand einerseits zeitweise unter dem letztlich haltlosen Verdacht, keine seriöse Kassenführung zu betreiben, weswegen er im Sommer 1947 zeitweilig seines Postens enthoben war. Andererseits hatte er keine Handhabe gegen Maschinenverkäufe weit unter Wert durch die jeweiligen Reparationsoffiziere. Um die rechtlichen Verhältnisse der Goldfisch GmbH gab es außerdem langwierige Streitigkeiten. Die amerikanische Militärregierung beanspruchte das beschlagnahmte Unternehmen als amerikanisches Eigentum. Die Daimler Benz AG in Stuttgart sprach sich gegen eine Übernahme aus, weil dem Restwert des Unternehmens ungleich höhere Verbindlichkeiten aus Materiallieferungen und Ähnlichem gegenüberstanden. Die Daimler-Benz-Motoren GmbH befand sich in der sowjetischen Besatzungszone und war nicht handlungsfähig. Auf Vermittlung des Wirtschafts- und Finanzministeriums fiel im April 1947 in Diedesheim der Beschluss zur Gründung einer neuen Fertigungsfirma, die Ersatzteile für den Fahrzeugbau fertigen und Werkzeugmaschinen reparieren sollte, an der die Daimler Benz AG jedoch nicht beteiligt sein solle. Zur Grundausstattung des neuen Unternehmens, der Maschinenfabrik Diedesheim, zählten die bei der Gipsgrube Friede verbliebenen Maschinen, die zwar demontiert, aber nicht in die Sowjetunion verfrachtet worden waren und die die Maschinenfabrik nach Übergabe der Grube zum 1. Januar 1948 an die Portland Zementwerke Heidelberg übernahm. Bei der Maschinenfabrik kamen viele der Zivilbeschäftigten unter, die im Zuge der Verlegung der Motorenproduktion von Genshagen nach Obrigheim gekommen waren und zuletzt bei Demontagearbeiten eingesetzt waren.

Ende 1948 galt die Abwicklung der Goldfisch GmbH als weitgehend abgeschlossen. Bis April 1949 stand die Goldfisch GmbH noch unter Vermögenskontrolle und Treuhänderschaft, danach wurde das Restvermögen freigegeben und das Unternehmen aufgelöst.

Tätergruppen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Täter vor Ort[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Lagerkommandanten waren vom 15. März bis zum 15. Mai 1944 Franz Hößler (ehemaliger Auschwitzer Schutzhaftlagerführer; danach Leitung des Häftlingslagers Dora und stellvertretender Kommandant im KZ Bergen-Belsen), danach Franz Hofmann bis zum 15. Oktober 1944 (auch aus Auschwitz). Und dann bis März 1945 der Luftwaffenhauptmann Wilhelm Streit, der im September der SS beigetreten war.

Die Gedenkstätte verfolgte bei ihrer Forschungsarbeit auch das Schicksal verschiedener anderer Täter oder Tatbeteiligter.

  1. Die SS-Führungsgruppe: Sie bestand zumindest aus dem jeweiligen Lagerkommandanten; Michel, Verantwortlicher für Arbeitseinsätze; Gestapo-Schmidt, für Überwachung und Bestrafungen zuständig.
  2. Mitglieder der SS-Wachmannschaften: Streit, Gerlach, Lutz.
  3. Die Architekten: Kiemle, Architekt der damaligen Fa. Daimler-Benz; Haag, Bauleiter bei Daimler-Benz; Glaser, zuständig beim Führungsstab der SS
  4. Mitarbeiter von Baufirmen
  5. Funktionshäftlinge, »SS-loyal«: Über sie ist durch Gerichtsverfahren einiges in Erfahrung gebracht worden.
  6. Funktionshäftlinge, die sich »Opfer-loyal« verhielten. Sie trugen aber dennoch etwas zum Funktionieren des Lagersystems bei.
  7. Andere Kontaktpersonen wie der Obrigheimer Ortspolizist, Lebensmittellieferanten, Meister bei der Produktion in den Stollen: Sie hatten Ortskenntnisse und konnten das Lagersystem fördern und damit daran auch verdienen oder sich nicht beteiligen.

Die ansässige Bevölkerung, die über das Geschehen sehr gut informiert war, wurde noch nicht in Bezug auf ihr Wissen und ihre Handlungsmöglichkeiten hin untersucht. Auffällig ist, dass in den zwölf Monaten nur ein Häftling fliehen konnte: Vinzenz Rose (1908–1996).

Kommandantur und SS-Wachen des hierher verlegten KZ Natzweiler[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Rathaus im Dorf Guttenbach und das Schloss im benachbarten Binau wurden Sitz der SS-Kommandantur der gesamten Außenlager des (früheren) KZ Natzweiler in der Region. Die dazugehörige Fahrbereitschaft der SS mit Werkstatt und 12 Mann befand sich im nahe gelegenen Dorf Neunkirchen. In Guttenbach wurde versucht, die Verwaltung des im November aufgelösten KZ Natzweiler aufrecht zu halten bzw. wieder aufzubauen.

Lagerkommandant Obersturmbannführer Hartjenstein (seit 12. Mai 1944) wurde am 23. Januar 1945 nach einer Beschwerde wegen »Unfähigkeit« zu einer Kampfeinheit an die Front versetzt; Nachfolger war SS-Hauptsturmführer H. Schwarz, der nach der "Evakuierung" vom KZ Auschwitz I von dort nach Guttenbach kam und ab 18. Februar als letzter Kommandant des KZ Natzweiler fungierte, ohne den entsprechenden geografischen Ort je gesehen zu haben. Er führte vor allem die Organisation der Evakuierungen der Außenlager und der Todesmärsche im März 1945. Schwarz wurde von einem französischen Militärgericht zum Tode verurteilt und als Kriegsverbrecher hingerichtet.[7] SS-Hauptscharführer Wolfgang Seuß (1907-?), der in Natzweiler-Struthof Schutzhaftlagerführer gewesen war, fungierte nunmehr als Rapportführer.  Seuß wurde im Februar durch F. J. Hofmann ersetzt, den früheren Kommandanten des Außenlager-Komplexes »Wüste« bei Tübingen, der strafweise aus dem KZ Bisingen nach Guttenbach versetzt wurde. Der Kommandanturstab bestand aus 15 bis 20 Mann.

Bei Heranrücken der Front zog diese Gesamtkommandantur Natzweiler von Guttenbach aus Anfang März 1945 weiter nach Stuttgart und schließlich nach Dürmentingen (bei Ulm).[8]

Heutige Verwendung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Zu Wohnzwecken umgebaute Baracke des Unterkommandos Neckarbischofsheim (Juli 2006)

Nach 1948 wurde der Gipsabbau in der Grube Goldfisch/Friede wieder aufgenommen. Brasse wurde stillgelegt. Küchenbaracke und Verladebahnhof wurden nach dem Krieg von verschiedenen Unternehmen zu verschiedensten Produktions- und Lagerzwecken genutzt. Die Neckarbrücke der Eisenbahn wurde nicht wieder errichtet, und die Nebenbahnstrecke von Meckesheim der ehemaligen Badischen Odenwaldbahn endete seitdem in Obrigheim.

Die Stollen und Tunnels bestehen bis heute. Im Goldfisch wird weiterhin Gips abgebaut, Brasse und der Bahntunnel bei Obrigheim sind aus Sicherheitsgründen nicht zugänglich. Kormoran erfüllte bis zur Stilllegung des Streckenabschnitts Aglasterhausen-Obrigheim im Jahr 1971 wieder seine ursprüngliche Funktion als Eisenbahntunnel und verwilderte danach; Mitte der 2000er Jahre wurden seine Portale vermauert. Die Küchenbaracke beim Stollen Brasse wurde in der Nachkriegszeit zur Lagerung von Pflanzenschutzmitteln verwendet und im Jahr 2000 wegen hochgiftiger Reste abgerissen, ihre Fundamente sind noch sichtbar. Der Verladebahnhof fungiert als Lagerhalle. Die markantesten Überreste des gesamten Komplexes sind die massiven, treppenförmigen Fundamente des Kesselhauses, die an exponierter Stelle nahe dem Schnittpunkt der Bundesstraßen 27, 37 und 292 am Mosbacher Kreuz auffällig aus der sonstigen Busch- und Waldvegetation des Neckaruferhanges bei Obrigheim ragen.

Aus den Baracken des Unterkommandos in Neckarbischofsheim, die nach dem Krieg eine Sägerei beherbergten und zu Wohnzwecken umgenutzt wurden, entstand die heutige Schwarzbachsiedlung.

Erinnerung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Infotafeln erklären den Geschichtslehrpfad

Der „Goldfischpfad“[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

1999 wurde mit Unterstützung durch die Europäische Kommission, das Land Baden-Württemberg, die Gemeinde Obrigheim, die Firmen Heidelberger Zement und DaimlerChrysler sowie durch zahlreiche weitere Firmen in Obrigheim und Mosbach der „Goldfischpfad“ angelegt, der die erhaltenen oberirdischen Fragmente der Stollenanlage Goldfisch und Brasse verbindet und erklärt. Rund ein Dutzend Tafeln mit Informationen und Bildern der Anlage befinden sich an den Stationen des Pfades. Der zwei Kilometer lange Rundweg beginnt am ehemaligen Bahntunnel und Bahnhof Finkenhof

Die mit kurzen Texten beschrifteten Stationen des Goldfischpfads sind:

  1. Tunnel/Bahnhof
  2. Kesselhaus – Seine Hauptaufgabe war die Warmlufbereitung zur Verhütung von Rostschäden an den Motoren in den weitläufigen und feuchtkühlen Stollen
  3. Alte gebogene Eisenbahnbrücke über den Neckar (am alten Bahnwärterhaus)
  4. Umschlaghalle
  5. Treppenweg (1999 wieder freigelegt)
  6. Talblick
  7. Stolleneingang »Goldfisch«
  8. Küchenbaracke
  9. Stolleneingang »Brasse«
  10. Wasserversorgung

KZ-Gedenkstätte Neckarelz[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

1993 wurde der Verein „KZ-Gedenkstätte Neckarelz“ gegründet, der 1998 die Gedenkstätte im Anbau der Schul-Turnhalle eröffnete. Auf dem Gelände der Schule ist auch noch eine Typhus-Baracke erhalten. Dieses kleine Museum zog wegen größeren Umbauarbeiten im Juli 2007 in die Comenius-Schule, am selben Ort, um.

1985 beschloss der Mosbacher Gemeinderat, die Jahre der Naziherrschaft aufarbeiten zu lassen. Hierzu wurde ein Arbeitskreis an der Volkshochschule eingerichtet, aus dem 1993 der Verein für die KZ-Gedenkstätte hervorging. 1998 konnte eine erste Gedenkstätte im Anbau der Clemens-Brentano-Grundschule von Neckarelz eröffnet werden, die einst Hauptgebäude des Lagers Neckarelz I war. Trotz der dortigen räumlichen Enge wurde sie als vorbildliches Heimatmuseum ausgezeichnet. Die erste Gedenkstätte musste aus baulichen Gründen aufgegeben werden. Die 2007 begonnenen Planungen führten letztlich zu dem zweigeschossig angelegten Neubau der Gedenkstätte, der 2011 eingeweiht wurde. Museal und pädagogisch aufbereitet sind dort Modelle der Anlage, Fundstücke von Häftlingen und Einrichtung sowie Zeitdokumente zu sehen. Zu den neuen Ausstellungsstücken gehören auch ein Flugzeugmotor von der Art, wie sie von den Häftlingen in den Stollen montiert werden sollten und ein Nachbau eines beim Stollenausbau verwendeten Lorentyps.

Weitere Gedenkstätten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In Binau befindet sich auf dem örtlichen jüdischen Friedhof noch eine Grabstätte von ehemaligen Zwangsarbeitern des Lagers (viele der dort beerdigten wurden später in ihre Heimat umgebettet), in Neckargerach erinnert ein Gedenkstein an das dortige Außenkommando, und nahe der aus dem Unterkommando Neckarbischofsheim entstandenen Schwarzbachsiedlung wurde ein Mahnmal errichtet.

Die statistisch erfassten Todesfälle nach Orten: Sterberegister Neckarelz 97, Sterberegister Neckargerach 135, Sterberegister Obrigheim 40, Krematorium Heidelberg 76 und Friedhof Mosbach etwa 40 – ergibt eine Summe von circa 350 Toten. Weitere Tote wurden anonym verscharrt oder wie beschrieben zur Tötung deportiert. Durch die KZ-Gedenkstätte gibt es Bestrebungen auch später noch durch die Lagerzeit verursachte Todesfälle zu verzeichnen, allerdings ist in diesem Bereich noch grundlegende Recherche- und Forschungsarbeit notwendig.[9]

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: KZ Neckarelz – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Georg Fischer, Christina Herr: KZ-Komplex Neckarlager. CD-ROM, 2. Auflage, 2006. Herausgegeben von der KZ-Gedenkstätte Neckarelz e.V.
  • Neil Gregor: Stern und Hakenkreuz. Daimler-Benz im Dritten Reich. Propyläen, Berlin 1997, ISBN 3-549-05604-4
  • Tobias Markowitsch, Katrin Rautnig: Goldfisch und Zebra. Das Konzentrationsaußenlager Neckarelz. KZ-Gedenkstätte Neckarelz e.V. Selbstverlag, Mosbach 2005, ISBN 3-88260-072-1
    • Tobias Markowitsch, Kattrin Zwick: Goldfisch und Zebra. Die Geschichte des Konzentrationslagers Neckarelz - Außenkommando des KZ Natzweiler-Struthof. Röhrig Universitätsverlag, St. Ingbert 2011, ISBN 978-3-86110-490-2.
  • Arno Plock: Damals … in jenen dunklen Jahren. Als KZ-Häftling Zwangsarbeiter in der Rüstungsindustrie. 1994 (DB AG) – 2. überarb. Fassung 2007 (kz-denk-neckarelz.de Selbstverlag, Mosbach). (ohne ISBN)
  • Hans-Werner Scheuing: „ … als Menschenleben gegen Sachwerte gewogen wurden.“ Die Anstalt Mosbach im Dritten Reich. Universitätsverlag Winter, Heidelberg 1997, 2. Auflage 2004, ISBN 3-8253-1607-6 (enthält Hinweise auf Nutzung und den Zukauf von Gebäuden bei den Johannes-Anstalten Mosbach in Schwarzach)
  • Michael Schmid: Goldfisch, Gesellschaft mit beschränkter Haftung: Eine Lokalhistorie zum Umgang mit Menschen. In: Das Daimler-Benz-Buch. Ein Rüstungskonzern im „Tausendjährigen Reich“ (= Schriften der Hamburger Stiftung für Sozialgeschichte des 20. Jahrhunderts, Band 3). Greno, Nördlingen 1987, ISBN 3-89190-950-0, S. 482ff.
  • Wilhelm Seußler: Von der Firma „Goldfisch“ zur Maschinenfabrik Diedesheim. In: Mosbacher Hefte 15. Mosbach 2005, S. 197–208.
  • Eckart Teichert: Mosbach im dritten Reich. Zeitzeugen erzählen aus der Nazizeit. Mosbach 1992 (Aus den subjektiven Aussagen von zwölf Zeitzeugen zusammengesetztes Porträt der Stadt Mosbach 1933-45.)
  • Maurice Voutey: Gefangener des Unwahrscheinlichen. Vier Jahreszeiten in Dachau und in den Neckarlagern. Übersetzt von Dorothee Roos. Dallau 2002 (Erinnerungsbuch des französischen Résistance-Mitglieds (FNDIRP), Historikers und Schriftstellers, in Frankreich 1995 erschienen.)

Im Zusammenhang mit der Erforschung des Konzentrationslagers Natzweiler gibt es weitere Literatur, davon sei hier genannt:

  • Natzweiler und die Außenlager. In: Wolfgang Benz, Barbara Distel (Hrsg.): Der Ort des Terrors. Geschichte der nationalsozialistischen Konzentrationslager. Band 6: Natzweiler, Groß-Rosen, Stutthof. C. H. Beck, München 2007, ISBN 978-3-406-52966-5, S. 21–190.
  • Bernhard Brunner, Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg/Referat Gedenkstättenarbeit (Hrsg.): Auf dem Weg zu einer Geschichte des Konzentrationslagers Natzweiler. Forschungsstand – Quellen – Methode. Stuttgart 2000.

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. offiziell von der Bahn vergebener, aber eigentlich fehlerhafter Name des Tunnels, da der unterquerte Berg der Karlsberg ist
  2. Hans-Wolfgang Scharf: Eisenbahnen zwischen Neckar, Tauber und Main. Band 2: Ausgestaltung, Betrieb und Maschinendienst. EK-Verlag, Freiburg (Breisgau) 2001, ISBN 3-88255-768-0.
  3. Zitiert nach Markowitsch, Rautnig, 2005, S. 185
  4. Peter Kirchesch: Fliegerangriffe auf Neckargerach am 22. März 1945, in "Unser Land. Heimatkalender für Neckartal, Odenwald, Bauland und Kraichgau." Verlag Rhein-Neckar-Zeitung, 1995, S. 35 - 37
  5. Seußler 2005, S. 199.
  6. Seußler 2005, S. 197–201.
  7. Bei den Rastatter Prozessen (1946/1947)
  8. Zit. nach Markowitsch, Rautnig, 2005, S. 185
  9. Georg Fischer und Christina Herr: Zusammenstellung der KZ Gedenkstätte Neckarelz, S. 20. KZ-Gedenkstätte Neckarelz e.V., 2003.

Koordinaten: 49° 20′ 28″ N, 9° 6′ 20″ O