Kolophonium

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Kolophonium in Stücken

Kolophonium (englisch rosin) ist ein gelbes bis braunschwarzes aus Baumharz gewonnenes Produkt mit muscheligem Bruch und Glasglanz.

Etymologie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Name ist, über lateinisch colophonium und colophonia von der ionischen, an der lydischen Küste liegenden Stadt Kolophon („Colophone“)[1] abgeleitet, die als antikes Handelszentrum für Kolophonium (früher auch pix graeca, „Griechisches Pech“[2][3] genannt) gilt. In der Neuzeit erfolgte die Einfuhr überwiegend aus Nordamerika.

Herstellung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Es ist der Destillationsrückstand eines natürlichen Harzes, das aus dem Balsam oder aus Wurzelstöcken (Stubben) von Nadelhölzern, meistens Kiefern, Fichten und Tannen (Koniferen)[4][5] bzw. dem bei der Papierherstellung gewonnenen Tallöl hergestellt wird.[6]

Siehe auch: Pecherei

Kolophonium entsteht ferner bei der Verarbeitung fossiler Harze, insbesondere des Baltischen Bernsteins. Bei diesem Prozess entstehen ferner Bernsteinöl und Bernsteinsäure. Etwa 60 % der Ausgangsmasse verbleiben als Kolophonium, das zumeist in der Lackherstellung verwendet wird. In der Zeit von 1950 bis 1970 produzierte allein das Kaliningrader Bernsteinkombinat aus dem bei Jantarny im Tagebau geförderten Baltischen Bernstein durchschnittlich 150 Tonnen Kolophonium jährlich.[7] Gelegentlich wird Kolophonium an Stränden der Nord- und Ostsee gefunden. Es handelt sich zumeist um Reste der Fracht gesunkener Schiffe oder in Stürmen verlorengegangener Schiffsladungen, überwiegend aus dem 19. und frühen 20. Jahrhundert. Diese Stücke werden leicht mit Bernstein (in diesem Fall der Varietät Gedanit) oder Kopal verwechselt.[8]

Durch Wasserdampfdestillation wird das Harz in zwei Komponenten aufgetrennt: in das mit Wasserdampf flüchtige Terpentinöl und in den nichtflüchtigen Rückstand Kolophonium. In den Handel gelangt Kolophonium schließlich in Form von Klumpen, Flocken oder als Pulver.

Wird Kolophonium über 120 °C erhitzt, entstehen leichte; bei ca. 150 °C–170 °C (Harzessenz, Pinol Harzspiritus), dann Blondöl, Blau-, Grün- und Rotöl sowie schwere Öle; über 360 °C, (Harzöle, Harzstocköl, Dicköle), der Destillationsrückstand ist Harzpech, Kolophonium-Pech (Schmiedepech, Brauerpech).[9][10]

Auch werden verschiedene Derivate hergestellt: Hydriertes, dehydriertes, gehärtetes (Calcium-, Magnesium- und Zinksalze der Harzsäuren, so genannte Resinate), polymerisiertes und maleinisiertes sowie verestertes und disproportioniertes Kolophonium für die Lack- und Klebstoffindustrie sowie Natrium- und Kaliumresinate als Emulgatoren und für die Leimung bei der Papierherstellung.[4][11][12][13]

Sicherheitshinweise
Name

Kolophonium

CAS-Nummer

8050-09-7

GHS-Gefahrstoffkennzeichnung aus Verordnung (EG) Nr. 1272/2008 (CLP)[15], ggf. erweitert[14]
07 – Achtung

Achtung

H- und P-Sätze H: 317
P: 280 [14]

Eigenschaften[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Farbe des Kolophoniumharzes ist variabel, sie kann von hellgelb über rotbraun bis ganz dunkel schwanken; das Material ist durchsichtig und splittert im kalten Zustand leicht. Hauptbestandteile sind leicht oxidierende Harzsäuren, wie Abietin- und Pimarsäure und andere, sowie geringe Mengen verseifbarer Stoffe (Ester) und unverseifbare Terpen-Kohlenwasserstoffe. In dunklen Sorten kommen in steigenden Mengen Oxysäuren und Kolophonsäuren petroletherunlösliche Harzsäuren, vor. Darüber hinaus findet man Protocatechusäure, Bitterstoffe, Ether und Lactone.[16] Aufgrund seiner amorphen Struktur besitzt Kolophonium keinen definierten Schmelzpunkt. Die Erweichungstemperatur dieses qualitativ recht unterschiedlichen Naturharzes liegt im Allgemeinen zwischen 80 °C und 120 °C.

Kolophonium ist unlöslich in Wasser, dagegen gut löslich in Alkohol und vielen anderen organischen Lösungsmitteln.[4]

Kolophonium kann allergische Reaktionen hervorrufen oder in Dampfform Asthma auslösen und Ekzeme verursachen.

Verwendung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Elektronik/Löten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Kolophonium zum Löten

Kolophonium diente früher in der Elektronik-Fertigung als Aktivator und Flussmittel beim Weichlöten, wurde in diesem Anwendungsbereich weitgehend durch Flussmittel auf Alkohol- oder Wasserbasis mit halogenfreien Aktivierungszusätzen wie Stearin-, Salicyl- und Adipinsäure ersetzt.

Die im Kolophonium enthaltenen organischen Säuren wirken bei hohen Temperaturen reduzierend und beseitigen dünne Oxidschichten der metallischen Fügepartner. Weiterhin führt es zu einer glatten Oberfläche des erstarrenden Lotes, da es auch hier durch seine Anwesenheit eine Oxidation der Schmelze verhindert. Es kann als dünne Schicht auf der Lötstelle verbleiben, da es im Gegensatz zu Lötwasser oder Lötfett keine Korrosion verursacht – es schützt diese vor Sauerstoffeinfluss und späterer elektrolytischer Korrosion. Oft wird es jedoch aus ästhetischen Gründen abgewaschen und durch einen Schutzlack ersetzt.

Es ist in der Flussmittelseele von Röhrenlot und auch in Lötpasten für die Oberflächenmontage-Technik (SMD) enthalten. Kolophonium diente auch als Flussmittel beim Wellenlöten. Löttinktur für Elektronik-Lötarbeiten besteht aus in Alkoholen gelöstem Kolophonium, die ihrerseits ebenfalls als Reduktionsmittel wirken.

Siehe auch: Löthonig

Bogenharz[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Kolophonium für Streichinstrumente

Kolophonium für Streichinstrumente ist ein mit diversen Substanzen veredeltes Kolophonium. Es wird auch als Bogen- oder Geigenharz bezeichnet. Die Rosshaare der Bögen von Streichinstrumenten werden regelmäßig mit einem Harzstück eingerieben, um einen kräftigen Haftgleiteffekt zu erhalten. Beim Streichen der Saite bringt dieser rasche Wechsel von Haftreibung und Bewegung zwischen Bogenhaar und Saite die Saite zum Schwingen. Nach einer Studie von Anders Askenfeld (Schweden) erhitzt sich das Kolophonium bei der Tonerzeugung durch Reibung auf der Saite im mikroskopischen Bereich bis zu einer Temperatur von 70 °C–90 °C und schmilzt. Dadurch verliert das Bogenhaar kurzzeitig den Kontakt zur Saite, um an einer anderen kalten Stelle wieder zu haften und die Saite erneut mitzunehmen.

Es gibt verschiedene Qualitäten, die von leichter Spielbarkeit für Anfänger bis zum Künstler-Kolophonium reichen, welches einen größeren Dynamik- und Klangumfang ermöglicht. Außerdem wird für Violoncelli bzw. Kontrabässe meist ein weicheres Harz verwendet, da für die dickeren Saiten eine größere Haftreibung benötigt wird als z. B. bei der Violine.

Man kann die Produkte jedoch grob in zwei Gruppen unterteilen, deren Unterschied zwar klein erscheint, jedoch gravierende Auswirkungen hat. Gemeint ist der Ausgangsstoff Lärchenharz auf der einen Seite und alle anderen Nadelholzharzarten, wie Pinien-, Kiefern-, Fichten- oder Tannenharz auf der anderen Seite. Bei jeder Gruppe gibt es hervorragende Produkte, die den Musiker überzeugen können und – allein aufgetragen – ihre volle Qualität präsentieren. Man sollte jedoch nie den Fehler begehen, Lärchenharz-Kolophonium mit anderen Kolophoniumsorten zu mischen. Tut man es doch, so kommt es zu einer Reaktion der beiden Sorten untereinander, das Kolophoniumgemisch haftet nicht mehr an der Saite und kann sie kaum aus ihrer Ruheposition bewegen.[17]

Farben/Lacke[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Kolophonium wird auch als zerriebener Staub auf Radierplatten aufgestäubt und danach kurz erhitzt. So entsteht ein feines Raster von Kolophonium-Kügelchen, mit deren Hilfe im künstlerischen Tiefdruck flächige Einfärbungen möglich sind. Man nennt diese Technik Aquatinta.

Kolophonium wurde zusammen mit weiteren Naturharzen wie Mastix, Kopal, Dammar, Bernstein und Sandarak in Gemischen zur Lackherstellung verwendet. Als Geigenlack wurde es ersetzt, da das Material zu spröde ist und einen wenig widerstandsfähigen Lackfilm erzeugt. In Naturfarben und Holzölen wird es als Sikkativ verwendet.

Kolophonium ist in lötfähigen Schutzlackierungen für Leiterplatten enthalten.

Ferner kann Kolophonium Bestandteil bestimmter Siegellacke sein.

Weitere Anwendungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Kolophonium ist auch als aromatisches Räucherwerk geeignet, es wirkt dabei antiseptisch und durchblutungsfördernd. Dazu sollte aber kein Kolophonium benutzt werden, das für technische Anwendungen wie etwa das Löten produziert wurde, denn dieses kann unerwünschte Zusatzstoffe enthalten.

Das seit der Antike bekannte[18] Kolophonium wurde auch als Bestandteil von reinigenden Salben zur Behandlung von Abszessen bzw. zur Therapie eitriger Hautgeschwüre eingesetzt.[19][20]

Im Sport, insbesondere im Handball, wird in Alkohol gelöstes Kolophonium als Haftstoff auf den Ball gerieben. Dadurch klebt der Ball regelrecht an der Hand des Sportlers. Dies ist jedoch in vielen Hallen aus Sauberkeitsgründen untersagt. Beim Klettern wird Kolophonium (das dort auch als „Pof“ bezeichnet wird) vor allem im Sandstein auf die Hände aufgetragen, um die Haftung auf den Felsen zu verbessern. Üblicherweise wird dazu Magnesia verwendet, dies ist aber in manchen Regionen verboten. Tänzer und Gewichtheber benutzen Kolophonium für ihre Schuhe, die dadurch weniger rutschig sind. Kolophonium ist auch Bestandteil von Produkten zur Haarentfernung in der Kosmetik (z. B. Brazilian Waxing).

Eine weitere Anwendung findet Kolophonium in der Herstellung pyrotechnischer Zündlichter. Ähnlich wie mit Schellack kann mit Hilfe von Kolophonium eine formbare Masse hergestellt werden.

Griechisches Feuer bestand zu einem je nach Überlieferungsquelle variierenden Anteil aus Kolophonium.

Kolophonium wird auch in einigen Klebstoffen verwendet und kann Bestandteil von Baumwachs sein.

Mit Alkalien bildet Kolophonium Salze (sogenannte Harzseifen), die Verwendung als Emulgatoren und zur Leimung von speziellen Papieren (z. B. wasserfesten Baupapieren, ähnl. Ölpapier) finden.[4]

Als Brühpech (auch Metzgerharz, Saupech oder Brühharz) wird es zum Enthaaren von Schweinen und Federvieh verwendet. Das geschlachtete Tier wird damit eingestäubt und mit 70 °C heißem Wasser überbrüht. Durch das Harz können die Haare besser abgeschabt werden.

Kolophonium wird auch noch als Füllmittel beim Einrollen von Alu-Hohlprofilen verwendet, um beim Einrollen entstehende Materialstauchungsfalten am Innenradius und Dehnungseindellungen am Außenradius zu vermeiden bzw. gering zu halten. Das Kolophonium wird erwärmt, dadurch verflüssigt und in das einseitig geschlossene Hohlprofil gefüllt. Nach dem Erstarren kann es mittels einer Rollmaschine und dem Profil angepasster Profilrollen auf den gewünschten Radius eingerollt werden. Zur Entleerung muss das eingerollte Profil bis zur Verflüssigung des Kolophoniums erwärmt werden.

Erwärmt und aufgelöst in einem nichttrocknenden Öl wie Olivenöl lässt sich aus Kolophonium ein Leimring für Bäume herstellen, der ganzjährig auf der Borke verbleiben und jederzeit erneuert werden kann. Der Ring bleibt klebrig und verhindert den Befall des Baumes mit kriechenden und laufenden Insekten, etwa Ameisen.

Eine Mischung von 60 % Kolophonium, 15 % Schwefel und 25 % Eisenfeilspänen wird Silberkitt genannt. Dieser Silberkitt wurde besonders in der Vergangenheit zum Füllen hohler Silbergeräte verwendet.[21]

Wegen seiner Temperaturfestigkeit und der Korrosionsschutzeigenschaften findet das Material als Bestandteil von Kühlschmiermitteln Anwendung.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Kolophonium – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
 Wiktionary: Kolophonium – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Johann Gottfried Walther: Musicalisches Lexicon [...]. Wolffgang Deer, Leipzig 1732, S. 175.
  2. Johann Wonnecke von Kaub: Hortus sanitatis deutsch. Peter Schöffer, Mainz 1485, Kap. CXXXIV.
  3. Dieter Lehmann: Zwei wundärztliche Rezeptbücher des 15. Jahrhunderts vom Oberrhein. Teil I: Text und Glossar. (= Würzburger medizinhistorische Forschungen. 34). Horst Wellm, Pattensen/Han. 1985, ISBN 3-921456-63-0, S. 208.
  4. a b c d Eintrag zu Kolophonium. In: Römpp Online. Georg Thieme Verlag, abgerufen am 7. Juni 2014.
  5. Lisa Takler: Flüchtige Verbindungen und antimikrobielle Wirkung ausgewählter Harze und Balsame von A-J. Diplomarbeit. Univers. Wien 2015, S. 50–59. (online; PDF; 3,18 MB, auf ubdata.univie.ac.at, abgerufen am 2. November 2016).
  6. Eintrag Tall Oil. bei chemicalland21.com, abgerufen am 9. Dezember 2015.
  7. Z. V. Kostyashova: The history of the Kaliningrad Amber Factory 1947–2007. Bernsteinmuseum Kaliningrad, 2007, ISBN 978-5-9900474-7-1.
  8. Barbara Kosmowska-Ceranowicz: Definitions and nomenclature of fossil resin. In: Amber – Views – Opinions. International Amber Association, Warschau/ Gdansk 2006, ISBN 83-912894-1-9.
  9. RÖMPP Lexikon Chemie. Band 3: H–L. 10. Auflage. Georg Thieme Verlag, 1997, ISBN 3-13-734810-2, S. 1787.
  10. Fritz Ullmann: Ullmanns Enzyklopädie der Technischen Chemie. 6 Band, Urban & Schwarzenberg, 1919, S. 399 f.
  11. Gerhard Eisenbrand, Peter Schreier: RÖMPP Lexikon Lebensmittelchemie. 2. Auflage. Georg Thieme Verlag, 2006, ISBN 3-13-736602-X, S. 620.
  12. Bundesgesetzblatt. Teil 2, Nr. 39, Bonn 1957. (online)
  13. Th. Brock, M. Groteklaes, P. Mischke: Lehrbuch der Lacktechnologie. Vincentz, 1998, ISBN 3-87870-569-7, S. 50.
  14. a b Eintrag zu Kolophonium in der GESTIS-Stoffdatenbank des IFA, abgerufen am 11. August 2016 (JavaScript erforderlich).
  15. Eintrag zu Rosin im Classification and Labelling Inventory der Europäischen Chemikalienagentur (ECHA), abgerufen am 11. August 2016. Hersteller bzw. Inverkehrbringer können die harmonisierte Einstufung und Kennzeichnung erweitern.
  16. K. Dieterich, E. Dieterich, E. Stock: Analyse der Harze Balsame und Gummiharze nebst ihrer Chemie und Pharmakognosie:. 2. Auflage. Springer, 1930, ISBN 978-3-642-89462-6, S. 216–230.
  17. Anke Gerbeth: Das Kolophonium. In: Legato; Fachblatt für den Streichinstrumentenbau in Österreich. Wien/ Magdeburg 2006. (online)
  18. Reinhard Büll: Das große Buch vom Wachs: Geschichte – Kultur – Technik. Teil II, Callwey, München 1977, ISBN 3-7667-0386-2, S. 800–803.
  19. Jürgen Martin: Die ‚Ulmer Wundarznei‘. Einleitung – Text – Glossar zu einem Denkmal deutscher Fachprosa des 15. Jahrhunderts. Dissertation. (= Würzburger medizinhistorische Forschungen. 52). Königshausen & Neumann, Würzburg 1991, ISBN 3-88479-801-4, S. 27 f., 34, 44, 54 f. und 124.
  20. Erhart Kahle: Das „apostolicum“ in der arabischen medizinischen Literatur. In: Licht der Natur. Medizin in Fachliteratur und Dichtung: Festschrift für Gundolf Keil zum 60. Geburtstag. (= Göppinger Arbeiten zur Germanistik. 585). Kümmerle, Göppingen 1994, ISBN 3-87452-829-4, S. 244.
  21. Brockhaus der Naturwissenschaften und der Technik. 4. Auflage. F. A. Brockhaus Verlag, Wiesbaden 1958, S. 519.