Lateinunterricht

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Der Lateinunterricht wird in Deutschland meistens an Gymnasien gegeben, zum Teil auch an Gesamtschulen. Latein kann erste, zweite (am häufigsten), dritte oder in Ausnahmen vierte Fremdsprache sein. Das Ziel liegt vorrangig in der Kompetenz, lateinische Texte ins Deutsche zu übersetzen, nicht darin, lateinisch zu sprechen. Seine pädagogische Legitimation beansprucht der Lateinunterricht als universelles Grundlagenfach für eine studienorientierte Bildungsrichtung, die über das Abitur an die Hochschule führt. Durch die Anforderung des Latinums als Zugangsberechtigung für manche Studiengänge in Deutschland, Österreich und der Schweiz wird dies durch die Kultus- bzw. Bildungsministerien unterstützt.

Deutschland[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Latein wird in den meisten deutschen Gymnasien ab der 7. Klasse (Typ Latein II) als Wahlpflichtfach angeboten (bzw. ab der 6. in der verkürzten Form (G8)). Die zweite Fremdsprache darf bis zur 10. Klasse nicht abgebrochen werden. Es folgt das Angebot ab der 9. (bzw. 8.) Klasse (Typ Latein III). Einige Gymnasien[1] – häufig mit einer alten Tradition – beginnen bereits in der 5. Klasse mit „grundständigem Latein“ (Typ Latein I mit 21.800 Schülern 2006). Der Lateinunterricht wird hier teilweise bereits parallel mit dem Englischunterricht erteilt (zum Beispiel beim „Biberacher Modell“ in Baden-Württemberg), um das zuvor bereits in der Grundschule erworbene Englisch nicht verkümmern zu lassen. Solche Klassen sind in anderen Ländern (Berlin, Mecklenburg-Vorpommern) politisch umstritten bzw. untersagt, weil in der Wahl von Latein eine Vorentscheidung für das Gymnasium bereits in der Orientierungsstufe (Klassen 5 und 6) gesehen wird. In den meisten Fällen muss Latein bis zum Ende der Sekundarstufe I, der 10. Klasse, belegt werden. In Sachsen wird das Latinum im Typ Latein I bereits Ende Klasse 9 erworben (mindestens Note 4 („ausreichend“).[2]

In der Oberstufe bzw. Qualifikationsstufe kann Latein weiter belegt werden, wenn genügend Schüler es wählen. Es kann Prüfungsfach des schriftlichen oder mündlichen Abiturs sein. Dazu hat die Kultusministerkonferenz (KMK) „Einheitliche Prüfungsanforderungen in der Abiturprüfung Latein“[3] vorgelegt. Für diese anspruchsvolle Prüfung mit einer längeren Übersetzung und Aufgaben zur Interpretation lateinischer Texte entscheidet sich nur eine kleine Zahl von Schülern. Manche Schulen bieten Latein nur in den letzten drei Schuljahren ab der 11. Klasse (bzw. 10.) an (Typ Latein IV), um über den Weg der Ergänzungsprüfung (siehe unten) noch die Chance zum Latinum zu geben. Je nach dem Typ I bis IV sind unterschiedliche Lehrbücher erforderlich, um altersgerecht und mit angemessener Lernprogression vorzugehen.

Unterrichtspraxis und Inhalte des Faches[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Erlernen der lateinischen Sprache, ihrer Grammatik und eines Grund- sowie Erweiterungswortschatzes nimmt in der Regel mindestens zweieinhalb Jahre in Anspruch und dauert eher noch länger. Die heutigen Lehrbücher bieten schon in der Phase des Sprachunterrichts einen tiefen Einblick in die antike Kultur.

Danach kann mit der Lektüre lateinischer Originaltexte begonnen werden, zunächst mit einer geeigneten Anfangslektüre. Übliche Autoren der Lektürephase sind Caesars De bello Gallico, Ciceros Reden oder Briefe, Nepos, Plinius der Jüngere und verschiedene römische Dichter wie Catull, Martial oder Ovid. Als schwierigere Autoren gelten Ciceros philosophische und rhetorisch-theoretische Werke, Horaz, Sallust, Seneca, Livius, Tacitus oder Vergil. Außer den römischen Klassikern kommen auch spätantike (zum Beispiel Augustinus von Hippo), mittellateinische oder neulateinische Texte in Betracht. Über die Fremdsprache hinaus werden viele Kenntnisse aus der Mythologie, Geschichte, Philosophie und Literatur aus der römischen und griechischen Antike, aber auch aus späteren Epochen erworben.

Zu den aktuellen fachdidaktischen Herausforderungen gehört die Umstellung auf Kompetenzen und Bildungsstandards, die Sicherung eines sprachlichen Grundwissens in verkürzter Zeit, die Festigung von Übersetzungsmethoden, die Integration von Schülern, die nicht Deutsch als Muttersprache haben, das veränderte Lernverhalten im Zeitalter der Neuen Medien sowie der Anteil kulturkundlicher Inhalte neben den sprachlichen im Unterricht.

Eine fachdidaktische Institutionalisierung besteht über pädagogische Fachzeitschriften (Der Altsprachliche Unterricht, Friedrich Verlag Seelze), zurzeit drei fachdidaktische Lehrstühle in Berlin, Göttingen und München (Stefan Kipf, Peter Kuhlmann und Markus Janka) sowie den alle zwei Jahre stattfindenden Bundeskongress (2016 in Berlin), den der Deutsche Altphilologenverband (DAV) ausrichtet. Den Vorsitz hat zurzeit Prof. Sabine Vogt (Universität Bamberg) inne. Auf dem Kongress wird der Humanismus-Preis verliehen.

Transfereffekte für andere Fächer und Fähigkeiten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Befürworter des Lateinunterrichts führen folgende Argumente an: Erstens erleichtere Latein das Verständnis der Wurzeln der westlichen Welt. Zweitens seien erhebliche Transfereffekte zu erwarten, da Latein die Entwicklung intelligenter Lern- und Argumentationsstrategien fördere. Drittens werden Lerneffekte für das Erlernen anderer Fremdsprachen angenommen; einerseits weil Latein das grammatische Verständnis begünstige, andererseits weil viele europäische Sprachen aus dem Latein hervorgegangen sind.[4] Letztlich führe die Beschäftigung mit lateinischen Texten auch zu mehr Kreativität im eigenen Wortschatz und vielfältigeren Ausdrucksmöglichkeiten in der Muttersprache.

Die Annahme von breiten Lerneffekten wurde bereits durch Edward Lee Thorndike (1923) bezweifelt. Thorndike fand keine Unterschiede bei den naturwissenschaftlichen und mathematischen Lernleistungen zwischen Schülern mit und Schülern ohne Lateinkenntnisse.

In einer Longitudinalstudie (2000) durch Ludwig Haag und Elsbeth Stern konnte kein Unterschied bei Effekten auf Intelligenz und Mathematikleistungen zwischen zwei Jahren Lateinunterricht und zwei Jahren Englischunterricht festgestellt werden. Zwei weitere Jahre später konnten keine signifikanten Unterschiede bei deduktivem und induktivem Verständnis sowie Textverständnis zwischen Schülern mit null/zwei/vier Jahren Lateinunterricht gemessen werden (alle Schüler hatten vier Jahre Fremdsprachenunterricht). Die Schüler mit vier Jahren Lateinunterricht, verglichen mit Schülern mit zwei oder null Jahren Lateinunterricht, erzielten jedoch bessere Ergebnisse beim Auffinden von Grammatikfehlern in deutschen Texten und der Konstruktion von längeren Sätzen aus kürzeren.

In einer weiteren Studie von Haag und Stern (2003) wurde der Einfluss des Lateinunterrichts auf die Leichtigkeit des Erlernens von Spanisch gemessen. Dazu wurden die Leistungen beim Übersetzen eines deutschen Texts ins Spanische nach einem Anfängerkurs Spanisch zwischen Studenten mit schulischen Französisch- und Studenten mit Lateinkenntnissen verglichen (bei den Kontrollvariablen gab es keine signifikanten Unterschiede zwischen den Gruppen). Die Studenten mit Latein als zweiter Fremdsprache erzielten schlechtere Leistungen als die Studenten mit Französisch als zweiter Fremdsprache. Die Schwächen der Lateingruppe lagen vor allem beim Gebrauch von Präpositionen und bei der Konjugation.[4]

Der Frankfurter Romanist Horst G. Klein behauptet beispielsweise, Französisch sei als sogenannte Brückensprache zum Erlernen weiterer romanischer Sprachen deutlich besser geeignet als Latein.[5] Die Gründe liegen letztlich in den größeren lexikalischen und grammatischen Ähnlichkeiten des Französischen zu den anderen romanischen Sprachen. Für explizit ungeeignet als Brückensprache halten Sandra Hutterli u.a. das Latein.[6]

Auch die Annahme, dass Latein-/Griechischkenntnisse im Medizinstudium hilfreich sein könnten zum Erlernen der durch diese Sprachen geprägten Terminologie der Physiologie und Anatomie, wurde in einer US-Studie nicht bestätigt. [7]

Geschichte des Lateinunterrichts im deutschen Raum[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Lateinunterricht hat im heutigen deutschen Sprachgebiet im frühen Mittelalter begonnen, als iro-schottische Mönche die Germanen missionierten und die ersten Schulen gründeten. Im Mittelalter und in der Frühen Neuzeit blieb Latein die Sprache des Klerus und der Gebildeten, die die Sprache aktiv und passiv beherrschen mussten, wenn auch oft unzureichend.

Im 19. Jahrhundert wurde das humanistische Gymnasium mit Latein und Griechisch vorherrschend. Jeder, der die Universität besuchen wollte, musste beide Sprachen gelernt haben. Erst 1900 erklärte die Preußische Schulkonferenz die Gleichberechtigung von Realgymnasium und Oberrealschule. Lateinunterricht konnte sich aber weiter an vielen Gymnasien behaupten bis in die Zeit der „Weimarer Republik“. Durch die nationalsozialistische Erziehung wurden die Alten Sprachen zunächst stark in Frage gestellt. Die Kulturhoheit der einzelnen Länder wurde abgeschafft, das Schulwesen zentralisiert. Über die Zukunft der höheren Schule und des altsprachlichen Unterrichts herrschte Unsicherheit bis 1938. Schließlich wurde das (humanistische) Gymnasium (mit Latein und Griechisch) als „Sonderform“ der Oberschule (nur für Jungen) zugelassen, daneben aber wurde Latein an der Hauptform der Oberschule (für Jungen) wieder verbindlich, und zwar als zweite Fremdsprache vom 7. Schuljahr an (nach Englisch als erster Fremdsprache).

Nach 1945 erlangten in den Westzonen die einzelnen Länder wieder ihre Kulturhoheit zurück. Im östlichen Teil, der späteren DDR, wurde das Schulwesen weiterhin zentralistisch geleitet. Während im Westen der altsprachliche Unterricht wieder auflebte und der allgemeinbildende Charakter dieser Fächer betont wurde, schränkte die DDR ihn stark ein.

Dazu kam aber seit dem Ende der 1960er-Jahre eine neue Herausforderung durch die aus den USA importierte so genannte „Curriculum-Revision“, die in der BRD durch das Buch von Saul B. Robinsohn Bildungsreform als Revision des Curriculum (1967) markiert wurde. Dadurch wurde nicht nur die traditionelle lateinische Schullektüre, sondern der Lateinunterricht insgesamt, ferner der Geschichtsunterricht, vor allem der Unterricht in alter und mittelalterlicher Geschichte, grundsätzlich in Frage gestellt. Seitdem ging es nicht mehr darum, den jahrhundertealten „Bildungsstoff“ zu tradieren, sondern umgekehrt: Welche Qualifikationen (d. h. welche Kenntnisse, Fähigkeiten und Fertigkeiten) muss ein Kind, das heute zur Schule geht, in Zukunft haben, um sein Leben als „mündiger Bürger“ bewältigen zu können? Welche Unterrichtsgegenstände, welche Lern- und Arbeitsmethoden sind dafür geeignet, damit das Kind daran diese Fähigkeiten erwirbt? Umgesetzt wurde dies teilweise in der Reform der gymnasialen Oberstufe ab 1972. Nun konnten die Gymnasiasten ihre Fächer in der Oberstufe selber bestimmen und wählten vielfach die Alten Sprachen ab.

Die Lateindidaktik in Deutschland (z.B. Rainer Nickel, Friedrich Maier, Hans-Joachim Glücklich) hat große Anstrengungen gemacht, um in den siebziger Jahren wieder in die Offensive überzugehen. In den einzelnen Bundesländern haben auch heute noch mindestens ein Drittel, oft aber fast die Hälfte aller Schüler, die das Gymnasium besuchen und die Hochschulreife erlangen, irgendwann in ihrer Schullaufbahn Lateinunterricht. Nach der Wiedervereinigung Deutschlands (1990) wurde der Lateinunterricht auch in den neuen Bundesländern wieder stärker eingeführt. Ungefähr seit 2000 steigen in einer Trendwende die Schülerzahlen für Latein sogar stark an.

Kritik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Lateinunterricht in der Schule ist immer wieder auch Kritik ausgesetzt. Den altsprachlichen Fächern haben Widersacher immer wieder folgende Vorwürfe gemacht:[8] 1. sie seien standes-, klassen- oder schichtengebunden, 2. ihre Inhalte seien veraltet, nicht zeitgemäß und daher nutzlos, 3. sie seien zu schwer, zu abstrakt, zu theoretisch, 4. sie behinderten (durch den hohen Stundenanteil) oder zerstörten (durch den Schwierigkeitsgrad) die Schullaufbahn der Schüler.

Das Erlernen des Lateinischen geht häufig auf Kosten einer modernen Fremdsprache, in der Regel des Französischen. Die Europäische Kommission, die auf dem Gebiet der Fremdsprachen eine bildungspolitische Kompetenz innehat, erkennt zwar die grundlegende Bedeutung des Lernens alter Sprachen an. Jedoch schafft die Forderung an Schulabgänger, zwei moderne europäische Sprachen zusätzlich zur Muttersprache zu beherrschen, (wie sie beispielsweise im „Weißbuch zur allgemeinen und beruflichen Bildung“ von 1995 festgehalten ist)[9] eine gewisse Barriere gegen den Lateinunterricht.

Eine neuere Debatte kritisiert zu geringe Effekte eines für den Durchschnittsschüler vierjährigen Lateinunterrichts, die durch den starken Zuspruch für das Fach in Deutschland noch verschlimmert würden. Zugespitzt wurde formuliert: "Noch nie haben so viele Schüler in Deutschland so schlecht Latein gelernt."[10]

Latinum[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Hauptartikel: Latinum

In Deutschland wird die Kompetenz, lateinische Texte zu übersetzen und zu verstehen, durch das Latinum nachgewiesen. Wird es in der Schule erreicht, so erfolgt die Beurkundung auf dem Abiturzeugnis. Nach der Vereinbarung der Kultusministerkonferenz in der Neufassung von 2005[11] ist dafür mindestens vier Jahre am Lateinunterricht in aufsteigender Form teilzunehmen oder eine schriftliche und mündliche Prüfung (juristisch korrekte Bezeichnung: Ergänzungsprüfung, das heißt eine Prüfung, die das Abitur ergänzt) abzulegen. Teilweise verlangen die Länder noch längere Teilnahmezeiten, damit die Schüler das geforderte Kompetenzniveau auch tatsächlich erreichen. Das Latinum muss für einige Studienfächer an einigen Studienorten in Geisteswissenschaften vorgelegt werden, darunter für Geschichte, Theologie und einigen Fremdsprachen. Die Bestimmungen sind im Einzelnen je nach Land und Universität sehr unterschiedlich. Wer das Latinum nicht in der Schule erworben hat, muss es unter Umständen an der Universität nachholen, wodurch sich die Studienzeit verlängern kann.

Der Vorstoß, in Deutschland nur noch einheitlich vom Latinum auszugehen und den Unterschied von kleinem und großem Latinum aufzuheben, ist vorerst noch nicht erfolgreich gewesen. Es gibt zurzeit in Deutschland je nach Land sogar drei Formen: das kleine Latinum, das Latinum (KMK-Latinum) und das große Latinum, deren Unterschiede in der erreichten Sprachkompetenz liegen. Für das Latinum muss ein einfacher Originaltext (zum Beispiel ein historischer Text von Cäsar) übersetzt werden, für das große Latinum ein abstrakter, zum Beispiel philosophischer Text von Cicero. Als Rechtsgrundlage gibt es dazu die genannte Vereinbarung der Kultusministerkonferenz (2005) sowie die weiteren Bestimmungen zur Umsetzung in den Bundesländern.

Alle 16 Länder kennen das Latinum, das in Berlin, Brandenburg, Hessen, Nordrhein-Westfalen[12] Sachsen (s.o.) und in Thüringen[13] als einzige Form bescheinigt wird.

In Baden-Württemberg, Mecklenburg-Vorpommern[14], Rheinland-Pfalz und Saarland gibt es neben dem Latinum auch das große Latinum.

In Bayern[15] gibt es als zweite Variante das kleine Latinum.

In weiteren fünf Ländern (Bremen, Hamburg, Niedersachsen, Sachsen-Anhalt[16] und Schleswig-Holstein) gibt es nach wie vor alle drei Varianten.

Allerdings begnügen sich einige Studienfächer mit dem Nachweis von funktionalen Lateinkenntnissen unter dem Niveau des Latinums, die durch den Besuch von entsprechenden Kursen oder durch Schulzeugnisse nachgewiesen werden.

Die Rechtsgrundlage gilt auch für die Latinumsprüfungen, die in der Studienzeit abgelegt werden.

Zukunft des Faches[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Latein ist in Deutschland die Fremdsprache, die in der Schule am dritthäufigsten unterrichtet wird. Unter den europäischen Ländern ist dieser Rang inzwischen eher eine Ausnahme, auch wenn es in den meisten europäischen Staaten nach wie vor Lateinunterricht gibt.

In den letzten Jahren stieg die Zahl der deutschen Schüler im Fach Latein auf 807.800 (im Schuljahr 2010/11 an allgemeinbildenden Schulen; das sind 9,2 % der gut 8,8 Mio. Schüler; zwischen 11,6 % in Bayern und 3,4 % in Thüringen). Zwei Jahre später sind folgende Werte ermittelt worden: 740 302 Schüler (= 8,7 % der Schülerschaft), max. 11,4 % in Bayern; min. 3,2 % in Thüringen[17]

Lateinlehrer mit einem Studium der Lateinischen Philologie werden zurzeit in den meisten Bundesländern stark gesucht. Auch sogenannten „Seiteneinsteigern“ ohne Lehramtsexamen wird die Schule geöffnet. Zurzeit verlassen jährlich nur 225–375 Lehrkräfte die Studienseminare mit dem zweiten Staatsexamen. Die Debatten um den Lateinunterricht sind seit Jahrzehnten von ähnlichen Positionen geprägt: Die Wertschätzung einer sprachlichen und kulturellen Grundlage für höhere Bildung steht der Skepsis gegenüber, ob dieser Aufwand noch modernen Ansprüchen an die Schule genügt.

Österreich[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In Österreich ist Latein Eingangsvoraussetzung für sehr viele Studiengänge und daher im Gymnasium (nicht aber im Realgymnasium) ein verpflichtender Bestandteil des Lehrplanes. Latein wird im Gymnasium frühestens ab der 7. Schulstufe (3. Klasse Gymnasium) unterrichtet. Wenn in der 7. Schulstufe bereits eine andere Fremdsprache gewählt werden kann, wird Latein ab der 9. Schulstufe (5. Klasse Gymnasium) verpflichtend. Jüngste Entwicklungen zeigen, dass in der Unterstufe der Gymnasien gerne eine zweite, lebende Fremdsprache gewählt wird, womit Latein in der Oberstufe jedenfalls verpflichtend ist.

Im Realgymnasium muss in der 9. Schulstufe (5. Klasse Gymnasium) eine weitere Fremdsprache gewählt werden, wobei meist aus Latein und Französisch, oft aber auch aus Spanisch oder Italienisch gewählt werden kann. Häufig wird auch an Handelsakademien Latein als Wahlfach (mit Schularbeiten) angeboten. Universitäten verlangen mindestens 10 Unterrichtsstunden Latein ab der 9. Schulstufe, womit jede der genannten Formen anerkannt wird. Anderenfalls sind Lateinkenntnisse beispielsweise als Latinum nachzuholen.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In den Lateinschulen des Mittelalters wurde überwiegend Latein gelehrt, mit bis zu drei Stunden täglich konnte ein Absolvent beinahe sprechen, jedenfalls derart fließend lesen, dass (neu-)lateinische Texte keine Hürde darstellten. Im 19. Jahrhundert war Latein immer noch der typbildende Unterrichtsgegenstand des Gymnasiums und wurde ab der 5. Schulstufe (1. Klasse Gymnasium) unterrichtet. Doch auch im später eingeführten Realgymnasium mit sechsjährig verpflichtendem Latein ab der 7. Schulstufe (3. Klasse Realgymnasium) war Latein ein wesentliches Lernziel. Das unterschied das Gymnasium auch von anderen Schulformen wie der Realschule (das nicht mit dem Realgymnasium zu verwechseln ist, sich aber dennoch zum Realgymnasium hin weiterentwickelte), wo Handelssprachen wie Französisch oder später Englisch im Vordergrund standen. Erste Reformansätze gab es 1927, als Latein auch in den Hauptschulen als Freigegenstand eingeführt wurde, um einen Übertritt ins Realgymnasium zu ermöglichen. Das ohnehin geringe Angebot wurde aber kaum angenommen. Der bis in die 1960er verpflichtende Unterricht ab der 5. Schulstufe (1. Klasse Gymnasium) wurde mit den Reformen im Rahmen des Schulorganisationsgesetzes generell erst ab der 7. Schulstufe (3. Klasse Gymnasium) verpflichtend, da ab der 5. Schulstufe Englisch unterrichtet wurde.[18]

Übriges Europa[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im europäischen Kontext ist der Lateinunterricht als Fremdsprachenunterricht in der Defensive. In vielen europäischen Ländern haben die gesellschaftlichen und politischen Veränderungen seit den 1960er Jahren zu einer deutlichen Reduktion des Lateinunterrichts geführt. Davon weniger beeinträchtigt sind bislang nur Deutschland, Österreich und vielleicht noch Frankreich und Italien. In Österreich ist das Fach fest verankert, da es nach wie vor Eingangsvoraussetzung für sehr viele Studiengänge ist. In Frankreich können Schüler ab der 7. Jahrgangsstufe für drei Jahre belegen, ebenso in den drei Jahren der Oberstufe (lycée). In Portugal kann Latein erst ab Jahrgangsstufe 10 für zwei Jahre (ein drittes Jahr möglich) als Wahlfach belegt werden. Die Zahl der Lateinschüler hat mittlerweile dramatisch abgenommen. In Spanien sieht es ähnlich aus. Seitdem in Großbritannien auch nicht mehr in Cambridge und Oxford Lateinkenntnisse für alle Studienfächer verpflichtend sind, ist eine deutliche Zurücknahme des Lateinunterrichts und der Lateinschüler in staatlichen Schulen zu verzeichnen. In Privatschulen sieht es deutlich anders aus. In Belgien/Flandern lernen weniger als 3 % der Schüler allgemeinbildender Schulen Latein. In Dänemark wird Latein erst in der Oberstufe (Sekundarstufe) unterrichtet (maximal drei Jahre). In Schweden sind Lernumfang und Dauer des Lateinunterrichts beharrlich reduziert worden. So ist die Zahl der Lerner sehr klein, aber statistisch konstant. In Griechenland spielt das Fach zugunsten des Klassischen Griechisch keine Rolle. Nur in den letzten beiden Jahren der Oberstufe (Lyzeum) kann es überhaupt gewählt werden. Auch in Tschechien ist Latein ein Wahlfach, das nur für zwei Jahre belegt werden kann. In Polen wurde Latein 2009 von etwa 35.000 Schülern gelernt; es bestehen Pläne, den Lateinunterricht in den oberen Klassen des Lyzeums auszubauen.[19] In Italien sind Altgriechisch und Latein Pflichtfächer des Liceo Classico (Humanistisches Gymnasium). Die Unterrichtsstunde sind 5 pro Woche für Latein und 4 pro Woche für Altgriechisch. Das Liceo Classico dauert 5 Jahre. 2014/15 sind 6 % der italienischen Schüler des Liceo Classico (10-11 % im 2003/04). Latein ist aber auch ein Pflichtfach des Liceo Scientifico (Wissenschaftliches Gymnasium, 15,4 % der italienischen Schüler in 2014/15) - und des Liceo delle scienze umane (Geisteswissenschaftliches Gymnasium, 7,4 %). Insgesamt lernen 28,8 % der italienischen Schüler Latein.[20]

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Friedrich August Eckstein: Lateinischer Unterricht. Geschichte und Methode. 2. Auflage, Beffer, Gotha 1880 (Separatabdruck aus Schmid's Encyklopädie des gesamten Erziehungs- und Unterrichtswesens, Artikel digitalisiert).
  • Friedrich August Eckstein: Lateinischer und griechischer Unterricht. Fues, Leipzig 1887.
  • Nils Wilsing: Die Praxis des Lateinunterrichts, Tübingen 1951; erw.: 2 Teile, Stuttgart 1964
  • Max Krüger/Georg Hornig: Methodik des altsprachlichen Unterrichts, Frankfurt/M. 1959
  • Hans-Joachim Glücklich: Lateinunterricht, Didaktik und Methodik, 2. Aufl., Göttingen 1993. ISBN 352533592X
  • Friedrich Maier: Lateinunterricht zwischen Tradition und Fortschritt, 3 Bände, 3. Aufl., Bamberg 1993ff. ISBN 3-7661-5653-5
  • Rainer Nickel: Lexikon zum Lateinunterricht, Bamberg 2001. ISBN 3766156918
  • Manfred Fuhrmann: Latein und Europa, Die fremdgewordenen Fundamente unserer Bildung, Geschichte des gelehrten Unterrichts in Deutschland von Karl dem Großen bis Wilhelm II., 2. Aufl., Köln 2001. ISBN 3832179488
  • Stefan Kipf: Altsprachlicher Unterricht in der Bundesrepublik Deutschland. Historische Entwicklung, didaktische Konzepte und methodische Grundfragen von der Nachkriegszeit bis zum Ende des 20. Jahrhunderts, Bamberg 2006. ISBN 9783766156785
  • Wilfried Stroh: Latein ist tot, es lebe Latein! Kleine Geschichte einer großen Sprache, Berlin 2007. ISBN 978-3-471-78829-5
  • Peter Kuhlmann: Fachdidaktik Latein kompakt, Göttingen 2009 ISBN 978-3-525-25759-3
  • Magnus Frisch (Hrsg.): Alte Sprachen – neuer Unterricht (= Ars Didactica. Bd. 1). Kartoffeldruck-Verlag, Speyer 2015, ISBN 978-3-939526-24-7.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Wiktionary: Lateinunterricht – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Vgl. Liste altsprachlicher Gymnasien
  2. SOGYA 2012, zu § 66 Anlage 4. Ab Klasse 10 findet dann anstatt Latein der Unterricht in einer weiteren, meist modernen Fremdsprache statt.
  3. EPA Latein in der zurzeit gültigen Fassung von 2005
  4. a b Ludwig Haag & Elsbeth Stern (2003): In Search of the Benefits of Learning Latin. Journal of Educational Psychology. Vol. 95, Nr. 1, S. 174-178. (PDF; 36 kB)
  5. [1]
  6. Hutterli et al.: Do you parlez andere lingue?: Fremdsprachen lernen in der Schule, Zürich 2008, S. 137
  7. Pampush JD, Petto AJ. (2011): Familiarity with Latin and Greek anatomical terms and course performance in undergraduates. Anat Sci Educ. 2011 Jan-Feb;4(1):9-15. doi:10.1002/ase.189. PMID 21265031.
  8. Belege und Entkräftung finden sich bei Karl-Wilhelm Weeber: Mit dem Latein am Ende? Tradition mit Perspektiven, Göttingen 1998, passim ISBN 3525340036
  9. Text des Weißbuchs auf der Seite der Kommission, hier S. 59, PDF, abgerufen am 4. November 2015
  10. Artikel in der Süddeutschen Zeitung am 2. April 2006 von J. Schloemann: "Für manche von der alten Schule ist das sprachliche Niveau da schon wieder fast zu schülerfreundlich, die Notengebung zu lasch; der Spruch geht um, es hätten noch nie so viele Schüler so schlecht Latein gelernt."
  11. KMK-Vereinbarung über das Latinum und das Graecum
  12. Latein in NRW
  13. Merkblatt Thüringen 2009
  14. VO Nachweis von Lateinkenntnissen ... Mecklenburg-Vorpommern
  15. Latina in Bayern seit 2008 (PDF; 28 kB)
  16. http://www.verwaltung.uni-halle.de/KANZLER/ZGST/GVBL/MBL-ORD/1995/ERGP_LAT.HTM
  17. Schulen auf einen Blick, S. 20f: Fremdsprachen in der deutschen Schule für Schuljahr 2012/13
  18. http://flv.at/Fm021/latein.htm
  19. Renata Czeladko, Łacina powraca do szkół, Rzeczpospolita, 21. März 2008
  20. http://www.studenti.it/superiori/scuola/iscrizioni-online-2015-scuola-superiore-dati.php