Lorazepam

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Strukturformel
Strukturformel von Lorazepam
Vereinfachte Strukturformel – 1:1-Gemisch von zwei Enantiomeren
Allgemeines
Freiname Lorazepam
Andere Namen
  • (RS)-7-Chlor-5-(2-chlorphenyl)-3-hydroxy-2,3-dihydro-1H-1,4-benzodiazepin-2-on (IUPAC)
  • (±)-7-Chlor-5-(2-chlorphenyl)-3-hydroxy-2,3-dihydro-1H-1,4-benzodiazepin-2-on
  • rac-7-Chlor-5-(2-chlorphenyl)-3-hydroxy-2,3-dihydro-1H-1,4-benzodiazepin-2-on
  • Lorazepamum (Latein)
Summenformel C15H10Cl2N2O2
Externe Identifikatoren/Datenbanken
CAS-Nummer 846-49-1
EG-Nummer 212-687-6
ECHA-InfoCard 100.011.534
PubChem 3958
DrugBank DB00186
Wikidata Q408265
Arzneistoffangaben
ATC-Code

N05BA06

Wirkstoffklasse
Eigenschaften
Molare Masse 321,16 g·mol−1
Aggregatzustand

Feststoff[1]

Schmelzpunkt

166–168 °C[1]

pKs-Wert

13[2]

Löslichkeit

Wasser: 80 mg·l−1 [2]

Sicherheitshinweise
Bitte die Befreiung von der Kennzeichnungspflicht für Arzneimittel, Medizinprodukte, Kosmetika, Lebensmittel und Futtermittel beachten
GHS-Gefahrstoffkennzeichnung [1]
08 – Gesundheitsgefährdend

Achtung

H- und P-Sätze H: 361
P: 281 [1]
Toxikologische Daten
Soweit möglich und gebräuchlich, werden SI-Einheiten verwendet. Wenn nicht anders vermerkt, gelten die angegebenen Daten bei Standardbedingungen.

Lorazepam ist ein Arzneistoff aus der Gruppe der Benzodiazepine. Wie alle Benzodiazepine besitzt es eine anxiolytische (angstlösende), antikonvulsive (epileptische Potentiale unterdrückende), sedierende (beruhigende), hypnotische (schlaffördernde) und muskelrelaxierende (krampflösende, muskelentspannende) Wirkung; in dieser Reihenfolge von stark nach schwach ausgeprägt. Lorazepam hat eine mittellange Halbwertszeit.

Es wird hauptsächlich als Beruhigungsmittel bei Angst- und Panikstörungen eingesetzt, da hierbei die längere Wirkdauer (zum Beispiel einen ganzen Tag lang) erwünscht ist. In der Intensiv- und Notfallmedizin findet es Anwendung bei der Durchbrechung eines lang andauernden, lebensgefährlichen epileptischen Anfalles (Status epilepticus) sowie zur Prophylaxe epileptischer Anfälle. Ein weiteres Anwendungsgebiet ist die Kurzzeitbehandlung von Schlafstörungen, wenn diese im Zusammenhang mit starken Unruhezuständen stehen.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Lorazepam wurde 1963 von Wyeth patentiert. Heute wird der Wirkstoff unter dem Markennamen Tavor (in der Schweiz und Österreich Temesta) von der Firma Pfizer vertrieben. Zudem sind viele Generika im Handel, die den Wirkstoff Lorazepam billiger anbieten.

Lorazepam war im Jahr 2007 das zweitmeistverordnete Psychopharmakon in Deutschland. Dies hat sich seit dem Jahr 2013 deutlich geändert. Hintergrund und Auslöser waren wohl Fachartikel, in denen Studien vorgestellt wurden, die zu dem Ergebnis kamen, dass die Einnahme von Benzodiazepinen ein erhöhtes Demenzrisiko in sich bergen könnte.[3] Diese Meldungen sorgten dafür, dass Benzodiazepine, die schon vorher ein eher negatives Image aufgrund ihres Abhängigkeitspotentials hatten, weiter in Verruf gerieten. So war im Jahr 2013 das Benzodiazepin Lorazepam nur noch auf Platz 15 der Liste der meistverordneten Psychopharmaka. Die ersten fünf Plätze wurden beispielsweise von Wirkstoffen aus der Gruppe der Antidepressiva belegt. Dies zeigt den neuen Trend deutlich: Es werden mehr Antidepressiva sowie Neuroleptika verschrieben. Die Verordnungen von Benzodiazepinen hingegen gehen weiter zurück, obwohl bis heute unklar ist, ob Benzodiazepine das Risiko, an Demenz zu erkranken, wirklich erhöhen.[4]

Chemie und Stereoisomerie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

(R)-Form (links) und (S)-Form (rechts)

Die Synthese wird in der Literatur beschrieben.[5] Lorazepam ist ein chiraler Arzneistoff mit einem Stereozentrum und wird als Racemat, also als 1:1-Mischung der spiegelbildlichen (R)- und der (S)-Form, arzneilich verwendet.[6] In der Regel besitzen Enantiomere unterschiedliche pharmakokinetische und pharmakologische Eigenschaften; dies ist bei Lorazepam jedoch nicht relevant, da in wässriger Lösung sehr schnell Racemisierung eintritt, die Anwendung eines reinen Enantiomers also nicht möglich ist.[7]

Pharmakologische Eigenschaften[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Lorazepam wird vom Körper sowohl nach oraler als auch intravenöser oder intramuskulärer Verabreichung schnell und fast vollständig aufgenommen. Die durchschnittlichen Resorptionshalbwertszeiten liegen zwischen 10,8 und 40,4 min bei oraler bzw. 12,1 und 40 min nach intramuskulärer Gabe.[8] Nach intravenöser Injektion tritt die Wirkung bereits nach ein bis zwei Minuten ein. Aus der sofort löslichen oralen Darreichungsform (siehe unten) wird Lorazepam überwiegend nicht über die Mundschleimhaut resorbiert, sondern mit dem Speichel gastrointestinal. Ein möglicher schnellerer Wirkungseintritt ist nicht belegt.[9]

Die Wirkungsdauer hängt von der Dosierung und vom Mageninhalt ab und liegt normalerweise bei 5 bis 9 Stunden. Die Halbwertszeit von Lorazepam bei Patienten mit normaler Leberfunktion beträgt zwischen 11 und 18 Stunden.

Klinische Angaben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Anwendungsgebiete[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Lorazepam wird verabreicht zur:

Kontraindikationen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Lorazepam ist bei Überempfindlichkeit gegen den Wirkstoff oder gegen andere Benzodiazepine, Myasthenia gravis, akuter Vergiftung mit Alkohol, Schlafmitteln, Schmerzmitteln und Psychopharmaka, Schock, Koma, Kollapszuständen, und bei Kindern unter zwölf Jahren nicht zu nehmen. Besondere Vorsicht ist geboten bei schwerer respiratorischer Insuffizienz, Schlafapnoesyndrom, schwerer Leber- oder Niereninsuffizienz sowie Medikamenten-, Alkohol-, und Drogenabhängigkeit, besonders bei Substanzen, die auf den GABA-Rezeptor einwirken (Alkohol, Benzodiazepine, Barbiturate). Bei Personen unter 18 Jahren ist der Wirkstoff nur bei dringender Notwendigkeit zugelassen, wobei generell eine Dosisreduktion vorgenommen wird.

Lorazepam kann eine bestehende Depression verstärken. Es kann bei über 65-Jährigen zu paradoxen Verhalten kommen, die in Ambivalenz zur gewünschten Wirkung steht. Hierzu zählen Aggressivität, Wut und Verwirrtheit.

Dosierung, Art und Dauer der Anwendung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die mittlere Tagesdosis beträgt 0,5 mg bis 3 mg.[10]

Katatonie mit der Unfähigkeit zu sprechen spricht auf Lorazepam oral oder langsam intravenös injiziert an. Die Katatonie kann wiederkehren und eine Behandlung über einige Tage kann notwendig sein. Mitunter wird ein Neuroleptikum begleitend verabreicht.

Die Kontrolle eines Status epilepticus benötigt langsame intravenöse Injektionen unter Berücksichtigung des eventuellen Auftretens von Atemnot (Hypoventilation) und niedrigem Blutdruck (Hypotonie).

In jedem Fall muss die Dosierung individuell erfolgen, speziell bei älteren und geschwächten Patienten, bei denen die Gefahr größer ist, den Patienten zu stark zu sedieren. Die Sicherheit und Effektivität von Lorazepam bei Personen unter 18 Jahren ist nicht gut erforscht, es wird jedoch benutzt, um aufeinanderfolgende Krampfanfälle zu behandeln. Bei höheren Dosierungen (bevorzugterweise intravenös) ist der Patient häufig nicht in der Lage, sich an unschöne Ereignisse (anterograde Amnesie) wie therapeutische Eingriffe (Endoskopien usw.) zu erinnern. Dieser Effekt ist erwünscht. In der Palliativmedizin, v. a. zum Einsatz im Hospizdienst, kann Lorazepam zur Anxiolyse (Angstlösung), abschirmenden Sedierung und Entspannung verabreicht werden.

Anwendung in der Schwangerschaft und Stillzeit[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Es gibt klare Hinweise für auf Benzodiazepine zurückzuführende Risiken auf den menschlichen Fötus, was die Anwendung in der Schwangerschaft auf absolute Notwendigkeit einschränkt. Nahe dem Geburtszeitpunkt verabreicht, kann Lorazepam beim Säugling Entzugserscheinungen auslösen.

Unerwünschte Wirkungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Lorazepam kann, wie alle Benzodiazepine, psychisch und/oder physisch abhängig machen. Schwerste Entzugserscheinungen, ähnlich im Auftreten wie diejenigen von Alkohol, Barbituraten und anderen Benzodiazepinen wurden nach abruptem Absetzen nach längerer Einnahme beobachtet.[11] Deshalb ist eine schrittweise Absetzung (Ausschleichen) über einen Zeitraum von Wochen oder Monaten, abhängig von der Zeit, in der es eingenommen wurde, sowie der Dosierung, unbedingt notwendig.

Eine Langzeittherapie kann zu kognitiven Defiziten führen,[12] die nach behutsamem Absetzen jedoch reversibel sind.[11] Mögliche kognitive Beeinträchtigungen umfassen Verwirrtheit, Depression, doppeltes Sehen, Halluzinationen, Schwindel, Bewegungsstörungen, unkoordinierte Bewegungen, Muskelkrämpfe, Ruhelosigkeit, Tremor und Müdigkeit.[13]

In einigen Fällen können Benzodiazepine paradoxe Effekte auslösen, wie gesteigerten Antrieb und Aggression.[12] Einige Mediziner denken, diese Effekte könnten durch eine Enthemmung ausgelöst werden und deshalb bei Patienten, die aufgrund von vorher existierenden Persönlichkeitsstörungen möglicherweise unter dem Durchschnitt der Enthemmung liegen, häufiger auftreten. Paradoxe Effekte werden besonders häufig während einer Anwendung bei Manie und Schizophrenie beobachtet. Nach abruptem Absetzen oder zu schnellem Ausschleichen treten häufig die gleichen Effekte (Angst, Panikattacken, teilweise schwere epileptische Anfälle – jedoch deutlich ausgeprägter) wie vor Beginn der Einnahme auf, teilweise auch verstärkt, was wieder zu behandlungsbedürftigen Situationen führt.

Lorazepam kann schwer absehbare Restwirkungen wie Müdigkeit, vermindertes Reaktionsvermögen, Schwindelgefühle und niedrigen Blutdruck haben, die innerhalb von zwölf Stunden noch zu deutlichen Einschränkungen im Alltagsleben führen können. Daher sollten die aktive Verkehrsteilnahme, das Bedienen von Maschinen und Arbeiten ohne sicheren Halt nur unter ärztlicher Rücksprache erfolgen.[13]

Missbrauch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Lorazepam hat wie andere Benzodiazepine ein erhebliches Suchtpotenzial und wird auch im Rahmen von Polytoxikomanie in Kombination mit Drogen konsumiert, um deren Wirkung verstärkend oder abschwächend zu modifizieren oder als Selbstmedikation der Begleiterscheinungen des Drogenmissbrauchs. Der Mischkonsum mit Alkohol und Opioiden kann durch massive Sedierung zu einer lebensgefährlichen Hypoventilation bis hin zum Atemstillstand führen.

Verordnungsfähigkeit und rechtlicher Status[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Lorazepam ist in Deutschland betäubungsmittelrechtlich geregelt.[14] Lediglich Zubereitungen, die ohne einen weiteren Stoff der Anlagen I bis III zum BtMG je abgeteilte Form bis zu 2,5 mg Lorazepam enthalten, erfordern nur ein einfaches Rezept, jedoch kein Betäubungsmittelrezept.

Handelsnamen und Darreichungsformen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Tavor/Tavor Expidet (D), Tolid (D), Ativan (USA, GB), Lorazepam dura (D), Merlit (A), Temesta (CH, AT, L, B), Temesta Expidet (CH) und diverse andere Generika.

Für Patienten, die unzureichend schlucken können, sowie für Anwendungen in der Notfallmedizin gibt es Schmelztabletten oder Plättchen („Expidet“), die sich nach der Einnahme sofort im Mund auflösen. Die Sofortlöslichkeit verhindert auch bei nicht-kooperativen Patienten ein Zurückhalten im Mund. Die Wirkung setzt allerdings nicht schneller ein, da Lorazepam kaum über die Mundschleimhaut resorbiert wird, sondern gastrointestinal.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Poisons Information Monograph (PIM) für Lorazepam

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b c d e f Datenblatt (±)-Lorazepam bei Sigma-Aldrich, abgerufen am 8. April 2011 (PDF).
  2. a b Eintrag zu Lorazepam in der DrugBank der University of Alberta.
  3. Kausalität unklar: Erhöhte Demenzrate unter Benzodiazepinen. In: Ärzte Zeitung. 24. Oktober 2012, abgerufen am 13. August 2015.
  4. Benzodiazepine: Alzheimliche Helfer. doccheck.com, 7. Oktober 2014, abgerufen am 13. August 2015.
  5. Axel Kleemann, Jürgen Engel, Bernd Kutscher, Dietmar Reichert: Pharmaceutical Substances. 4. Auflage. 2 Bände. Thieme-Verlag, Stuttgart 2000, ISBN 978-1-58890-031-9; seit 2003 online mit halbjährlichen Ergänzungen und Aktualisierungen.
  6. Europäisches Arzneibuch 3. Ausgabe. 1997, Amtliche deutsche Ausgabe, Deutscher Apotheker Verlag Stuttgart, Govi-Verla-Pharmazeutoscher Verlag Eschborn, ISBN 3-7692-2186-9, S. 1206.
  7. Miklós Simonyi, Joseph Gal, Bernhard Testa: Sings: The Code of Clarification. In: Miklós Simonyi (Hrsg.): Problems and Wonders if Chiral Molecules. Akadémiai Kiadó, Budapest 1990, ISBN 963-05-5881-5, S. 127–136.
  8. Fachinformation Tavor® pro injectione 2 mg. Stand Februar 2019. Pfizer Pharma PFE GmbH.
  9. Leitlinien der Deutschen Gesellschaft für Neurologie, Status epilepticus im Erwachsenenalter, Definition des Status epilepticus (Stand: 1. Oktober 2008).
  10. Ernst Mutschler, Gerd Geisslinger, Heyo K. Kroemer, Sabine Menzel, Peter Ruth: Mutschler Arzneimittelwirkungen. Pharmakologie – Klinische Pharmakologie – Toxikologie. 10. Auflage. Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft, Stuttgart 2012, ISBN 3-8047-2898-7. S. 174.
  11. a b Thomas Markham Brown, Alan Stoudemire: Psychiatric Side Effects of Prescription and Over-the-counter Medications. ISBN 0880488689 S. 138.
  12. a b Jeffrey K. Aronson: Meyler's Side Effects of Psychiatric Drugs. ISBN 978-0-080-93287-3, S. 415.
  13. a b MaryAnne Hochadel, Jerry Avorn: The AARP Guide to Pills. ISBN 1402744463 S. 572.
  14. Anlage III (verkehrsfähige Betäubungsmittel) zum BtMG.
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