Melanchthon-Kirche (Berlin-Wilhelmstadt)

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Melanchthon-Kirche

Die am 15. Dezember 1893 eingeweihte evangelische Melanchthon-Kirche steht am Melanchthonplatz im Berliner Ortsteil Wilhelmstadt des Bezirks Spandau. Architekt war der Königliche Baurat Heinrich von Lancizolle, der in seinem Baustil auf historistische Formen der norddeutschen Backsteingotik zurückgriff. Die Kirche steht unter Denkmalschutz.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Zunächst sollte zur Entlastung von St. Nikolai nur eine kleine Fachwerkkirche für die Potsdamer Vorstadt von Spandau gebaut werden, erst später sollte die Kapelle durch einen größeren Bau ersetzt werden. Das Baugrundstück an der Potsdamer Chaussee – den Namen Wilhelmstraße erhielt der Straßenabschnitt erst 1897 – für den geplanten Massivbau mit etwa 400 Plätzen hatte die Stadt Spandau für eine geringe Miete überlassen. Der Bau der Kirche kostete etwa 50.000 Mark (kaufkraftbereinigt in heutiger Währung: rund 331.000 Euro). Die Grundsteinlegung fand am 2. Mai 1893 statt. Am 15. Dezember desselben Jahres wurde die Kirche ihrer Bestimmung übergeben. Als Namenspatron wurde Philipp Melanchthon gewählt, zur Erinnerung an seinen mehrwöchigen Aufenthalt in Spandau.

Zunächst war das Gotteshaus nur Filialkirche von St. Nikolai, am 1. April 1916 wurde die Melanchthon-Kirche aber zur selbständigen Pfarrkirche erhoben. In der Zeit des Nationalsozialismus war die Melanchthongemeinde eine „Hochburg“ der regimetreuen Deutschen Christen. Alle drei Gemeindepfarrer standen dieser Richtung in der evangelischen Kirche nahe, vor allem Pfarrer Luntowski galt selbst bei der Kirchenleitung als „unbelehrbar“. Jedoch gab es auch eine Minderheit von Laien der oppositionellen Bekennenden Kirche unter Leitung von Edith Mertin und Werkmeister Johannes Wiesner, unterstützt von Vikar Peukert. Die Gruppe pochte auf ein Minderheitsrecht und bekam nur selten „versuchsweise“ die Melanchthonkirche überlassen; die Kirchenleitung stand auf dem Standpunkt, die Bekennende Gemeinde in Spandau sei insgesamt „ausreichend versorgt“. Insbesondere den Wunsch, in der Melanchthonkirche an Weihnachten und zu Silvester einen Gottesdienst zu feiern, erfüllte der Oberkirchenrat nur an Silvester 1937; der Gemeindekirchenrat hatte auch dies abgelehnt.[1]

Im Zweiten Weltkrieg wurde die Kirche beschädigt. Sie wurde 1954–56 von Emil Fangmeyer restauriert. Dabei entfiel die historistische Ausmalung, und die dazu gehörige Ausstattung wurde entfernt. Stattdessen wurde der Altarraum schlicht im Stil der 1950er-Jahre gestaltet und mit einem Altarkreuz aus hellem Eichenholz von Gerhard Schreiter hinter dem hölzernen Tischaltar ergänzt; Schreiter schuf auch das Taufbecken und die Altarleuchter. Ab 1988 wurde die ursprüngliche Innenarchitektur teilweise rekonstruiert. Die übertünchten Bemalungen über dem Chorbogen zum Altarraum, an der Brüstung der Empore, an der Deckenkonstruktion und an den Langseiten des Kirchenschiffes wurden freigelegt und zum Teil erneuert.

Baubeschreibung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Bauwerk wirkt für seine Entstehungszeit traditionell. Der mit roten Klinkern verblendete Mauerwerksbau mit Ausmaßen von 28 Metern Länge und 12 Metern Breite ist städtebaulich auf einen Platz bezogen. Die Saalkirche hat vier Joche, einen eingezogenen polygonalen Chor im Osten und einen vorgelagerten Westbau als Glockenturm. Der Turm ist durch Fries und Gesims waagerecht gegliedert, seine vier Giebel sind mit Blenden verziert. Über seinen sich kreuzenden Satteldächern ragt ein oktogonaler Dachreiter empor, der mit spitzbogigen Öffnungen durchbrochen ist. Er wiederholt am Fuß seines hohen kupfergedeckten Zeltdaches das Motiv der Giebeldreiecke. An der Spitze endet er mit Turmkugel und vergoldetem Kreuz. Zum Einbau einer Turmuhr in die dafür vorgesehene Öffnung am Giebel zur Straßenseite ist es nie gekommen.

Das Kirchenschiff trägt ein schiefergedecktes Satteldach, das an beiden Seiten je zwei mit Pyramidendächern bedeckte Dachgauben aufweist. Im Innenraum ist die Dachstuhlkonstruktion des Satteldachs über dem Kirchenschiff sichtbar. Die Wände des Langhauses weisen je vier große spitzbogige Gewände mit schlichten Maßwerkfenstern auf. Im Gewölbe des Chores sind dunkelrote Rippen aufgemalt. Seitlich an den Chor schließen sich die Sakristei und eine Gerätekammer an, die auch von außen zugänglich sind.

Über der Eingangstür des Portals sind in einem runden Glasfenster ein Kreuz und eine Schlange dargestellt, das Heroldsbild Philipp Melanchthons. Über der verglasten Eingangstür zum Kirchsaal ist das stilisierte christliche Symbol für den Heiligen Geist dargestellt, eine Taube.

Im Jahr 1938 wurde die alte Orgel von 1894 durch eine neue mit 28 Registern und 1746 Pfeifen auf zwei Manualen und Pedal ersetzt, gebaut von der Orgelbauanstalt G. F. Steinmeyer & Co.

Die Kirchenbänke wurden 1967 erneuert. Seit 1991 sind an den Langseiten des Kirchenschiffes Porträts von Philipp Melanchthon und Martin Luther zu sehen, die im Kunsthandel erworben wurden. Zur Ausstattung gehört seit 1994 ein Altar, der aus der Lutherkirche ausgelagert wurde. Die Glasmalerei der drei Fenster des Chores stammt von Claus Peter Koch. Die Fenster des Langhauses gestaltete Klaus Müller-Rabe aus Kathedralglas.

Glocken[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In der Glockenstube hängen zwei 1919 gegossene Gussstahlglocken. Sie wurden aus dem Erlös des Verkaufs einer Bronzeglocke finanziert, die der Beschlagnahme für Rüstungszwecke im Ersten Weltkrieg entgangen war.

Schlag­ton Gewicht
(kg)
Durch­messer
(cm)
Höhe
(cm)
Glockengießer
d' 1650 160 135 GEBR. ULRICH, APOLDA.
e' 1150 140 110 ULRICH & WEULE, APOLDA-BOCKENEM.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Melanchthonkirche (Berlin-Wilhelmstadt) – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Hans-Rainer Sandvoß: Widerstand in Spandau (= Gedenkstätte Deutscher Widerstand: Widerstand in Berlin von 1933 bis 1945). Berlin 1988, ISSN 0175-3592, S. 101, 133.

Koordinaten: 52° 31′ 16,4″ N, 13° 11′ 20,2″ O