Modern Monetary Theory

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Bei der Modern Monetary Theory (auch: Modern Money Theory, oft abgekürzt: MMT) handelt es sich um eine Strömung des Postkeynesianismus, in der die Analyse des Geldsystems zentral ist. Zur Anwendung kommt die Methode der doppelten Buchführung, mit deren Hilfe u. a. die Kreditschöpfung, die Instrumente der Zentralbank und die fiskalischen Operationen analysiert werden. Grundpfeiler sind die Theorie der sog. endogenen Kredit- oder auch Geldschöpfung, nach der Banken gegen Sicherheiten Kredite gewähren, ohne dass sie dafür auf Ersparnisse zurückgreifen, sowie die Theorie des von Georg Friedrich Knapp begründeten Chartalismus, nach der ein Staat erst Geld in Umlauf bringt, bevor er es durch Steuern wieder vernichtet. Ebenfalls wesentlich ist die Bilanzsichtweise mit T-Konten und die auf die Arbeiten von Wynne Godley zurückgehende Aufteilung der Wirtschaftssektoren in staatlich, privat (Haushalte und Unternehmen) und extern (Rest der Welt).[1]

Führende Vertreter der MMT sind Warren Mosler, Bill Mitchell,[2] Randall Wray, Stephanie Kelton[3], Pavlina Tcherneva, James K. Galbraith[4] und Michael Hudson. Auch Scott Fullwiler, Fadhel Kaboub, Mathew Forstater und in Europa Dirk Ehnts, Andrea Terzi und Paul Steinhardt werden der Schule zugerechnet. Viele dieser ÖkonomInnen sind oder waren am Bard College in New York oder an der University of Missouri–Kansas City tätig.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der erste genuine MMT-Aufsatz in einer referierten Fachzeitschrift war "Full Employment and Price Stability" von Warren Mosler, veröffentlicht 1997 im Journal of Post Keynesian Economics (JPKE).[5][6] In diesem Artikel argumentiert Warren Mosler, dass erstens Arbeitslosigkeit bedingt ist durch ein zu geringes Defizit des Staates (als Steuern minus Staatsausgaben) und zweitens der "Wert" der Währung durch die Preise des Staates gesetzt wird. Die heutige Wirtschaftspolitik sei darauf ausgerichtet, durch die Zinspolitik der Zentralbank in Zeiten zu hoher Inflationsraten Arbeitslosigkeit zu schaffen. Dies kritisiert Mosler. Der Staat könne jederzeit Arbeitslosigkeit beseitigen durch ein Handeln als "Employer of Last Resort" (Beschäftiger der letzten Instanz). Diese Politikmaßnahme wird heute als "Job Guarantee" bezeichnet und wird u. a. von Bernie Sanders befürwortet.[7] Fundamental ist die Einsicht, dass der Staat als Monopolist über die Währung seine Ausgaben nicht "finanziert". Er ist der Schöpfer der Währung. Seine Ausgaben sind es, die den privaten Sektor (Haushalte und Unternehmen) erst in die Lage versetzen, ihre Steuern zu zahlen. Diese Einsicht wurde u. a. von Georg Friedrich Knapp vertreten. Er eröffnete seine Staatliche Theorie des Geldes von 1905 mit der Argumentation, dass Geld – im Gegensatz zur Geldwerttheorie des Metallismus – seinen Wert aus der Rechtsordnung des Geld ausgebenden Staates (also aus der sogenannten Charta) schöpfe:

Das Geld ist ein Geschöpf der Rechtsordnung. Es ist im Laufe der Geschichte in den verschiedensten Formen aufgetreten. Eine Theorie des Geldes kann daher nur rechtsgeschichtlich sein.

Georg Friedrich Knapp: Staatliche Theorie des Geldes[8]

Der Wert einer staatlich ausgegebenen Goldmünze liege also nicht im inhärenten Wert des Goldes, aus dem die Münze geprägt wurde. Münzen seien vielmehr die „entseelten Überreste“ des Geldwesens.[8] Dies werde schon bei Papiergeld klarer, das nicht einmal mehr einen nennenswerten materiellen Wert innehat. Entgegen der Metallismus-Argumentation, dass Papiergeld durch Edelmetalle gedeckt sei, sei alles staatlich ausgegebene (chartalistische) Geld Fiatgeld, und „[s]taatliches Geld wird daran erkannt, dass es vom Staate angenommen wird“.[8] Eine Folge dieser Sicht ist das Erkennen, dass auf Bundesebene (auf Länderebene ist es anders) die Steuern keine Staatsausgaben finanzieren, sondern andersherum die Emission staatlichen Geldes Steuerzahlungen erst ermöglicht. Da die MMT diese Einsicht übernommen hat, wird die Schule auch als chartalistisch beschrieben. Die Autoren erkennen zweifelsfrei, dass die Regelungen in der Eurozone die nationalen Regierungen auf den Status von Bundesstaaten zurücksetzen, die sich nicht unproblematisch selbst finanzieren können.[9]

Fachkonferenzen zu Modern Monetary Theory fanden in den 2000er Jahren an der University of Kansas City in Missouri statt, zuletzt 2016 als 1. International MMT conference, bevor die Konferenz 2018 an die renommierte New School for Social Research umzog.[10] Die erste europäische MMT-Konferenz fand am 1. und 2. Februar 2019 in Berlin an der EBC-Hochschule statt und wurde von der Samuel-Pufendorf-Gesellschaft für politische Ökonomie e. V. organisiert.[11]

In Disziplinen wie der Soziologie, den Politikwissenschaften und den Rechtswissenschaften wird MMT auch in Deutschland wahrgenommen. So schrieb unter anderen der Hamburger Soziologe Aaron Sahr ein Buch zum "Keystroke-Kapitalismus"[12], der Bremer Politikwissenschaftler Wolfgang Krummbein ein Buch über Staatsfinanzierung durch die Zentralbank,[13] und die Würzburger Juristin Isabel Feichtner einen Aufsatz über eine mögliche Untersuchung des Geldes aus der Perspektive des Rechts.[14]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Bill Mitchell, Randall Wray: Modern Monetary Theory and Practice: An Introductory Text. CreateSpace Independent Publishing Platform, 2016, ISBN 978-1-5303-3879-5.
  • Dirk Ehnts: Modern Monetary Theory and European Macroeconomics. Routledge, London 2016, ISBN 978-1-138-65477-8.
  • Dirk Ehnts: Modern Monetary Theory und europäische Makroökonomie, Berlin 2017, in: Berliner Debatte Nr. 3, S. 89–102, online hier abrufbar
  • Randall Wray: Modern Money Theory: A Primer on Macroeconomics for Sovereign Monetary Systems. Palgrave Macmillan, London/ New York 2014, ISBN 978-1-137-26514-2.
  • Randall Wray: Modernes Geld verstehen: Der Schlüssel zu Vollbeschäftigung und Preisstabilität. Lola Books, 2018, ISBN 978-3944203355

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Gesamtwirtschaftliche Buchhaltung: Finanzierungssalden – Was-ist-Geld.de. Abgerufen am 19. Dezember 2018 (deutsch).
  2. Was ist neu an der Modern Monetary Theory? Eine Erinnerung an Knapps "Staatliche Theorie des Geldes" (1) - Fazit - das Wirtschaftsblog. In: Fazit - das Wirtschaftsblog. 18. Januar 2012 (faz.net [abgerufen am 1. Oktober 2018]).
  3. "Schon die Frage ist falsch" – Interview mit Stephanie Kelton, SZ, Nr. 288, 14. Dezember 2018, S. 17.
  4. "Modern Monetary Economics" auf dem Weg zum ökonomischen Mainstream?, TELEPOLIS, 9. September 2010.
  5. Full Employment and Price Stability on JSTOR. Abgerufen am 19. Dezember 2018 (englisch).
  6. Warren Mosler: Full Employment AND Price Stability. Abgerufen am 19. Dezember 2018 (amerikanisches Englisch, frei zugängliche Version des Artikels ohne Grafiken).
  7. - The Washington Post. Abgerufen am 19. Dezember 2018 (englisch).
  8. a b c Georg Friedrich Knapp: Staatliche Theorie des Geldes. Duncker & Humblot, Leipzig 1905.
  9. Dirk Ehnts: Geld und Kredit: eine €-päische Perspektive. Abgerufen am 19. Dezember 2018.
  10. MMT Conference. Abgerufen am 19. Dezember 2018.
  11. 1st-international-european-mmt-conference-20199. Abgerufen am 19. Dezember 2018.
  12. Hamburger Edition HIS Verlagsges.mbH: Buch-Detail. Abgerufen am 19. Dezember 2018.
  13. Wolfgang Krumbein: Staatsfinanzierung durch Notenbanken! Abgerufen am 19. Dezember 2018.
  14. Volume 17 No 05. Abgerufen am 19. Dezember 2018 (amerikanisches Englisch).