Mohammed Omar

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Mohammed Omar (ملا محمد عمر, bekannt als Mullah Omar; * 3. Januar 1960 in Tschah-i-Himmat im Bezirk Chakrez der afghanischen Provinz Kandahar[1]; † vermutlich im April 2013 in Pakistan[2]) war Anführer der Taliban in Afghanistan und war als solcher von 1996 bis 2001 Staatsoberhaupt des Islamischen Emirats Afghanistan.

Flugblatt zur Demoralisierung der Taliban mit Mohammed Omar und seinem Auto als Zielscheibe

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Omar wurde als Sohn armer ghilzai-paschtunischer Bauern in einem Dorf in der Umgebung von Kandahar geboren. Nach dem Tod seines Vaters ging Omar Ende 1979 in das kleine Dorf Sanghissar, um sich dort als Dorfmullah zu verdingen.[3]

Sowjetische Invasion Afghanistans[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nach dem Abzug der sowjetischen Truppen aus Afghanistan kämpfte Omar von 1989 bis 1992 in der Bewegung Hizb-i Islāmī unter Kommandant Nek Mohammed gegen die Regierung Mohammed Nadschibullāhs. Er wurde viermal verwundet und verlor sein rechtes Auge durch ein Schrapnell.[3]

Aufstieg zum Führer der Taliban[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im Sommer 1994 soll Omar mit 33 Gleichgesinnten eine Bewegung gegründet haben, die im September 1996 mit der Einnahme Kabuls die militärische Herrschaft über Afghanistan erreichte.[3] Als auslösendes Moment wird in verschiedenen Quellen die Entführung und Vergewaltigung zweier Mädchen durch einen Mudschaheddin-Kommandanten genannt, zu deren Befreiung sich die Männer unter der Führung von Mullah Omar zusammenschlossen. Nach der Rettung der Mädchen wurde der Kommandant an einem Panzerrohr erhängt.[4] Mit diesen fundamentalistischen Milizen, die sich aus den Koranschulen und aus den Flüchtlingslagern entlang der pakistanischen Grenze rekrutierten und sich Taliban nannten, begann er die Regierung, die verfeindeten Mudschaheddin und Warlords zu bekämpfen. Obwohl die archaischen Ziele und brutalen Methoden der Taliban nicht uneingeschränkt populär waren, erhielten sie vor allem Unterstützung aus den ärmsten sozialen Schichten der paschtunischen Bevölkerung.

Eine Versammlung von 1.600 afghanischen Geistlichen verlieh ihm 1996 den Titel (أمير المؤمنين, Amir al-Mu'minin, „Führer der Gläubigen“)[5]. Damit war Omar Oberhaupt des Islamischen Emirats Afghanistan. Internationale Proteste löste er mit seinem Befehl im März 2001 zur Zerstörung der Buddhastatuen von Bamiyan aus.

Im Oktober 1998 fand sein erstes Treffen mit einem Diplomaten der Vereinten Nationen, Lakhdar Brahimi, statt. Er wurde bis zum Alter von 39 Jahren nicht fotografiert. Omar lebte und arbeitete zurückgezogen in seiner Regierungsvilla in Kandahar, auch nachdem die Taliban die afghanische Hauptstadt Kabul erobert hatten. Er traf sich nur selten mit Nicht-Muslimen, und es gibt nur sehr wenige Fotos von ihm.

Omar hatte drei Ehefrauen. Die erste und dritte stammen aus Urozgan und seine zweite Frau Guljana aus Singesar, die er 1995 minderjährig heiratete. Er hatte ferner fünf Kinder, wovon sein ältester Sohn Mullah Mohammad Yaqoob in der Führung der Talibanbewegung tätig ist.[6]

Sturz der Taliban[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die nach dem 11. September 2001 von den USA geforderte Auslieferung Osama bin Ladens lehnte Omar in einem Telefoninterview als „unislamisch“ ab und machte die vergangene US-amerikanische Außenpolitik für die Terroranschläge verantwortlich.[7] Nach dem Sturz der Taliban Ende 2001 war Omar auf der Flucht. Auf seine Ergreifung setzte die US-Regierung ein Kopfgeld in Höhe von 10 Millionen Dollar aus.[8] Er soll sich zu dieser Zeit in Kandahar unter dem Schutz eines lokalen Stammesführers befunden haben.[9] Danach wurde er Anführer der militanten Organisation Quetta Shura, die sich aus den Resten der gestürzten Taliban-Regierung bildete.

Am 25. Juli 2005 meldete sich Omar angeblich mittels einer Tonbandbotschaft und rief dazu auf, die Angriffe auf ausländische Truppen in Afghanistan zu intensivieren. Er verlangte ferner, bei den Aktionen möglichst die afghanische Zivilbevölkerung nicht in Mitleidenschaft zu ziehen. Die Echtheit des Tonbandes konnte allerdings nicht bestätigt werden.

Am 22. Oktober 2006 forderte Omar die in Afghanistan stationierten NATO-Truppen auf, das Land zu verlassen, und kündigte Anschläge gegen die Truppen an. Sein Aufenthaltsort galt zu diesem Zeitpunkt als unbekannt. Im Januar 2007 behauptete der ehemalige Pressesprecher der Taliban, Muhammad Hanif, dass Mullah Omar von Pakistan aus operiere und sich dort mit Hilfe des pakistanischen Geheimdienstes versteckt halte.[10]

Der saudische König Abdullah soll, um den afghanischen Versöhnungsprozess zu forcieren, Mullah Omar politisches Asyl angeboten haben.[11]

Für das Jahr 2009 kündigte Mullah Omar „eine Explosion der Gewalt in Afghanistan“ an. Sein Aufenthaltsort wurde damals in der pakistanischen Stadt Quetta vermutet.[12] Im Herbst 2009 soll er mit Unterstützung des pakistanischen Geheimdienstes ISI nach Karatschi geflohen sein.[13]

Mitte November 2010 wandte sich Omar in einer mehrsprachigen Botschaft an mehrere Medien. Darin forderte er Muslime weltweit zu Spenden auf. Zusätzlich lehnte er ein Angebot der afghanischen Regierung über 35.000 Stellen für seine Kämpfer bei den Gesprächen zwischen den Taliban und der Karzai-Regierung ab.[14]

Omar könnte sich nach Medienberichten im Mai 2011 in Quetta, Pakistan aufgehalten haben, wo der pakistanische Geheimdienst ihn aufgefordert haben soll, das Land zu verlassen.[15]

Tod[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Erst im Sommer 2015 wurde bekannt, dass Omar vermutlich seit 2013 tot ist. Nach verschiedenen Quellen starb er in einem Krankenhaus in Karatschi, möglicherweise an Tuberkulose. Sein Tod wurde von der afghanischen Regierung, von den Taliban und aus pakistanischen Militär- und Geheimdienstkreisen bestätigt. Auch die USA halten diese Berichte für glaubwürdig.

Die niederländische Journalistin Bette Dam veröffentlichte im Februar 2019 das Buch The Secret Life of Mullah Omar.[16] Dieser Veröffentlichung zufolge soll Omar Afghanistan nie verlassen haben. Nach den Aussagen seines Leibwächters, soll Omars letzte Bleibe, ein über einen Geheimgang zugängliches Hinterzimmer einer Hütte, angeblich nur wenige Kilometer vom amerikanischen Armeestützpunkt Wolverine entfernt gewesen sein. 2013 starb der selbsternannte Emir offenbar an einer Krankheit. Sein Leibwächter zeichnete das Bild eines kauzigen Einsiedlers, der aus Angst vor dem Entdecktwerden aufhörte, religiöse Gesänge aufzuzeichnen, und jede ärztliche Hilfe ablehnte.[17]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Ahmed Rashid: Taliban: Militant Islam, Oil and Fundamentalism in Central Asia. Yale University Press, Yale 2010, ISBN 0-30-016368-1.
  • Kamal Matinuddin: Taliban Phenomenon: Afghanistan 1994–1997. Diane Publishing Co, Collingdale 1999, ISBN 0-75-676280-4.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Afghan Taliban publish Mullah Omar biography. Artikel vom 5. April 2015 auf Seite der BBC. Abgerufen am 6. September 2018. (englisch)
  2. Mullah Omar, der einflussreiche Unbekannte. In: Die Zeit. 29. Juli 2015, abgerufen am 20. März 2019: „Der Führer der Taliban in Afghanistan sei im April 2013 in einem Krankenhaus in der pakistanischen Stadt Karachi gestorben, sagte der Sprecher des afghanischen Nationalen Direktorats für Sicherheit.“
  3. a b c Der Mann ohne Gesicht. Artikel von Thomas Ruttig vom 29. Januar 1999 auf freitag.de. Abgerufen am 6. August 2018.
  4. Mullah Mohammad Omar, Taliban leader - obituary. 30. Juli 2015, ISSN 0307-1235 (telegraph.co.uk [abgerufen am 4. November 2018]).
  5. Afghanistan wählt – Die wichtigsten Akteure. Artikel von Christoph Ehrhardt vom 19. August 2009 für die FAZ. Abgerufen am 6. August 2018.
  6. Mullah Yaqoob Biografie auf afghan-bios.info. Abgerufen am 6. August 2018. (englisch)
  7. Mullah Omar – in his own words. Mitschrift eines Telefoninterviews auf Seite vom The Guardian. Abgerufen am 6. September 2018. (englisch)
  8. Wanted Mullah Omar Up to $10 Million Reward (Memento vom 19. August 2013 im Internet Archive)
  9. Mullah Omar angeblich unter dem Schutz von Stammeskriegern in Kandahar. Spiegel Online, 8. Dezember 2001.
  10. Mullah Omar ‚hiding in Pakistan‘. BBC News, 17. Januar 2007.
  11. Saudi-Arabien bietet Taliban-Führer Omar Asyl an. Spiegel Online, 28. November 2008.
  12. Taliban-Führer droht mit Explosion der Gewalt. Spiegel Online, 8. Dezember 2008.
  13. ISI helped Taliban supremo Mullah Omar flee from Quetta to Karachi. The Times of India, 20. November 2009.
  14. Mullah Omar setzt weiter auf Zermürbungskrieg. Telepolis, 16. November 2010.
  15. Mullah Omar nach Bin Laden das nächste Ziel? Abgerufen am 18. Mai 2011.
  16. The Secret Life of Mullah Omar static1.squarespace.com, abgerufen am 12. März 2019 (englisch)
  17. Das letzte Versteck des Taliban-Führers Mullah Omar. Neue Zürcher Zeitung vom 12. März 2019