Peter Demetz (Literaturwissenschaftler)

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche

Peter Demetz (* 21. Oktober 1922[1] in Prag) ist ein US-amerikanischer Germanist von deutsch-tschechisch-jüdischer Herkunft.

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Vater Hans Demetz (1894–1983), dessen ladinische Familie aus Südtirol nach Prag übersiedelt war, war u. a. Dramaturg am Deutschen Theater in Prag, Theaterdirektor in Brünn und Wien und spielte eine bedeutende Rolle in den Prager Literatenkreisen der Zwischenkriegszeit. Peter Demetz' jüdische Mutter starb nach der Besetzung der Tschechoslowakei durch das nationalsozialistische Deutschland im Konzentrationslager, und Demetz selbst musste Zwangsarbeit leisten.[2] Nach Kriegsende studierte er an der Prager Karls-Universität Germanistik und promovierte 1948 zum Dr. phil. Im gleichen Jahr flüchtete er nach dem kommunistischen Putsch in den Westen. Von 1950 bis 1952 arbeitete er als Redakteur bei Radio Freies Europa in München. 1953 wanderte Demetz in die Vereinigten Staaten aus, deren Staatsbürger er seit 1958 ist.[3] Er erlangte 1954 an der Columbia University den Titel eines Master of Arts und 1956 an der Yale University die erneute Promotion zum Ph. D. 1956 wurde Demetz zunächst Dozent an der Yale-Universität, 1958 dann Assistant Professor und 1960 Associate Professor. 1962 wurde er dort zum ordentlichen Professor für Germanistik und Vergleichende Literaturwissenschaft berufen. Von 1963 bis 1969 war Demetz Direktor des Fachbereichs Germanistik in Yale, von 1972 bis zu seiner Emeritierung im Jahr 1991 hatte er an derselben Universität die Sterling-Professur für Germanistik inne.[4]

Demetz hat Bücher und Aufsätze zu Theodor Fontane, zum Verhältnis von Literatur und Politik, zur deutschen Gegenwartsliteratur und zur Kultur und Geschichte Prags und Böhmens veröffentlicht, er hat Werke deutschböhmischer und -mährischer Schriftsteller herausgegeben und, zum Teil gemeinsam mit seiner ersten Frau, der Schriftstellerin Hanna Demetz (1928–1993),[5] Werke tschechischer Autoren ins Deutsche übersetzt. Er war neben Jiří Gruša, Peter Kosta, Eckhard Thiele und Hans Dieter Zimmermann[6] einer der fünf Gesamtherausgeber der 33-bändigen Tschechischen Bibliothek, die von 1999 bis 2007 in der Deutschen Verlagsanstalt erschienen ist.[7] Seit 1974 ist Demetz auch als Rezensent und Autor ständiger Mitarbeiter des Literaturteils der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.[8] Demetz war darüber hinaus unter anderem von 1986 bis 1996 Mitglied und zeitweise Vorsitzender der Jury des Ingeborg-Bachmann-Preises.[9] Er ist Mitglied des PEN-Zentrums Deutschland.

Ehrungen, Preise und Mitgliedschaften (Auswahl)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Werke[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Viele der Bücher von Demetz sind auch (zum Teil zuerst) in Englisch oder Tschechisch veröffentlicht worden.

  • Goethes „Die Aufgeregten“. Zur Frage der politischen Dichtung in Deutschland. Nowack, Hann.-Münden 1952.
  • René Rilkes Prager Jahre. Diederichs, Düsseldorf 1953.
  • Marx, Engels und die Dichter. Zur Grundlagenforschung des Marxismus. Deutsche Verlagsanstalt, Stuttgart 1959. Taschenbuchausgabe: Ullstein, Frankfurt a. M. u. Berlin 1969.
  • Formen des Realismus: Theodor Fontane. Kritische Untersuchungen. Hanser, München 1964. Taschenbuchausgabe: Ullstein, Frankfurt a. M., Berlin u. Wien 1973. ISBN 3-548-12985-4.
  • Die süße Anarchie. Deutsche Literatur seit 1945. Eine kritische Einführung. Vom Autor durchgesehene Übersetzung aus dem Amerikanischen von Beate Paulus. Propyläen, Berlin, Frankfurt a. M. u. Wien 1970. Durchgesehene Taschenbuchausgabe: Ullstein, Frankfurt a. M., Berlin u. Wien 1973. ISBN 3-548-12985-4.
  • Fette Jahre, magere Jahre. Deutschsprachige Literatur von 1965 bis 1985. Für die deutsche Ausgabe bearbeitet u. übersetzt von Christiane Spelsberg. Piper, München u. Zürich 1988. ISBN 3-492-03128-5.
  • Worte in Freiheit. Der italienische Futurismus und die deutsche literarische Avantgarde (1912-1934). Mit einer ausführlichen Dokumentation. Piper, München u. Zürich 1990. ISBN 3-492-11186-6.
  • Böhmische Sonne, mährischer Mond. Essays und Erinnerungen. Deuticke, Wien 1996, ISBN 3-216-30203-2.
  • Prag in schwarz und gold. Sieben Momente im Leben einer europäischen Stadt. Aus dem Amerikanischen von Joachim Kalka.Piper, München u. Zürich 1998, ISBN 3-492-03542-6. Taschenbuchausgabe: Ebd. 2000, ISBN 3-492-23044-X.
  • Die Flugschau von Brescia. Kafka, d’Annunzio und die Männer, die vom Himmel fielen. Aus dem Englischen von Andrea Marenzeller. Zsolnay, Wien 2002, ISBN 3-552-05199-6.
  • Böhmen böhmisch. Essays. Mit einem Vorwort von Karl Schwarzenberg. Zsolnay, Wien 2006, ISBN 978-3-552-05373-1.
  • Mein Prag. Erinnerungen 1939 bis 1945. Aus dem Englischen von Barbara Schaden. Zsolnay, Wien 2007, ISBN 978-3-552-05407-3.
  • Auf den Spuren Bernard Bolzanos. Essays. Arco, Wuppertal u. Wien 2013. ISBN 978-3-938375-49-5.
  • daneben zahlreiche Aufsätze, Essays, Artikel und Rezensionen.

Übersetzungen, Editionen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Božena Němcová: Die Grossmutter. Eine Erzählung aus dem alten Böhmen. Übersetzung und Nachwort von Hanna und Peter Demetz. Manesse, Zürich 1959. Taschenbuchausgabe: Manesse und dtv, Zürich u. München 1995. ISBN 3-423-24048-2.
  • Jan Čep: Zeit und Wiederkehr. Bilder aus Böhmen und Mähren. Ausgewählt und aus dem Tschechischen übertragen von Hanna und Peter Demetz. Herder, Freiburg i. Br., Basel u. Wien 1962.
  • František Halas: Poesie. Tschechisch und deutsch. Übertragung und Nachwort von Peter Demetz. Suhrkamp, Frankfurt a. M. 1965.
  • Lessing. Nathan der Weise. Vollständiger Text. Dokumentation. Hg. von Peter Demetz. Ullstein, Frankfurt a.M. u. Berlin 1966, (= Dichtung und Wirklichkeit, 25).
  • Karl Gutzkow: Liberale Energie. Eine Sammlung seiner kritischen Schriften. Hg. von Peter Demetz. Ullstein, Frankfurt a. M., Berlin u. Wien 1974. ISBN 3-548-03033-5.
  • Alt-Prager Geschichten. Gesammelt von Peter Demetz. Mit Illustrationen von Hugo Steiner-Prag. Insel, Frankfurt a. M 1982. ISBN 3-458-32313-9.
  • H. G. Adler: Panorama. Roman in zehn Bildern. Mit einem Nachwort von Peter Demetz. Piper, München u. Zürich 1988, ISBN 3-492-10891-1.
  • Geschichten aus dem alten Prag. Sippurim. Hg., mit Anmerkungen und einem Nachwort versehen von Peter Demetz. Insel, Frankfurt a. M. u. Leipzig 1994, ISBN 3-458-33219-7.
  • Der Herrgott schuldet mir ein Mädchen. Tschechische Lyrik des 20. Jahrhunderts. Hg. und mit einem Nachwort von Ladislav Nezdařil und Peter Demetz. Piper, München u. Zürich 1994, ISBN 3-492-11667-1.
  • Johannes Urzidil: Prager Triptychon. Erzählungen. Hrsg. und mit einem Nachwort versehen von Peter Demetz. Residenz, Salzburg u. Wien 1997, ISBN 3-7017-1082-1.
  • Karel Havliček: Polemische Schriften. Ausgewählt und mit einem Geleitwort von Peter Demetz. Aus dem Tschechischen von Minne Bley. Mit einem Nachwort von Georg J. Morava. Deutsche Verlagsanstalt, Stuttgart / München 2001, ISBN 3-421-05458-4.
  • Fin de siècle. Tschechische Novellen und Erzählungen. Hg. und mit einem Vorwort von Peter Demetz. Nachwort von Marek Nekula. Deutsche Verlagsanstalt, München 2004, ISBN 3-421-05251-4.
  • Jiří Orten: Elegien/Elegie. Tschechisch-deutsch. Übertragen und hg. von Peter Demetz. Arco, Wuppertal / Wien 2011, ISBN 978-3-938375-43-3.
  • Hans Werner Kolben: Das Schwere wird verschwinden. Gedichte aus Prag und Theresienstadt. Mit einem Nachwort hg. von Peter Demetz und mit Erinnerungen von Heinz Kolben an seinen Bruder. Arco, Wuppertal / Wien 2011, ISBN 978-3-938375-39-6.

Herausgeberschaften[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • mit Hans Dieter Zimmermann: Arsenal. Beiträge zu Franz Tumler. Piper, München / Zürich 1977, ISBN 3-492-02256-1.
  • mit Joachim W. Storck und Hans Dieter Zimmermann: Rilke – ein europäischer Dichter aus Prag. Königshausen & Neumann, Würzburg 1998, ISBN 3-8260-1354-9.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b Michael Assmann u. Herbert Heckmann (Hrsg.): Zwischen Kritik und Zuversicht. 50 Jahre Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung. Wallstein, Göttingen 1999, ISBN 978-3-89244-343-8, S. 403.
  2. Vgl. hierzu und zum folgenden Demetz' autobiographisches Buch Mein Prag (2007, s. Werke)
  3. Vgl. hierzu und zu Demetz' akademischem Werdegang den Artikel über Demetz im Munzinger-Archiv.
  4. Eintrag zu Demetz auf der Website der Yale University.
  5. Im Englischen und Tschechischen auch Hana Demetz; vgl. zu Hanna/Hana Demetz: S. Lillian Kremer: Hana Demetz. In: Women's Holocaust Writing. Memory and Imagination. University of Nebraska Press, Lincoln 1999, S. 100–118; S. Lillian Kremer: Hanna Demetz. In: David Patterson, Alan L. Berger u. Sarita Cargas (Hg.): Encyclopedia of Holocaust Literature. Oryx, Westport 2002, S. 38–40; S. Lillian Kremer: Hana Demetz. In: Dies. (Hg.): Holocaust Literature. An Encyclopedia of Writers and their Work. Vol. 1: Agosin to Lentin. Routledge, New York u. London 2003, S. 265–267. Die Angaben der Lebensdaten folgen denen in der Deutschen Nationalbibliothek, S. L. Kremer gibt in ihren Artikeln über H. Demetz 1999 als Geburtsjahr 1928, dagegen 2002 und 2003 1929 an.
  6. H.D. Zimmermann
  7. Die Tschechische Bibliothek (PDF; 597 kB) auf der Website der Verlagsgruppe Random House.
  8. Kurzbiographie von Demetz auf der Website der Verlagsgruppe Random House.
  9. Kurzbiographie von Demetz auf der Website des Carl Hanser Verlages.
  10. a b c Artikel über Demetz im Exil-Archiv der Else-Lasker-Schüler-Gesellschaft.
  11. a b c Kurzbiographie von Demetz auf der Website der Rutgers University.
  12. Materialien zur Verleihung des Georg-Dehio-Buchpreises an Demetz.
  13. Peter Demetz honoris causa CZ, DE, ENG
  14. [1]