Planungsgruppe Stieldorf

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Die Planungsgruppe Stieldorf war eine deutsche Architektengruppe und ein Architekturbüro, das von den 1960er- bis 1990er-Jahren bestand.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Anfang der 1960er Jahre, nach dem Rücktritt von Bundeskanzler Konrad Adenauer und dem Bau der Mauer in Berlin, wurden erstmals Planungen für größere Regierungsbauten in der „provisorischen“ Bundeshauptstadt Bonn angestellt, da fast alle Ministerien und Bundesbehörden völlig unzureichend in alten Kasernen und angemieteten Häusern untergebracht waren. Im Regierungsviertel waren nur drei Neubauten errichtet worden: 1953 das Gebäude des Bundesministeriums für das Post-und Fernmeldewesen, 1954 das Presseamt und 1955 das Auswärtige Amt.

Bei der in Berlin ansässigen Bundesbaudirektion wurde 1962 ein Beratergremium aus den Professoren Paul Baumgarten, Egon Eiermann und Sep Ruf gebildet, um die neue Regierung um Ludwig Erhard planerisch und städtebaulich zu beraten. Die Professoren empfahlen daraufhin einer Reihe junger Architekten nach Bonn zu kommen, um ihre Entscheidungshilfen zu erarbeiten.

Nach Abschluss der Arbeiten 1968 gründeten drei von ihnen – Manfred Adams, Günther Hornschuh und Peter Türler – die Planungsgruppe A. H. T. . Ein Jahr später waren es – mit Georg Pollich -als ehemaligem Mitarbeiter von Egon Eiermann und Projektleiter des Langen Eugen) sowie Robert Glatzer (1925–1995[1]) ehemaliger Leiter der Planungsabteilung der Bundesbaudirektion – bereits fünf Partner. Das Architekturbüro ließ sich 1971 in einem nach eigenen Entwürfen neu erbauten Atelier in Stieldorf (Raiffeisenstraße 2) bei Bonn nieder und firmierte nunmehr als Planungsgruppe Stieldorf. 1973 wurde die Kommanditgesellschaft Planungsgruppe Stieldorf GmbH & Partner KG gegründet, die jedoch nur ein Jahr lang Bestand hatte.

Die Planungsgruppe wuchs mit jedem gewonnenen Architektenwettbewerb, den die sozialliberale Koalition unter Kanzler Willy Brandt ab 1969 bundesoffen auslobte, um den Hauptstadtausbau Bonns zu forcieren. Außer den Großbauplanungen wurden Wohnbauten, Gemeindezentren, kirchliche Bauten sowie Gewerbebau und Kommunal-Verwaltungen bearbeitet. Anfang der 1980er Jahre bestand die Planungsgruppe aus annähernd 100 Mitarbeitern. 1981 schied Manfred Adams aus dem Büro aus.[1] Ende der 1980er-Jahre gab die Planungsgruppe das Atelier in Stieldor|f auf. 1999 (mit dem Ableben Günther Hornschuhs) wurde sie aufgelöst, Peter Türler – Mitbegründer des Büros 1968 – führte anschließend allein den Namen in seinem eigenen Architekturbüro in Bad Honnef weiter.

„Neben den persönlichen Freundschaften entwickelte sich in der Planungsgruppe stets eine sachlich konstruktive Zusammenarbeit, die die durchaus verschieden nuancierten Auffassungen und Neigungen der einzelnen Architekten im Sinne einer schöpferischen Synthese zum Nutzen der jeweiligen Aufgabenstellung zusammenfasste. So sind denn auch alle Arbeiten der Planungsgruppe Stieldorf nie Ausdruck einer engen architektonischen Doktrin, sondern immer das Ergebnis sorgfältiger Abwägung von gestalterischen, funktionalen und vor allem wirtschaftlichen Gesichtspunkten.“

Planungsgruppe Stieldorf (1974)[2]

Werk[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ausgeführte Entwürfe[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Planungsgruppe der Bundesbaudirektion (1962–1968)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Planungsbeginn;
Bauzeit
Gemeinde
Ortsteil
Adresse Bild Objekt Maßnahme Anmerkungen
1965–1966 Bonn
Gronau
Heussallee 7–11
Lage
Abgeordneten-wohnhaus-BN.jpg
weitere Bilder
Abgeordneten-Wohnhäuser Neubau Denkmalschutz
1967–1968 Bonn
Bonn-Castell
Arminiusstraße 32
Lage
Bürogebäude und KFZ-Werkstatt des Bundesministeriums der Finanzen Neubau[3]:132 f. Teil der heutigen „Liegenschaft Graurheindorfer Straße 198“[4]
1966–1967 Bonn
Plittersdorf
Kennedyallee 40
Lage
Geschäftsstelle der Deutschen Forschungsgemeinschaft in Bonn-Bad Godesberg.jpg Deutsche Forschungsgemeinschaft: IV. Bauabschnitt (viergeschossiger Hochbau) Neubau[3]:148 f. 1969–1970 aufgestockt
1967–1969 Bonn
Plittersdorf
Martin-Luther-King-Straße 8
Lage
Bonn, Haus Carstanjen.JPG Bundesschatzministerium (Haus Carstanjen): Erweiterung Neubau (Entwurf: Manfred Adams; künstlerische Beratung: Sep Ruf)[3]:143 f. heute Klimasekretariat der Vereinten Nationen

Planungsgruppe Stieldorf (ab 1968)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Planungsbeginn;
Bauzeit[AM 1]
Gemeinde
Ortsteil
Adresse Bild Objekt Maßnahme Anmerkungen
1969–1975 Bonn
Hochkreuz
Heinemannstraße/Godesberger Allee/
Max-Löbner-Straße/Langer Grabenweg
Lage
Bonn Hochkreuz, Kreuzbauten.JPG
weitere Bilder
Kreuzbauten im Ministerienstandort Godesberg-Nord Neubau[2]:4–14 Sitz verschiedener Bundesbehörden; Denkmalschutz
1970 Königswinter
Stieldorf
An der Passionshalle 13
Lage
katholisches Gemeindezentrum mit angegliederter Küsterwohnung Neubau[2]:59 heute Offene Ganztagsschule
1971, 1974 (Erweiterung) Königswinter
Stieldorf
Raiffeisenstraße 2
Lage
Atelier der Planungsgruppe Stieldorf (verglaste Holzkonstruktion) Neubau[2]:44–50[5]:112
1973 Brühl Am Rankewerk 2–4
Lage
Büro- und Lagergebäude Brühl 2009 8743.jpg
weitere Bilder
Büro- und Lagerhaus Orba (Holzskelettbau) Neubau (mit Gottfried Böhm)[2]:39–43 mit dem Kölner Architekturpreis 1975 ausgezeichnet[6]; Denkmalschutz
1973 Nassau Elisenhütte
Lage
Verwaltungsgebäude der Firma Kaiser & Co. (Blechverarbeitungsfabrik) Neubau[2]:51–55
1973 Bonn
Plittersdorf
Gotenstraße 138–140
Lage
Bad Godesberg Gotenstraße 138-140.jpg
weitere Bilder
Mehrfamilienhaus (Eigentumswohnungen) Neubau[2]:63–66[5]:148
1973–1974 Alfter Am Rathaus 7
Lage
Alfter (02).png
weitere Bilder
Rathaus der Gemeinde Alfter Neubau[2]:32–38
1973–1974 Bonn
Venusberg
Haager Weg 40
Lage
Evangelisches Gemeindezentrum Neubau (mit Gottfried Böhm)[2]:60[5]:60
1973–1974 Königswinter
Vinxel
Panoramaweg
Lage
Wohnhausgruppe Neubau[1][7]
1973–1976 Bonn
Gronau
Adenauerallee 139
Lage
Bonn Bundeskanzleramt, Luftaufnahme 2010 (2).jpg
weitere Bilder
Bundeskanzleramt Neubau[2]:15–19 heute Sitz des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung; Denkmalschutz
1974–1978 Köln
Marienburg
Raderberggürtel 50
Lage
Hochhaus Deutsche Welle Köln-3588.jpg
weitere Bilder
Funkhaus Deutsche Welle (gemeinsam mit dem Funkhaus des Deutschlandfunks) Neubau (Bauherr: Bundesbaudirektion)[2]:20–25 2003 von der Deutschen Welle aufgegeben (Umzug nach Bonn in den Schürmann-Bau); Abriss geplant aufgrund der hohen Kosten für die Sanierung der Spritzasbest-Ummantelung der Stahlträgerkonstruktion
1974;
1978–1984
Mainz
Lerchenberg
ZDF-Straße
Lage
ZDF-Sendezentrum.JPG ZDF-Sendezentrum: Dritter Bauabschnitt (Sendebetriebsgebäude) Neubau[2]:25–31[1]
1978–1982 Düsseldorf
Carlstadt
Berger Allee Verwaltungsgebäude der Mannesmann AG Neubau[1][8][9]
1980–1981 Bonn
Duisdorf
Villemombler Straße
Lage
Sporthalle des Bundesgrenzschutzes an der ehem. Gallwitz-Kaserne Neubau[1][5]:160 mit dem Holzbaupreis Nordrhein-Westfalen 1982 ausgezeichnet[10]
1981–1982 Bonn
Gronau
Schlegelstraße 1
Lage
Landesvertretung-bayern-BN.jpg Landesvertretung des Freistaates Bayern Anbau[5]:55
1985–1993 Hünfelden
Gnadenthal
Hof Gnadenthal
Lage
Kloster und Dorf Gnadenthal Sanierung/Wiederaufbau[1] 1993 mit dem Hessischen Denkmalpreis ausgezeichnet
1992–1993 Siegburg Chemie-Faser-Allee 5
Lage
Grundschule Deichhaus Neubau[1]

Nicht ausgeführte Entwürfe[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Wilfried Täubner: Planungsgruppe Stieldorf. Bauten und Projekte, Köln 1974.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Planungsgruppe Stieldorf – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Anmerkungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. sofern nur ein Jahr angegeben: Fertigstellungsjahr

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b c d e f g h Saur allgemeines Künstler-Lexikon, Band 27, Walter de Gruyter, 2000, ISBN 3-598-22767-1, S. 66.
  2. a b c d e f g h i j k l m n o p q r Wilfried Täubner: Planungsgruppe Stieldorf. Bauten und Projekte, Köln 1974.
  3. a b c Ursel und Jürgen Zänker: Bauen im Bonner Raum 49–69. Versuch einer Bestandsaufnahme. In: Landschaftsverband Rheinland (Hrsg.): Kunst und Altertum am Rhein. Führer des Rheinischen Landesmuseums Bonn. Nr. 21. Rheinland-Verlag, Düsseldorf 1969.
  4. Liegenschaft Graurheindorfer Straße 198, Bundesamt für Bauwesen und Raumordnung
  5. a b c d e Ingeborg Flagge: Architektur in Bonn nach 1945. Verlag Ludwig Röhrscheid, Bonn 1984, ISBN 3-7928-0479-4.
  6. Brühl, Büro- und Lagerhaus, Wege zum Holz
  7. Wohnhäuserreihe, Forschungsprojekt Architektur und Ingenieurbaukunst der 1950er, 60er und 70er Jahre in NRW, TU Dortmund
  8. Iris Poßegger, Roland Weber: Der Gartenarchitekt Roland Weber (1909-1997), Grupello, 2007, ISBN 978-3899780758, S. 132.
  9. Herbert Rex: Architekturkritik in Zeitungen und Zeitschriften der Bundesrepublik: in Fallstudien undersucht an Düsseldorfer Bauprojekten der 60er und 70er Jahre, Institut für Architektur- und Stadtforschung, 1981, S. 295.
  10. Bonn-Duisdorf, Sporthalle – Wege zum Holz, Landesforsten Rheinland Pfalz
  11. Die Präsidentin des Landtags Nordrhein-Westfalen (Hrsg.): Vom Ständehaus zum Landtag am Rhein. Der Landtag Nordrhein-Westfalen 1946–1988, 2013, S. 15 ff.
  12. a b Die Oberbürgermeisterin der Stadt Bonn (Hrsg.); Friedrich Busmann: Vom Parlaments- und Regierungsviertel zum Bundesviertel. Eine Bonner Entwicklungsmaßnahme 1974–2004. Bonn, Juni 2004, S. 45.
  13. Geschichte ab 1972, Evangelische Kirchengemeinde Bonn-Holzlar

Koordinaten: 50° 43′ 46″ N, 7° 13′ 7″ O