Richard Wolff (Geograph)

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Richard Wolff (2013)

Richard Wolff (* 6. August 1957 in Erlenbach ZH; heimatberechtigt in Wettswil am Albis und Basel) ist ein Schweizer Geograph, Stadtsoziologe und Politiker. Er war Mitbegründer des Stadtforschungsnetzwerkes INURA, in dessen Rahmen er als Stadtentwicklungsforscher tätig war. Darüber hinaus war er Dozent für Stadtentwicklung an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW) in Winterthur. Er sass für die AL im Zürcher Gemeinderat und war auch beim Mieterverband und im VCS aktiv. Seit dem 1. Juni 2013 wirkt er als Zürcher Stadtrat (Exekutive). Er ist Vorsteher des Tiefbau- und Entsorgungsdepartements der Stadt Zürich.

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Herkunft[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Richard Wolff wurde 1957 als Sohn Schweizer Eltern in Erlenbach im Kanton Zürich geboren. Der Vater Günter Wolff stammte aus einer jüdischstämmigen Fabrikantenfamilie im deutschen Stadtoldendorf und besuchte ab 1936 das Institut auf dem Rosenberg St. Gallen. Dessen Vater Richard Wolff wurde durch die Nationalsozialisten verhaftet, enteignet und ermordet.[1][2] Eine Restitution der Fabrik nach Kriegsende scheiterte, Günter Wolff schloss in Deutschland ein Betriebswirtschafts-Studium ab, lernte seine zukünftige Frau, aus einer christlichen Beamtenfamilie stammend, kennen und zog mit dieser in die Schweiz.

Kindheit und Jugend[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Seine Kindheit verbrachte Richard Wolff, dessen Vater bei diversen Grossunternehmen tätig war, in verschiedenen Gemeinden im Raum Zürich sowie für zweieinhalb Jahre in Venezuela. Dort sah er sich als Jugendlicher erstmals mit grosser Armut und sozialen Ungleichheiten konfrontiert. Neben den Erfahrungen aus Venezuela und den Medienberichten über die 68er-Unruhen sowie den Vietnam-Krieg erfuhr Wolff seine Politisierung als Jugendlicher im Zürich nach 1968: Er „merkte, dass es auch noch eine andere Welt gibt als die, die man wahrnimmt, auch dass nicht alles so geregelt und langweilig sein muss, wie das bei unseren Eltern der Fall war. Der Alltag, die materiellen Güter – alles wurde relativiert. Wenn ich in Venezuela geblieben wäre, hätte ich diesen Aufbruch trotz Salsa und Fiesta wahrscheinlich nicht erlebt. Ich hätte vielleicht in den USA studiert und nachher bei einer Firma wie IBM gearbeitet.[1]

Studien[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nach seiner Matura studierte Wolff Geographie und Ethnologie in Zürich. Als am 30. Mai 1980 die „Opernhauskrawalle“ in Zürich ausbrachen, befand sich Wolff an einem Bob Marley-Konzert.[1] Ab dem darauffolgenden Tag nahm er jedoch an den weiteren Demonstrationen teil. Diese entzündeten sich am Beschluss des millionenschweren Ausbaus des Opernhauses, während den bereits länger bestehenden Forderungen nach einem Jugendkulturzentrum nie nachgekommen wurde. Die Auseinandersetzungen zwischen Jugendlichen und der Autorität dauerten bis 1982 und mündeten in der städtisch subventionierten Gründung der Roten Fabrik, wo Wolff sich über Jahre unter anderem als Vorstandsmitglied engagierte.

An der Universität gründete Wolff währenddessen gemeinsam mit anderen Geografie-Studenten die Gruppe „SAU – Senter for Applied Urbanism“, die sich mit allen Aspekten der Stadtforschung und der Stadtentwicklung in Zürich beschäftigte. Diese diente auch als Basis für die Gründung des internationalen Netzwerks von Geografen und Stadtforschern, INURA (International Network for Urban Research and Action), im Jahr 1991.[1] Als Resultat der siebten jährlichen INURA-Konferenz erschien 1998 das Buch Possible urban worlds: urban strategies at the end of the 20th century.

Beruf[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

1999 wurde Wolff an der ETH Zürich mit der Dissertation „Popular Planning in King's Cross, London: Kommunikative Vernunft im Stadtentwicklungsprozess“ promoviert. Anschliessend verbrachte er ein Jahr als Gastdozent für Urban Sociology and Urban Planning an der University of Wisconsin in Green Bay.[3] Ab 2000 war Wolff Dozent für Städtebau und Stadtentwicklung des Departements Architektur der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW). Wolff leitete gemeinsam mit Philipp Klaus das Inura Zürich Institut, das für die öffentliche Hand sowie gemeinnützige Organisationen Konzepte und Expertisen zu Stadtentwicklungsfragen erstellt, städtische Gremien in Stadtentwicklungsprozessen begleitet sowie Kongresse, Seminare, Tagungen und Studienreisen organisiert, leitet und moderiert. So leitete Wolff beispielsweise seit 1998 die „Überparteiliche Arbeitsgruppe Zürich Nord“, leitete und war zwischen 2002 und 2005 an den Quartieraufwertungsprozessen Idaplatz und Lindenplatz beteiligt. Ausserdem leitete er 2006/2007 die Organisation und Durchführung des Kongresses „100 Jahre gemeinnütziger Wohnungsbau“ für den Schweizerischen Verband für Wohnungswesen, die Stadt Zürich und das Bundesamt für Wohnungswesen.[3]

Politik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

2010 wurde Wolff als Kandidat der Alternativen Liste (AL) in den Zürcher Gemeinderat (Legislative) gewählt. Für die Stadtratsersatzwahlen am 7. März 2012 wurde Wolff von seiner Partei als Kandidat nominiert und trat in der Wahl gegen zwei bürgerliche Politiker an. Als seine Ziele nannte er mehr bezahlbare Wohnungen, ein Ausbau der Kinderbetreuung für alle, die Reduktion des Autoverkehrs sowie die Umsetzung der 2000-Watt-Gesellschaft in Zürich, die per Initiative bereits angenommen wurde.[4] Er wurde nicht gewählt.

Bei der Stadtratsersatzwahl vom 3. März 2013 trat Wolff wieder an, erreichte aber wie alle anderen Kandidaten das absolute Mehr nicht. Im zweiten Wahlgang am 21. April 2013 distanzierte Wolff den favorisierten Kandidaten der FDP knapp und wurde als Nachfolger des zurückgetretenen Martin Vollenwyder (FDP) in die Exekutive der Stadt Zürich gewählt.[5] Diese Wahl konnte er in der Gesamterneuerungswahlen 2014 klar bestätigen. Von 2013 bis 2018 war Richard Wolff Vorsteher des Sicherheitsdepartements der Stadt Zürich, seit dem 1. Juni 2018 ist er Vorsteher des Tiefbau- und Entsorgungsdepartements.[6]

Privates[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Wolff lebt heute in Zürich in einer Wohnung einer selbst mitgegründeten Wohnbaugenossenschaft zusammen mit seiner Partnerin und ist Vater von drei Söhnen.

Schriften[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Richard Wolff (Hrsg.): Possible urban worlds: urban strategies at the end of the 20th century. Birkhäuser, Basel/Boston/Berlin 1998.
  • Richard Wolff: Popular Planning in King’s Cross, London: Kommunikative Vernunft im Stadtentwicklungsprozess. Dissertation, Eidgenössische Technische Hochschule Zürich, 1999, doi:10.3929/ethz-a-003824951.
  • Theo Ginsburg, Hansruedi Hitz, Christian Schmid, Richard Wolff (Hrsg.): Zürich ohne Grenzen, Pendo Verlag, 1986 Zürich, ISBN 3 85842113 8.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b c d Heinz Nigg: Zürich wurde Teil vom Rest der Welt. Porträt über Richard Wolff, WoZ – Die Wochenzeitung, 27. September 2000, online abrufbar: [1]
  2. Die Enkel der NS-Opfer besuchen die Stadt ihrer Vorfahren. Täglicher Anzeiger, Kreis Holzminden, 21. November 2009, S. 22.
  3. a b Porträt: Richard Wolff, Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften, abgerufen am 19. April 2010.
  4. Wahlflyer zur Wahl von Wolff in den Zürcher Stadtrat
  5. http://www.tagesanzeiger.ch/zuerich/stadt/Stadtratswahlen-Wolff-gewinnt-Mauch-gratuliert/story/16420282
  6. Richard Wolff: Über mich. In: richard-wolff.ch. Abgerufen am 8. Juli 2019.