Tessaoua

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Stadtgemeinde Tessaoua
Stadtgemeinde Tessaoua (Niger)
Stadtgemeinde Tessaoua
Stadtgemeinde Tessaoua
Koordinaten 13° 45′ N, 7° 59′ OKoordinaten: 13° 45′ N, 7° 59′ O
Basisdaten
Staat Niger

Region

Maradi
Departement Tessaoua
Einwohner 172.796 (2012)
Politik
Bürgermeister Aboubacar Sitou (2012)

Tessaoua (auch Tessawa, auf Tuareg Taṣawa)[1] ist eine Stadtgemeinde und der Hauptort des gleichnamigen Departements Tessaoua in Niger. Sie ist mit rund 173.000 Einwohnern die viertgrößte Stadt des Landes.

Geographie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Tessaoua befindet sich am Übergang der Sahelzone zur Großlandschaft Sudan und liegt etwa auf halber Wegstrecke an der Nationalstraße 1 zwischen den Großstädten Maradi und Zinder. Tessaoua ist großteils vom Gemeindegebiet von Maïjirgui umgeben und grenzt ferner im Nordwesten an die Landgemeinde Kanan-Bakaché. Das Stadtgebiet ist in acht Stadtviertel, 60 administrative Dörfer, 48 traditionelle Dörfer, 49 Weiler und 15 Lager gegliedert. Die acht Stadtviertel sind Alkalawa, Alkalawa II, Fada, Guidawa, Kanguiwa, Kouka, N’Wala und Toudou.[2]

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Tessaoua („Tessaua“) in Stielers Handatlas (1891)

Tessaoua hat seinen Namen von den Tessaraoua (auch Tazaraoua), einer Hausa-Gruppe, die von den Tuareg aus dem Aïr-Gebirge vertrieben wurde.

Zu Beginn des 19. Jahrhunderts war Tessaoua eine Provinz von Katsina. Nachdem die Fulbe, die den Hausa-Staat Katsina 1812 erobert hatten, 1819 aus Maradi und weiteren Gebieten im Norden verdrängt worden waren, wurde Tessaoua dem neuen Staat Maradi angeschlossen.[3] Der Deutsche Adolf Overweg betrat im Januar 1851 als erster Europäer die Stadt, sein Reisegefährte Heinrich Barth traf ihn dort wenige Tage später. Barth schrieb über Tessaoua: „Die Stadt, deren Bevölkerung sicher 10,000 Seelen beträgt, bietet das Bild eines regen Lebens und ihr Markt vermittelt einen recht lebhaften Handelsverkehr.“[4]

Der radikale muslimische Anführer Mazawajé war von 1877 bis 1880 in Maradi tätig, bis er aus der Stadt flüchten musste. Er gründete daraufhin einen eigenen Stadtstaat in Tessaoua. Mazawajé wurde 1890 beim Madarounfa-See getötet.[5] 1893 gründete Moussignaoua, der als Sultan von Maradi seine Herrschaft verloren hatte, in Tessaoua ein neues Sultanat, das sich wie Maradi in der Tradition des ehemaligen Hausa-Staats Katsina sah.

Moussignaoua schloss 1897 einen Schutzvertrag mit Frankreich ab.[3] Großbritannien verzichtete 1898 auf seine Ansprüche auf das Sultanat. Zuvor hatte seit dem Anglo-Französischen Abkommen von 1890 die Linie SayBarwa als Grenze zwischen den Einflusssphären Großbritanniens und Frankreichs gegolten.[6] In den ersten beiden Dezemberwochen des Jahres 1899 hielt sich die französische Forschungs- und Militärexpedition Mission Foureau-Lamy in der Stadt auf.[7]

Der Markt von Tessaoua war einer der kleinen Märkte in der Region, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts von der französischen Verwaltung zugelassen wurden.[8] Das Sultanat Tessaoua bestand noch bis 1927, bis die Stadt direkt der Kolonialverwaltung Französisch-Westafrikas unterstellt wurde.[5] Im selben Jahr griff eine Gruppe Hausa aus Nigeria, beeinflusst von Lehren des Marabout Malam Moussa, den französischen Militärposten in Tessaoua an, wobei mehrere Menschen ums Leben kamen.[9] Sultan Barmou von Tessaoua wurde der Komplizenschaft verdächtigt, abgesetzt und ins Exil nach Französisch-Sudan geschickt, wo er starb.[10]

Bis 1972 hatten in Niger nur die Großstädte Niamey, Maradi, Tahoua und Zinder den Status einer eigenständigen Gemeinde. In diesem Jahr wurde Tessaoua zeitgleich mit sechs weiteren nigrischen Orten zur Gemeinde erhoben.[11]

Bevölkerung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bei der Volkszählung 1977 hatte Tessaoua 10.590 Einwohner, bei der Volkszählung 1988 19.737 Einwohner und bei der Volkszählung 2001 31.276 Einwohner.[12] Bei der Volkszählung 2012, nach einer Vergrößerung des Stadtgebiets, betrug die Einwohnerzahl 172.796. Tessaoua ist damit bevölkerungsmäßig die viertgrößte Stadt Nigers nach Niamey, Zinder und Maradi.[13] In Tessaoua leben Angehörige der vor allem Ackerbau betreibenden Hausa-Untergruppe Gobirawa, der auf Agropastoralismus spezialisierten Fulbe-Untergruppe Tchilanko’en und der vor allem Fernweidewirtschaft praktizierenden Fulbe-Untergruppe Oudah’en.[14]

Wirtschaft und Infrastruktur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In Tessaoua gibt es einen Viehmarkt, der vor allem von Zwischenhändlern besucht wird. Der Markttag ist Sonntag.[15] Die Stadt ist der Sitz eines Tribunal d’Instance, eines der landesweit 30 Zivilgerichte, die unterhalb der zehn Zivilgerichte der ersten Instanz (Tribunal de Grande Instance) stehen.[16] In Tessaoua befindet sich ein ziviler Flughafen mit unbefestigter Start- und Landebahn, der Flughafen Tessaoua (ICAO-Code: DRRA).[17]

Partnerstadt[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Persönlichkeiten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Noirot Bartel: Une province hausa du Niger: Le Tessaoua – essai sur les coutumes. In: Renseignements Coloniaux. Februar 1937, S. 20–24.
  • Nazifi Harouna Kassoum: Analyse des facteurs et impacts des inondations sur le développement de la ville de Tessaoua. Mémoire. Faculté des Lettres et Sciences Humaines, Université Abdou Moumouni de Niamey, Niamey 2017.
  • Boubacar Sani Ousmane: Fonctionnement des marchés à bétail et commercialisation des animaux dans la région de Maradi, cas des marchés de Dakoro, Mayahi, Tessaoua et Maradi. Faculté d’Agronomie, Université Abdou Moumouni de Niamey, Niamey 2013.
  • Sani Souley-Maman: Caractérisation socio-économique de l’élevage péri et intra dans la Commune Urbaine de Tessaoua. Faculté d’Agronomie, Université Abdou Moumouni de Niamey, Niamey 2005.

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Karl-G. Prasse, Ghoubeïd Alojaly, Ghabdouane Mohamed: Dictionnaire Touareg – Français (Niger): M–Ž. Museum Tasculanum Press, Kopenhagen 2003, ISBN 87-7289-844-5, S. 745.
  2. Répertoire National des Communes (RENACOM). Website des Institut National de la Statistique, abgerufen am 22. Januar 2011.
  3. a b Edmond Séré de Rivières: Histoire du Niger. Berger-Levrault, Paris 1965, S. 148 und 152–153.
  4. Heinrich Barth: Reisen und Entdeckungen in Nord- und Central Afrika in den Jahren 1849 bis 1855. Erster Band. Justus Perthes, Gotha 1859, S. 241 und 244 (archive.org [abgerufen am 11. Mai 2018]).
  5. a b Jolijn Geels: Niger. Bradt, Chalfont St Peter 2006, ISBN 1-84162-152-8, S. 211–212.
  6. Edmond Séré de Rivières: Histoire du Niger. Berger-Levrault, Paris 1965, S. 260.
  7. Fernand Foureau: Documents scientifiques de la mission saharienne. Mission Foureau-Lamy d’Alger au Congo par le Tchad. Atlas (Kartograf: Verlet-Hanus). Masson, Paris 1905 (jubilotheque.upmc.fr [abgerufen am 6. Mai 2018]).
  8. Hassane Gandah Nabi: Commerçants et entrepreneurs du Niger (1922–2006). L’Harmattan, Paris 2013, ISBN 978-2-336-29136-9, S. 38.
  9. Edmond Séré de Rivières: Histoire du Niger. Berger-Levrault, Paris 1965, S. 248.
  10. Abdourahmane Idrissa, Samuel Decalo: Historical Dictionary of Niger. 4. Auflage. Scarecrow, Plymouth 2012, ISBN 978-0-8108-6094-0, S. xxix.
  11. Historique de la décentralisation au Niger (PDF; 93 kB). Website des Programme nigéro-allemand de lutte contre la pauvreté dans les zones de Tillabéri et Tahoua-Nord, veröffentlicht im Mai 2008, abgerufen am 21. Januar 2012.
  12. World Gazetteer: Seite nicht mehr abrufbar, Suche in Webarchiven: @1@2Vorlage:Toter Link/www.bevoelkerungsstatistik.deNiger: Die wichtigsten Städte mit Statistiken zu ihrer Bevölkerung, abgerufen am 28. Dezember 2009.
  13. Présentation des résultats globaux définitifs du Quatrième (4ème) Recensement Général de la Population et de l’Habitat (RGP/H) de 2012. Institut National de la Statistique, 2014, abgerufen am 21. April 2014 (PDF-Datei, französisch).
  14. Ministère de l’élevage et des industries animales / République du Niger (Hrsg.): La mobilité pastorale dans la Région de Zinder. Stratégies et dynamisme des sociétés pastorales. Niamey 2009 (Online-Version; PDF; 11,3 MB), S. 30 und 33.
  15. Mahamadou Saley, Yatta Paul Maurice Mohamed: Projet Régional d’Appui au Pastoralisme au Sahel (PRAPS). Etude diagnostique des Systèmes d’Information sur les marchés à bétail du Burkina Faso, du Mali, de la Mauritanie, du Niger, du Sénégal et du Tchad. Rapport Définitif. CILSS, November 2016, abgerufen am 2. Mai 2018 (PDF, französisch).
  16. Bachir Talfi: Note sur l’organisation judiciaire. Website des nigrischen Justizministeriums, abgerufen am 24. September 2012.
  17. Airports in Niger. Website Aircraft Charter World, abgerufen am 23. Januar 2012.
  18. L'état des lieux des coopérations décentralisées entre le Niger et la France. Website des französischen Außenministeriums, veröffentlicht am 27. Juli 2009, abgerufen am 25. Februar 2012.