Zerfall der Sowjetunion

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Staaten nach dem Zerfall
der Sowjetunion:
Fortsetzerstaat:[1]
11. Russland Russische Föderation

Ehemalige Unionsrepubliken, die ihre staatliche Unabhängigkeit erklärten und wiedererlangten:
4. Estland Estland
8. Lettland Lettland
9. Litauen Litauen

Nachfolgestaaten:
1. Armenien Armenien
2. Aserbaidschan Aserbaidschan
3. Belarus Belarus
5. Georgien Georgien
6. Kasachstan Kasachstan
7. Kirgisistan Kirgisistan
10. Moldau Republik Moldau
12. Tadschikistan Tadschikistan
13. Turkmenistan Turkmenistan
14. Ukraine Ukraine
15. Usbekistan Usbekistan
Nach der Auflösung der Sowjetunion wurde das Staatswappen der Sowjetunion mit der Aufschrift „СССР“ (oben) an der Fassade des Großen Kremlpalasts durch fünf Doppeladler mit dem Wappen Russlands (unten) ersetzt.

Der Zerfall der Sowjetunion war ein mehrjähriger Prozess der Desintegration der föderalen politischen Strukturen sowie der Zentralregierung der Sowjetunion (UdSSR), der mit der Unabhängigkeit der 15 sowjetischen Unionsrepubliken zwischen dem 11. März 1990 und dem 25. Dezember 1991 seinen Abschluss fand. Nach dem gescheiterten Augustputsch in Moskau 1991 wurde die Tätigkeit der bis dahin allein regierenden KPdSU auf dem Gebiet der RSFSR verboten.

Am 8. Dezember 1991 unterzeichneten die Präsidenten Russlands, der Ukraine und von BelarusBoris Jelzin, Leonid Krawtschuk und Stanislau Schuschkewitsch – im Nationalpark Beloweschskaja die Belowescher Vereinbarungen (auch Vertrag von Minsk oder Vereinbarungen von Beloweschskaja Puschtscha genannt), worauf Schuschkewitsch dem sowjetischen Präsidenten Gorbatschow die Vertragsunterzeichnung telefonisch mitteilte. Darin wurde festgestellt, dass „die UdSSR als völkerrechtliches Subjekt sowie als geopolitische Realität … ihre Existenz beendet“ habe. Zugleich wurde der Vertrag zur Schaffung der UdSSR von 1922 außer Kraft gesetzt und die Gemeinschaft Unabhängiger Staaten gegründet. Die Belowescher Vereinbarungen wurden am 21. Dezember 1991 mit der Erklärung von Alma-Ata (1991) bestätigt. Die Auflösung des weltgrößten sozialistischen Staates markierte zugleich das Ende des Kalten Krieges.

Entwicklung der UdSSR in den 1980er Jahren[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Politische und wirtschaftliche Schwierigkeiten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Zu Beginn der 1980er Jahre war die UdSSR mit zahlreichen ungelösten Problemen konfrontiert. Die Produktivität der Wirtschaft war gering. Die Versorgung der Bevölkerung mit Konsumgütern schlecht. Es bestand in allen Bereichen ein hoher Investitionsbedarf, für den aber wegen der ausufernden Verteidigungsaufgaben keine Mittel vorhanden waren. Bei neuen Technologien, wie der Mikroelektronik, Lasertechnologie und Informatik, hatte die UdSSR den Anschluss an den Westen weitgehend verpasst. In vielen Bereichen war man auf Importe angewiesen. Diese wurden zunehmend durch den Export von Rohstoffen (Erdöl, Gas) finanziert, was aber die UdSSR abhängig von der Entwicklung des Ölpreises machte.[2]

Die politische Führung der UdSSR war weitgehend erstarrt. Das Politbüro war mit Männern der Aufbaugeneration (geboren um 1910) der UdSSR besetzt. Ein Generationswechsel hatte nicht stattgefunden. Die Politik des "Rats der Greise"[3] war in erster Linie auf die Sicherung der eigenen Machtbasis und Ruhe in den Parteikadern ausgerichtet. Zudem hatte dieser Führungszirkel kaum noch Kontakt mit der Lebenswirklichkeit der Bevölkerung. Strikte Kommandostrukturen, Korruption und Seilschaften bestimmten die Politik in der Sowjetunion. Trotz der Missstände gab es in der Bevölkerung aber kaum Widerstand. Oppositionelle waren weitgehend ausgeschaltet worden; die Mehrheit der Bevölkerung hatte sich mit den Umständen abgefunden, da öffentliche Kritik ohnehin unterdrückt wurde.[4] Trotzdem konnte es der Bevölkerung kaum entgehen, dass beispielsweise der Einmarsch der Sowjetunion in Afghanistan 1979 sich immer mehr zu einem Fiasko entwickelte. Auch die Nuklearkatastrophe im Kernkraftwerk Tschernobyl am 26. April 1986 offenbarte das Ausmaß an Schlamperei und Verantwortungslosigkeit in der UdSSR und wurde zu einem Symbol für das Versagen des kommunistischen Systems.[5] Der Unmut über diese Zustände konnte sich allerdings erst nach den Reformen Gorbatschows entladen. Mit einem Zerfall der Sowjetunion hat bis Ende der 1980er Jahre kaum jemand gerechnet.

Reformpolitik Gorbatschows und die Folgen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Hinsichtlich der Notwendigkeit von Reformen war das Politbüro nach dem Tod Breschnews gespalten. Erst die Wahl Michails Gorbatschows zum Generalsekretär des Zentralkomitees der KPdSU 1985 war eine Richtungsentscheidung. Dieser leitete unverzüglich Wirtschaftsreformen unter dem Schlagwort "Uskorenije" (dt. etwa Beschleunigung) ein. Als sich keine schnellen Erfolge einstellten, beschleunigte die Führung unter Gorbatschow das Reformtempo. Mit der Perestroika (dt.: Umbau) strebte Gorbatschow eine umfassende Modernisierung der sozialistischen Wirtschaft und Gesellschaft an. Den Betrieben wurde mehr Eigenverantwortung zugebilligt, ausländische Beteiligungen sowie Privatbetriebe erlaubt. In Folge der teilweise überstürzten Reformen verschärfte sich aber die Versorgungskrise für die Bevölkerung dramatisch, die Inflation stieg und die Sowjetunion näherte sich bereits 1989 dem finanziellen Kollaps. Ebenfalls wenig erfolgreich war der Versuch, den weit verbreiteten Alkoholismus in der UdSSR durch den Verbote in den Griff zu bekommen.[6]

Unter dem Schlagwort Glasnost (Transparenz) ermöglichte Gorbatschow erstmals in der UdSSR eine freie Debatte und die offene Kritik an der Führung und den Beschlüssen der Partei. Während die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl zunächst noch vertuscht wurde, konkretisierte sich die neuen Transparenz im Dezember 1986, als die Verbannung des Friedensnobelpreisträgers Andrej Sacharow und dessen Frau Jelena Bonner aufhoben wurde. Im folgenden Jahr bildete sich sehr schnell eine freie Presse, in der kontroverse öffentliche Diskussionen unter intensiver Anteilnahme der Bevölkerung geführt wurden. Die offenen Berichte und Debatten legten viele schockierende Missstände in der UdSSR offen. Erstmals wurde das Ausmaß der Verbrechen während des Stalinismus deutlich. Aber auch die gravierenden Umweltprobleme und Korruptionsvorwürfe schockierten die Öffentlichkeit. Die Debatte entwickelte sich schnell in eine Richtung, die auch die Einparteienherrschaft der KPdSU, das Machtfundament Gorbatschows, in Frage stellte. Die aufgeheizten Debatten und Skandale verunsicherten die Bevölkerung und trugen zum erheblichen Vertrauens- und Ansehensverlust des Staates und der Führung der UdSSR bei.[7]

Ethnische Vielfalt[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Sowjetunion war, wie das zaristische Russland, ein Vielvölkerstaat und umfasste ca. 120 unterschiedliche Nationalitäten. Die Verfassung der UdSSR sah eine föderale Struktur des Staates vor. Sie bestand in 15 Teilrepubliken, innerhalb denen wiederum autonome Gebiete existieren. Diese föderale Struktur sollte die verschiedenen Bevölkerungsgruppen bei der Gründung der UdSSR von der kommunistischen Ordnung überzeugen. In der Verfassungswirklichkeit wurde die UdSSR aber, trotz begrenzter Autonomie der Teilrepubliken, zentralistisch vom Zentralkomitee der KPdSU aus Moskau beherrscht. Die Verbrechen Stalins an einzelnen Volksgruppen wurden geheim gehalten und somit deren Aufarbeitung verhindert. Die propagierte sozialistische Völkerfreundschaft konnte die Vorbehalte gegenüber einer russischen Dominanz sowie andere soziale, religiöse oder kulturelle Konflikte zwischen den Volksgruppen nicht lösen, sondern nur überdecken.[8]

Zerfall der UdSSR[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ausbruch von ethnischen und nationalen Konflikten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ein gewaltsam ausgetragener Konflikt zwischen Volksgruppen in der UdSSR ereignete sich bereits im Februar 1988 in Bergkarabach zwischen Armeniern und Aserbaidschanern. Es kam zu Zusammenstößen, Vertreibungen und Pogromen mit hunderten Toten. Im Januar 1990 schickte die Moskauer Führung die Armee nach Baku, um die Aktivitäten der Aserbaidschanischen Volksfront zu unterbinden. Dabei wurden auch viele Zivilisten getötet oder verletzt.[9] Nach dem verheerenden Erdbeben in Armenien im Dezember 1988 kam die Hilfe aus Moskau nur schleppend in Gang, was das Vertrauen in die Staatsführung weiter verringerte.

In Litauen gründeten im Juni 1988 Intellektuelle eine Bewegung zur Unterstützung der Perestroika und Rückbesinnung auf nationale Traditionen. Die Bewegung organisierte im Sommer 1988 eine Protestveranstaltung mit 250.000 Teilnehmern. Die Proteste in den baltischen Republiken gingen als singende Revolution in die Geschichte ein. Die Forderung nach Autonomie wurde von Gorbatschow im November 1988 grob zurückgewiesen. Damit verspielte Gorbatschow die Möglichkeit, durch Zugeständnisse zu einem frühen Zeitpunkt die Autonomiebestrebungen einzudämmen.[10] In den baltischen Staaten sorgte dann auch das Bekanntwerden des Zusatzprotokolls des Hitler-Stalin Pakts für neue Empörung. Am fünfzigsten Jahrestag des Vertrags im August 1989 protestieren die Menschen friedlich mit einer 600 Kilometer langen Menschenkette von Tallinn über Riga nach Vilnius. Die baltischen Republiken Litauen und Estland erklärten als erste im Frühjahr 1990 ihre Selbstständigkeit.

Auch in anderen Republiken empörte sich die Bevölkerung nach Berichten über Umweltprobleme, Korruption oder Verbrechen Stalins, die, teils berechtigt teils unberechtigt, der zentralen Moskauer Führung angelastet wurden. Die einzelnen Völker sahen sich als Opfer einer "sozialistisch imperialistischen Ausbeutung".[11] Lokale Führer schürten diese Vorbehalte zu ihrem eigenen Vorteil.

Auflösung des Ostblocks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Am 25. Oktober 1989 verkündete Generalsekretär Michail Gorbatschow bei einem Staatsbesuch in Helsinki die Sinatra-Doktrin, die den Staaten des Warschauer Pakts erlaubte, ihre inneren Angelegenheiten souverän und in Eigenregie zu regeln. Bereits vorher hatte er die Ostblockstaaten ermuntert, eigene Reformbestrebungen durchzuführen. Die Demokratiebewegung in Polen, die Öffnung der Grenzen in Ungarn und schließlich der Fall der Berliner Mauer am 9. November 1989 wurden nicht, wie in den Jahrzehnten davor, verhindert. Im Herbst und Winter 1989 verloren die kommunistischen Staatsführungen in vielen Ostblockstaaten ihr Herrschaftsmonopol. Mit dem Auseinanderbrechen des realsozialistischen Staatenbündnis verlor die Sowjetunion ihren Führungsanspruch und somit auch ihren Status als Großmacht.[12]

Autoritätsverlust der Führung und erste Abspaltungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Führung der UdSSR entglitt ab 1989 zunehmend die Kontrolle über das Land. Die Republiken agierten immer selbstständiger und separatistische Kräfte gewannen dort die Oberhand.[13] Zudem verschlechterte sich die wirtschaftliche Lage weiter, der Staat zahlte die Gehälter der Beamten nur unregelmäßig und die Kriminalität erreichte ein ungekanntes Ausmaß.

Gorbatschow ermöglichte erstmals halbwegs freie Wahlen in der UdSSR. Im Sommer 1987 konnten sich auf regionaler Ebene statt der bisher üblichen Einheitsliste mehrere Kandidaten zur Wahl stellen. Im Frühjahr 1989 fand die Wahl zum neu geschaffenen Kongress der Volksdeputierten der UdSSR unter weitgehend freien Bedingungen statt.[14] Durch die freie Wahl zwischen konkurrierenden Kandidaten wollte Gorbatschow verkrusteten Strukturen in der Führung aufbrechen und die KPdSU wiederbeleben. Angesichts vieler Skandale und der sich stetig verschlechternden wirtschaftlichen Lage geriet er aber selber sowie das Machtmonopol KPdSU in die Kritik. Dieses bildete die Machtbasis der sowjetischen Führung und Gorbatschow hielt am Alleinvertretungsanspruch der Partei fest. Boris Jelzin entwickelte sich zu einem populären Widersacher, der zu weiteren Reformen, insbesondere der Entmachtung der KPdSU, drängte, während Gorbatschow das Reformtempo eher verlangsamen wollte. Er wurde zunehmend zwischen konservativen und reformorientierten Kräften aufgerieben. Im Februar 1990 wurde das Machtmonopol der Partei abgeschafft und das regieren wurde für Gorbatschow immer schwieriger.[15]

Im Frühjahr 1990 fanden in vielen Republiken Wahlen statt. In der größten Republik, der Russischen Sozialistischen Föderativen Sowjetrepublik (auch RSFSR, heute Russische Föderation) musste Gorbatschow eine herbe Niederlage hinnehmen. In der Folge entwickelte sich eine Doppelherrschaft zwischen dem Präsidenten des russischen Parlaments Boris Jelzin und Gorbatschow, der seit Februar 1990 Staatspräsident UdSSR war.[16] Auch in anderen Republiken gewannen bei den Wahlen entweder separatistische Kräfte oder Funktionäre der KPdSU, die geschickt nationale Kräfte für sich mobilisiert hatten.[17] Im Frühjahr 1990 erklärten die drei baltischen Staaten ihre Unabhängigkeit. Im Sommer folgten weitere Regionen der Kaukasusregion. Die Sowjetunion sowie andere Staaten einschließlich des Westens erkannten die Unabhängigkeit aber nicht an.

Die Januarereignisse in Vilnius 1991 veränderten die Situation. Am 13. Januar 1991 versuchten moskautreue Kräfte gewaltsam die Macht in Litauen zu übernehmen. Sie scheiterten am Widerstand der Bevölkerung, wobei vierzehn Menschen starben. Schnell entstand eine Solidaritätsbewegung auch in den anderen Republiken und selbst in Moskau kam es zu einer großen Demonstrationen gegen Gewalt. Die litauische Führung hielt am 7. Februar 1991 ein Referendum über die Unabhängigkeit des Landes ab. Bei einer Wahlbeteiligung von 85 Prozent stimmten 90 Prozent für die Unabhängigkeit Litauens, die daraufhin auch international anerkannt wurde.[18]

Verzweifelt versuchte Gorbatschow die Union zusammen zu halten, deren Präsident er war. Im ersten und einzigen Referendum in der Geschichte der Sowjetunion am 17. März 1991 über den Fortbestand einer reformierten UdSSR sprachen sich noch 76 % der Wähler in neun teilnehmenden Unionsrepubliken[19] für den Erhalt der Sowjetunion aus.[20] Im April begannen Verhandlungen zwischen der Zentralgewalt und den am Referendum beteiligten Republiken. Dabei war Gorbatschow nun zu weitreichenden Zugeständnissen bereit und schlug eine föderale Ordnung mit weitreichenden Rechten der Republiken vor.[21]

Augustputsch 1991 und Auflösung der UdSSR[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Am 19. August 1991, kurz vor der Unterzeichnung des Unionsvertrags, waren es konservative Kräfte aus der Führung, die sich gegen diese Zugeständnisse auflehnten. In einem schlecht vorbereiteten Putsch übernahmen Gennadi Janajew sowie einige Mitverschwörer die Macht in Moskau und stellten Gorbatschow an seinem Urlaubsort auf der Krim unter Hausarrest. Die Bevölkerung war aber keineswegs bereit diese konservative Wende hinzunehmen. Es kam zu Massendemonstrationen gegen die Putschisten. Boris Jelzin gelang es den Widerstand zu organisieren. Als die Armee die Putschisten nicht unterstützte, brach der Aufstand nach 3 Tagen zusammen. Gorbatschow konnte nach Moskau zurückkehren. Der eigentliche Gewinner war aber Jelzin, hinter dem sich die Bevölkerung in Moskau versammelt hatte.[22]

Nach dem Putsch musste Gorbatschow dem Verbot der KPdSU zustimmen. Eine Republik nach der anderen trat aus der Union aus. Die Souveränitätserklärungen wurden in Referenden mit großer Mehrheit von der Bevölkerung bestätigt. Ein Weiterbestand der UdSSR wurde immer unwahrscheinlicher, weshalb im Dezember 1991 die Führer von Weißrussland, der Ukraine und Russland in den Belowescher Vereinbarungen die Gründung der Gemeinschaft unabhängiger Staaten (GUS) beschlossen. Am 21. Dezember 1991 unterzeichneten die Führer der vormaligen Sowjetrepubliken in Alma-Ata den Vertrag zur Auflösung der UdSSR, in dem auch zahlreiche rechtliche Regelungen, wie die Grenzziehung zwischen den neuen unabhängigen Staaten, getroffen wurden.[23]

"Der überwiegende Teil der Bevölkerung nahm Ende des Jahres 1991 bereitwillig Abschied vom Sowjetimperium. [..] Niemand brauchte die Sowjetunion am Ende mehr. Selbst bei den Russen, dem sowjetischen „Reichsvolk“, hatte sich die Meinung durchgesetzt, dass es angesichts der gegen Moskau gerichteten Ressentiments unter dem Aspekt der nationalen Selbstfindung besser sei, auf das nunmehr als Last empfundene Sowjetimperium zu verzichten und sich auf sich selbst zu konzentrieren."[24]

Chronologie der Unabhängigkeitserklärungen auf dem Gebiet der UdSSR[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Gebiete, die nur teilweise als Staaten anerkannt werden, sind kursiv gesetzt.

Vor dem Augustputsch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die provisorischen Unabhängigkeitserklärungen Estlands und Lettlands traten während des Augustputsches am 20. bzw. 21. August 1991 endgültig in Kraft. Als einzige ehemalige Sowjetrepublik hat Russland keine Unabhängigkeitserklärung abgegeben, sondern den Anspruch erhoben, Rechtsnachfolger der Sowjetunion zu sein.

Nach dem Augustputsch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

1) Der Oberste Sowjet der RSFSR ratifizierte an diesem Tag die Belowescher Vereinbarungen, setzte den Vertrag zur Gründung der UdSSR von 1922 außer Kraft und berief die russischen Abgeordneten des Obersten Sowjets der UdSSR ab.

Folgen und Bewertung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nach der Auflösung der Sowjetunion und dem Zusammenbruch der Planwirtschaft Ende der 1980er Jahre ging die gesamtwirtschaftliche Produktion in Russland von 1990 bis 1996 Jahr für Jahr zurück. In diesem Zeitraum verringerte sich das Bruttoinlandsprodukt (BIP) in Russland insgesamt um etwa 40 % und nahm dann ab 1999 jährlich zwischen 5 und 10 % zu. Noch im Jahr 2010 lag die russische Industrieproduktion laut Statistikamt bei nur 83,8 Prozent des Niveaus von 1991 – im Fahrzeugbau lag der Ausstoß sogar nur bei 49,6 Prozent.[25]

In Kirgisistan sprechen vorsichtige Schätzungen von einem Anstieg der Armut auf über 75 % im Jahr 1993 bei einem Rückgang des BIP von 21 %. Auch 1997 lebten noch 50 % der kirgisischen Bevölkerung in Armut.[26]

In Kuba wurde der Zerfall der Sowjetunion zum Auslöser einer Wirtschaftskrise unter der Bezeichnung Sonderperiode.

Die Lebenserwartung in Russland sank zwischen 1991 und 1994 von 69 auf weniger als 64 Jahre; einige Jahre starben mehr Menschen, als neu geboren wurden. Besonders der Gesundheitszustand von Männern verschlechterte sich – sie konnten Mitte der 1990er Jahre lediglich mit einer durchschnittlichen Lebenszeit von 58 Jahren rechnen. Zu Beginn des 21. Jahrhunderts lag die Lebenserwartung mit 62,8 Jahren noch immer niedriger als in Bangladesch.[27]

Nach der formalen Auflösung der Sowjetunion Ende 1991 kam es in der Folgezeit in zahlreichen ehemals sowjetischen Regionen zu bewaffneten Konflikten. Beispiele dafür sind der Bergkarabachkonflikt 1988–1994 sowie der Krieg um Bergkarabach 2020, der Transnistrien-Konflikt mit dem Höhepunkt 1992, der Krieg in Abchasien 1992–1993, der Tadschikische Bürgerkrieg 1992–1997, die russische Verfassungskrise 1993 in Moskau, der Erste (1994–1996) und der Zweite Tschetschenienkrieg (1999–2009), der Dagestankrieg 1999, der Kaukasuskrieg 2008, die Unruhen in Südkirgisistan 2010, die Krimkrise und der Krieg in der Ukraine seit 2014.

„Vielen war klar, dass die UdSSR nach dem Putschversuch im August 1991 bereits zerfallen war, sie fürchteten sich jedoch davor, das auch auszusprechen.“

In seiner Rede zur Lage der Nation im April 2005 bezeichnete der russische Präsident Wladimir Putin den Zerfall der Sowjetunion 1991 als „die größte geopolitische Katastrophe“ des 20. Jahrhunderts.[29] Laut Kirill Rogow sei dabei das Wort „geopolitisch“ zu beachten, welches dem modernen Russland außenpolitische Klischees der Sowjetzeit überstülpe. Zwar war die Wehmut über den Verlust der Sowjetunion in den 1990er-Jahren in der Bevölkerung Russlands kontinuierlich bis zu einem Höhepunkt von 70 Prozent zu Beginn der 2000er-Jahre gestiegen; ab Mitte der 2000er sank jedoch dieser Anteil und erreichte in den Jahren 2011/12 unter 50 %. Das Gegenteil traf für den politischen Diskurs der Putin-Epoche zu: Das Thema „Zerfall der Sowjetunion“ habe an Bedeutung gewonnen und sei Teil des Narrativs einer innenpolitischen Bedrohung. Eine solche Bedrohung, ob real oder imaginär, bestimme die Prioritäten der politischen Agenda: Zivile Elemente träten in den Hintergrund zugunsten einer „Mobilisierungsagenda“, einem Kampf um die Erhaltung des Status quo.[30]

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Noch nicht eingearbeitete Literatur:

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Hinsichtlich der Figur des Fortsetzerstaates spricht sich Theodor Schweisfurth gegen eine Subjektsidentität der Russischen Föderation mit der UdSSR aus; der Fortsetzerstaat sei „kein aliud gegenüber Nachfolgestaat, sondern eine Bezeichnung für einen Nachfolgestaat sui generis.“ Schweisfurth, Immobiliareigentum der UdSSR in Deutschland. Völkerrechtliche und grundbuchrechtliche Fragen der Staatensukzession, in: Zeitschrift für Vermögens- und Immobilienrecht (VIZ) 1998, S. 57 ff., hier S. 58 Fn. 5.
  2. Vgl.: Klaus Gestwa, Von der Perestroika zur Katastroika – Michail Gorbatschow und der Zerfall des Sowjetimperiums (Teil 1), in: Einsichten und Perspektiven Heft 1 (2016), S. 16–33, hier S. S28f. Online unter https://www.km.bayern.de/epaper/LZ/EuP/2016_1/files/assets/basic-html/page-22.html# (abgerufen am 2. Januar 2022)
  3. Susanne Schattenberg: Das Ende der Sowjetunion in der Histiographie. In: Aus Politik und Zeitgeschichte 2011. Bundeszentrale für politische Bildung, 30. November 2011, S. Anmerkung 17, das Zitat stammt von Gorbatschow, abgerufen am 2. Januar 2022.
  4. Vgl.: Schattenberg, Susanne: Das Ende der Sowjetunion in der Historgraphie.
  5. D. A. Wolkogonow: Die Sieben Führer. Aufstieg und Untergang des Sowjetreichs. Übersetzt von Udo Rennert. Societäts-Verlag, Frankfurt am Main 2001, S. 471.
  6. Gestwa, Klaus: Von der Perestroika zur Katastroika. Teil1, S. 27f
  7. Gestwa, Klaus: Von der Perestroika zur Katastroika. Michail Gorbatschow und der Zerfall des Sowjetimperiums (Teil 2). In: Bayerischen Landeszentrale für politische Bildungsarbeit (Hrsg.): Einsichten und Perspektiven. Bayrische Zeitschrift für Politik und Geschichte. Band 2 / 2016, S. 4–25, hier S. 5 ff., https://www.km.bayern.de/epaper/LZ/EuP/2016_1/files/assets/common/downloads/publication.pdf (Stand 1.1.2022.
  8. Corinna Kuhr-Korolev: Perestroika und das Ende der Sowjetunion Ein kontroverser Blick zurück. In: Docupedia-Zeitgeschichte. 9. Februar 2021, abgerufen am 30. Dezember 2021.
  9. vgl.: Kuhr-Korolev, Perestroika und das Ende der Sowjetunion, Abschnitt 4
  10. Vgl.: Gestwa, Klaus: Von der Perestroika zur Katastroika. Teil 2, S. 19.
  11. Gestwa, Klaus: Von der Perestroika zur Katastroika. Teil2, S. 15
  12. Vgl.: Corinna Kuhr-Korolev, Perestroika und das Ende der Sowjetunion. Ein kontroverser Blick zurück, Version: 1.0, in: Docupedia-Zeitgeschichte, 9. Februar 2021. Hier Abschnitt: Neuorientierung der Außenpolitik http://docupedia.de/zg/Kuhr-Korolev_perestroika_v1_de_2021
  13. Vgl.: Gestwa, Klaus: Von der Perestroika zur Katastroika. Teil 2, S. 19ff
  14. Vgl.: Gestwa, Klaus: Von der Perestroika zur Katastroika., Teil 2, S. 12
  15. vgl.: Gestwa, Klaus: Von der Perestroika zur Katastroika., Teil 2, S. 13f
  16. Vgl.: Gestwa, Klaus: Von der Perestroika zur Katastroika, Teil 2, S. 14
  17. Vgl.: Gestwa, Klaus: Von der Perestroika zur Katastroika. Teil 2, S. 19f
  18. Vgl.: Gestwa, Klaus: Von der Perestroika zur Katastroika, Teil 2, S. 20
  19. Es wurde boykottiert von den baltischen Republiken, Armenien, Georgien (ohne Abchasien), der Teilrepublik Tschetscheno-Inguschetien und Moldau.
  20. March Referendum. In: msu.edu. Abgerufen am 14. April 2019 (englisch).
  21. Vgl.: Gestwa, Klaus: Von der Perestroika zur Katastroika. Teil 2 S. 21
  22. Vgl.: Gestwa, Klaus: Von der Perestroika zur Katastroika. Teil 2, S. 21.
  23. Vgl.: Gestwa, Klaus: Von der Perestroika zur Katastroika. Teil 2, S. 22
  24. Gestwa, Klaus: Von der Perestroika zur Katastroika. Teil 2, S. 22
  25. Wirtschaftsblatt.at, 23. August 2011 (Memento vom 21. Januar 2014 im Internet Archive)
  26. Alexander Wolters: Kirgistan. In: Markus Porsche-Ludwig, Wolfgang Gieler, Jürgen Bellers (Hrsg.): Sozialpolitik in Entwicklungsländern : Asien, Afrika, Lateinamerika. LIT Verlag, Münster 2013, ISBN 978-3-643-11772-4 (books.google.ch).
  27. Berlin-Institut: Die schrumpfende Weltmacht (PDF).
  28. M. Malek, A. Schor-Tschudnowskaja (Hrsg.): Der Zerfall der Sowjetunion. Ursachen – Begleiterscheinungen – Hintergründe. Nomos Verlag, Baden-Baden 2013, ISBN 978-383-296-3200, S. 12.
  29. Eine Frage der Glaubwürdigkeit. In: Die Zeit. 27. April 2005.
  30. Kirill Rogow: Der Mythos des „Zerfalls“: Was verursacht den Kampf um die Erhaltung der Einheit?, RBC, 4. Februar 2016.