Albert O. Hirschman

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Hirschman (links) als Übersetzer für den Wehrmachtsgeneral Anton Dostler (1945)

Albert O. Hirschman (* 7. April 1915 in Berlin als Otto-Albert Hirschmann; † 10. Dezember 2012 im Ewing Township, New Jersey[1]) war ein US-amerikanischer Soziologe und Volkswirt deutscher Herkunft.

Leben[Bearbeiten]

Hirschmann − einer jüdischen Familie entstammend − wuchs in Berlin im säkularisierten Bildungsbürgertum auf.[2] Nach dem Abitur am Französischen Gymnasium Berlin begann er 1932 das Studium der Wirtschaftswissenschaften an der Friedrich-Wilhelms-Universität. Während der Weimarer Republik war Hirschmann Mitglied der Sozialistischen Arbeiter-Jugend. Im April 1933, kurz nach der Machtergreifung durch die Nationalsozialisten flüchtete Hirschman aus Deutschland. Er zog zunächst nach Paris, wo er sein Studium an der Sorbonne und der École des hautes études commerciales de Paris fortsetzte. Mit seinem Pariser Abschlussdiplom studierte er an der London School of Economics weiter.

Im spanischen Bürgerkrieg kämpfte Hirschman drei Monate lang in der revolutionären marxistischen Partei Partido Obrero de Unificación Marxista (POUM) gegen die rechtsgerichteten Putschisten unter General Francisco Franco. Hierbei geriet Hirschmann in schwere Kampfhandlungen.[2] 1938 wurde er an der Universität von Triest mit einer Arbeit über die Außenhandelspolitik promoviert und schloss sich daraufhin in Triest einer antifaschistischen Gruppe im Untergrund an, zog aber bald wieder nach Frankreich, da Benito Mussolini die ersten antisemitischen Gesetze erlassen hatte. Bis zur Kapitulation 1940 bekämpfte Hirschman mit der französischen Armee den deutschen Einmarsch und ging nach der Demobilisierung nach Lissabon, wo er Kontakt zum amerikanischen Emergency Rescue Committee fand und in Marseille als „rechte Hand“ Varian Frys agierte. 1941 musste sich Hirschman selbst in die USA absetzen.

Nachdem er zunächst seine Studien in Berkeley fortgesetzt hatte, meldete er sich 1943 erneut zum Heeresdienst zur US Army und nahm am Zweiten Weltkrieg in Nordafrika und Italien für das Office of Strategic Services teil. Beim Kriegsverbrecherprozess gegen den Wehrmachtsgeneral Anton Dostler fungierte er als Übersetzer. Zurück in den USA wurde er vom Aufsichtsgremium der Federal Reserve eingestellt. Unzufrieden mit den Aufgaben wechselte er zum Büro des Marshallplans von W. Averell Harriman.

Diese Tätigkeit verließ er aufgrund eines spontanen Entschlusses, ging zur Abteilung für Entwicklungspolitik bei der Weltbank, für die er vier Jahre lang in Bogotá in Kolumbien arbeitete. 1956 kehrte er in die USA zurück und lehrte in Yale, Columbia und Harvard. Seine akademische Laufbahn beschloss er am Institute for Advanced Study in Princeton. Er war in den Jahren 1990 bis 1995 Fellow am Wissenschaftskolleg zu Berlin.

Hirschman war mit Sarah Chapiro verheiratet. Seine Schwester Ursula Hirschmann war die Ehefrau von Eugenio Colorni und später von Altiero Spinelli.

Am 10. Dezember 2012 starb Hirschman im Alter von 97 Jahren.[3]

Wirken[Bearbeiten]

Hirschman gilt als Possibilist, der gegen die althergebrachten Ansichten in der Ökonomie und gerade der Entwicklungsökonomie anschrieb. Possibilismus ist als Suche nach Möglichkeiten zu verstehen. In seinen Werken setzt er sich mit Phänomenen der Wirtschaft auseinander. In „Engagement und Enttäuschung“ zum Beispiel stellt er sich die Frage, wie das zyklische Interesse an Politik und dann der Rückzug in die Privatsphäre vonstattengeht. Er kommt zu dem Schluss, dass eine Konsumenttäuschung zum Wechsel der Metapräferenzen führt, und daraus ergibt sich ein Interesse an politischen Tätigkeiten. Dort kann es zur Sucht oder zu einer weiteren Enttäuschung kommen, die zum Rückzug in die Privatsphäre führt.

Er vertrat die Auffassung, dass Probleme und fehlerhafte Erwartungen ein wesentlicher Faktor für die Entwicklung von Kreativität und damit Innovation sind. Er verglich die Herausforderungen, die der Kampf gegen Indianer in Nordamerika für die europäischen Einwanderer darstellten mit der Situation im weitgehend menschenleeren Brasilien. Unter dem Druck der Indianer hätten die Vereinigten Staaten seiner These nach stabile Institutionen und eine nationale Infrastruktur aufgebaut, während in Brasilien die Kolonialisten riesige Flächen beanspruchen konnten, ohne sie in enger Kooperation untereinander ausbauen zu müssen. Diesen Vergleich übertrug er auf die Entwicklungspolitik und lehnte es ab, Entwicklungsländern Infrastruktur und Kapital von außen zur Verfügung zu stellen. Statt dessen vertrat er einen Ansatz der Hilfe direkt bei den Menschen, die er unterrichten wollte darin, ihre konkreten Probleme vor Ort zu lösen.[4]

Gemeinsam mit dem schwedischen Wirtschaftswissenschaftler Gunnar Myrdal gilt er als ein Begründer der wirtschaftswissenschaftlichen räumlichen Polarisationstheorie, die die Gleichgewichtsmodelle der neoklassischen Theorie kritisiert und ein Gegenmodell anbietet.

Auszeichnungen[Bearbeiten]

Veröffentlichungen[Bearbeiten]

  • National Power and the Structure of Foreign Trade. Berkeley 1945.
  • The Strategy of Economic Development. New Haven 1958.
    • Deutsche Ausgabe: Die Strategie der wirtschaftlichen Entwicklung. G. Fischer, Stuttgart 1967.
  • Exit, Voice, and Loyalty. Responses to Decline in Firms, Organizations, and States. Cambridge MA 1970
    • Deutsche Ausgabe: Abwanderung und Widerspruch. Reaktionen auf Leistungsabfall bei Unternehmungen, Organisationen und Staaten. Mohr, Tübingen 1974, ISBN 3-16-335251-0.
  • The Passions and the Interests: Political Arguments for Capitalism before Its Triumph. Princeton NJ 1977.
    • Deutsche Ausgabe: Leidenschaften und Interessen. Politische Begründungen des Kapitalismus vor seinem Sieg. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1980, ISBN 3-518-06418-5.
  • Shifting involvements. Private interest and public action. 1982.
    • Deutsche Ausgabe: Engagement und Enttäuschung. Über das Schwanken der Bürger zwischen Privatwohl und Gemeinwohl. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1984, ISBN 3-518-57691-7.
  • Entwicklung, Markt und Moral. Abweichende Betrachtungen. Hanser, München/ Wien 1989, ISBN 3-446-15253-9.
  • The Rhetoric of Reaction. Cambridge MA 1991.
    • Deutsche Ausgabe: Denken gegen die Zukunft. Die Rhetorik der Reaktion. Hanser, München/ Wien 1992, ISBN 3-446-16529-0.
  • A Propensity to Self-Subversion. Cambridge MA 1995.
    • Deutsche Ausgabe: Selbstbefragung und Erkenntnis. Hanser, München/ Wien 1996, ISBN 3-446-18753-7.
  • Tischgemeinschaft. Zwischen öffentlicher und privater Sphäre. Passagen-Verlag, Wien 1997, ISBN 3-85165-267-3.
  • Crossing Boundaries. Selected Writings. New York 1998.

Literatur[Bearbeiten]

  • Jeremy Adelman: Worldly Philosopher. The Odyssey of Albert O Hirschman. Princeton University Press, Princeton 2013.[8]
  • Ulrich Arnswald: Hirschman’s theory of exit, voice, and loyalty reconsidered. Europ. Inst. for Internat. Affairs, Heidelberg 1997, ISBN 3-933179-00-9.
  • Alejandro Foxley u. a. (Hrsg.): Development, Democracy, and the Art of Trespassing. Essays in Honor of Albert O. Hirschman. Notre Dame (Ind.) 1986.
  • Varian Fry: Surrender on Demand. 1945.
    • Deutsche Ausgabe: Wolfgang D. Elfe, Jan Hans (Hrsg.): Auslieferung auf Verlangen. Die Rettung deutscher Emigranten in Marseille 1940/41. Aus dem amerikanischen Englisch übersetzt von Jan Hans und Anja Lazarowicz. Hanser, München/ Wien 1986.
  • Albert O. Hirschman: Nur der Zweifel macht die Menschen stark. In: Martin Doerry (Hrsg.): Nirgendwo und überall zu Haus. Gespräche mit Überlebenden des Holocaust. DVA, München 2006, ISBN 3-421-04207-1, S. 212–219.
  • Paul Krugman: Development, Geography, and Economic Theory. Cambridge MA 1995.
  • Claus Offe: Exit, Voice, and Loyalty. In: Dirk Kaesler, Ludgera Vogt (Hrsg.): Hauptwerke der Soziologie. 2. Auflage. Kröner, Stuttgart 2007, ISBN 978-3-520-39602-0, S. 197–200.
  • Lloyd Rodwin u. a. (Hrsg.): Rethinking the Development Experience. Essays Provoked by the Work of Albert O. Hirschman. Washington 1994.
  • Christian Velder: 300 Jahre Französisches Gymnasium Berlin. Nicolai, Berlin 1989 (Portrait Hirschmans S. 523–528)

Patrick Eiden-Offe: "A man, a plan, a canal: Der Ökonom und Sozialwissenschaftler Albert O. Hirschman." In: Merkur 12 (2013), Nr. 775, S. 1104-1115.

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Vgl. Albert O. Hirschman 1915–2012. Nachruf des Institute for Advanced Study, Princeton, New Jersey.
  2. a b Peter Vogt: Das Unheil ist nie gewiss. In: Süddeutsche Zeitung. 29. November 2013, Nr. 276, S. 14.
  3. Albert O. Hirschman: Grenzgänger der Ökonomie. Nachruf auf: tagesspiegel.de, 18. Dezember 2012.
  4. Malcolm Gladwell: The Gift of Doubt - Albert O. Hirschman and the power of failure.. In: The New Yorker. 24. Juni 2013.
  5. Vgl. The Sixtieth Anniversary of the Refoundation of Sciences Po – The Doctors Honoris Causa
  6. Vgl. Albert O. Hirschman ist im Alter von 97 Jahren verstorben. Presseerklärung der Universität Trier.
  7. Vgl. Presseerklärung der Tufts University (PDF; 158 kB)
  8. Inhaltsverzeichnis, Auszeichnungen