Irische Literatur

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Die irische Literatur umfasst die literarische Produktion Irlands, in einem weiteren Sinne auch die Literatur der irischen Diaspora. Bisweilen bezieht sich der Begriff auch nur auf die Literatur in irischer (gälischer) Sprache. Die irische Literatur in englischer Sprache wird als anglo-irische Literatur bezeichnet.

Die irischsprachige Literatur (insbesondere die des Mittelalters) ist Forschungsgegenstand der Keltologie, die anglo-irische wird im Allgemeinen im Rahmen der englischen Literatur von der Anglistik behandelt, wobei sich oftmals Überschneidungen ergeben, schon da viele irische Schriftsteller in beiden Sprachen schrieben und schreiben. Als übergreifende landeskundliche Disziplin hat sich in jüngerer Zeit an manchen Universitäten die Irlandistik (engl. Irish Studies) etabliert.

Sprachen und Traditionen[Bearbeiten]

In Irland ist Literatur seit dem Frühmittelalter in verschiedenen Sprachen überliefert. Der Großteil liegt in irischer und englischer Sprache vor, kleinere Corpora sind auf Latein und Französisch entstanden. Dabei ist eine deutliche zeitliche Trennung hinsichtlich der Bedeutung der einzelnen literarischen Traditionen festzustellen. Während im Mittelalter die Literatur in alt-, mittel- und frühneuirischer Sprache den Großteil des Korpus bildete, der von lateinischen Texten eher ergänzt wurde, entwickelte sich ab der Zeit der englischen Eroberung zum einen ein englisches, abert auch ein kleines anglonormannisches Korpus.

Die dominierende Literatursprache der irischen Literatur der Neuzeit war und ist Englisch. Das Irische wurde hingegen im Laufe der Jahrhunderte immer weiter zurückgedrangt und wird heute von nur noch einigen zehntausend Menschen als Muttersprache gesprochen, zumeist in abgelegenen ländlichen Gegenden. Als Literatursprache wurde es jedoch seit dem 19. Jahrhundert im Rahmen des irischen Nationalismus (irische Renaissance) wiederbelebt und ist als Zweitsprache gut 1,8 Millionen Iren verständlich. Der Literatur kam und kommt dabei eine besondere Rolle zu, viele der bedeutendsten irischen Schriftsteller des 20. und 21. Jahrhunderts veröffentlichten in beiden Sprachen, so etwa Flann O'Brien und Brendan Behan.

Durch eine Jahrhunderte alte kulturelle Verbundenheit mit dem katholischen Frankreich ist auch das Französische sehr präsent in der irischen Literatur; Schriftsteller wie Oscar Wilde (Salomé, 1891) und Samuel Beckett (En attendant Godot, 1953) verfassten einige ihrer Werke zunächst auf Französisch.

Im Laufe des 19. und 20. Jahrhundert emigrierten Millionen Iren, vor allem nach Großbritannien, Kanada und in die Vereinigten Staaten. Ihre Erfahrungen schlagen sich in einer reichhaltigen Diaspora-Literatur nieder. Irisch-amerikanische Autoren, die ihre Herkunft in den Mittelpunkt ihres Werkes rückten, sind etwa James T. Farrell (Studs Lonigan, 1932-1935), Betty Smith (A Tree Grows in Brooklyn, 1943), J. P. Donleavy (The Ginger Man, 1955), Edwin O'Connor (The Edge of Sadness, 1962), William Kennedy (Ironweed, 1983) und Frank McCourt (Angela's Ashes, 1996).

Entwicklung[Bearbeiten]

Aus der Zeit vor der Christianisierung Irlands ist keine Literatur in schriftlicher Form überliefert. Wie im Falle vieler früher Kulturen wird jedoch von einer äußerst reichhaltigen mündlichen literarischen Tradition ausgegangen, die ihre Spuren in den literarischen Denkmälern der späteren Zeit jedoch mehr oder minder deutlich hinterlassen hat. Mit dem Einzug des Christentums und vor allem der Gründung von Klöstern wurde diese Literatur nach und nach in Teilen aufgezeichnet und – nach heute weithin anerkannter Lehrmeinung – stark christianisiert. Bereichert wurde diese einheimische Literatur um Werke aus dem Lateinischen und teilweise Griechischen, die zum Teil übersetzt und auch weiterentwickelt wurden. Es ist davon auszugehen, dass der mittelalterliche irische Schatz von Sagen und Erzählungen mit dem vorchristlichen Korpus nur noch entfernte Ähnlichkeiten hatte.

Mit der Eroberung der Insel durch die Normannen ab 1169 wurde nicht nur die irische Sprache in eine Konkurrenzsituation mit dem Anglo-Normannischen, später dem Englischen gebracht, die neuen Bewohner hinterließen im Laufe der Zeit auch schriftliche Spuren in ihrer eigenen Sprache. Bis jedoch von einem nennenswerten literarischen Korpus die Rede sein kann, vergehen aufgrund der politischen und sozialen Entwicklung Irlands im Hoch- und Spätmittelalter Jahrhunderte. Erst ab dem 18. Jahrhundert kann sich das entwickeln, was heute als anglo-irische Literatur bezeichnet wird. Diese späte Entwicklung sollte jedoch im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert zu einer ungeahnten Blüte führen, als die irische Literatur für Erzählkunst und Innovation Weltruhm erlangte. Das 20. Jahrhundert sah dann eine Vielzahl irischer Schriftsteller englischer Sprache, die ihre eigene literarische Tradition wie die „Weltliteratur“ um einiges bereicherten.

Parallel zum Aufstieg der anglo-irischen Literatur fand der Abstieg der irischsprachigen Literatur statt. Nach einem erneuten Höhepunkt im 13. und 14. Jahrhundert (klassisches Irisch) und dem allmählichen Niedergang bis etwa 1600 zerbrach mit der Vertreibung der irischen Adelsschicht ab 1607 die politische und kulturelle Grundlage dieser Literaturtradition. Die Literaturproduktion sank Mitte des 19. Jahrhunderts fast gegen null. Erst gegen Ende des 19. und am Anfang des 20. Jahrhunderts fand als Teil der Wiederbelebung der irischen Sprache auch ein literarischer Neuanfang statt, der mit Einschränkungen bis heute anhält.

Heute[Bearbeiten]

Seit etwa den 1970er Jahren nehmen die anglo-irische und die irischsprachige Literatur in der irischen Kultur Positionen ein, die theoretisch häufig als gleich wichtig eingestuft werden. Praktisch dominiert die anglo-irische Literatur jedoch zahlenmäßig und in Bezug auf Wahrnehmung – sowohl in Irland als auch vor allem im Ausland – in hohem Maße. Festzustellen ist jedoch ein relativ hoher Grad der gegenseitigen Beeinflussung der beiden Traditionen. Während viele anglo-irische Autoren offen Anspruch auf ihren Teil der langen irischen Tradition (einschließlich beispielsweise der mittelalterlichen, irischsprachigen Literatur) erheben, orientieren sich viele moderne irischsprachige Autoren in internationalem Rahmen und dabei auch und vor allem an der einheimischen Literatur englischer Sprache (so Máirtín Ó Cadhain etwa an James Joyce).

Internationale Rolle[Bearbeiten]

Irische Autoren wurden vielfach mit internationalen literarischen Auszeichnungen geehrt oder kamen in die engere Auswahl für Preise. Zu den irischen Trägern des Literaturnobelpreises zählen William Butler Yeats (1923), George Bernard Shaw (1925), Samuel Beckett (1969) und Seamus Heaney (1995).

Seit den 1990er Jahren hat Irland zwei Gewinner des Booker Prize hervorgebracht. 1993 wurde Roddy Doyle für seinen Roman Paddy Clarke Ha Ha Ha ausgezeichnet. Im Jahre 2005 gewann John Banville mit dem sprachintensiven Roman The Sea (dt. Die See, 2006). Bereits im Jahr davor war der Roman The Master (dt. Porträt des Meisters in mittleren Jahren, 2005) von Colm Tóibín im Finale (Shortlist) vertreten, unterlag letztlich jedoch dem Werk The Line of Beauty (dt. Die Schönheitslinie, 2005) des Engländers Alan Hollinghurst. Bereits 1989 war ebenfalls John Banville mit The Book of Evidence (dt. Das Buch der Beweise) im Finale, verlor aber gegen Kazuo Ishiguros The Remains of the Day (dt. Was vom Tage übrig blieb).

Der irische Schriftsteller John Banville sagt dazu: „Neben vielen schlimmen Dingen haben uns die Briten mit Englisch eine wunderbare Sprache gebracht, und die irische Gesellschaft ist eine, die auf dem Geschichten-Erzählen aufgebaut ist. Anders gesagt: Wir sind immer für eine Geschichte gut, und wir haben die Sprache, um sie zu erzählen.“[1]

Sekundärliteratur[Bearbeiten]

Überblicksdarstellungen und Nachschlagewerke
  • Anne M. Brady und Brian Cleeve (Hrsg.): A Biographical Dictionary of Irish Writers. Lilliput, Mullingar 1985. ISBN 0946640033 sowie St. Martin's Press, New York 1985. ISBN 0312078714
  • Seamus Deane: A Short History of Irish Literature. University of Notre Dame Press, Notre Dame IL 1986. Reprint 1994. ISBN 0268017514
  • Robert Hogan: Dictionary of Irish Literature. 2 Bände. Zweite, erweiterte Ausgabe. Aldwych Press, London 1996. ISBN 0861721020 sowie Greenwood Press, Westport, Conn. 1996. ISBN 0313291721
  • Margaret Kelleher und Philip O’Leary (Hrsg.): The Cambridge History of Irish Literature. 2 Bände. Cambridge University Press, Cambridge und New York 2006. ISBN 0521822246
  • Declan Kiberd: Inventing Ireland: The Literature of the Modern Nation. Jonathan Cape, London 1995. ISBN 0224041975 Reprint: Random House, New York 2009. ISBN 1409044971
  • Robert Welch (Hrsg.): The Oxford Companion to Irish Literature. Clarendon Press, Oxford 1996. ISBN 0198661584
Dichtung
  • Matthew Campbell (Hrsg): The Cambridge Companion to Contemporary Irish Poetry. Cambridge University Press, Cambridge und New York 2003. ISBN 0521813018
  • Eamon Grennan: Facing the Music: Irish Poetry in the Twentieth Century. Creighton University Press, Omaha, NE 1999. ISBN 1881871282
  • Peter Mackay, Edna Longley und Fran Brearton (Hrsg.): Modern Irish and Scottish Poetry. Cambridge University Press, Cambridge und New York 2011. ISBN 0521196027
  • Justin Quinn: The Cambridge Introduction to Modern Irish Poetry, 1800-2000. Cambridge University Press, Cambridge und New York 2008. ISBN 0521846730
  • Gregory A. Schirmer: Out of What Began: A History of Irish Poetry in English. Cornell University Press, Ithaca NY 1998. ISBN 080143498X
Drama
  • Chris Morash: A History of Irish Theatre, 1601-2000. Cambridge University Press, Cambridge und New York 2002. ISBN 0521641179
  • Shaun Richards (Hrsg.): The Cambridge Companion to Twentieth-century Irish Drama. Cambridge University Press, Cambridge und New York 2003. ISBN 0521804000
  • Sanford Sternlicht: Modern Irish Drama: W.B. Yeats to Marina Carr. Syracuse University Press, Syracuse NY 2010. ISBN 0815632452
Sekundärliteratur auf Deutsch
  • Jochen Achilles und Rüdiger Imhof: Irische Dramatiker der Gegenwart. Wissenschaftliche Buchgesellschaft Darmstadt 1996. ISBN 3534126564
  • Joachim Kornelius, Erwin Otto und Gerd Stratmann (Hrsg.): Einführung in die zeitgenössische irische Literatur. Universitätsverlag C. Winter, Heidelberg 1980. ISBN 353302959X (= Anglistische Forschungen 148)
  • Heinz Kosok: Geschichte der anglo-irischen Literatur. Erich Schmidt Verlag, Berlin 1990. ISBN 3770523075
  • Klaus Lubbers: Geschichte der irischen Erzählprosa. Von den Anfängen bis zum ausgehenden 19. Jahrhundert. Wilhelm Fink Verlag, München 1985. ISBN 3770523075
  • Friedhelm Rathjen: Die grüne Tinte: Kleiner Leitfaden durch die irische Literatur. Edition ReJoyce, Scheeßel 2004. ISBN 3000131906

Quellen[Bearbeiten]

  1. Zitiert nach: Henning Hoff: In den Raum gezerrt. ZEIT online, 11. Oktober 2005