Arbeitersiedlung

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Dieser Artikel befasst sich mit den fabriknahen Arbeiteransiedlungen. Zur Einrichtung für obdachlose Wanderarbeiter siehe: Arbeiterkolonie.
Siedlung Burg in Bayreuth

Arbeitersiedlungen wurden im 19. Jahrhundert und in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts auf Initiative gemeinnütziger Gesellschaften oder der Industrie selbst gebaut, um preiswerten Wohnraum für die unteren Schichten der Bevölkerung zu schaffen. Sie entstanden in Zusammenhang mit der Wohnungsnot, die durch die Wanderung hauptsächlich der Landbevölkerung in die industriellen Zentren hervorgerufen worden war. Bei den gemeinnützigen Gesellschaften handelte es sich meist um Baugesellschaften in der Rechtsform der Aktiengesellschaft, um Baugenossenschaften oder Bauvereine. Sie handelten zumeist aus altruistischen Motiven und wollten die Wohnverhältnisse für breite Schichten der Bevölkerung verbessern. Fabrikanten handelten aus eher eigennützigem Antrieb. Sie wollten mit den Mitteln des Werkwohnungsbaus vor allem in den rasch expandierenden Industriezweigen die Fluktuation der aus dem ländlichen Umland angeworbenen Arbeitskräfte verringern und ein Stammpersonal aus Facharbeitern und Meistern an ihre Fabriken binden. Zudem erhielten sie mittels Werkwohnung als Miet-, Kauf- oder Prämienobjekt einen nicht unbeträchtlichen Einfluss auf die Lebensgewohnheiten ihrer Arbeiterschaft. Die für die Geschmacksbildung der Arbeiterschaft gegründeten Lese-, Musiks- und Gesangsvereine, die mit den Siedlungen verbundenen Krankenkassen, Sparkassen und Feuerwehren schufen Sicherheit, brachten die Bewohner dieser Quartiere aber auch weitgehend in materielle wie geistige Abhängigkeit.

Architekten und Bautechnik begannen um die Mitte des 19. Jahrhunderts, sich mit der Anlage von Arbeitersiedlungen auseinanderzusetzen. Ziel ihrer Überlegungen war nicht allein die rationelle Herstellung preiswerten Wohnraums, Dauerhaftigkeit und Sicherheit, sondern auch die Größe der Häuser, zweckmäßige Raumaufteilung, Berücksichtigung von Licht, Luft und Vegetation, aber auch die Freizeit- und Sportmöglichkeiten, als Grundlage gesunden Wohnens.

Werkssiedlungen[Bearbeiten]

Straßenbild Siedlung Eisenheim

Arbeitersiedlungen wurden auch als Werkssiedlungen von Betrieben der Montanindustrie für ihre Arbeiter und Angestellten errichtet. Aber auch in anderen Industriezweigen kam die Idee der Bindung der Arbeitnehmer an ihre Arbeitsstätten durch betriebsnahe Wohngelegenheiten zum Tragen (z. B. Zementindustrie, holzverarbeitende Industrie). Der Bau solcher Betriebswohnungen wurde durch spezielle staatliche Förderprogramme unterstützt.

Die Montanindustrie hatte insbesondere im Ruhrgebiet Ende des 19. Jahrhunderts ein rasches Wachstum mit entsprechenden Wanderungszuwächsen aus den europäischen Nachbarstaaten und aus wirtschaftsschwachen deutschen Regionen zu verzeichnen, die zu Engpässen auf dem Wohnungsmarkt führten. Für die Betriebe in der Entwicklungszone des Ruhrgebietes war die Anwerbung und Sesshaftmachung von Arbeitskräften daher ein lebenswichtiges Problem, das man durch die Errichtung von Werkssiedlungen zu lösen versuchte. Diese typischen Zechenkolonien wurden meistens in der Nähe der Betriebe errichtet, für die Planung wurden oft renommierte Architekten gewonnen.

Historische Arbeitersiedlungen[Bearbeiten]

Die letzten historischen Häuser der Arbeitersiedlung Körtingsdorf
Juiststraße in Emden-Friesland
  • Im württembergischen Kuchen (Landkreis Göppingen) wurde eine Arbeitersiedlung der landesweit größten Baumwollspinnerei und -weberei für deren Arbeiter von 1857 bis 1869 erbaut. Sie war für damalige Verhältnisse mit vorbildlichen und fortschrittlichen Kultur-, Freizeit,- Versorgungs- und Gesundheitseinrichtungen ausgestattet. Ein Teil der Siedlung wurde nach dem Konkurs der Firma Süddeutsche Baumwolle Industrie AG Kuchen (ESBI) ab 1987 für rund zehn Millionen Euro saniert.
  • In Bayreuth errichtete ab 1861 die Mechanische Baumwoll-Spinnerei die erste bayerische Sozialsiedlung, genannt Die Burg. Mit jeweils 52 m² Wohnfläche auf zwei Etagen und einem kleinen Garten waren die Häuser für damalige Verhältnisse großzügig konzipiert. Insgesamt entstanden bis 1909 mehr als 180 Wohnungen für die Spinnereiarbeiter und ihre Familien. Das von den Bombenangriffen weitgehend verschont gebliebene Viertel wurde bis 1980 vollständig abgerissen.
  • In Dortmund entstand 1871 durch die Union Hüttenwerke die Unionvorstadt, eine der ersten Werkssiedlungen im englischen Stil (vgl. Siedlung Eisenheim). Sie wurde 1961 abgerissen.
  • In der heutigen Gemeinde Ilsede in Niedersachsen errichtete die Aktiengesellschaft Ilseder Hütte ab 1875 die Werkssiedlung Neuölsburg. Die Siedlung erhielt den Status einer selbstständigen Gemeinde im damaligen Landkreis Braunschweig. Die Werkssiedlung behielt ihre kommunale Selbstverwaltung bis 1964.
  • In Augsburg entstand 1876 das Kammgarnquartier, für die Arbeiter der Augsburger Kammgarn-Spinnerei. 1892 das Proviantbachquartier, als Arbeitersiedlung der Mechanischen Baumwollspinnerei und Weberei Augsburg (SWA). Beide Quartiere liegen im Augsburger Textilviertel und sind teilweise (Kammgarnquartier) bzw. nahezu vollständig (Proviantbachquartier) erhalten.
  • In Hannover entstand ab 1890 die Siedlung Körtingsdorf für die Arbeiter der Firma Körting. Sie grenzte an das Fabrikgelände im Stadtteil Badenstedt an. Die Siedlung umfasste rund 50 Doppelhäuser mit Stallungen und großen Gärten (je rund 800 m²). Auch eine Schule, Geschäfte und eine Gastwirtschaft waren vorhanden.
  • In Emden entstanden in den ersten drei Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts Arbeitersiedlungen für die Beschäftigten des Emder Hafens und der Werften. Darunter waren die Stadtteile Port Arthur/Transvaal und Friesland. Besonders in Friesland, aber auch in Port Arthur/Transvaal, sind noch ganze Straßenzüge erhalten und lassen einen Einblick in die damaligen Wohnverhältnisse erahnen. Die Häuser in Friesland wurde oftmals mit (Nutz-)Gärten in den Hinterhöfen versehen, die den Bewohnern teilweise die Selbstversorgung mit Lebensmitteln durch den Anbau von Obst und Gemüse sowie durch Tierhaltung ermöglichte.
  • In Limburgerhof errichtete die BASF 1900 und 1914 zwei Arbeiterkolonien, die die Kernzelle für die spätere selbständige Gemeinde bildeten.

Denkmalgeschützte Arbeitersiedlungen[Bearbeiten]

Gebäudeensemble in der Alten Kolonie Eving

Literatur[Bearbeiten]

  • Frank Dittmeyer: Die Werkssiedlung „Neu Oberhausen“. Ein verkanntes architektonisches Kleinod. In: Schichtwechsel. Das Journal für die Geschichte Oberhausens. Jg. 1, Heft 2, 2006, ZDB-ID 2260526-5, S. 6–7.
  • Wolfgang Kil, Gerhard Zwickert: Werksiedlungen. Wohnform des Industriezeitalters (= Zeitmaschine Lausitz). Verlag der Kunst, Dresden 2003, ISBN 3-364-00447-1.
  • Andreas Koerner, Klaus Scholz, Wolfgang Sykorra: „Man war nie fremd.“ Die Essener Bergbaukolonie Schönebeck und ihr Stadtteil. Edition Rainruhr, Essen 2009, ISBN 978-3-9811598-9-9.

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Arbeitersiedlungen – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien