Bobsport

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Bobfahrer beim Anschieben am Start

Der Bobsport ist eine Wintersportart, die Ende des 19. Jahrhunderts in der Schweiz von Engländern entwickelt wurde und heute Teil des olympischen Programms bei den Olympischen Winterspielen ist. Der Bobsport ist auch eng mit dem Rennrodeln und noch mehr mit dem Skeleton verwandt.

Etymologie[Bearbeiten]

Der Begriff „Bob“ kommt vom englischen Verb ‚to bob‘ (deutsch: ‚ruckartig bewegen‘). Zu Beginn des Bobsportes versuchten die Mannschaften nach dem Start durch Zurücklehnen und dann gemeinsames, ruckartiges Vorschnellen des Oberkörpers dem Bob mehr Schwung und damit Geschwindigkeit zu geben. Im Deutschen wurde diese Beschleunigungstechnik damals bobben genannt.

Geschichte[Bearbeiten]

Historisches Bobteam aus Davos von ca. 1910

1888 entwickelte in Andreasberg ein Engländer den Bob, indem er zwei Schlitten hintereinander unter einem Brett montierte. Dabei war der vordere Teil über Seile steuerbar. Die daraufhin ausgetragenen Rennen wurden ausschließlich auf natürlichen Rodelbahnen ausgetragen, also auf Waldwegen, die vorwiegend zum Holztransport (ebenfalls auf Schlitten) angelegt waren.

1901 baute Carl Benzing (1869–1955) im thüringischen Kurort Friedrichroda nach Schweizer Vorbild einen Stahlbob mit Lenkung. Der von ihm Schwarzer Peter genannte offene Fünferbob gilt als der erste „richtige“ deutsche Bob und machte Friedrichroda mit der wenige Jahre später gebauten Spießbergbahn zur Wiege des deutschen Bobsports. Das wahrscheinlich erste deutsche Bobsleigh-Rennen mit zehn Bobs fand im Winter 1901/02 auf dem Roten Weg bei Friedrichroda statt.[1]

In Deutschland wurde 1911 der Bob- und Schlittenverband für Deutschland gegründet. Der internationale Bobsport ist seit 1923 in der Fédération Internationale de Bobsleigh et de Tobogganing (FIBT) organisiert. Seit 1924 gibt es Wettkämpfe bei den Olympischen Winterspielen und auch Weltmeisterschaften. Bei den Olympischen Winterspielen 1924 und 1928 waren fünf Fahrer im Bob erlaubt.

Heute sind die verwendeten Sportbobs aerodynamisch verkleidet und die vorderen Kufen über einen Seilzug (Lenkseile) lenkbar. Das Reglement der FIBT beinhaltet drei Disziplinen: Zweierbob der Frauen, Zweierbob der Männer und Viererbob der Männer (letzterer oft einfach "Viererbob" genannt). Dabei müssen Zweierbobs ein Mindestleergewicht von 170 kg haben, Viererbobs 210 kg. Das Maximalgewicht mit Besatzung und eventuell Ballast beträgt 340 kg für Zweierbobs der Frauen, 390 kg für die der Männer und 630 kg für Viererbobs.

2006 wurden vom FIBT die 14 mm breiten Kufen neu reglementiert: Es dürfen nur mehr Kufen verwendet werden, die die FIBT bei einem Hersteller aus einer einzigen Sorte rostfreien Edelstahls fertigen lässt und selbst vertreibt. Das leicht gewölbte Längsprofil, auch als Sprung bezeichnet, darf regelkonform noch bearbeitet, das Materialgefüge jedoch nicht verändert werden. Die Kufenspurweite ist auf 67 cm festgesetzt. Die (Mindest-)Breite der Haube beträgt für Viererbobs 70 cm, für Zweierbobs vorne 68 cm, in der Mitte 64 cm und hinten 54 cm. 4 seitliche Abweiser sind mit mindestens 80 bis höchstens 87 cm breiter. Auch Federung, Achsen und ihr Abstand, Gelenke, Drehwinkel, Bauweisen, Rechenbremsen sind genau spezifiziert.

Die Bahn[Bearbeiten]

Bobbahn Winterberg
Kurve in der Bobbahn Altenberg
Johannes Martini: Am Startplatz der Bobbahn von St. Moritz, um 1905
Olympia-Bob von 1952, Olympische Winterspiele Oslo
Sieger der DDR-Meisterschaften im Vierer-Bob 1953
Moderner Bobschlitten bei den Olympischen Spielen 2006

In den Anfängen des Bobsports fuhren die Fahrer ohne Helme zumeist noch auf steilen Waldwegen, die links und rechts lediglich von hohen Schneebanden begrenzt waren. Unfälle mit aus den Kurven getragenen Bobs und Knochenbrüche waren dabei nicht selten. Mit zunehmender Popularität des Sports entstanden im ersten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts zahlreiche planmäßig angelegte Natureisbahnen mit künstlichen Banden und ausgebauten Kurven. Bahnlängen von bis zu 2.500 Metern waren seinerzeit üblich. Heute sind nur noch sehr wenige Natureisbahnen in Betrieb, die Fahrten im Bobsport finden zumeist auf künstlich angelegten, 1200 bis 1600 Meter langen vereisten Bahnen statt.

Die Zahl der Bobbahnen ist weltweit sehr gering. Vier davon sind in Deutschland: Winterberg, Königssee (erste Kunsteisbahn der Welt) im gleichnamigen Ortsteil der Gemeinde Schönau sowie die angeblich schwierigste Bahn der Welt in Altenberg. Auf der Rennrodelbahn in Oberhof finden keine internationalen Bob-Wettkämpfe mehr statt.

Fast alle Bobbahnen verfügen heute über Kunsteis in einem Betonkanal. Die einzige Natureis-Bobbahn, auf der Weltcup-Rennen gefahren werden, befindet sich in St. Moritz. Auf dieser wurden 1928 und 1948 die Bobrennen der Olympischen Winterspiele ausgetragen.

Technik und körperliche Voraussetzungen[Bearbeiten]

Bobs erreichen Geschwindigkeiten von weit über 100 km/h, teilweise sogar 150 km/h, beispielsweise auf dem Whistler Sliding Centre bei den Olympischen Winterspielen 2010 in Vancouver.[2] In den Steilkurven und Schikanen kann die Beschleunigung kurzzeitig 5 g (fünffache Erdbeschleunigung) erreichen. Das stellt enorme Anforderungen an die Besatzung. Der Pilot muss über ein extrem gutes Reaktionsvermögen, ein hervorragendes „Bahngefühl“ und eine ausgeprägte Feinmotorik verfügen. Gustav Weder stellte in seiner Göttinger Dissertation (bei Arnd Krüger) fest, dass Bobfahrer, ähnlich wie Piloten der Formel 1 und militärischen Kampfjets, aber anders als Piloten von Linienflugzeugen, die Fähigkeit haben, schnellste Zeitabläufe detailliert zu analysieren und zu beschreiben und dann in Bruchteilen von Sekunden die richtigen Entscheidungen zu treffen. Hierbei ist neben der schnellen Erinnerung an die optimale Streckenführung ein ausgeprägtes Kinästhetik-Empfinden erforderlich, da dies schneller als die optische Wahrnehmung verläuft.[3] Schon kleinste Lenkbewegungen an der falschen Stelle können im schlimmsten Falle einen Überschlag verursachen. Die Unterschiede zwischen den Spitzenmannschaften betragen mitunter auch nach vier Läufen in Addition oft nur wenige Hundertstel- oder Tausendstelsekunden. Oft fällt die Entscheidung über die Platzierung bereits in der Anschub- und Startphase auf den ersten 50 Metern. Die Anlaufzone ist ungefähr 15 Meter lang. Um wenige Hundertstel schlechtere Startzeiten bewirken in der Regel einen Verlust von einigen Zehntelsekunden im Ziel und nur wenige [[Piloten können solche Verluste auf der Strecke noch aufholen. Deshalb müssen die Anschieber sehr athletisch gebaute gute Sprinter mit explosivem Schnellkraftvermögen sein. Oft werden ehemalige Leichtathleten, meist Sprinter (wie Kevin Kuske), Weitspringer oder Zehnkämpfer (wie Christoph Langen und Wolfgang Hoppe), als Hinterleute verpflichtet, die später teilweise selbst Bobpiloten (wie Christoph Langen und Wolfgang Hoppe) werden. Die Anschieber fast aller Spitzenmannschaften leisten 100-Meter-Bestzeiten unter 11 Sekunden. Bei einem Sturz auf der Bobbahn dürfen keine Personen aus dem Bob geschleudert werden, sonst wird der Bob disqualifiziert.[4] Wenn alle Personen nach dem Sturz des Bobs in einem der ersten drei Läufe bis zum Einlauf im Ziel darin verblieben sind, kann das Bobteam den Wettbewerb fortsetzen, sofern es körperlich noch dazu in der Lage ist.[5]

Statistik[Bearbeiten]

Anschieben beim Zweier-Bob der Damen
Bobfahrer im 4er-Bob

Seit den 1920er Jahren wurden bereits Meisterschaften, damals noch im 5er-Bob, ausgefahren. Seit 1930 werden Weltmeisterschaften im Zweierbob und Viererbob gefahren. Seit 1924 ist Bobfahren fester Bestandteil des Olympischen Programms. Die ersten Europameisterschaften fanden 1935 in Ilmenau (Thüringen) statt. Von Anfang an waren bei internationalen Wettkämpfen Deutsche auf den vorderen Plätzen zu finden. Seit 2000 gibt es auch Weltmeisterschaften im Zweierbob bei den Frauen. Mit den Olympischen Spielen 2002 in Salt Lake City sind die Damenwettkämpfe auch Bestandteil des Olympischen Programms. Erste Weltmeisterin als Pilotin wurde die ehemalige erfolgreiche Rodlerin Gabriele Kohlisch. Ein Jahr später gewann die Exweltmeisterin im Rodeln Susi Erdmann Bronze, ein weiteres Jahr später ebenfalls Bronze bei den Olympischen Spielen hinter Sandra Prokoff. Seit 1950 (Olympia seit 1952) gewannen Mannschaften aus beiden deutschen Staaten, seit 1990 aus dem wiedervereinigten Deutschland

  • 124 von 330 WM-Medaillen (37,6 %)
    • davon 47 von 110 Weltmeistertiteln (43 %)
  • 32 von 87 Olympischen Medaillen (37 %)
    • davon 12 von 29 Olympiasiegen (41 %)

Damit ist Deutschland die stärkste Bobnation.

Erfolgreichster Pilot aller Zeiten in beiden Bobs ist Wolfgang Hoppe mit 36 internationalen Medaillen bei Olympischen Spielen, Welt- und Europameisterschaften sowie Weltcups, davon 17 mal Gold. Christoph Langen, einer seiner früheren Anschieber, wurde seit den 1990er Jahren sein Konkurrent und Nachfolger. Nicht als Pilot, jedoch als erfolgreicher Anschieber gilt auch Olaf Hampel.

Bekannte Bobpiloten und Bobpilotinnen[Bearbeiten]

Name Land
Ingo Appelt ÖsterreicherÖsterreicher
Maximilian Arndt DeutscherDeutscher
Nico Baracchi SchweizerSchweizer
Éric le Chanony FranzoseFranzose
Harald Czudaj DeutscherDeutscher
Werner Delle-Karth ÖsterreicherÖsterreicher
Volker Dietrich DeutscheDeutsche
Jürg Egger SchweizerSchweizer
Zintis Ekmanis SowjetSowjet
Susi Erdmann DeutscheDeutsche
Ekkehard Fasser SchweizerSchweizer
Stefan Gaisreiter DeutscherDeutscher
Bernhard Germeshausen DeutscherDeutscher
Reto Götschi SchweizerSchweizer
Karl Häseli SchweizerSchweizer
Matthias Höpfner DeutscherDeutscher
Wolfgang Hoppe DeutscherDeutscher
Emmanuel Hostache FranzoseFranzose
Janis Kipurs LetteLette
Sandra Kiriasis DeutscheDeutsche
Gabriele Kohlisch DeutscheDeutsche
Dawid Kupczyk PolePole
André Lange DeutscherDeutscher
Christoph Langen DeutscherDeutscher
Bernhard Lehmann DeutscherDeutscher
Jürgen Loacker ÖsterreicherÖsterreicher
Rudi Lochner DeutscherDeutscher
Pierre Lueders KanadierKanadier
Fritz Lüdi SchweizerSchweizer
Manuel Machata DeutscherDeutscher
Cathleen Martini DeutscheDeutsche
Bruno Mingeon FranzoseFranzose
Eugenio Monti ItalienerItaliener
Bogdan Musiol DeutscherDeutscher
Meinhard Nehmer DeutscherDeutscher
Andreas Ostler DeutscherDeutscher
Sandis Prūsis LetteLette
Christian Reich SchweizerSchweizer
Hans Rösch DeutscherDeutscher
Erich Schärer SchweizerSchweizer
Christian Schebitz DeutscherDeutscher
Brian Shimer US-AmerikanerUS-Amerikaner
René Spies DeutscherDeutscher
Mark Tout BriteBrite
Gustav Weder SchweizerSchweizer
Gerda Weißensteiner ItalienerinItalienerin
Wolfgang Zimmerer DeutscherDeutscher

Auch der ehemalige Kronprinz und derzeitige Fürst von Monaco, Albert II., war bei internationalen Wettkämpfen regelmäßig als Bobpilot für sein Fürstentum am Start.

Bobhersteller[Bearbeiten]

Bobs sind heute Hightech-Geräte. Weil die Entwicklung und Verbesserung der Sportgeräte sehr viel Erfahrung und praktisches Know-how erfordern, dabei der Markt an Käufern sehr beschränkt ist, gibt es im internationalen Bobsport nur wenige Hersteller für Bobs. Zum Teil stellen diese auch andere Sportgeräte her, sodass Erfahrungen aus dem Bau von Rennrädern, Kanus und Rennwagen-Karosserien einfließen.

Von 1976 an wurden unter größter Geheimhaltung im VEB Flugzeugwerft Dresden Bobs unter luftfahrttechnischen Aspekten entwickelt und gefertigt. Sie erbrachten für die DDR-Auswahl 13 Gold-, 15 Silber- und zehn Bronzemedaillen bei Weltmeisterschaften und Olympischen Spielen. Der Nachfolgebetrieb Dresdener Sportgeräte (DSG) stellte seine Produktion mangels Aufträgen 2014 ein.[6][7]

Die wichtigsten Hersteller in Deutschland sind:

Weitere international bekannte Hersteller sind:

Oft sind die Bobschlitten eine Kombination von mehreren Herstellern. Aus Erfahrung schnelle Fahrwerke werden mit neuen aerodynamisch optimierten Karosserien kombiniert. Speziell zum Anlass von Olympischen Winterspielen wurden Bobschlitten in Projekten entwickelt. Prominentes Beispiel hierfür sind die amerikanischen Bo-Dyn-Bobs, welche erstmals an den Olympischen Winterspielen in Lillehammer 1994 eingesetzt wurden. Für die Olympischen Winterspiele in Vancouver 2010 wurden Bobs in Kooperation von CONI und Ferrari in Italien oder CITIUS-Schlitten zusammen mit der ETH Zürich und Industriepartnern in der Schweiz eingesetzt.

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Willy Goepferich: Wie baue ich mir selbst – Schneeschuhe und Bobsleighschlitten (ca. 1920, Neuauflage 2006). Survival Press, Radolfzell, ISBN 3-937933-13-1

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Bobsport – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Carl Benzing und der Bobsport, in: Helga Raschke, Leben und Arbeiten im nördlichen Thüringer Wald, Erfurt 2006, S. 114ff.
  2. zeit.de vom 1. März 2010: Hightech im Viererbob – Die Jungs im Bob sind die wahren Maschinen
  3. Gustav Weder (2002). Optimale Handlung - am Beispiel hoher Geschwindigkeit: eine empirische Annäherung an die psychische Regulation von optimaler Handlung anhand der Handlungsräume Sport und Aviatik. Zürich: Stiftung Zentralstelle der Studentenschaft der Univ. Zürich. ISBN: 3-03-708001-9
  4. ard.de vom 25. Februar 2010: Deutsche Schlitten chancenlos Blech für Kiriasis – Martini stürzt
  5. Frankfurter Rundschau vom 22. Februar 2010: Gold für Lange] im Zweier-Bob – Florschütz Zweiter]
  6. Vorlage:Internetquelle/Wartung/Datum nicht im ISO-FormatSchluss nach fast vier Jahrzehnten - Dresdener Bobbau-Tradition endet. In: n-tv.de. 29. Dezember 2013, abgerufen am 23. Februar 2014.
  7. Vorlage:Internetquelle/Wartung/Datum nicht im ISO-FormatTraditionsbetrieb Dresdner Bobmanufaktur schließt. In: mdr.de. 28. Dezember 2013, abgerufen am 23. Februar 2014.