Das Kapital im 21. Jahrhundert

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Das Kapital im 21. Jahrhundert ist ein Buch des französischen Ökonomen Thomas Piketty (Titel der französischen Originalausgabe: Le Capital au XXIe siècle, englisch: Capital in the Twenty-First Century). Das Buch thematisiert grundlegende Fragen des Kapitals sowie der Vermögensungleichheit und Einkommensungleichheit. Dabei untersucht es die Veränderungen in der Vermögensverteilung und Einkommensverteilung seit dem 18. Jahrhundert. Piketty vertritt darin die Meinung, dass die Vermögenskonzentration seit Mitte des 20. Jahrhunderts in den Industrienationen deutlich gestiegen sei, dass eine Zunahme der Ungleichheit wesentlich zum Kapitalismus gehöre und dass eine unkontrollierte Zunahme der Ungleichheit die Demokratie und Wirtschaft bedrohe.

Inhalt[Bearbeiten]

Ausgangspunkt[Bearbeiten]

Piketty arbeitet eine grundsätzliche Theorie des Kapitalismus heraus, die die Theorien zum Wirtschaftswachstum und zur Einkommensverteilung verbindet.[1] Pikettys Kernthese lautet: Ungleichheit ist kein zufälliges, sondern ein notwendiges Merkmal des Kapitalismus; übermäßige Ungleichheit in einer kapitalistischen Wirtschaft kann daher nur durch Einschränkungen des Kapitalismus gelöst werden.[2] Wird ein derartig exzessiver Kapitalismus wie der derzeitige nicht reformiert, so würde laut Piketty die demokratische Grundordnung gefährdet.[2]

Ursachen der Ungleichheit[Bearbeiten]

Piketty unterscheidet zwei Hauptursachen der wachsenden Ungleichheit:

  1. Bezieher hoher Einkommen (wie z.B. Manager) haben ihre Macht dazu genutzt, sich selbst hohe Einkommen zu verschaffen. Anders als vielfach behauptet, entspricht die relative Höhe der Einkommen gegenüber niedrigeren Einkommen nicht der jeweiligen Produktivität.
  2. Einkommen aus Kapital wachsen im Kapitalismus in der Regel prozentual stärker als die Gesamtwirtschaft.

Die aus (1) resultierende Ungleichheit bestimmt die öffentliche Debatte, die aus (2) resultierende hält Piketty aber für gewichtiger. Er drückt (2) in folgender Formel aus:

  • r > g

r bezeichnet die Kapitalrendite, g steht für das Wirtschaftswachstum, also das Wachstum des gesamtwirtschaftlichen Einkommens. Wenn immer r g übersteigt, nehme die Ungleichheit zu. Dies sei weltweit überwiegend seit Jahrzehnten sehr deutlich der Fall.

Anknüpfungspunkte an historische Analysen[Bearbeiten]

Mit dem Thema systembedingte wachsende Ungleichheit im Kapitalismus knüpft Piketty an Analysen von Thomas Malthus, David Ricardo und Karl Marx an. Malthus sah die Überbevölkerung als Hauptproblem der Unterprivilegierten, Ricardo den Gegensatz zwischen Landbesitzern und Landlosen und Marx den Gegensatz zwischen Kapitalbesitzern und Arbeitern.

Diese Analysen erwiesen sich als nicht ganz zutreffend, da sie unterschätzten, inwieweit technologischer Fortschritt breite Wohlstandszunahme und somit ein Gegengewicht zur Vermögenskonzentration ermöglicht. Dennoch hätten sie das Problem im Kern schon diskutiert.[3]

Zwischen 1930 und 1975 ist der Trend zu steigender Ungleichheit im Kapitalismus durch einige ungewöhnliche Umstände zunächst umgekehrt worden: Zwei Weltkriege, die Great Depression und eine durch Verschuldung herbeigeführte Rezession vernichteten eine große Menge Vermögen, insbesondere Vermögen der finanziellen Elite.[4]

Die Schlussfolgerung Kuznets' aus dieser Entwicklung des 20. Jahrhunderts: wachsende große Ungleichheit sei nur ein Problem des frühen Kapitalismus und habe sich durch (a) Konkurrenz, (b) Innovationen und (c) freie Märkte wieder zurückgebildet hält Piketty in ihrer Allgemeinheit für falsch.

„Es gibt letztlich keinen Grund, weshalb wir glauben müssten, dass Wachstum automatisch ausgeglichen ist […]. Viel zu lange haben Ökonomen die Vermögensverteilung vernachlässigt, teilweise wegen Kuznets' optimistischen Schlussfolgerungen und teilweise wegen des übermäßigen Enthusiasmus der Disziplin für vereinfachende mathematische Modelle.“[5]

Denn nach 1975 stieg die Ungleichheit, und die kapitalistische Weltwirtschaft kehrte zum Patrimonialen Kapitalismus zurück, es komme zu einer Refeudalisierung. Im Patrimonialen Kapitalismus wird die Wirtschaft von ererbtem Vermögen dominiert, in deren Folge es zu einer Oligarchie kommt.[6] Klassengesellschaften, in denen starke Vermögenskonzentration herrscht, die auf angehäuftem Kapital basiert, illustriert Piketty mithilfe von Romanen von Honoré de Balzac, Jane Austen und Henry James.[4]

Mögliche Folgen wachsender Ungleichheit[Bearbeiten]

Piketty erklärt, dass die Ungleichheit sowohl die Demokratie als auch die wirtschaftliche Basis der Gesellschaft bedrohe. Die Demokratie sei bedroht, da Vermögenskonzentrationen Machtkonzentrationen bedeuteten und die politische und gesellschaftliche Teilhabe der Mehrheit der Gesellschaft verringerten. Die wirtschaftliche Grundlage der Gesellschaft sei bedroht, da ohne Verringerung der Einkommensungleichheit und insbesondere Vermögensungleichheit möglicherweise zukünftig geringes Wirtschaftswachstum herrschen werde. Technologischer Fortschritt werde wohl nicht das Wachstum des 20. Jahrhunderts zurückbringen.

Als Lösungsvorschlag diskutiert Piketty eine jährliche, progressive Vermögensteuer von bis zu 2 % verbunden mit stark progressiver Einkommensteuer, im Spitzensatz von bis zu 80 %.[4]

Datenbasis[Bearbeiten]

Auf empirischer Seite stützt sich Piketty auf umfangreiche Untersuchungen der Vermögens- und Einkommenskonzentration von über 27 Ländern, die er unter anderem mit Anthony Atkinson, Emmanuel Saez und Facundo Alvaredo durchgeführt hat und die zur World Top Incomes Database führten. Piketty hat die verwendeten Datensätze auf seiner Homepage öffentlich zur Verfügung gestellt.[7]

Rezeption[Bearbeiten]

Das Kapital im 21. Jahrhundert wurde weltweit über 800.000 mal verkauft[8] und zahlreich positiv rezensiert. Der Wirtschaftswissenschaftler Paul Krugman hält es in der New York Times für das wichtigste Buch des Jahres 2014, vielleicht des Jahrzehnts.[9] Branko Milanovic von der Weltbank bezeichnete das Buch als einen Wendepunkt in der ökonomischen Literatur.[10] Steven Pearlstein erklärte es in der Washington Post zu einem Triumph der Wirtschaftsgeschichte über das theoretische, mathematische Modellieren, das in den letzten Jahren die Ökonomie dominierte.[11] Tyler Cowen hält das Buch in Foreign Affairs für eine bahnbrechende Analyse ökonomischer Ungleichheit, glaubt aber nicht, dass das Verhältnis Kapital-Einkommen die soziale Situation hinreichend erkläre. Er hält die traditionellen Erklärungen technologischer Fortschritt und Wettbewerb durch Niedriglohnländer als von Piketty nicht ausreichend berücksichtigt. Die Vorschläge für Vermögensteuern bzw. Vermögensabgaben hätten zudem nicht in ausreichendem Maße die wünschenswerten Folgen und seien damit unpraktikabel.[12] Michel Husson kritisiert Piketty dafür, dass seine Analyse auf der neoklassischen Theorie, der dominierenden Wirtschaftstheorie basiert.[13]

Die Zeitschrift The Economist bezeichnete Pikettys Buch in einem Leitartikel als wichtigen Beitrag zur Einkommensforschung. Besonders der Ansatz, durch Statistiken über Steuereinnahmen Ungleichheit zu messen, sei wertvolle Pionierarbeit. Die im Buch enthaltenen wirtschaftspolitischen Rezepte wurden vom Economist allerdings scharf kritisiert. Piketty betrachte, ohne dies schlüssig zu begründen, die Bekämpfung von Ungleichheit und nicht die Förderung des Wachstums als zentrale wirtschaftspolitische Aufgabe der Zukunft und sei zudem auf die Erhöhung von Steuern für Wohlhabende fixiert; andere Konzepte zur breiteren Streuung von Kapital seien in Das Kapital im 21. Jahrhundert nicht enthalten. Piketty ignoriere zudem die Schwierigkeiten bei der praktischen Umsetzung einer umfassenden Umverteilungspolitik.[14]

Salon.com stellt fest, dass die Reaktion von Konservativen hysterisch ausfalle – oftmals als argumentfreie Aneinanderreihung von (unzutreffenden) Schlagwörtern wie Sozialist, Kommunist, Marxist usw., und wenn argumentativ, dann ohne stichhaltige Gründe dafür, dass starke Ungleichheit kein Problem oder sogar positiv sei.[15]

Odran Bonnet, Pierre-Henri Bono, Guillaume Chapelle und Etienne Wasmer kritisieren Pikettys zentrale These (Kapitalrendite sei größer als Einkommenswachstum) als nicht plausibel. Sein Kapitalbegriff beeinhalte auch Immobilienvermögen, gemessen an Hauspreisen. Zwar seien diese im betrachteten Zeitraum tatsächlich überdurchschnittlich gestiegen, jedoch seien Immobilien nicht zur Gänze als „produktives Kapital“ zu betrachten. Die Ertragsfähigkeit von Immobilien spiegle sich nicht in Kaufpreisen, sondern in Mietpreisen. Würden diese zur Messung der Kapitalrendite herangezogen, sei in Frankreich, Großbritannien, den USA und Kanada das Verhältnis von Rendite zu Einkommen über die Jahre stabil geblieben. Pikettys Schlussfolgerung einer „explosiven Dynamik der Ungleichheit“ sei daher zweifelhaft.[16] Eine ähnliche empirische Kritik stammt von Stefan Homburg. Er argumentiert, dass in den vergangenen Jahrzehnten nicht der Wert des reproduzierbaren Kapitals im Verhältnis zum Bruttoinlandsprodukt zugenommen hat, sondern der Wert des Grund und Bodens.[17]

Chris Giles von der Financial Times wirft Piketty Übertragungsfehler bei der Übernahme der Originaldaten und die Verwendung falscher Formeln bei der Berechnung vor. Zudem habe Piketty in einigen Fällen nur "handverlesene" Daten verwendet oder ohne Angabe der Originalquelle konstruiert.[18] In seiner ersten Erwiderung, für die die FT ihm 24 Stunden ließ, lädt Piketty dazu ein, die von ihm von vornherein offengelegten Datensätze zu prüfen und zu neuen Berechnungen zu nutzen; tatsächlich hätten weitere Studien seinen grundsätzlichen Befund bereits bestätigt.[19] Die von ihm in Capital dargestellte Vermögenskonzentration, so Piketty, sei wegen der noch nicht berücksichtigten Steuerflucht eher zu gering als zu hoch ausgefallen.[20] Piketty geht einige Tage später in einer zehnseitigen Erwiderung umfassend auf die von Giles aufgeworfenen Punkte ein. Im wesentlichen beruhten die unterschiedlichen Ergebnisse auf verschiedenen Methodologien, die Datensätze zu gewichten. Insbesondere würden sich Datensätze, die auf Steuererhebungen beruhten, von Datensätzen, die auf Umfragen beruhten, darin unterscheiden, dass in Umfragen hohe Vermögen nicht oder weniger stark in die Datensätze Eingang fänden. Diesen in Fachkreisen unstrittigen Sachverhalt habe Giles methodologisch nicht berücksichtigt.[21] Für das Beispiel Großbritannien gibt es eine Gegenüberstellung, wie die vorliegenden Datensätze angepasst werden könnten, um die vermutete tatsächliche Entwicklung besser abzubilden.[22] Der deutsche „Wirtschaftsweise“ Peter Bofinger hingegen stellt heraus, dass Pikettys Grundthese ausgerechnet in jenem Zeitraum nicht durch Zahlen belegt ist, für den historisch gesehen die breiteste Datengrundlage vorliegt.[23]

Stephan Kaufmann und Ingo Stützle halten Piketty bei aller Kritik zugute, dass er mit seinem Buch „eine Debatte um die Besteuerung des Reichtums, um Ungleichheit und Umverteilung ausgelöst“[24] habe. Sie kritisieren u.a., dass Piketty über „keinen Begriff von Kapital“ verfüge und „Vermögen und Kapital“ gleichsetze. Er interessiere sich nicht für die Form der Wirtschaft, noch frage er danach, wie die Reproduktion der Gesellschaft von statten ginge. Damit verallgemeinere er „die bürgerlichen Formen in ahistorischer Manier“.[25] Ferner sind Kaufmann und Stützle der Auffassung, dass Piketty Vertreter einer „Leistungsideologie“ ist, bringe er doch die Idee „leistungsgerechter Einkommen“ ein. Als Resultat könnten Arbeitslosigkeit und die wirtschaftliche Krise einzelner Länder als Folge von zu geringer Anstrengung gelten, ganz unter Absehung tatsächlicher wirtschaftlicher Zusammenhänge.[26]

Ausgaben[Bearbeiten]

Deutsch

Französisch

Englisch

Literatur[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

Fußnoten[Bearbeiten]

  1. Branko Milanovic (Weltbank) The return of „patrimonial capitalism“: review of Thomas Piketty's „Capital in the 21st century“, Munich Personal RePEc Archive, Oktober 2013, S. 2
  2. a b Why everyone is talking about Thomas Piketty's Capital in the Twenty-First Century. The Week, abgerufen am 25. November 2014 (englisch).
  3. So der Journalist Markus Diem Meier in seinem Blogbeitrag Thomas Piketty stellt die Fundamentalfrage vom 26. März 2014
  4. a b c http://www.washingtonpost.com/opinions/capital-in-the-twenty-first-century-by-thomas-piketty/2014/03/28/ea75727a-a87a-11e3-8599-ce7295b6851c_story.html
  5. Piketty, zitiert nach: http://blog.tagesanzeiger.ch/nevermindthemarkets/index.php/34470/thomas-piketty-stellt-die-fundamentalfrage/
  6. http://www.nytimes.com/2014/03/24/opinion/krugman-wealth-over-work.html
  7. Materialien zu Das Kapital im 21. Jahrhundert
  8. Stand Oktober 2014: http://www.dw.de/einmal-million%C3%A4r-immer-million%C3%A4r/a-17979288
  9. Krugman: Wealth over Work
  10. http://mpra.ub.uni-muenchen.de/52384/1/MPRA_paper_52384.pdf
  11. Steven Pearlstein: „Capital in the Twenty-first Century“ by Thomas Piketty, Washington Post, 28. März 2014
  12. Tyler Cowen: Capital Punishment. Why a global tax on wealth won't end inequality. Foreign Affairs, Mai/Juni 2014.
  13. Michel Husson: Le capital au XXIe siècle. Richesse des données, pauvreté de la théorie
  14. Capitalism and its Critics: A modern Marx The Economist, 3. Mai 2014
  15. The ultimate guide to shutting down conservative anti-Piketty hysteria, Salon, 4. Mai 2014
  16. Bonnet et. al.: Does housing capital contribute to inequality? A comment on Thomas Piketty’s Capital in the 21st Century Sciences Po Economics Discussion Papers, 2014/07
  17. Stefan Homburg: Critical Remarks on Piketty's 'Capital in the Twenty-first century. RePEc
  18. Piketty findings undercut by errors - FT, 23. Mai
  19. so die engl. Zusammenfassung des Diskussionsstands in der Huffpo vom 23. Mai
  20. Alexander Armbruster: Schwere Vorwürfe gegen den neuen Star-Ökonom - FAZ, 24. Mai 2014 (= deutsche Zusammenfassung der FT- und Huffingtonpost-Beiträge)
  21. Thomas Piketty: Technical appendix of the book «Capital in the twenty-first century», Appendix to chapter 10. Inequality of Capital Ownership. Addendum: Response to FT, May 28 2014
  22. Howard Reed: Piketty, Chris Giles and wealth inequality: it's all about the discontinuities
  23. Wirtschaftsweiser Bofinger wirft Piketty schwere Fehler vor - Der Spiegel, Heft 23/2014
  24. Stephan Kaufmann/Ingo Stützle: Kapitalismus: Die ersten 200 Jahre. Thomas Pikettys >>Das Kapital im 21. Jahrhundert<< – Einführung, Debatte, Kritik, Belrin 2014, S. 81.
  25. Stephan Kaufmann/Ingo Stützle: Kapitalismus: Die ersten 200 Jahre, S. 85.
  26. Stephan Kaufmann/Ingo Stützle: Kapitalismus: Die ersten 200 Jahre, S. 89f..