Christlicher Anarchismus

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Als christlicher Anarchismus werden verschiedene Versuche bezeichnet, den christlichen Glauben mit anarchistischen Denk- und Handlungsweisen zu verbinden. Je nach konfessionellem Ausgangspunkt unterscheidet sich die konkrete Ausgestaltung stark voneinander.

Zentral ist dabei die Überzeugung, dass Gott – verkörpert durch die Lehren Jesu – die einzige Autorität sei, die für einen Christen verantwortlich ist, und die Person daher allein ihrem Gewissen verpflichtet ist. Daher übte auch der Individualanarchismus von Henry David Thoreau eine große Anziehungskraft auf christliche Anarchisten aus.

Die meisten christlichen Anarchisten sind der Auffassung, dass Regierungen und Kirchen keine Macht über sie oder andere Menschen haben sollten. Viele meinen, dass nur Anarchismus in Form der Verweigerung gegenüber jeder institutionellen Interpretation von Glaubensregeln mit Jesu Verkündigung vereinbar sei. Sie gehen davon aus, direkt mit Gott kommunizieren zu können und dafür kein Priestertum zu benötigen. Vielfach äußert sich die anarchistische Kritik daher auch in einem latenten oder offenen Antiklerikalismus.

Der christliche Anarchismus beruft sich auf das Urchristentum mit der Gütergemeinschaft der Jerusalemer Urgemeinde und seiner Forderung nach einfachem Leben. Der größte Teil der christlichen Anarchisten ist strikt pazifistisch.

Christliche Anarchisten kritisieren die Entwicklung des Christentums und sehen den Paulinismus als Abkehr von den urchristlichen Prinzipien der Gewaltlosigkeit, des einfachen Lebens und der Freiheit, und kritisieren andererseits die konstantinische Wende als Verbindung von Staat und Religion.

Ein einflussreiches Buch war Lew Nikolajewitsch Tolstois Das Himmelreich in euch.[1]. Die Christen unter den Tolstojanern versuchten dessen Ideen im Sinne eines Christlichen Anarchismus weiterzuentwickeln.

Die Gründer und viele Aktivisten des Catholic Worker Movement haben einen anarchistischen Hintergrund, ebenso wie einige befreiungstheologische und christlich-mystische Ansätze.

Bekannte Vertreter[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Harms, Jens (Hg.): Christentum und Anarchismus. Beiträge zu einem ungeklärten Verhältnis. Athenäum, Bodenheim, 1988. ISBN 978-3-610-09111-8
  • Sebastian Kalicha (Hg.): Christlicher Anarchismus. Facetten einer libertären Strömung. Verlag Graswurzelrevolution, Münster, 2013. ISBN 978-3-939045-21-2

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Christoyannopoulos, Alexandre (2010) Christian Anarchism: A Political Commentary on the Gospel, Seiten 19 und 208
  2. Giuseppe Galzerano, Giovanni Passannante, Galzerano editore, Casalvelino Scalo, 2004