Citizen Science

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Mit Citizen Science (Bürgerwissenschaft) wird im angelsächsischen Sprachraum eine Form der Wissenschaft bezeichnet, bei der Projekte unter Mithilfe oder komplett von interessierten Amateurinnen und Amateuren [lat. amator “Liebhaber”] durchgeführt werden. Sie melden Beobachtungen, führen Messungen durch oder werten Daten aus.

Prinzip[Bearbeiten]

Nach der Art und Weise der Bürgerbeteiligung wird unterschieden zwischen einer starken Bürgerwissenschaft, die von wissenschaftlich interessierten Bürgern betrieben wird, die an der Formulierung von Forschungsfragen und Gestaltung von Forschungsprogrammen beteiligt sind oder in Beratungsgremien an der Forschung mitwirken, und einer schwachen Bürgerwissenschaft (Citizen Science light), bei der Freiwillige lediglich Daten sammeln, die zu Forschungszwecken verwendet werden (zum Beispiel zum Vorkommen von Tierarten in verschiedenen Regionen). Dann findet Citizen Science als Crowdsourcing-Prozess statt.

Geschichte[Bearbeiten]

Bis zur Spezialisierung der Wissenschaften Ende des 18. Jahrhunderts, dem Aufkommen von technischen Universitäten und der Ausbildung eines modernen Wissenschaftsbetriebs war die Citizen Science sogar die Regel, von Francis Bacon über Isaac Newton und Leibniz bis Benjamin Franklin, Charles Darwin, Karl Marx. Im 19. Jahrhundert entstanden bürgerschaftlich getragene wissenschaftliche Vereine z. B. zur Naturkunde. Die eigenständigen Forschungsverbünde konnten selbstbestimmten Forschungsprogrammen folgen und eine andere Art von Wissen fördern als das an Universitäten gelehrte. Sie boten aber auch eine intellektuelle und institutionelle Basis für die Gründung neuer Universitäten wie z. B. die Universität Frankfurt. Aus sozialistischen Bewegungen gingen z. B. Arbeiterbildungsvereine hervor, die eigene Wege der Forschung insbesondere zu den Bereichen Gesellschaft, Wirtschaft und Politik entwickelten und die ihrerseites neue Forschungsfelder für Universitäten z. B. Soziologie eröffneten.

Im 20. Jahrhundert wurde Citizen Science vor allem im Bereich der Geisteswissenschaften betrieben, deren Forschungen weniger von aufwändigen und teuren technischen Apparaturen abhängig ist als die naturwissenschaftliche Forschung. Angesichts von technischen und sozialen Veränderungen durch die Industrialisierung wurden von interessierten Bürgern, die sich z. B. in Initiativen organisierten (Neue Soziale Bewegungen), gesellschaftlich relevante Fragen z. B. zu Umweltverschmutzung und Naturschutz oder zur Lokalgeschichte und Alltagskultur aufgeworfen, denen sich z. B. bürgerschaftlich getragene Geschichtsvereine und -werkstätten zuwandten.

Im Zuge der kommunikativen Vernetzung durch das Internet, der Zunahme an sozialen Netzwerken, einem Pervasive Computing und der Entwicklung und Verbreitung von Mikroelektronik wird die Ausübung einer Bürgerwissenschaft immer einfacher: je mobiler und kleiner die technischen Geräte werden (IR-Spektrometer, Mikroskope, Tomographen, schnell verfügbare Karten und Luftbilder, etc.), desto einfacher handhabbar sind sie für den Bürger.

Verfechter einer Citizen Science bzw. „Demokratisierung von Wissenschaft“ waren Paul Feyerabend sowie Erwin Chargaff,[1] der die finanzstarke, von staatlichen Zuwendungen abhängige technokratisch-bürokratische Wissenschaft seit 1950 kritisierte und wieder für eine „Amateur-Wissenschaft“ plädierte, also eine Wissenschaft, ausgeübt nicht von Universitäten und Experten, sondern von bürgerlichen „Amateuren“, die im Wortsinne die Forschung „liebend“ bzw. aus persönlicher Neigung her betreiben.

Ob die Bürgerwissenschaft allerdings eine gangbare Alternative darstellt, die für mehr Transparenz und demokratische Steuerung in den Wissenschaften sorgen kann, wird sehr kontrovers diskutiert.[2][3]

„Dass die Bürgerforscher neue epistemische Standards setzen, war, obgleich Peter Finkes [propagierte] "citizen scientists" seit der Aufklärung längst hilfreich mitwirken im wissenschaftlichen Routinebetrieb, weder für Thomas Kuhn vorstellbar noch für Karl Popper oder den wissenschaftlichen Demokraten schlechthin, Ludwik Fleck. Es wäre wohl auch ein Rückschritt in die Zeiten, als die Wissenschaft gezwungen war, ihre Autorität und Erfolge gegen Pseudowissenschaften aller Art zu verteidigen.“

Joachim Müller-Jung[2]

Im weiteren Sinn ist auch die Autorenschaft in der Wikipedia häufig eine Form von Citizen Science, denn Sachartikel zu wissenschaftlichen Themen werden nicht selten von fachfremden Autoren geschrieben. Allerdings entfällt bei Wikipedia der Forschungsaspekt der Bürgerwissenschaft, da sie als Enzyklopädie nur gesichertes Wissen darstellt.

Beispiele[Bearbeiten]

Die meisten der bekannten Projekte entfallen zwar auf die Citizen Science light Variante, aber nicht bei allen beschränkt sich die Mitarbeit von Laien nur auf Datensammlerei, z. B. Hobby-Astronomen, die Asteroiden oder Pulsare entdecken.[4] Im Online-Spiel „Foldit[5] beispielsweise können Laien selbst Protein-Faltungsstrukturen designen und gar stabilere Formen (z. B. von Fibronectin) finden, die dann wiederum in kostenintensiven Labors an den Universitäten synthetisiert werden können (Hand, 2010).

Vereinigte Staaten[Bearbeiten]

Das seit längstem stattfindende Projekt ist das Vogelzähl-Projekt der National Audubon Society, Christmas Bird Count, das im Jahre 1900 begann. Andere bekannte Beispiele sind das „World Water Monitoring Day“-Projekt,[6] NASA’s Stardust@home und Clickworkers und das Galaxy Zoo project, eine Vielzahl von Projekten des Cornell Laboratory of Ornithology,[7] wie zum Beispiel Ebird, NestWatch,[8] Project FeederWatch,[9] Celebrate Urban Birds..[10] Beim Old Weather Project helfen Laien bei der Transkription von Klimadaten aus US-Schiffslogbüchern ab der Mitte des 19. Jahrhunderts. Mit Hilfe dieser Daten sollen bessere Klimamodelle erstellt werden.[11]

Eine wichtige Rolle spielt Citizen Science bei der Entdeckung und Überwachung von biologischen Invasionen. Nicht nur werden eingeschleppte Arten meist von Bürgerinnen und Bürgern entdeckt, oft helfen sie auch bei deren Monitoring. Da invasive Arten sich schnell über große Gebiete ausbreiten können, ist eine Überwachung dieser Ausbreitung nur mit Hilfe von Ansässigen möglich. Einerseits kann die Untersuchung auf diese Weise kosteneffizient durchgeführt werden (dies ist auch ein großer Kritikpunkt an Citizen Science; Aufgaben, die von Behörden durchgeführt werden sollten, werden von Bürgerinnen und Bürgern kostenlos gemacht), andererseits fließen auch die Kenntnisse von Ortskundigen ein, die ihre Umwelt genau kennen und so bessere Daten liefern. Ein gut dokumentiertes Beispiel hierfür wäre ein Monitoring zweier eingeschleppter Krabbenarten an der Ostküste der Vereinigten Staaten.[12]

Deutschland[Bearbeiten]

Beispiele aus Deutschland sind naturgucker.de oder Mückenatlas. Ein weiteres ist das seit 2005 durchgeführte Projekt Tagfalter-Monitoring Deutschland[13], mit etwa 500 Beteiligten. Ein Überblick über weitere in Deutschland laufende Projekte findet sich auf der Plattform "Bürger schaffen Wissen".[14]

Österreich[Bearbeiten]

Beispiele aus Österreich sind naturbeobachtung.at[15], Stunde der Wintervögel [16], dem Biodiversitätsmonitoring mit LandwirtInnen [17], der Meldeplattform von Amphibien und Reptilien[18] und dem Sparkling Science Projekt Viel-Falter [19]. Das Projekt Viel-Falter beschäftigt sich zudem mit der Frage, ob und wie von Schülerinnen und Schülern gesammelte Daten über das Vorkommen von Schmetterlingen als Unterstützung für ein dauerhaftes Biodiversitäts-Monitoring in Österreich herangezogen werden können. Ein weiteres Beispiel ist das seit März 2014 laufende Projekt Roadkill, in dem die Erfassung und zukünftige Vermeidung von im Straßenverkehr getöteten Wirbeltieren im Fokus steht.[20] An der Universität für Bodenkultur Wien (BOKU) wird der Citizen Science Ansatz in der Lehre unter Beteiligung von mehreren Hundert Studierenden eingesetzt.[21]

Literatur[Bearbeiten]

  • Erwin Chargaff: Das Feuer des Heraklit. 1979.
  • Paul Feyerabend: Erkenntnis für freie Menschen. 1978.
  • Peter Finke: Citizen Science: Das unterschätzte Wissen der Laien. oekom verlag, München 2014, ISBN 978-3-86581-466-1.
  • Janis L. Dickinson, Rick Bonney: Citizen Science: Public Participation in Environmental Research. Cornell University Press, 2012.
  • Michael Hagner: Wissenschaft und Demokratie. Suhrkamp, 2012, ISBN 978-3-518-26047-0.
  • Eric Hand: Citizen Science: People Power. In: Nature. Band 466 (2010), S. 685–687.[22]
  • Michael Vogel: Die Macht der Sterngucker. In: Bild der Wissenschaft. Heft 9 (2010), S. 47 ff. (über Hobbyastronomen und ihre Entdeckungen)

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Erwin Chargaff: Ernste Fragen.
  2. a b Joachim Müller-Jung: Avanti Dilettanti? Forschung von Laien für Laien: Nach der Rede von Akademiepräsident Günter Stock wird heftig über die sogenannte „Bürgerwissenschaft“ debattiert. In: FAZ. 3. September 2014.
  3. Demokratisierung der Wissenschaft: Pluralismus ist nicht erwünscht. In: TAZ. 4. Juli 2014.
  4. Einstein@Home
  5. Foldit
  6. World Water Monitoring Day
  7. Cornell Laboratory of Ornithology Projects
  8. NestWatch
  9. Project FeederWatch
  10. Celebrate Urban Birds
  11. Old Weather Project
  12. biology.mcgill.ca
  13. Tagfalter Monitoring
  14. Projektübersicht bei "Bürger schaffen Wissen"
  15. naturbeobachtung.at
  16. Stunde der Wintervögel
  17. Biodiversitätsmonitoring mit LandwirtInnen
  18. Meldeplattform von Amphibien und Reptilien
  19. Viel-Falter
  20. Projekt Roadkill
  21. Roadkill-App
  22. Citizen Science: People power: Nature News