Doggerland

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Paläogeografische Darstellung der Nordsee vor etwa 9000 Jahren, bevor Doggerland vom Festland getrennt wurde.
Satellitenaufnahme der Nordsee, rot umrandet die Doggerbank.

Doggerland entstand während der Weichsel-Eiszeit und bildete bis zum Meeresanstieg nach der letzten Kaltzeit (Weichseleiszeit) eine zusammenhängende Landmasse zwischen den Britischen Inseln und Kontinentaleuropa, die für viele Jahrtausende von steinzeitlichen mittelsteinzeitlichen Jägern und Sammlern besiedelt war.

Bezeichnung[Bearbeiten]

Benannt wurde das versunkene Land 1998 durch B. J. Coles nach der Doggerbank, einer ausgedehnten Untiefe in der Nordsee, rund 100 km vor der britischen Ostküste und 125 bis 150 km von der dänischen Westküste.[1]

Doggerland, dargestellt von Clement Reid, mit Flussrichtung von Rhein und Themse nach Norden. Inzwischen ist aber allgemein anerkannt, dass sie spätestens seit dem Ende der Saaleeiszeit im Kanalbett bei Dover flossen.
Karte mit anderer Darstellung der vermutlichen Lage und Ausdehnung von Doggerland etwa vor 10.000 Jahren, mit zusätzlicher Darstellung der damaligen Landflächen im heutigen Viking (Seegebiet) und um die Shetlandinseln.

Topographie[Bearbeiten]

Das Doggerland hatte vor 10.000 Jahren (8000 v. Chr.) ungefähr eine Fläche von 23.000 km2. Es lag in der südlichen Nordsee und verband das damalige Kontinentaleuropa – die Niederlande, Deutschland und Dänemark – mit der Ostküste Großbritanniens.[1]

Zu Beginn des Pleistozäns und vor der Weichseleiszeit mündete der Rhein nördlich der Doggerbank in den Atlantik, wie rund 65 Mio. Jahre alte Ablagerungen (Schluff) aus dem Känozoikum in East Anglia zeigen. Während der letzten Kaltzeit war der südliche Teil der Nordsee – zwischen der Doggerbank und dem Ärmelkanal – ein Binnensee, in den die Flüsse Themse, Seine, Maas, Rhein[2] und nordeuropäische Gletscher entwässerten. Der Ausfluss des Sees mündete in einem gemeinsamen Bett im damals trockenen Ärmelkanal in den Atlantik und bildete den größten Strom Europas.[3]

Während der Weichseleiszeit waren enorme Wassermengen im Eis der Gletscher gebunden: Der Meeresspiegel lag regressionsbedingt bis zu 120 m tiefer und die Küstenlinien verliefen vor etwa 12.000 Jahren rund 600 km nördlicher als heute. Weite Teile der heutigen Nordsee bildeten in der Mittelsteinzeit das Doggerland. Doggerland wurde während der Weichseleiszeit größtenteils nicht von den nördlichen Eisschilden überdeckt. Es war von Tundren auf Permafrostböden bedeckt, durch Solifluktion bildete sich eine hügelige Landschaft.[4] Am Ende der Weichseleiszeit lag der Meeresspiegel noch etwa 60 m unter dem heutigen Normalnull. Die Küste verlief weiterhin nördlich von Doggerland. Die Britischen Inseln und das europäische Festland bildeten eine zusammenhängende Landmasse.

Die University of Birmingham hat im Rahmen des Forschungsprojekts Mapping Doggerland von Vince Gaffney[5] und seinen Kollegen des Visual and Spatial Technology Centre (VISTA) eine flache Landmasse von rund 23.000 km2 in einem Computermodell nachgebildet, mit einem weitverzweigten Netz von Flussläufen, einer Vielzahl kleiner Seen und einem zentralen Süßwasser-Binnenmeer. Die Daten für das Projekt lieferte die norwegische Firma Petroleum Geo-Services ASA (PGS); ihr Kerngeschäft ist die geophysikalische Untersuchung von Meeresböden.[6][7] Unter den zahlreichen Flüssen markierte sich 10 m unter dem Schlick der Doggerbank der nach Fred Shotton (1906–1990) benannte Shotton River, sowie der große Binnensee Outer Silver Pit, der später zu einem riesigen Delta-System mehrerer Flüsse mutierte und sich noch heute als Tal auf dem Grund der Nordsee abzeichnet.[8]

Auf dem Sommertreffen der britischen Royal Society 2012 wurde ein Atlas von Doggerland präsentiert. Dieser dokumentiert laut Richard Bates, Geochemiker an der University of St. Andrews, dass das Land deutlich größer war als von der bisherigen Lehre angenommen.[9]

Untergang[Bearbeiten]

Als es zu Beginn des Holozäns wärmer wurde, stieg der Meeresspiegel in zwei Jahrtausenden (vor 10.000 Jahren bis vor 8000 Jahren) um 35 m (von 60 m unter heutigem Normalnull auf 25 m unter NN), pro Jahr also um fast 2 cm.[10] Ausgelöst hat diese Veränderungen der Zusammenbruch des nordamerikanischen Inlandeises, des damals ausgedehntesten Eisschilds auf der Nordhalbkugel. Dies trug zu Anfang des Mittelholozäns zu einem raschen Anstieg des Meeresspiegels um etwa 120 Meter (im Vergleich zum Minimalstand der Eiszeit) bei. Damit ging zum einen die Überflutung weiter Küstenräume einher, und letztlich bildeten sich die heutigen Küstenlinien aus, (Flandrische Transgression, Dünkirchener Transgression). Zum anderen wurden einige Nebenbecken des Atlantiks überspült und so zu Nebenmeeren.

Die rasch ansteigende Nordsee überflutete die Küsten Doggerlands, der höchstgelegene Teil wurde eine Insel. Vor etwa 8200 Jahren wurde ein großer Teil der verbliebenen Doggerland-Insel im Storegga-Ereignis durch mindestens vier 8–9 m hohe Tsunamiwellen überflutet.[11] Der Meeresspiegelanstieg nahm dann an Geschwindigkeit ab. Das Wattenmeer entstand ungefähr im selben Zeitraum, und in der darauf folgenden Zeit wechselten Phasen stärkeren Wasseranstiegs (Transgression) mit Wassersenkung (Regression).[12]

Vor etwa 7000 Jahren (womöglich auch früher) wurden die dänischen Inseln und Großbritannien vom europäischen Festland getrennt; ein Vorgang, der durch eine Serie verheerender Sturmfluten begleitet wurde.

Archäologie[Bearbeiten]

Seit die Nordsee systematisch mit Schleppnetzen befischt wird, haben sich wiederholt Knochen von Landtieren verfangen. Der britische Paläobotaniker Clement Reid (1853–1916) begann Ende des 19. Jahrhunderts die ungewöhnlichen Funde systematisch zu untersuchen.[13][14] Auch früher schon hatten Berichte für Aufmerksamkeit gesorgt, dass bei einer Springtide bis nah an die Küste Englands alte Baumstümpfe im Schlick der Ebbe zum Vorschein kamen. Sie wurden noch bis ins 20. Jahrhundert bei den Briten „Noahs Wälder“ genannt und gaben zu allerlei Spekulationen Anlass.[8] Im September 1931 fanden Fischer in ihren Schleppnetzen ein großes Stück Torf, das eine 21,6 cm lange prähistorische Harpune aus Knochen mit kunstvollen Verzierungen preisgab,[15] deren Entstehung nach C14-Datierung auf ca. 11.740 v. Chr. geschätzt wird.[16]

1998 veröffentlichte Bryony J. Coles, Privatdozentin an der Archäologischen Fakultät der University of Exeter, die ersten Ergebnisse ihrer Forschungen und initiierte das Doggerland Project.[1][17] Dieses fördert die weitere interdisziplinäre Erforschung des versunkenen Landteils: Schwerpunkte sind die Auswertung der geologischen Untersuchungen in der Nordsee und weiterer Daten und deren Interpretation im Hinblick auf die kulturgeschichtliche Entwicklung der nordeuropäischen Bevölkerung der späten Altsteinzeit bis in die Jungsteinzeit.[18] Ein erstes Ergebnis ist das erwähnte Computermodell von Doggerland, der nächste Schritt ist die Vorbereitung einer gezielten archäologischen Untersuchung möglicher Wohnplätze respektive Fundstellen.[7]

Im August 2011 erteilte die Deutsche Bundesregierung einen Auftrag zur systematischen archäologischen Prospektion der Nordsee, auch außerhalb der 12-Seemeilen-Zone, an das Deutsche Schiffahrtsmuseum in Bremerhaven, da zahlreiche archäologische Fundplätze durch geplante Bauvorhaben bedroht sind.[19]

Kulturgeschichtliche Bedeutung[Bearbeiten]

Harpunenformen aus der Steinzeit, hier dem Magdalénien; (1: Mas d’Azil, 2: Bruniquel, 3, 4, 5: La Madeleine; 6, 7: Lortet), teilweise mit eingesetzten Mikrolithen.

Für die Menschen der Mittelsteinzeit bildete die Doggerbank eine gerade 90 m hohe langgezogene Erhebung; das europäische Festland erholte sich noch weitgehend von den sich zurückziehenden Eispanzern, so dass die Landfläche für die menschliche Besiedlung im Mesolithikum bis vor 8000 Jahren optimale Bedingungen geboten haben könnte. Im wärmer werdenden Klima des Holozäns wich die Tundrenvegetation der Eiszeit zunehmend einer Bewaldung durch Birken und Kiefern. Die Tundra verlegte ihren Vegetationsgürtel nach Norden.[20] Die bisherige Forschung lässt auf eine Landmasse schließen, die bis vor rund 8000 Jahren gemäß vereinzelten archäologischen Funden von mittelsteinzeitlichen Jägern und Sammlern bewohnt war.[7][21]

Die taigaähnliche Landschaft bot in der Mittelsteinzeit optimale Lebensbedingungen für Tiere und Pflanzen, mit einem reichhaltigen Nahrungsangebot, insbesondere in und entlang den zahlreichen Flüssen und dem großen Binnensee wohl auch intensiver Fischfang. Die Menschen in Mitteleuropa lebten während des Mesolithikums weitgehend von der Jagd auf einzelne Beutetiere anstatt auf Herden wie in der Altsteinzeit, sowie von pflanzlicher Nahrung. Das Wohnverhalten zeichnete sich wohl bereits durch reduzierte Mobilität bei zunehmender Konzentration von saisonalen Wohnplätzen an Gewässerküsten und entlang von Wasserläufen sowie durch komplexere und stärker hierarchisch gegliederte Sozialstrukturen aus. Doggerland verschwand vor rund 8000 Jahren: Zunächst versalzten die Uferwiesen, wurden immer feuchter, bis sie ganz unter Wasser lagen und die mittelsteinzeitlichen Bewohner sich neue Lebensräume suchen mussten. Mit dem Rückzug der eiszeitlichen Gletscher stiegen die Meeresspiegel, das Land hob sich an, das bewohnbare Gebiet schrumpfte einerseits, andererseits gaben die Eisschilde neues Land frei.

Rezeption[Bearbeiten]

Ein Mammut-Unternehmen, Teil fünf der BBC-Dokumentation Die Erben der Saurier, ist teilweise auf der trocken liegenden Nordsee angesiedelt, ebenso die Folge Britain’s Drowned World der Archäologie-Dokumentation Time Team von Channel 4.[22]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. a b c B. J. Coles: Doggerland. A speculative survey. In: Proceedings of the Prehistoric Society. Awarded Baguley Prize, London 1998, S. 45–81, ISSN 0079-497X
  2. Marc Hijma: The southern North Sea? Rhine-Thames land! In: Jan Mees, Jan Seys (Hrsg.): Book of abstracts - VLIZ Young Scientists’ Day, VLIZ Special Publication 67, Brugge 2014, S. 170-173.
  3. Berliner Morgenpost (16. September 2006): Ärmelkanal war vor 20.000 Jahren ein Fluss
  4. Gregor C. Falk: Die Paläogeomorphologie ausgewählter Standorte der schleswig-holsteinischen Nordseeküste im Früh- und Mittelholozän. (PDF) Berlin: Fachbereich 07 – Umwelt und Gesellschaft der Technischen Universität Berlin 2001, Dissertation, S. 20.
  5. Website VISTA, Vincent Gaffney (englisch)
  6. Petroleum Geo-Services (englisch)
  7. a b c The University of Exeter, Department of Archaeology: Doggerland Project (englisch)
  8. a b Angelika Franz: Atlantis in der Nordsee. in: Epoc. Spektrum, Heidelberg 2009,2, 86f. ISSN 1865-5718
  9. Axel Bajanowski, Steinzeit: Karte zeigt das versunkene Herz Europas, in: spiegel-online vom 6. Juli 2012.
  10. Gregor C. Falk: Die Paläogeomorphologie ausgewählter Standorte der schleswig-holsteinischen Nordseeküste im Früh- und Mittelholozän. (PDF) Berlin: Fachbereich 07 – Umwelt und Gesellschaft der Technischen Universität Berlin 2001, Dissertation, S. 21.
  11. Bernhard Weninger, Rick Schulting, Marcel Bradtmöller, Lee Clare, Mark Collard, Kevan Edinborough, Johanna Hilpert, Olaf Jöris, Marcel Niekus, Eelco J. Rohling, Bernd Wagner: The catastrophic final flooding of Doggerland by the Storegga Slide tsunami. In: Documenta Praehistorica XXXV 2008.
  12. Karl Heinz Behre: Die Schwankungen des mittleren Tidehochwassers an der deutschen Nordseeküste in den letzten 3000 Jahren nach archäologischen Daten. In: Coastline Reports. Leiden 2004,1. ISSN 0928-2734
  13. C. Reid: Submerged Forests. Cambridge University Press, 1913.
  14. Western Kentucky University: Chrono–Biographical Sketch Clement Reid (englisch).
  15. J. G. D. Clark: The Mesolithic Settlement of Northern Europe. Cambridge: University Press, 1936.
  16. The lost world: Doggerland
  17. University of Exeter, Department of Archaeology: Prof Bryony Coles BA MPhil FSA
  18. B. J. Coles: Doggerland’s loss and the Neolithic. In: B. Coles, J. Coles, M. Schou Jorgensen (Hrsg.): Bog Bodies, Sacred Sites and Wetland Archaeology, 12. Department of Archaeology, University of Exeter: WARP (Wetland Archaeology Research Project) Occasional Paper 1999, S. 51–57.
  19. Suche nach versunkenen Kulturen in der Nordsee Radio Bremen (Abgerufen am 12. August 2011).
  20. Hubert H. Lamb: The course of postglacial climate. In: Anthony F. Harding (Hrsg.): Climate change in the later prehistory. Edinburgh 1982, S. 11–33, ISBN 0-85224-425-8.
  21. W. Patterson: Coastal Catastrophe. University of Saskatchewan (paleoclimate research document) (PDF–Datei, englisch; 446 kB).
  22. Channel 4: Britain’s Drowned World, Time Team, Erstausstrahlung am 24. April 2007 (englisch).

Literatur[Bearbeiten]

  • V. Gaffney, K. Thomson, S. Fitch (Hrsg.): Mapping Doggerland. The Mesolithic Landscapes of the Southern North Sea. In: Archaeopress, Oxford 2007, ISBN 978-190-573-5.
  • B. J. Coles: Doggerland, the cultural dynamics of a shifting coastline. In: K. Pye, S. R. L. Allen (Hrsg.): Coastal and Estuarine Environments. Sedimentology, Geomorphology and Geoarchaeology. In: Geological Society Special Publication Nr. 175, 2000, S. 393–401, ISBN 1-86239-070-3.
  • B. J. Coles: Doggerland’s loss and the Neolithic. In: B. Coles, J. Coles, M. Schon Jorgensen (Hrsg.): Bog Bodies, Sacred Sites and Wetland Archaeology. WARP Occasional Paper 12. Exeter 1999, S. 51–57, ISBN 0-9519117-5-9.
  • B. J. Coles: Doggerland, a speculative survey. In: Proceedings of the Prehistoric Society. Awarded Baguley Prize, London 1998, S. 45–81, ISSN 0079-497X.
  • Laura Spinney: Archaeology. The lost world. In: Nature. 2008,454, Juli 2008, S. 151–153, doi:10.1038/454151a}.
  • Simon Fitch, Vince Gaffney, Ken Thomson: In sight of Doggerland: From speculative survey to landscape exploration. In: Internet Archaeology 22, Nr. 3, 2. Oktober 2007.

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Doggerland – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien