Ärmelkanal

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Ärmelkanal
Blick vom Cap Gris-Nez über den Kanal auf die Kreidefelsen von Dover
Blick vom Cap Gris-Nez über den Kanal auf die Kreidefelsen von Dover
Verbindet Gewässer Nordsee
mit Gewässer Atlantischer Ozean
Trennt Landmasse Großbritannien
von Landmasse Europa
Daten

Geographische Lage

50° 11′ N, 0° 32′ W50.183611111111-0.53111111111111Koordinaten: 50° 11′ N, 0° 32′ W
Karte von Ärmelkanal
Geringste Breite 34 km
Küstenorte Le Havre, Saint Malo, Southampton, Portsmouth, Plymouth
Inseln Kanalinseln, Isle of Wight
Ärmelkanal, Satellitenbild
Ärmelkanal, Satellitenbild

Der Ärmelkanal (englisch English Channel, wörtlich ‚Englischer Kanal‘; französisch La Manche, wörtlich ‚Der Ärmel‘; bretonisch Mor Breizh, wörtlich ‚Bretonischer See‘; kornisch Mor Bretannek, wörtlich ‚Britischer See‘;) ist ein Meeresarm des Atlantiks und verbindet diesen über die Straße von Dover mit der Nordsee.

Geographie[Bearbeiten]

Der Ärmelkanal liegt zwischen Großbritannien im Norden und Frankreich im Süden. Nach der Definition der International Hydrographic Organization wird die Ostgrenze zur Nordsee durch eine Linie gebildet, die etwa zehn Kilometer östlich der Line Dover-Calais zwei historische Landmarken[1] verbindet. Die Westgrenze wird durch die Linie von Land’s End zum Leuchtturm der Île Vierge gebildet.

Im Kanal liegen die britischen Kanalinseln und die Isle of Wight, die von einem Seitenarm, dem Solent, umschlossen wird. Der größte Fluss, der in den Kanal mündet, ist die Seine. Bekannte Städte am Kanal sind Southampton und Plymouth (beide Großbritannien) und Le Havre (Frankreich).

Der Ärmelkanal ist maximal 248 km breit. Die schmalste Stelle ist die Straße von Dover (engl. Strait of Dover, frz. Pas de Calais) im Osten – die Strecke von Dover nach Cap Gris-Nez misst nur 34 km. Der Kanal hat in der Nähe des offenen Atlantiks eine durchschnittliche Tiefe von 120 m; an der östlichen Einmündung in die Nordsee sind es seichtere 45 m.

Name[Bearbeiten]

Der etwa 563 Kilometer lange Ärmelkanal setzt als Meeresarm den Atlantik Richtung Osten fort und verjüngt sich dabei wie ein menschlicher Arm oder Kleidungs-Ärmel, woher auch der deutsche Name Ärmelkanal stammt.

Die Römer nannten das Seegebiet in der Antike Oceanus Britannicus, was unter anderem bei Claudius Ptolemaeus belegt ist. Dieser Name wurde auch beinahe das gesamte Mittelalter hindurch benutzt oder in die jeweilige Sprache übersetzt. Eine Bezeichnung, die auf Englischer Kanal hindeutet, findet sich vermutlich erstmals auf einer italienischen Karte[2] von 1450 als Canalites Anglie. Diese Bezeichnung wurde auch auf den Karten der damals in Nordeuropa führenden Seefahrtsnation auf Niederländisch als Het Engelse Kanaal benutzt, der sich seit spätestens dem 18. Jahrhundert auch in England als The English Channel durchsetzte. Englischsprechende Nord- und Westeuropäer lassen meistens die Beschränkung English weg, insbesondere, wenn eine Verwechselung mit anderen Kanälen ausgeschlossen ist.

Wegen des zunehmenden Gegensatzes zwischen Frankreich und England Ende des Mittelalters und zu Beginn der Neuzeit erschien es den Franzosen unzumutbar, mehrere hundert Kilometer ihrer Küstengewässer Britisch zu nennen. Bis zum 17. Jahrhundert entwickelte sich, inspiriert durch die Ärmelform der Küstenlinie, der Name La Manche. Dass diese Bezeichnung einer Auffassung als Meeresarm (frz. bras de mer) zu verdanken sei, ist unwahrscheinlich, da die französische Bezeichnung in diesem Fall Le Bras lauten müsste. Das französische Département Manche ragt in die Kanalmitte und ist nach dem Kanal benannt.

Geologie[Bearbeiten]

Während der letzten Eiszeiten war der Wasserstand bis zu 120 Meter niedriger als heute. Die Nordseeküste lag etwa 600 Kilometer nördlich ihrer jetzigen Lage, das Gebiet des Ärmelkanals war bis auf das westliche Ende Festland (s. Doggerland). Nach letzten Forschungen gab es einen breiten Fluss, der sich entlang des heutigen Ärmelkanals dahinzog und durch Rhein, Seine und Themse als Nebenflüsse gespeist wurde. Dieses Flusssystem war vermutlich das größte, das jemals in Europa entstand.[3]

Als das Wasser nach der Eiszeit langsam zu steigen begann, bildete sich im südlichen Nordseebecken ein großer Süßwassersee, der durch die Doggerbank nach Norden und durch eine Kreideverbindung nach Westen abgesperrt war. Die Kreide zwischen den heutigen Städten Dover und Calais war etwa 6500 v. Chr. so weit erodiert, dass das Wasser der südlichen Nordsee über den Ärmelkanal in den Atlantik abfließen konnte. Die letzte Landverbindung zwischen Großbritannien und dem Kontinent verschwand vor etwa 7000 Jahren.

Wellen und Winderosion tragen die Kreide an dieser Stelle ständig weiter ab, so dass sich der Kanal auch heute noch langsam verbreitert. Erst als der Wasserstand weiter stieg, bildete sich das durchgehende Nordseebecken, so dass heute das Wasser aus dem Atlantik über den Ärmelkanal in die Nordsee fließt und an der norwegischen Küste entlang in den Atlantik zurückkehrt.

Tunnelprojekt der Kanalgesellschaft[Bearbeiten]

Im Jahr 1875 begann die Kanalgesellschaft bei Sangatte mit einem Tunnelbau. In England wurde zur selben Zeit bei Abbotscliff mit Kanalarbeiten begonnen. Bis 1882 wurden auf beiden Seiten jeweils ca. 1.800 Meter Tunnel gebaut. Da England eine spätere Invasion durch die Franzosen fürchtete, wurden die Arbeiten um 1882 eingestellt.

Der französische Filmpionier Georges Méliès griff die Idee der Untertunnelung des Ärmelkanals mit Eisenbahnverbindung als erster filmisch auf und schuf 1907 den Film Le Tunnel sous la Manche ou le Cauchemar franco-anglais.[4]

Vision Brückenstadt[Bearbeiten]

1962/1963 entwickelten die Architekten Yona Friedman und Eckhard Schulze-Fielitz die Vision einer Brückenstadt über den Ärmelkanal. Das gigantische Bauwerk, eine megastructure aus Tragwerk und eingebauten Modulen, sollte die Funktionen einer Stadt übernehmen.

Eurotunnel[Bearbeiten]

Durch den Eurotunnel zwischen Folkestone und Sangatte besteht seit 1994 eine Eisenbahnverbindung zwischen Großbritannien und dem europäischen Kontinent.

Schiffsverkehr[Bearbeiten]

Wichtige Fährverbindungen verkehren zwischen Dover und Calais, Dover und Dünkirchen sowie zwischen Cherbourg und Portsmouth.

Unfälle[Bearbeiten]

Aufgrund des mit täglich 400 bis 500 Schiffen hohen Verkehrsaufkommens im Kanal kommt es immer wieder zu Kollisionen:

  • Der elf Jahre alte Flüssiggastanker Ievoli Sun sank am 31. Oktober 2000 mit 6000 Tonnen giftiger Chemikalien und liegt seitdem in 70 Metern Tiefe. Teile der biologisch abbaubaren Chemikalien liefen in den folgenden Tagen aus.
  • Der 15 Jahre alte Autotransporter Tricolor sank nach einer Kollision am 14. Dezember 2002 mit 2871 Luxuswagen an Bord. In der Folge kollidierten weitere Schiffe mit dem Wrack, das bei Niedrigwasser nur knapp aus dem Wasser ragte. Es dauerte fast zwei Jahre, das Wrack in neun Teile zu zersägen und abzutransportieren.
  • Der mit 10.000 Tonnen Phosphorsäure beladene Chemietanker Ece sank nach einer Kollision am 31. Januar 2006.
  • Am 9. Juni 2006 kollidierten vor der Küste der Grafschaft Sussex zwei Öltanker. Trotz deren Beschädigungen lief kein Öl aus.

Bis auf den Untergang der Amoco Cadiz 1978 sind bisher keine gravierenden Umweltschäden durch größere Tankerunfälle eingetreten.

Zur Regulierung des Schiffsverkehrs wurde im Ärmelkanal eine Reihe von Verkehrstrennungsgebieten eingeführt.

Seeleute auf Vollschiffen nannten den Ärmelkanal ein Meer von Kopf- und Herzweh (engl. sea of sore heads and sore hearts), vor allem, wenn diese Schiffe mit allen Mann an Deck gegen vorherrschende Südwestwinde durch das enge und gefahrvolle Revier nach Westen gesegelt werden mussten.[5]

Bemerkenswerte Kanalquerungen[Bearbeiten]

Hauptartikel: Kanalüberquerung
Straße von Dover

Der Kanal verleitet seit weit über 100 Jahren Menschen zu oft waghalsigen Querungsversuchen. Herausragende Ereignisse sind hier aufgelistet:

  • Die erste Überquerung des Kanals mit einem Gasballon gelang dem Franzosen Jean-Pierre Blanchard und dem US-Amerikaner John Jeffries am 7. Januar 1785, bereits zwei Jahre nach den ersten Ballonfahrten durch die Gebrüder Montgolfier.
  • Erstmals offiziell durchschwommen wurde der Ärmelkanal am 24. und 25. August 1875 von dem Engländer Matthew Webb. Er benötigte für die Strecke von Dover nach Calais 21 Stunden und 45 Minuten.
  • Die erste Frau durchschwamm den Kanal am 7. August 1926. Gertrude Ederle brauchte 14,5 Stunden.
  • Das erste Telefongespräch zwischen Paris und London fand am 18. März 1891 mit Hilfe eines durch den Ärmelkanal verlegten Nachrichtenkabels statt.
  • Louis Blériot überflog im Jahr 1909 als erster Mensch mit einem Flugzeug den Ärmelkanal. Der Flug von Calais nach Dover dauerte 37 Minuten.
  • Von 1948 bis ca. 1980 bestanden spezielle Flugverbindungen unter Verwendung von Flugzeugen der Typen Bristol Typ 170 und Aviation Traders ATL-98, bei denen auch Autos transportiert wurden.
  • Bryan Allen überquerte den Ärmelkanal zwischen Folkestone und Cap Gris-Nez, Entfernung 35,8 km, am 12. Juni 1979 in 2 Stunden und 49 Minuten mit dem Muskelkraft-Flugzeug Gossamer Albatross. Die Masse des Fluggerätes betrug 32 kg bei einem Gesamtgewicht von 100 kg.
  • Am 31. Juli 2003 überquerte Felix Baumgartner als erster Mensch im freien Fall den Ärmelkanal von Dover bis Calais. Er sprang in 9800 Metern Höhe nur mit einem 1,8 Meter Spannweite betragenden Carbonflügel, einer Sauerstoffmaske und einem isolierenden Spezialanzug aus einer Skyvan ab und flog die 36 km lange Strecke mit einer Höchstgeschwindigkeit von 360 km/h in 6 Minuten und 22 Sekunden.
  • Den Rekord für die schnellste Überquerung durch ein Amphibienfahrzeug hält das Gefährt Tonic, das im Jahr 2008 den Kanal in 74 Minuten und 30 Sekunden zwischen Calais und Dover durchquerte.
  • Erstmals durchtaucht wurde der Kanal am 29. Juni 2012 von dem Münchener Achim Schlöffel, der 7 Stunden und 20 Minuten Tauchzeit plus 160 Minuten Dekompressionszeit benötigte, um unter Wasser von Dover aus die französische Küste bei Calais zu erreichen. Der Tauchgang erfolgte mit Hilfe von zwei Tauchscootern und zwei Kreislauftauchgeräten.
  • Die Britin Susan Taylor sammelte via Website mehrere tausend Euro für ein Kinderhospiz und den britischen Diabetes-Verband, sie schwamm Mitte Juli 2013 begleitet von einem Boot der CS&PF, erlitt im Kanal Herzprobleme, wurde von einem Helikopter aufgenommen und starb binnen 2 Stunden im Krankenhaus Boulogne-sur-Mer. „Weniger als 1000 Menschen haben den Ärmelkanal durchschwommen, nur 1 von 10 Menschen, die für den Kanal trainieren schafft es tatsächlich“, beschreibt sie den Kanal als größere Herausforderung als die Besteigung des Mount Everest.[6]

Siehe auch[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

 Wiktionary: Ärmelkanal – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen
 Commons: Ärmelkanal – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Limits of Oceans and Seas, IHO, 3. Edition, 1953
  2. Italienische Karte der Britischen Inseln von ca. 1450, bei British Library
  3. Artikel „Ärmelkanal war vor 20.000 Jahren ein Fluss“ in „Berliner Morgenpost“, Sonnabend, 16. September 2006.
  4. Le Tunnel sous la Manche ou le Cauchemar franco-anglais bei youtube.com
  5.  Kemp, Peter (Hrsg.): The Oxford Companion to Ships and the Sea. 1. Auflage. Oxford University Press, Oxford 1976, ISBN 0-19-211553-7.
  6. KleineZeitung.at, Print-Ausgabe vom 16. Juli 2013, S. 10.