ECM Records

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ECM Records (für Edition of Contemporary Music) ist 1969 ein in München gegründetes Plattenlabel. Es gilt in Teilbereichen des zeitgenössischen Jazz und der zeitgenössischen Klassik als führend [1] und hat (bis 2013) mehr als 1200 Alben veröffentlicht. ECM ist stets unabhängig geblieben, die Distribution wird jedoch länderspezifisch über Vertriebspartner abgewickelt – beispielsweise in Deutschland, Frankreich, Japan, Kanada und den USA vom Großkonzern Universal Music Group.[2]

ECM wurde von Manfred Eicher gegründet; Initiator und Financier war Karl Egger, der bis heute Geschäftsführer des Unternehmens ist und lange Zeit die Geschäftsräume in München-Pasing zur Verfügung stellte. Eicher ist seit der Gründung Produzent und Manager von ECM. Heute ist das Label in Gräfelfing ansässig.

Geschichte[Bearbeiten]

Die erste Produktion war das Album Free at Last des Pianisten Mal Waldron. Es folgten die Produktionen Just Music eines Kollektivs um Alfred Harth, ein als Lizenz erworbenes Trioalbum Paul Bley with Gary Peacock sowie Afternoon of a Georgia Faun des Ensembles von Marion Brown, in dem u. a. Anthony Braxton und Chick Corea sowie Bennie Maupin, Jeanne Lee und Andrew Cyrille spielten.[3]

ECM brachte im Januar 1970 Waldrons Free At Last in einer ersten Auflage von 500 Stück auf den Markt. Dank der Begeisterung für Waldron in Japan folgten bis Jahresende zwei weitere Pressungen. ECM ist damit auch geschäftlich erfolgreich. Eicher produzierte danach Elektroakustische Musik der Music Improvisation Company um Derek Bailey, Hugh Davies, Evan Parker und den Perkussionisten Jamie Muir, eine Platte des Wolfgang Dauner Trios (Output) und Robin Kenyattas Girl from Martinique. Für Aufnahmen mit Jan Garbarek fuhr er nach Oslo, wo er den Toningenieur Jan Erik Kongshaug kennenlernte.[4] Er ließ die Kontrabassisten Barre Phillips und Dave Holland im Studio aufeinandertreffen und nahm mit Bobo Stenson und der Band von Terje Rypdal ebenso auf wie mit dem Chick Corea Trio (mit Dave Holland und Barry Altschul). 1971 kaufte Eicher die Rechte an einem Rundfunkmitschnitt eines Konzertes in Paris, bei dem das aus diesem Trio mit Anthony Braxton entstandene Quartett seine der Creative Music zugewandte Musik präsentierte (das erste Doppelalbum von ECM).

Das Label konzentrierte sich zunächst auf europäischen Free Form und Avantgarde Jazz.[5] Ab 1972 kamen dann zunehmend Produktionen von amerikanischen Jazzmusikern hinzu, die sich aufgrund des Rockmusik-Trends nicht mehr richtig von den großen Plattengesellschaften betreut fühlten.

Im November 1971 ging Eicher zum ersten Mal mit Keith Jarrett ins Studio, um das Solo-Album Facing You einzuspielen.[6] Es folgte die großorchestrale Produktion In the Light und eine erste von ECM betreute Solotournee von Keith Jarrett. 1974 brachte ECM das Dreifach-Album Solo Concerts Bremen/Lausanne heraus mit zwei der ersten frei improvisierten Solokonzerte Jarretts, die auf dieser Tournee entstanden. Ein Jahr später veröffentlichte das Label vom gleichen Interpreten The Köln Concert, das erfolgreichste und meistverkaufte Klavierkonzert unserer Zeit.

Seit 1984 veröffentlicht ECM unter dem Titel ECM New Series auch klassische Musik. Dabei widmet sich ECM sowohl der Neuaufnahme Alter Musik (etwa von Thomas Tallis) als auch der Ersteinspielung zeitgenössischer Komponisten (zum Beispiel von Arvo Pärt, dessen Tabula Rasa den Anfang für dieses Sublabel setzte, oder von György Kurtág)[7].

Mit dem Vertrieb Universal Music hat ECM seine langjährige enge Kooperation im Jahr 2011 vertraglich langfristig verlängert.[8]

Programm[Bearbeiten]

Einige ECM-Produktionen verbinden Jazz und Klassik, insbesondere das wegweisende Album Officium von 1994, das Jan Garbarek gemeinsam mit dem Hilliard Ensemble aufnahm. Zum Gesang des Ensembles aus dem 13. bis 16. Jahrhundert gestaltete Garbarek Saxophon-Soli. Andere Produktionen verbinden im Sinne des Ethno-Jazz nicht-europäische Musikkulturen mit dem Jazz-Idiom, beispielsweise zahlreiche Alben des tunesischen Komponisten und Oud-Virtuosen Anouar Brahem.

Als Markenzeichen von ECM gilt insbesondere der herausragende Klangstandard seiner Aufnahmen, für die bei den meisten Produktionen Jan Erik Kongshaug als Toningenieur verantwortlich ist[9]. Eicher konnte mit den Toningenieuren und Musikern seine eigenen Klangvorstellungen realisieren.[10]

Wichtig für das Erscheinungsbild des Labels ist auch die markante Cover-Gestaltung. Für die Cover war zunächst die Grafikerin Barbara Wojirsch verantwortlich. In den 1980er Jahren folgte ihr Dieter Rehm mit einem sehr ähnlichen Ansatz.[11]

ECM vertreibt auch die Alben des Labels WATT mit der Musik von Carla Bley, Michael Mantler, Karen Mantler sowie Steve Swallow und des brasilianischen Labels CARMO von Egberto Gismonti. Des Weiteren wurde über ECM das Label JAPO vertrieben, auf dem Alben von Mal Waldron, Abdullah Ibrahim, Herbert Joos, Manfred Schoof, Urs Leimgruber und anderen erschienen.

Zahlreiche Filmemacher wie zum Beispiel Michael Mann (Heat, The Insider) oder Theo Angelopoulos (Landschaft im Nebel) greifen auf Musik des Labels ECM zurück. Seit 1991 besteht eine besonders intensive Zusammenarbeit mit Jean-Luc Godard.

Besondere Projekte[Bearbeiten]

1996 brachte ECM ein Buch mit dem Titel Sleeves of Desire heraus, das sich mit der Geschichte der Coverkunst des Labels befasste und alle bis dahin erschienenen Motive auflistete. Das 2009 erschienene Buch Der Wind, das Licht. ECM und das Bild vertieft dieses Thema weiter; es enthält Abbildungen der Cover und Texte von Thomas Steinfeld, Geoff Andrew, Katharina Epprecht, Ketil Bjørnstad und Herausgeber Lars Müller.

Das Buch Horizons Touched: The Music of ECM enthält eine umfangreiche, von Steve Lake und Paul Griffiths zusammengestellte Geschichte des Labels, zu der etwa 20 Autoren, darunter Manfred Eicher selbst, Beiträge beisteuerten. Ergänzt wird das Buch mit Äußerungen zum Label von über 100 Musikern, Gruppen sowie von mit ECM verbundenen Künstlern, wie zum Beispiel dem Regisseur Jean-Luc Godard und dem Cover-Designer Dieter Rehm.

Nils Petter Molvær veröffentlichte zu seinem Debütalbum Khmer, einem Werk, das mit Electronica-Elementen populäres Neuland betrat, zwei CD-Singles und ein Video – dies blieb zunächst ein einmaliges Experiment von ECM. Im Herbst 2009 veröffentlichte ECM DVDs von Filmen: Neben dem von Eicher realisierten Film Holozän nach Max Frisch erschien auch eine DVD mit vier Kurzfilmen von Godard, die dieser zwischen 1993 und 2002 produzierte.

Auszeichnungen[Bearbeiten]

  • 1980: Down Beat: Record Label of the Year
  • 2005: MIDEM Classical Awards: Label of the Year
  • 2007: MIDEM Classical Awards: Label of the Year; Jazz Journalists Association: Label of the Year
  • 2008: Down Beat: Record Label of the Year
  • 2010: Down Beat: Record Label of the Year
  • 2011: JazzWeek Awards: Record Label of the Year
  • 2012: Down Beat: Record Label of the Year

Literatur[Bearbeiten]

  • Rainer Kern, Hans-Jürgen Linke, Wolfgang Sandner (Hrsg.): Der blaue Klang. Musik, Literatur, Film, Tonspuren: Der Wirkungskreis von ECM und der europäisch-amerikanische Musikdialog, Wolke Verlag Hofheim 2010; ISBN 978-3-936000-83-2
  • Steve Lake, Paul Griffiths (Hrsg.): Horizons Touched: The Music Of ECM, Granta Books 2007; ISBN 978-1-86207-880-2
  • Lars Müller (Hrsg.): ECM. Sleeves of Desire. A Cover Story, Princeton Architectural Press 1996; ISBN 978-1-5689-8064-5
  • Lars Müller: Der Wind, das Licht. ECM und das Bild, Lars Müller Publishers, Mannheim 2009; ISBN 978-3-03778-197-5
  • Okwui Enwezor, Markus Müller (Hrsg.): ECM – eine kulturelle Archäologie. München, Prestel 2012. ISBN 978-3-7913-5284-8

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise, Anmerkungen[Bearbeiten]

  1. Für die Zeitung Jazzthetik ist es „das wichtigste europäische Jazzlabel“ (11/2009)
  2. ecmrecords.com
  3. Quelle: ECM Chronik 1970
  4. Interview mit Eicher in der Jazzthetik 11/2009, S. 30-35
  5. Einige dieser frühen Produktionen passen wohl nicht mehr ins Konzept von ECM und wurden als CD nicht wieder aufgelegt. Vgl. Abgleich LP/CD
  6. Ian Carr zufolge war Jarrett von Eichers Klangvorstellungen überzeugt, die er auf einer Testpressung der Chick-Corea-Platte hörte. Vgl. I. Carr Keith Jarrett London 1991, S. 59f.
  7. Bereits zuvor waren aber Aufnahmen von Steve Reich und Meredith Monk auf dem Label erschienen
  8. Universal Music und ECM Records verlängern Label-Vertrag, abgerufen 28. September 2011
  9. Zunächst waren Carlos Albrecht und insbesondere der wie Kongshaug noch sehr junge Martin Wieland vom Tonstudio Bauer in Ludwigsburg für den Klang verantwortlich; das Studio musste sich wegen der Klangvorstellungen Eichers neue Geräte kaufen: „Manfred Eicher war ein junger Produzent, der wusste, was er wollte. Und in meinem Vater [Rolf Bauer] fand er einen gleichgesinnten Technikfreak, mit dem er sich gut verstand“ (Eva Bauer-Oppelland, zit. n. Jazzthetik, 11/2009, S. 36)
  10. Dies macht etwa ein Vergleich von zwei innerhalb eines Jahres aufgenommenen Versionen des Titels Maldoror's War Song mit dem Quartett von Tomasz Stańko deutlich, wobei insbesondere im Schlagzeug-Sound von Tony Oxley große Unterschiede festzustellen sind. Auf der ECM-Aufnahme (Album Matka Joanna) verzichtet Oxley auf einen Gutteil seiner elektronischen Klangerzeuger, die er auf Bosonossa (GOWI) einsetzt, und verwendet stattdessen die für ihn zu dieser Zeit bereits unübliche Snare Drum.
  11. Vgl. Informationen über die Grafiker und Arbeitsbeispiele; einige Cover haben später ein verändertes Cover erhalten, vgl. Auflistung alternativer Cover