Emma Goldman

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Emma Goldman, 1910

Emma Goldman (* 15. Junijul./ 27. Juni 1869greg. in Kowno, heute Litauen; † 14. Mai 1940 in Toronto, Kanada) war eine US-amerikanische Anarchistin und Friedensaktivistin. Sie wurde bekannt durch ihre Schriften und Reden, als „rebellische Frau“ von Anhängern gefeiert und von Kritikern als Fürsprecherin politisch motivierter Morde und gewalttätiger Aufstände verurteilt. [1]

Goldman spielte eine entscheidende Rolle bei der Entwicklung einer anarchistischen politischen Philosophie in den USA und in Europa in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Sie emigrierte im Alter von 17 Jahren in die USA und wurde später nach Russland deportiert, wo sie Zeugin der Auswirkungen der Russischen Revolution von 1917 wurde. Sie verbrachte einige Jahre in Südfrankreich, wo sie ihre Autobiographie „Gelebtes Leben“ und andere Werke verfasste, ehe sie 1936 am Spanischen Bürgerkrieg als englischsprachige Vertretung der Federación Anarquista Ibérica (FAI) in London teilnahm. Sie gilt als herausragende Figur sowohl des US-amerikanischen Anarchismus als auch der frühen US-amerikanischen Friedensbewegung.

Leben[Bearbeiten]

Geburt und frühe Jahre[Bearbeiten]

Emma Goldman, Tochter eines jüdischen Theaterdirektors, wuchs zunächst in Kowno im Russischen Reich (heute Kaunas, Litauen) auf und lebte vom 7. bis zum 13. Lebensjahr bei ihrer Großmutter im ostpreußischen Königsberg, wo sie die Schule besuchte. In der Zeit der politischen Unterdrückung nach dem Attentat auf Zar Alexander II. zog sie im Alter von 13 Jahren mit ihrer Familie nach Sankt Petersburg. Dort arbeitete sie in einer Fabrik als Korsettmacherin und kam in Kontakt mit revolutionären Ideen und mit Arbeiten revolutionärer Anarchisten einschließlich der Geschichte der politischen Attentate im zaristischen Russland. Goldman kam an eine Kopie von Nikolai Tschernyschewskis Schrift Was tun?, welche den Grundstein für ihre eigenen anarchistischen Ideen und ihre unabhängige Einstellung bildete.

Auswanderung nach Amerika[Bearbeiten]

Mit 17 emigrierte Emma Goldman mit ihrer älteren Schwester Helene nach Rochester, New York, um mit ihrer Schwester Lena zu leben. Dort arbeitete sie einige Jahre in einer Textilfabrik und heiratete 1887 den Arbeitskollegen Jacob Kershner, wodurch sie die amerikanische Staatsbürgerschaft erhielt.[1]

Die Hinrichtung von vier Anarchisten nach der Haymarket Affäre trieb die junge Emma Goldman im Alter von 20 Jahren zur anarchistischen Bewegung. Nachdem sich der Aufruhr im Zuge der Hinrichtung gelegt hatte, verließ Goldman Mann und Familie und reiste zunächst nach New Haven, Connecticut und dann nach New York. Goldman und Kershner ließen sich scheiden. Inspiriert von den feurigen Reden des Johann Most und von den Rufen nach einem gewalttätigen Kampf nach dem Haymarket Riot wurde Goldman von der Notwendigkeit des Attentates überzeugt. Das hieß die Anwendung gezielter Gewalt, einschließlich der Ermordung politisch wichtiger Persönlichkeiten als ein notwendiges Instrument, um politischen und sozialen Wandel herbeizuführen, im Sinne der anarchistischen Propaganda der Tat.

New York und der Homestead-Streik[Bearbeiten]

In New York traf Goldman ihren späteren zeitweiligen Lebenspartner und lebenslangen Freund Alexander Berkman, eine damals herausragende Gestalt der US-amerikanischen Anarchisten, mit dem sie bis zu seinem Tod 1936 zusammen blieb. Unter dem Einfluss von anarchistischen Schriftstellern, wie Johann Most gelangten die beiden zur Überzeugung, dass die direkte Aktion, einschließlich der Anwendung von Gewalt, für den revolutionären Wandel notwendig war (Propaganda der Tat).

Goldman und Berkman waren über den Homestead-Streik sehr erregt, bei dem Streikende 1892 ein Stahlwerk in Homestead besetzt und die Werksführung ausgeschlossen hatten. Nachdem Pinkerton Detektive die Rückeroberung der Fabrik und die Vertreibung der Streikenden versuchten, brach eine Revolte aus, die den Tod mehrerer Männer zur Folge hatte. Mit Goldmans Unterstützung entschied Berkman, die Streikenden durch die Ermordung des Werksleiters Henry Clay Frick zu unterstützen. Berkman drang in Fricks Büro ein und schoss drei Mal auf ihn. Frick überlebte das Attentat. Berkman wurde infolge der Tat wegen Mordversuchs zu 22 Jahren Haft verurteilt, wovon er 14 Jahre, viele davon in Einzelhaft, im Gefängnis verbrachte. [1]

Wie Goldman später in ihren Memoiren bekannte, war sie sich der Absichten Berkmans völlig bewusst:

Wir waren schockiert. Wir erkannten sofort, dass die Zeit unseres Manifests verstrichen war. Worte hatten ihr Gesicht der Bedeutung im Angesicht des unschuldigen Blutes verloren, das an den Ufern des Monongahela Flusses vergossen wurde. Intuitiv fühlten beide, was im Herzen des anderen hervorquoll. Sascha [Alexander Berkman] brach das Schweigen. „Frick ist der verantwortliche Faktor in diesem Verbrechen“, sagte er, „er muss dafür zur Verantwortung gezogen werden“. Es war der psychologische Moment für ein Attentat; das ganze Land war in Erregung und jeder betrachtete Frick als den Schuldigen an einem kaltblütigen Mord. Ein Schlag gegen Frick würde in der ärmlichsten Hütte ihren Widerhall finden, würde die Aufmerksamkeit der ganzen Welt auf den wirklichen Grund für den Homestead-Streik lenken. Es würde auch Angst in die Reihen des Feindes tragen und sie erkennen lassen, dass das Proletariat Amerikas seine Rächer hatte.

Die Behörden gingen davon aus, dass Goldman bei der Planung dieses Anschlages beteiligt war, aber Berkman und die anderen Verschwörer weigerten sich, gegen sie auszusagen, und sie wurde nicht angeklagt. Ihre Rechtfertigung Berkmans nach dem versuchten Mord und ihre späteren Versuche, seine vorzeitige Entlassung zu erwirken, machten sie bei den Behörden sehr unbeliebt. Berkman wurde 1906 auf Bewährung entlassen.

Zunächst waren Berkman und Goldman der Meinung, den Ideen ihres Mentors Johann Most zu folgen, aber sie wurden bald von ihm enttäuscht. Wie Goldman bemerkte, predigte Most „Gewaltakte von den Dächern herunter“ und wurde zu einem der lautstärksten Kritiker Berkmans nach dem Attentat. In der Zeitschrift Freiheit griff Most Goldman und Berkman an und behauptete, dass die Tat dazu gedacht war, Sympathien für Frick zu erregen. Die Historikerin Alice Wexler meint, dass Eifersucht auf Berkman hinter dieser Anklage stecken könnte oder seine sich wandelnde Auffassungen hinsichtlich der Nützlichkeit politischer Anschläge. Mosts Anschuldigungen machten Goldman wütend und zwar nicht wegen seiner Andeutungen, dass sie am Attentat beteiligt war, sondern wegen seiner Kritik an dessen Nutzen und dass es Sympathie für Frick erregen sollte. Sie verlangte von Most, dass er seine Aussagen widerrief oder diese bewies, was dieser verweigerte. Daraufhin brachte Goldman eine Peitsche mit zu seinem nächsten Vortrag. Nachdem er sich weigerte, mit ihr zu sprechen, schlug sie ihm damit ins Gesicht, brach sie übers Knie und warf die Stücke nach ihm. Später bedauerte sie diesen Angriff, als sie sich einem Freund anvertraute: „Im Alter von 23 argumentiert man nicht.“ 1893 freundete sich Goldman mit Hippolyte Havel an und begann, weite Reisen zu unternehmen, auf denen sie Reden für die Libertäre Sozialistische Bewegung hielt, oft finanziert vom IWW.

Gefängnis[Bearbeiten]

Im Jahre 1893 wurde Goldman wegen „Anstiftung zum Aufruhr“ zu einem Jahr im Roosevelt Island Gefängnis verurteilt. Sie hatte öffentlich Arbeitslose dazu aufgefordert, nach Arbeit zu verlangen. Wenn man ihnen keine Arbeit gebe, sollten sie nach Brot verlangen. Wenn sie weder Arbeit noch Brot erhielten, sollten sie das Brot nehmen. Bei dieser Aussage handelt es sich um eine Zusammenfassung des Prinzips der Enteignung, wie es vom Anarchisten Pjotr Alexejewitsch Kropotkin vertreten wurde. Ihre Verurteilung erfolgte trotz der Aussage von 12 Zeugen zu ihren Gunsten. Das Urteil der Jury beruhte einzig auf der Aussage eines Kriminalbeamten Jacobs. Während ihres Jahres im Gefängnis entwickelt Goldman ein großes Interesse an Krankenbetreuung, das sie später in den Wohnquartieren an der Lower East Side zur Anwendung brachte.

Attentat auf Präsident McKinley[Bearbeiten]

Der Anarchist Leon Czolgosz erschoss am 6. September 1901 den amerikanischen Präsidenten William McKinley, als dieser seine Hand schütteln wollte. Czolgosz und neun weitere Anarchisten, einschließlich Abe und Mary Isaak, wurden verhaftet. Goldman hatte Czolgosz einige Wochen zuvor kurz getroffen, als er sie um Rat für einen Studienvortrag über anarchistische Ideen fragte. Die Ermordung McKinleys und der sich schnell ausbreitende Gebrauch von Gewalt durch andere eingewanderte Anarchisten befleckten die Ziele des Anarchismus und brachten ihn in der öffentlichen Auffassung in Misskredit. Folglich suchten sich soziale und politische Bewegungen, wie z. B. die Arbeiterbewegung, für die sich die Anarchisten starkgemacht hatten, von ihnen zu distanzieren. Goldman wurde am 24. September wieder auf freien Fuß gesetzt, nachdem es den Behörden nicht gelungen war, sie und andere in direkten Zusammenhang mit dem Attentat zu bringen. Leon Czolgosz wurde verurteilt und hingerichtet.

Zeitschrift „Mother Earth“[Bearbeiten]

Im Jahre 1906 veröffentlichte Goldman zusammen mit Berkman die Monatszeitschrift „Mother Earth“ („Mutter Erde“), die sich mit dem Tagesgeschehen aus dem anarchafeministischen Blickwinkel befasste. Sie druckten darin Aufsätze u.a. von Friedrich Nietzsche und dem christlichen Anarchisten Leo Tolstoi, die beide wesentlichen Einfluss auf ihr Denken hatten. Über Nietzsche meinte Goldman: „Nietzsche war kein Sozialtheoretiker, sondern ein Dichter, ein Rebell und Neuerer. Seine hohe Klasse entsprang nicht seiner Geburt oder seinem Geldbeutel, sondern seinem Geiste. In dieser Hinsicht war Nietzsche ein Anarchist und alle wahren Anarchisten waren Aristokraten“ (Gelebtes Leben, 1931).

Mit ihrer fortwährenden Propagierung anarchistischer und radikaler Ziele zog Goldman mehr und mehr die Aufmerksamkeit der Bundesbehörden auf sich. 1908 wurde ihre US-Staatsbürgerschaft widerrufen. 1914 nahm sie mit Berkman an anarchistischen Protesten gegen John D. Rockefeller teil, die von der Polizei brutal auseinander getrieben wurden. Angeblich soll Berkman mit vier anderen Anarchisten an einem Bombenanschlag auf Rockefellers Tarrytown Anwesen in New York beteiligt gewesen sein. Am 4. Juli verließ einer der Verschwörer ihre Wohnung, in der die Bombe gebastelt wurde, um Berkman in der Redaktion der „Mother Earth“ aufzusuchen. Fünfzehn Minuten später ging die Bombe in der Wohnung hoch, wobei alle Bewohner einschließlich der übrigen Verschwörer ums Leben kamen. Berkman stritt jede Kenntnis von dem Vorhaben ab. Es ist nicht bekannt, ob Goldman eingeweiht war. Nachdem Berkman Grabreden für die Anarchisten gehalten und ein weiteres Jahr für „Mother Earth“ tätig war, zog er nach San Francisco, wo er seine eigene revolutionäre Zeitschrift, „The Blast“, gründete.

Zweiter Gefängnisaufenthalt[Bearbeiten]

Goldman spricht auf dem Union Square, 21. Mai 1916

Wie viele zeitgenössische Feministen betrachtete Goldman die Abtreibung als eine tragische Konsequenz sozialer Zustände und Geburtenkontrolle als positive Alternative. 1911 hatte sie in ihrer Zeitschrift geschrieben:

Abtreibungen haben in Amerika unglaublich abschreckende Ausmaße angenommen….Die Not der Arbeiterklasse ist so groß, dass auf 100 Schwangerschaften 17 Abtreibungen vorkommen.

Goldman begann über Geburtenkontrolle zu reden und wurde am 11. Februar 1916 nach einem Vortrag in New York festgenommen und im April zu einer Geldstrafe von 100 Dollar, alternativ 15 Tage Haft, verurteilt.[2][3] Da sie sich aus prinzipiellen Erwägungen weigerte, eine Geldstrafe zu zahlen, wurde sie zur Verbüßung ihrer Haft ins Queens County Jail gebracht. Im Gefängnis freundete sich Goldman mit Gabriella Segata Antolini, einer Anarchistin und Anhängerin Luigi Galleanis an, den sie später persönlich treffen würde. Antolini war verhaftet worden, weil sie einen Rucksack mit Dynamit in einem Zug nach Chicago bei sich hatte. Sie hatte sich standhaft geweigert, irgendwelche Informationen preiszugeben und saß dafür 14 Monate im Gefängnis ab.

Erster Weltkrieg[Bearbeiten]

In den Kriegsjahren reiste Goldman weiterhin umher, hielt Reden gegen den Krieg und traf andere Mitglieder der radikalen Linken in Amerika. Nach ihrer Entlassung aus dem Gefängnis kehrte Berkman aus San Francisco zurück, um mit ihr zusammenzuarbeiten und wieder für Mother Earth zu schreiben. In Barre, Vermont, traf Goldman Luigi Galleani, einen, wie er sich selbst nannte, „Subversiven“ und Komplizen verschiedener anarchistisch-kommunistischer Gruppen. Er war Herausgeber der anarchistischen Zeitschrift „Cronaca Sovversiva“ als auch einer detaillierten Anleitung zum Bomben basteln mit dem Tarntitel „La Salute é in Voi“ („Das Heil liegt in Dir selbst“), die bei Anarchisten weite Verbreitung fand. Als „aufständischer Anarchist“ war Galleani vom gewaltsamen Umsturz der Regierung überzeugt. Goldman war sich dieser Tatsache voll bewusst. Dieses Treffen und der kurze Kontakt mit Galleani würde sie später noch verfolgen.

Dritter Gefängnisaufenthalt[Bearbeiten]

Goldman wurde 1917 erneut verhaftet und eingesperrt, dieses Mal wegen „Verschwörung zur Verhinderung der Einberufung zur Armee“. Goldman und Berkman waren beide bei der Bildung der „No Conscription Leagues“ („Liga gegen die Wehrpflicht“) beteiligt und organisierten Versammlungen gegen den Krieg. Goldman war davon überzeugt, dass der Militarismus besiegt werden müsse, um Frieden zu erzielen. In Anarchism and Other Essays (Anarchismus und Andere Schriften) schrieb sie: „Der größte Vorposten des Kapitalismus ist der Militarismus. Genau in dem Augenblick, in dem der letztere unterminiert wird, wird der Kapitalismus wanken“. Am 15. Juni 1917 verabschiedete der Kongress das „Espionage Act“ („Spionage Gesetz“), welches Strafen für Störungen der Außenpolitik und für Spionage vorsah. Demnach konnten hohe Geld- und Gefängnisstrafen bis zu 20 Jahren für jeden verhängt werden, der die Einberufung behinderte oder Illoyalität gegenüber der US-Regierung ermutigte.

Nachdem Goldman und Berkman weiterhin in Schriften und Reden die Bürger zur Verweigerung der Registrierung und der Einberufung aufforderten, schritten die Bundesbehörden ein. Die Redaktionsräume der Zeitschrift „Mother Earth“ wurden gründlich durchsucht und umfangreiche Akten und Abonnementlisten wurden beschlagnahmt. Eine Presseveröffentlichung des Justizministeriums lautete: „Eine Wagenladung anarchistischer Daten und Propagandamaterials wurde beschlagnahmt. Hierzu gehörte vermutlich ein komplettes Register der Freunde der Anarchie in den USA. Es wurde eine sauber geführte Kartendatei gefunden, von der die Bundespolizisten annehmen, dass sie die Identifizierungsarbeit von Personen erleichtert, die in verschiedenen Büchern und Zeitungen genannt werden. Die Abonnementslisten der Zeitschriften „Mother Earth“ und „The Blast“ mit 10.000 Namen wurden ebenfalls konfisziert.“ Goldman wurde wegen Vergehens gegen Bundesgesetze verurteilt und saß 2 weitere Jahre im Gefängnis.

Ausweisung nach Russland[Bearbeiten]

Im Zuge der Palmer Raids (Palmerschen Razzien) wurden Tausende von Verhaftungen durchgeführt und vielen drohte die Ausweisung. Ironischerweise waren es Goldmans detaillierte Karteien, die zur Ergreifung anderer Radikaler vermutlich mindestens ebenso beitrugen, wie die teilweise illegalen Maßnahmen der Regierung, wie Telefonabhören und Durchsuchungen ohne richterliche Anweisung. Nach der damaligen US-Gesetzgebung konnte auch Goldman, nachdem ihr die Staatsbürgerschaft aberkannt worden war, als „unerwünschte Ausländerin“ auf Grundlage des „Sedition Act, 1918“ („Aufwiegelungsgesetz“) und des Anarchist Exclusion Act sowie ihrer zweimaligen Verurteilung wegen krimineller Vergehen ausgewiesen werden. Bei der Anhörung wurden ihr ihre Kontakte mit bekannten Gewalt unterstützenden Radikalen, u.a. mit Luigi Galleani, vorgeworfen. Der Vertreter der Regierung bei dieser Anhörung war J. Edgar Hoover, der Goldman als „eine der gefährlichsten Anarchisten in Amerika“ bezeichnete. Sie wurde zusammen mit Berkman ausgewiesen. Viele der Radikalen aus ihren Karteien teilten das gleiche Schicksal mit ihnen.

Die Deportation fand Ende 1919 statt. Goldman und Berkman kamen zusammen mit anderen Ausgewiesenen russischer Herkunft auf ein Schiff, das nach Sowjetrussland fuhr. Die beiden konnten bei ihrer Ankunft aus erster Hand die Nachwirkungen der Russischen Revolution von 1917 erfahren. Goldman war darauf vorbereitet, die Bolschewiki zu unterstützen, trotz der Spaltung der Anarchisten von den Kommunisten auf der Ersten Internationalen. Aber die politische Repression und die Zwangsarbeit widersprachen ihrer anarchistischen Einstellung. Die blutige Niederschlagung des Kronstädter Matrosenaufstandes durch die Rote Armee (unter der Führung von Leo Trotzki) im Jahre 1921 entfremdeten Goldman und die anderen Anarchisten vollends von den Bolschewiki. Sie erkannte noch lange vor dem Stalinistischen Terror, dass Lenins Regime mit der Arbeiterdemokratie der Räte Schluss machen und in die Tyrannei führen würde.

Die Bolschewiki argumentierten dagegen, dass die streikenden Matrosen sich mit der Weißen Armee und französischen Monarchisten verschworen hatten, und damit eine schwerwiegende gegenrevolutionäre Macht darstellten. Daraufhin entstanden Goldmans Schriften My Disillusionment in Russia (Meine Enttäuschung über Russland) und My Further Disillusionment in Russia (Meine weitere Enttäuschung über Russland). Sie war auch völlig niedergeschlagen von den zahlreichen Zerstörungen und Toten infolge des Bürgerkrieges, in dem konterrevolutionäre Strömungen, unterstützt durch ausländische Regierungen, wie z.B. die USA und Japan, versuchten, den jungen kommunistischen Staat zu schwächen, ehe er seine Ideologie in andere Länder verbreiten konnte. Goldman war mit den amerikanischen Kommunisten John Reed und Louise Bryant befreundet: Beide hielten sich zu der Zeit ebenfalls in der Sowjetrussland auf, als es unmöglich war, das Land zu verlassen. Als Trotzki mit anderen Oppositionellen von Stalin am 17. Januar 1928 erst nach Alma-Ata (Kasachstan) verbannt und anschließend in die Türkei ausgewiesen wurde, führte Emma Goldman die öffentliche Auseinandersetzung mit ihm noch bis zu seiner Ermordung im Jahre 1940 fort.

England und Frankreich[Bearbeiten]

Nach zwei Jahren verließen Goldman und Berkman Russland. Die Erfahrungen, wie die Bolschewiki an die Macht gelangt waren, hatten sie ihre frühere Überzeugung, dass der Zweck die Mittel heiligt, überdenken lassen. Goldman akzeptierte Gewalt als ein notwendiges Übel im Prozess der sozialen Transformation. Die Erfahrungen in Russland machten jedoch eine Differenzierung notwendig. Sie schrieb: „Ich weiß, dass jeder große politische und soziale Wandel in der Vergangenheit Gewalt bedingte. … Es ist jedoch eine Sache, Gewalt im Kampf als Mittel zur Verteidigung anzuwenden. Es ist eine ganz andere Sache, den Terrorismus zum Prinzip zu erheben, ihn zu institutionalisieren, ihm den obersten Rang im sozialen Kampf zuzuweisen. Solcher Terrorismus gebiert Konterrevolution und wird dabei selbst konterrevolutionär.“

Diese Ansichten waren unter den Radikalen nicht beliebt, denn die meisten wollten immer noch glauben, dass die russische Revolution ein Erfolg war. Als Goldman 1921 nach England zog, wo sie bei alten Freunden blieb, war sie in ihrer Verurteilung der Bolschewiki in der Linken faktisch allein und ihre Vorträge waren schwach besucht.

Im Jahre 1926 heiratete Goldman den schottischen Anarchisten James Colton (1860-1936), der ihr damit zur britischen Staatsbürgerschaft verhalf und sie vor einer drohenden Ausweisung rettete. Ihr wurde 1934 erlaubt, in die USA für eine Vortragsreihe wieder einzureisen, unter der Bedingung, dass sie sich öffentlicher politischer Diskussionen enthält.

Goldman zog nach Frankreich, wo Peggy Guggenheim Mittel für ein Ferienhaus in Saint-Tropez an der Côte d'Azur aufbrachte. Sie nannten ihr Haus „Bon Esprit“ („Guter Geist“). Dort konnte Goldman schreiben und korrespondieren, aber sie war isoliert.

Berkman, der unweit von ihr in Nizza lebte und schon lange krank war, erschoss sich im Jahre 1936, kurz vor dem Ausbruch des Spanischen Bürgerkrieges. Goldman konnte noch rechtzeitig an sein Sterbebett eilen.

Der Spanische Bürgerkrieg[Bearbeiten]

1936 ging Goldman nach Spanien, um der Spanischen Republik im Kampf gegen die Franquisten zu helfen (Spanischer Bürgerkrieg). Das passte zu ihrer Überzeugung, dass Freiheit aus dem Widerstand gegen Unterdrückung entsteht. Sie schrieb in 'Anarchism and Other Essays': „Die Menschen würden politisch noch immer in absoluter Sklaverei verharren, wenn es die John Balls, die Wat Tylers, die Wilhelm Tells nicht gäbe, die unzähligen individuellen Giganten, die Schritt für Schritt gegen die Macht von Königen und Tyrannen kämpften.“ Im weiteren Verlauf kritisierte sie in scharfer Form den Regierungsbeitritt der Anarchisten im November desselben Jahres.

In dieser Zeit schrieb sie den Nachruf auf den bekannten spanischen Anarchisten Buenaventura Durruti unter dem Titel: „Durruti ist tot, aber er lebt“, worin sie Percy Bysshe Shelleys Adonai reflektiert.

Tod und Beerdigung[Bearbeiten]

Emma Goldmans Grab im August 2007. Das Todesjahr auf dem Grabstein ist falsch.

Emma Goldman starb am 14. Mai 1940 im Alter von 70 Jahren nach einem Schlaganfall in Toronto, Kanada. Die US-Behörden erlaubten die Überführung ihres Leichnams in die USA, wo sie auf dem Deutschen Waldheim Friedhof (German Waldheim Cemetery) beigesetzt wurde. Dieser ist heute Teil des Forest Home Cemetery in Forest Park, Illinois, einem Vorort von Chicago. Ihr Grab liegt in der Nähe der Gräber der Hingerichteten des Haymarket Aufstandes. Auf ihrem Grabstein steht ein Zitat von Charles Caleb Colton (1780–1832): „Liberty will not descend to a people, a people must raise themselves to Liberty” („Freiheit steigt nicht zu einem Volk herab; ein Volk muss sich selbst zur Freiheit erheben“).[4]

Denken[Bearbeiten]

Emma Goldman hat in ihren Schriften vor allem den Anarchismus propagiert und zur Frauenfrage und zum Antimilitarismus publiziert.

Anarchismus[Bearbeiten]

Goldman lehnte den Staat, die kapitalistische Wirtschaft und Religion ab und sah diese als unterdrückend und dem menschlichen Streben nach Freiheit entgegenstehend an. Sie stützte Kropotkins These, dass die Menschen von Natur soziale Wesen seien. Nur die Zerstörung der gesellschaftlichen Institutionen, die dem entgegenstehen, könnte die Solidarität wirklich freisetzen. Das Ziel der befreiten Gesellschaft ist für Goldman der möglichst freie Ausdruck aller versteckten Fähigkeiten und Individuen.

Goldman hat sich in ihren Arbeiten vor allem auf Proudhon, Bakunin und Kropotkin gestützt. Weitere Bezüge finden sich zu Stirner, Nietzsche, Ibsen und Freud.

Frauenbefreiung und freie Liebe[Bearbeiten]

Emma Goldman mit ihrem langjährigen Freund Alexander Berkman

Goldman verknüpfte anarchistische mit feministischen Positionen, indem sie die Missstände, die zur Unterdrückung des weiblichen Geschlechts führten, als gesamtgesellschaftliches Problem begriff. Die Unterdrückung der Frau setzt sie mit der Unterdrückung der Bevölkerung gleich und fordert danach einen gleichzeitigen Kampf für die Verbesserung der Lebensbedingungen der Frau mit dem für eine befreite Gesellschaft. Die wahre Emanzipation schließt für sie die Männer ein.

Goldman lehnte die reine Gleichstellung der Frau mit dem Mann in einem hierarchischen System ab und vertrat in ihren Vorstellungen die Idee starker, selbstbewusster, selbstbestimmter Frauen, die sich ihrer Fähigkeiten, ihres Körpers und ihrer Sexualität bewusst sind.

Ein weiteres Feld von Goldmans Aktivität betraf die Forderung der freien Geburtenkontrolle für die Frau, die sie etwa mit Vorträgen über Empfängnisverhütung unterstützte. Ungewollte Schwangerschaften schaffen nach Goldman unglückliche Kinder und verstärken wirtschaftliche Nöte und Abhängigkeiten der Frau.

Nur unter der Vorgabe der Freiwilligkeit sah Goldman eine Möglichkeit zum selbstbestimmten Zusammenleben von Individuen. Sie befürwortete die freie Liebe und lehnte die Ehe als rein ökonomisches Instrument ab, das zu Abhängigkeit führe, tradierte Moralvorstellungen festige und sowohl Mann als auch Frau in ihrer Emanzipation behindere.

Militär[Bearbeiten]

Emma Goldman wandte sich stark gegen das Militär, das sie als Instrument zur Unterdrückung sowohl anderer Nationen als auch der Soldaten sah. Besonders kritisch betrachtete sie die USA, die schon in ihrer Zeit zur Weltmacht aufgerüstet waren. Schon in der Schule würden „Kinder in militärischer Taktik geübt, der Ruhm militärischer Siege stundenplanmäßig besungen und das kindliche Bewusstsein pervertiert, um der Regierung zu gefallen“.[5] Ein stehendes Heer und Marine wurde von Goldman als Zeichen von Zerfall der Freiheit gewertet. Goldman begriff die Anarchisten als „einzige wirkliche Advokaten des Friedens“ und die einzigen, die sich gegen den Militarismus wenden. Goldman erwartete, dass sich auch die anderen Menschen eines Tages solidarisch verhielten, das Militär und den Krieg boykottieren und sich friedlich und frei zusammenschließen werden. 1925 war Emma Goldman auf der internationalen Konferenz der pazifistisch-antimilitaristischen War Resisters’ International (WRI) in Hoddeston (Herts.) England, wo sie u.a. Helene Stöcker und Pierre Ramus traf. Über Krieg bemerkte sie grundsätzlich, dass er „nur einen Höhepunkt in der dauernd vom Staate ausgeübten Unterdrückung darstelle. Der Staat selbst ist die ausgesprochenste Form der Unterdrückung. Er greift in jede Lebenssphäre ein und wirkt daher als andauernder Zwang.“[6] Dem Staat würde nicht das Recht zustehen über das menschliche Leben zu verfügen und es gelte gegen Krieg wirksamen Widerstand zu leisten.

Zitate[Bearbeiten]

  • „If voting changed anything, they'd make it illegal.“ (Frei übersetzt: „Würden Wahlen etwas ändern, so wären sie verboten!“)
  • „The most violent element in society is ignorance.“ (Frei übersetzt: „Das gewalttätigste Element der Gesellschaft ist die Unwissenheit.“)
Fälschlich zugeschrieben
  • „If I can't dance, I don't want to be part of your revolution.“ (Frei übersetzt: „Wenn ich nicht tanzen darf, möchte ich an eurer Revolution nicht beteiligt sein.“) Eine sinngemäße Passage findet sich allerdings in ihrer Autobiografie.[7]

Nachleben[Bearbeiten]

Die kanadische Dramatikerin Carol Bolt verfasste 1974 das sozialkritische Theaterstück Red Emma, Queen of the Anarchists, in dem sie den glühenden Feminismus Emma Goldmanns feierte. Das Stück blieb derart populär, dass es 1996 von der Canadian Opera Company als Oper adaptiert wurde.[8]

Werke[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Candace Falk: Liebe und Anarchie & Emma Goldman. Ein erotischer Briefwechsel. Eine Biographie. Kramer, Berlin 1987, ISBN 3-87956-177-X.
  • Vivian Gornick: Emma Goldman. Revolution as a Way of Life, Yale University Press. New Haven/London 2011, ISBN 978-0-300-13726-2.
  • Elke Pilz: Emma Goldman - ein Leben für Freiheit und Gerechtigkeit, in: E. Pilz: Das Ideal der Mitmenschlichkeit - Frauen und die sozialistische Idee, Königshausen & Neumann, Würzburg 2005, ISBN 3-8260-3008-7, S. 73-90
  • R. Drinnon: Rebel in Paradise - Biography of Emma Goldman, Chicago/London 1961

Dokumentationen[Bearbeiten]

Film[Bearbeiten]

Radio[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Emma Goldman – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. a b c  Rodger Streitmatter: Voices of Revolution: The Dissident Press in America. Columbia University Press, New York 2001, ISBN 0-231-12249-7, S. 122-134.
  2. She Fought the Law… (PBS)
  3. Emma Goldman: Living My Life. Volume two. Chapter 43
  4. https://de.wikiquote.org/wiki/Emma_Goldman#Grabinschrift
  5. Original: „The beginning has already been made in the schools… Children are trained in military tactics, the glory of military achievements extolled in the curriculum, and the youthful mind perverted to suit the government. Further, the youth of the country is appealed to in glaring posters to join the Army and the Navy.“ (Patriotismus. A Menace to Liberty. In: Anarchism and other Essays. 1911
  6. Emma Goldman, in: Die Kriegsdienstgegner der ganzen Welt, Bericht über die Bewegung in zwanzig Ländern und über die Internationale Konferenz in Hoddeston, Herts., England im Juli 1925 (dt. Version), herausgegeben vom Generalsektretariat der War Resisters’ International), S. 33
  7. Alix Kates Shulman: Dances with Feminists. In: Women's Review of Books. Vol. IX, No. 3. Dezember 1991
  8. www.canadiantheatre.com