ZEGG

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ZEGG, März 2007

Die ZEGG gGmbh (Zentrum für Experimentelle Gesellschaftsgestaltung) ist ein gemeinnütziges Bildungszentrum und ökologisches Modellprojekt in Bad Belzig, 80 km südwestlich von Berlin. Es wird gestaltet von einer Lebensgemeinschaft, die seit 1991 eine ökologisch und sozial nachhaltige Lebensweise erprobt. Die ZEGG Bildungszentrum führt jährlich über 120 Workshops, Seminare und Festivals durch. Ziel ist es, eine kooperative und nachhaltige Lebensweise zu vermitteln. Das Angebot umfasst unter anderem Gemeinschaftswissen und ZEGG-Forum[1], Liebe und Sexualität[2], Ökologie und Permakultur sowie künstlerische Angebote wie Mal- und Singkurse[3]. Zu Vorträgen oder Workshops besuchen auch Künstler und bekannte Autoren das ZEGG wie z. B. 2013 Christian Felber zum Thema "Gemeinwohl-Ökonomie". Die ZEGG gGmbH hatte 2014 fast 20.000 Gästeübernachtungen.

Der Betrieb wird kooperativ geführt und ist seit einigen Jahren nach einem soziokratischen Modell organisiert. Der Visionsrat berät und sorgt dafür, dass die ZEGG gGmbH im Sinne ihrer Aufgabe handelt.[4]

Auf dem 16 ha großen Gelände der ZEGG gGmbH finden sich ein Gästehaus mit Restaurant, diverse Veranstaltungs- und Seminarräume, verschiedene Wohnhäuser, Werkstätten, ein Atelier und mehrere kleine Lehmbauten.

Öffentliche Kontroversen über das ZEGG gab es insbesondere in der Frühzeit. Der Gemeinschaft wurden eine autoritäre Struktur, Merkmale einer Psychosekte, Sexismus und pädophile Tendenzen attestiert, Vorwürfe, die von ZEGG zurückgewiesen wurden. Heute ist diese Diskussion abgeebbt. Das ZEGG ist seit 2014 als gemeinnütziges Bildungszentrum anerkannt.

Ökologie und Energie[Bearbeiten]

Die ZEGG gGmbH erzeugt 100% ihres Wärmebedarfs und 85% des Stromes auf dem Gelände, fast ausschließlich aus erneuerbaren Quellen oder Abwärme. Das eigene Heizkraftwerk wurde bereits 1991 auf Holzhackschnitzel umgestellt, die vor allem aus den umliegenden Wäldern gewonnen werden. Strom und Warmwasser werden von vier Photovoltaikanlagen und drei gasbetriebenen Blockheizkraftwerken produziert. Die Abwärme des großen Kühlhauses wird zur Erwärmung des Wassers genutzt. Durch die begleitende Wärmedämmung der Gebäude konnte der Energieverbrauch seit 1991 um circa 40 % gesenkt werden. 2011 erhielt das ZEGG den zweiten Preis des Agenda 21-Wettbewerbs des Landkreises Potsdam-Mittelmark für die Umsetzung dieses Energiekonzepts.

Das ZEGG hat auf dem Gelände einen naturnahen Wasserkreislauf aufgebaut. Seit 1992 ist eine ökologische Pflanzenkläranlage in Betrieb, die die gesamten Abwässer reinigt.

Bei der Gestaltung und Nutzung des Geländes orientiert sich das ZEGG an Ideen der Permakultur. So wurde der sandige Boden durch Mulchen, Gründüngung und Einbringen von Tongranulat nährstoffhaltiger gemacht. In geschützten Lagen wachsen Aprikosen, Pfirsiche, Wein, Kiwis, Maulbeeren und Feigen. Im ZEGG Garten (2 ha) werden Obst und Gemüse nach den Richtlinien des ökologischen Landbaus angebaut. Die Küche im ZEGG ist vegetarisch und teilweise vegan. Zugekauft werden Lebensmittel aus Bio-Produktion, aus der Region oder aus fairem Handel.

Das ZEGG ist Ökodorf und Mitglied im Zusammenschluss der Ökodörfer GEN Global Ecovillage Network.

ZEGG-Forum[Bearbeiten]

Das Forum ist eine psychodrama-ähnliche, ritualisierte Form der Kommunikation zwischen dem Einzelnen und der Gruppe.[1] Eine Person geht in die Mitte eines Kreises von Menschen und teilt mit, was sie bewegt. Erfahrene Moderatoren unterstützen den Darsteller dabei. Anschließend geben die Zuschauer aus dem Kreis (falls vom Darsteller gewünscht) „Spiegel“. Spiegel sind subjektive Wahrnehmungen oder Reflexionen des zuvor Gehörten. Das ZEGG-Forum wird in Gruppen von 12 bis 50 Teilnehmern praktiziert. Es wurde in den frühen 80er Jahren von einem Vorläuferprojekt des ZEGG, der Bauhütte, entwickelt.

Das ZEGG-Forum sei ein Katalysator zur Persönlichkeitsentwicklung und eine gruppendienliche vertrauensbildende Maßnahme. Es soll für Transparenz in Beziehungen sorgen und soziale und psychische Spannungen abbauen helfen. Das Ritual verbessere die Teamfähigkeit.

Gemeinschaftsleben[Bearbeiten]

Im ZEGG leben heute ca. 110 Menschen, darunter 15 Kinder und Jugendliche. Das soziale Ziel des ZEGG ist es, einen gemeinschaftlichen Lebensstil langfristig zu etablieren. Dazu hat die Gemeinschaft sich eine eigene soziale Struktur geschaffen. Viele Gemeinschaftsmitglieder nehmen an sozialen Prozessen teil, um sich auszutauschen, Konflikte zu klären und Entwicklungsprozesse zu begleiten. Es finden außerdem regelmäßig Tanzabende, Vorträge und kulturelle Veranstaltungen statt. Die meisten Bewohner leben in Wohngemeinschaften, andere als Paar oder allein. Kinder gehen in Kindertagesstätten und Schulen der Umgebung.

Liebe und Sexualität[Bearbeiten]

Von besonderer Bedeutung ist für die ZEGG-Gemeinschaft die Frage, wie Liebesbeziehungen gelingen können und Sexualität erfüllend gelebt werden kann. Das ZEGG ist ein Ort, an dem unterschiedliche Formen sexueller Verbindung möglich sind. So gibt es viele offene Beziehungen, in denen erotische Abenteuer oder feste Geliebte Platz haben. Es gibt Menschen, die mehrere sexuelle Freundschaften pflegen, monogam lebende Paare und gleichgeschlechtliche Liebesbeziehungen. Ziel ist ein System menschlicher Beziehungen, die dem Einzelnen Wahrhaftigkeit und Zugehörigkeit ermöglicht. Wichtiges Handwerkszeug der Gemeinschaft sind Kommunikation und offener Umgang mit Fragen von Liebe und Sexualität.

In der Anfangszeit war die Idee der freien Liebe im ZEGG prägend. Inspiriert von den Ideen Dieter Duhms wurde nach einer Form des Zusammenseins gesucht, in der Angst und Besitzdenken in der Liebe überwunden werden können. Nach dem radikalen Aufbruch der ersten Jahre sind heute partnerschaftliche Bindungen stärker in den Vordergrund gerückt, auch Sinnlichkeit und Körperkontakt ohne sexuellen Anspruch spielen eine große Rolle.

Geschichte des Geländes[Bearbeiten]

Das Gelände wurde erstmals 1919 besiedelt, es entstand ein landwirtschaftlicher Betrieb mit Gartenbau und Kleintierhaltung. Der damalige Besitzer überschrieb das Gelände Anfang der 1930er Jahre der SS. Zur Olympiade 1936 trainierte die deutsche Mannschaft der Military-Reiter auf dem Platz. Danach wurden Führer der Hitlerjugend und des Bundes deutscher Mädchen auf dem Gelände ausgebildet. Es wurde das Sportlerheim Belzig erbaut, das Ziel von Urlaubsreisen im Rahmen der Massenorganisation Kraft durch Freude war. In den 1950er Jahren bildete die Einheitsgewerkschaft der DDR ihre Funktionäre auf dem Gelände aus. Anfang der 1960er Jahre übernahm es dann die HVA des Ministeriums für Staatssicherheit und wandelte es in einen Ausbildungsplatz für Auslandsagenten unter Markus Wolf um. Als der übergelaufene Doppelagent Werner Stiller die Agentenschule 1988 enttarnte, wurde sie an einen anderen Ort verlegt. Zur Wendezeit 1989 war gerade damit begonnen worden, das Gelände zu einem Sanatorium umzubauen. Die Baumaßnahmen wurden eingestellt und es kam an die Treuhandanstalt.

Die ZEGG GmbH kaufte das Gelände 1991 für 2,1 Millionen DM. Die ZEGG-Gemeinschaft hat die Geschichte des Platzes recherchiert, alte Fotos, Zeitdokumente und Berichte gesammelt und im Seminargebäude des Geländes ausgestellt.

Geschichte und Kritik am ZEGG[Bearbeiten]

Das ursprüngliche Konzept des ZEGG entstand aus den Ideen von Dieter Duhm. Mit seinem Buch "Angst im Kapitalismus" war Duhm einer der intellektuellen Köpfe der 68er Bewegung. 1978 gründete er in Süddeutschland das Gemeinschaftsprojekt "Bauhütte", um ein Modell für eine gewaltfreie Kultur schaffen. Einen Schlüssel dazu sah die Gemeinschaft in der "Heilung der Liebe zwischen Mann und Frau". Sie experimentierte deshalb unter anderem mit intensiven Gruppenprozessen und freier Sexualität. Sie verstand ihre Lebensweise als politisches Statement und ging damit an die Öffentlichkeit, was kontroverse Berichte in der Presse auslöste. Vor allem von kirchlicher Seite wurden Sektenvorwürfe erhoben, linke Gruppen warfen dem ZEGG Sexismus vor. Auch Pädophilie-Vorwürfe wurden laut, denen ZEGG entgegentrat.[5] Die Debatte ging weiter, als eine Gruppe aus der Bauhütte 1991 das ZEGG gründete. Duhm und Sabine Lichtenfels gründeten 1994 das „Heilungsbiotop“ Tamera in Portugal.

Duhms verharmlose Haltung gegenüber Vergewaltigungen war dabei bereits in der Vergangenheit massiv kritisiert worden. In seinem 1972 erschienenen Buch vertrat er den vulgärpsychlogischen Ansatz, dass Frauen durch den unbewussten Wunsch der Vergewaltigung durch den eigenen Vater lebenslang Vergewaltigungsphantasien hegten und teilweise im Falle einer realen Vergewaltigung dadurch ihren ersten Orgasmus erlebten. Frauen genössen die gewaltsame Triebbefriedigung, diejenigen unter ihnen, die sich gegen Vergewaltigung engagierten, bekämpften eigentlich den eigenen Wunsch nach masochistischer Befriedigung.[6] Auch ZEGG geriet wegen der sexuellen Ausrichtung, verharmlosender Aussagen zur Vergewaltigung und Anlehnung an NS-Ideologien in die Kritik. Auch die Verharmlosung von Kindesmissbrauch wurde ZEGG vorgeworfen, da bei Seminaren vermittelt worden sei, hinter den Prozessen wegen sexueller Gewalt stehe "eine »Zusammenarbeit von organisiertem Feminismus, Presse und Kirche« und »der Hass durchgedrehter Radikalfeministinnen«".[7] Jörg Bergstedt bewertete, ZEGG sei weniger ein alternativer Lebensentwurf als ein Konzern mit Angestellten und klaren Hierarchien, der einzige Unterschied zu einem Bordell bestehe darin, dass für Geschlechtsverkehr nicht bezahlt werde, sondern eine „ständige Plattform für Sex“ mit klassischen Rollenmustern geschaffen worden sei.[8]

Bücher, Broschüren, Artikel[Bearbeiten]

  • Louis Lerouge: ZEGG: Sexismus, Rassismus und New Age. In: Schwarzer Faden, 14. Jg., Heft Nr. 47 (3/93), S. 24–29 (anarchistische Kritik)
  • Luther Brünzels: ZEEG. Broschüre 2007, als PDF-Datei
  • Valentin Hacken : Alternative Lebensformen vom Ökodorf zur Wagenburg; in: Erziehungskunst, Dezember 2012
  • Engelhardt, Marc: "Völlig utopisch. 17 Beispiele einer besseren Welt", Random House, 2013

Medienecho[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. a b http://zegg-forum.org
  2. www.zegg-liebesakademie.de
  3. http://www.come-together-songs.de
  4. Organisationsstruktur im ZEGG (PDF), abgerufen am 4. Oktober 2011
  5. Sexueller Missbrauch: Falsche Kinderfreunde, in Emma, 1. September 1993, zuletzt gesichtet am 4. August 2014
  6. Ilse Lenz: Die Neue Frauenbewegung in Deutschland: Abschied vom kleinen Unterschied. Springer, 2010, S. 282
  7. Jutta Ditfurth: Entspannt in die Barbarei: Esoterik, (Öko-)Faschismus und Biozentrismus. Konkret Literatur Verlag, 1996, S. 63f
  8. Jörg Bergstedt: Reich oder rechts?: Umweltgruppen und NGO's im Filz mit Staat, Markt und rechter Ideologie. IKO - Verlag für Interkulturelle Kommunikation, 2002, S. 210

52.15722222222212.590833333333Koordinaten: 52° 9′ 26″ N, 12° 35′ 27″ O