Geschichte des Kantons Tessin

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Eidgenössische Eroberungen[Bearbeiten]

Karte der Ennetbirgischen Vogteien der Alten Eidgenossenschaft

Im Mittelalter wurde das Gebiet des heutigen Kantons Tessin von den Herzögen von Mailand beherrscht (→ Geschichte Mailands)[1]. Die Eidgenossen errangen ihre Vorherrschaft in den südlichen Alpentälern während der sog. Ennetbirgischen Feldzüge zwischen 1403 und 1515.

Zwischen 1403 und 1422 wurden einige Teile des Kantons bereits der Herrschaft von Uri unterstellt, mussten aber später wieder abgetreten werden. Die Leventina brachte Uri 1440 unter seine Kontrolle. In einer zweiten Eroberung gewannen Uri, Schwyz und Nidwalden im Jahr 1500 die Stadt Bellinzona und die Riviera. Der dritte Vorstoss nach Süden erfolgte durch die Truppen aller Kantone.

Locarno, wie das Maggiatal, Lugano und Mendrisio wurden 1512 eingegliedert. In der ausschliesslichen Herrschaft von Uri war danach die Leventina vom Sankt Gotthard bis nach Biasca. Das Bleniotal, die Riviera und Bellinzona wurde gemeinsam durch die drei Kantone Uri, Schwyz und Nidwalden beherrscht. Die späteren Eroberungen, das Maggiatal, Locarno, Lugano und Mendrisio waren Gemeine Herrschaften der gesamten Alten Eidgenossenschaft (ausser Appenzell). Mit dem Einrücken französischer Revolutionstruppen 1798 ins Gebiet der Eidgenossenschaft endete der Untertanen-Status des Tessins. Die bis 1802 geltende Einheitsverfassung der Helvetik errichtete die neuen Kantone Bellinzona und Lugano, die allerdings nur Verwaltungsdistrikte ohne Autonomie waren. Von Napoleon Bonaparte vor die Wahl gestellt, zur Lombardei oder zur „Helvetischen Republik“ zu gehören, schufen die Tessiner die Parole „liberi e svizzeri“[2].

Liberale Verfassungsrevision[Bearbeiten]

Landung der Aufständischen in Lugano am 6. Dezember 1839
Franco von 1815

Das Tessin wurde 1803 zum vollwertigen Schweizer Kanton aufgewertet. Die Repräsentativverfassung von 1803 wurde 1814 in aristokratischem Sinn modifiziert. Im Tessin begann noch vor der Julirevolution in Frankreich mit einer unter der Führung des nachmaligen Bundesrats Stefano Franscini ins Werk gesetzten Verfassungsrevision vom 30. Juni 1830 die liberale Bewegung in der Schweiz. Die innere Geschichte des Kantons blieb jedoch immer eine leidenschaftlich bewegte infolge des Gegensatzes zwischen den Klerikalen, welche im Sopraceneri, und den Liberalen, die im Sottoceneri die entschiedene Mehrheit besassen. Am 6. Dezember 1839 stürzten die Liberalen mit Gewalt eine sie mit Verfolgungen bedrohende ultramontane Regierung, während ein ähnlicher Versuch der Ultramontanen 1841 mit der Hinrichtung ihres Führers Nessi endete.

Die Hauptstadtfrage[Bearbeiten]

Nachdem die Liberalen ihr Übergewicht im Grossen Rat und im Staatsrat 1858 dazu benutzt hatten, die Klöster aufzuheben oder doch in der Novizenaufnahme zu beschränken, die Geistlichen von der Schule auszuschliessen und den kirchlichen Verband mit den Bistümern Como und Mailand seitens des Staats zu lösen, entbrannte 1870 über der Frage, ob Bellinzona oder Lugano alleinige Hauptstadt des Kantons sein sollte, aufs Neue ein leidenschaftlicher Parteikampf zwischen den Sopra- und Sottocenerinern. Der Gegensatz verschärfte sich, als 1875 die Ultramontanen die Mehrheit im Grossen Rat erhielten (siehe: Kulturkampf in der Schweiz). Dieser geriet nunmehr in Konflikt mit dem liberalen Staatsrat über ein neues Wahlgesetz. Die Aufregung stieg darüber so hoch, dass es am 22. Oktober 1876 in Stabio zu einem blutigen Zusammenstoss zwischen Klerikalen und Liberalen kam. Doch wurde unter Vermittelung eines eidgenössischen Kommissars ein Vergleich geschlossen und Neuwahlen für den Grossen Rat auf 21. Januar 1877 anberaumt, bei denen die Klerikalen definitiv den Sieg errangen. Durch ein Verfassungsgesetz vom 10. März 1878 wurde der bisherige Wechsel des Regierungssitzes zwischen Locarno, Lugano und Bellinzona aufgehoben und letzteres zur alleinigen Hauptstadt erklärt.

Kulturkampf[Bearbeiten]

Neuen Stoff zur Entflammung der Parteileidenschaften gab die nunmehr ausschliesslich aus Klerikalen bestellte Regierung durch die rücksichtslose Entfernung aller liberalen Lehrer und Beamten, Wiederbevölkerung der Klöster etc.; durch den Versuch aber, den Prozess zu den Ereignissen in Stabio dazu zu benutzen, den Obersten Mola, einen Führer der Liberalen, auszuschalten, obschon dessen Unschuld klar zu Tage lag, brachte sie die ganze Schweiz in Aufregung. Diese legte sich erst wieder, als das mehrheitlich klerikale Gericht den Prozess am 14. Mai 1880 mit einem vollumfänglichen Freispruch beendete.

1883 wurde durch eine Verfassungsrevision das Referendum eingeführt, und 1886 das Kirchengesetz in ultramontanem Sinn umgeändert, wogegen der Papst durch Verträge mit der Eidgenossenschaft (1884 und 1888) in den formellen Anschluss des Tessin an das Bistum Basel willigte, unter der Bedingung, dass ein von der Kurie im Einverständnis mit dem Bischof aus der tessinischen Geistlichkeit zu ernennender Apostolischer Administrator in Lugano die bischöfliche Gewalt im Kanton ausübe.

Aus Anlass der Neuwahlen für den Grossen Rat am 3. März 1889 kam es zu einem heftigen Streit zwischen den Konservativen und den Liberalen. Letztere beschuldigten die Konservativen gesetzwidriger Streichungen Liberaler aus den Wahllisten. Die Eskalation des Streites wurde durch Einschreiten der Bundesbehörden unter der Leitung des vom Bundesrat entsandten Kommissars Eugène Borel verhindert. Gewählt wurden schliesslich 75 Konservative und 37 Liberale.

20. Jahrhundert[Bearbeiten]

Im Kontext der Irredenta erhob der italienische Diktator Benito Mussolini 1938 die Forderung einer Angliederung des Tessins an Italien[3], da die Bevölkerung italienisch sei.

Diese Absicht fand ihre Konkretisierung in einem Angriffsplan, der am 7. Juli 1940 in Rom ausgearbeitet wurde. Unter Vorbehalt eines koordinierten Vorgehens mit Hitler-Deutschland war grob folgendes Vorgehen geplant:

  • Die Division "Tridentina" sollte gegen Airolo/Gotthard vorstossen
  • Die Division "Trieste" auf Bellinzona
  • Die Division "Marche" auf Biasca

Offenbar vor allem General Badoglio hat allerdings einen Angriff auf Griechenland favorisiert. [4]

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Giuseppe Chiesi: Visconti (Herzöge) im Historischen Lexikon der Schweiz
  2. F. Schaffer: Abriss der Schweizer Geschichte, 1976
  3. Handbuch der Schweizer Geschichte, Band 2, 1977
  4. Artikel von Pierfranco Mastalli (Lecco) aus dem Jahr 2007, auf files.splinder.com. Hinweise dazu ferner bei K. Urner: Die Schweiz muss noch geschluckt werden, 1989