Gilles de Rais

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Graf Gilles de Montmorency-Laval, Baron de Rais (* 1404 auf Schloss Champtocé bei Angers; † 26. Oktober 1440 in Nantes) war ein französischer Heerführer, Marschall von Frankreich und Serienmörder des 15. Jahrhunderts. Er stammte aus der Linie Laval der berühmten französischen Familie der Montmorency. Der gefeierte Held des Hundertjährigen Krieges, Kampfgefährte der Jeanne d’Arc, gilt wegen der großen Zahl seiner Opfer als einer der berüchtigtsten Serienmörder aller Zeiten und diente als erzählerische Vorlage für die Sage vom Blaubart.

Leben[Bearbeiten]

Herkunft[Bearbeiten]

Gilles war der ältere Sohn des Grafen Guy de Montmorency-Laval und der Marie de Craon, die Tochter Jeans I. de Craon und seiner Gemahlin Maria de Châtillon war, und auch der Adoptivsohn und Erbe seines Onkels Thibaut de Montmorency-Laval und dessen Gattin Jeanne de Rais. Gilles' Mutter Marie de Craon und sein Vater Guy de Laval starben jung und kurz nacheinander im Laufe des Jahres 1415. Guy de Laval befürchtete, dass seine beiden Söhne Gilles und René unter die Vormundschaft von Jean de Craon, des Großvaters mütterlicherseits, geraten könnte, dessen Immoralität er fürchtete. Sein letzter Wille, indem er sich eindeutig dagegen aussprach, blieb wirkungslos, und Gilles sowie sein Bruder René kamen in die Obhut seines Großvaters.

Nachdem die Pläne zur Heirat mit einer normannischen Adligen gescheitert waren, ehelichte er am 30. November 1420 in Chalonnes-sur-Loire seine Cousine Cathérine de Thouars († 1462), Tochter des Grafen Guy I. und dessen Gattin Constance de Bretagne, die Alleinerbin von Besitzungen in der Bretagne, in der Vendée und im Poitou war. Aus der Ehe ging eine Tochter hervor.

Sein größtes Besitztum war die südlich der Loire im Grenzgebiet zur Bretagne gelegene Baronie Retz, die im 16. Jahrhundert zum Herzogtum und zur Pairie erhoben wurde. Gilles wurde Parteigänger der Montforts und unterstützte Johann VI., Herzog der Bretagne, gegen das rivalisierende Haus Penthièvre. Er war an der Auslösung Herzog Johanns aus der Gefangenschaft des Olivier de Blois, Graf von Penthièvre, beteiligt und wurde dafür mit ausgedehnten Ländereien belohnt, die dann vom bretonischen Parlament in Geldzahlungen umgewandelt wurden.

Militärische Erfolge[Bearbeiten]

1426 stellte er sieben Kompanien bewaffneter Männer auf und nahm unter Artur de Richemont, dem neu ernannten Connétable, am Krieg gegen die Engländer teil. Nachdem er sich mehrfach ausgezeichnet hatte, wurde er ausgewählt, Jeanne d’Arc nach Orléans zu begleiten. Er blieb auch in der Folge ihr Schutzbeauftragter und kämpfte zunächst in Orléans an ihrer Seite, dann auch bei Jargeau und bei Patay. Er befürwortete weitere militärische Unternehmungen gegen die Engländer vor der Königskrönung des Dauphins. Nachdem der Dauphin am 17. Juli in Reims als Karl VII. zum König gekrönt worden war, ernannte dieser Gilles noch am selben Tag zum Marschall von Frankreich. Nach der Erstürmung von Paris gewährte ihm der König das Privileg, sein Wappen mit dem das Wappenzeichen Frankreichs, derFleur-de-Lis, zu säumen. Dieses Recht wurde jedoch niemals bestätigt.

Den Winter verbrachte Gilles in Louviers (Eure) in der Normandie. Ob er dort die Absicht hegte, die in Rouen gefangengesetzte Jeanne d'Arc zu befreien, ist nicht sicher belegt. Nach Jeannes Tod auf dem Scheiterhaufen in Rouen im Jahre 1431 zog sich Gilles auf seine Güter bei Nantes zurück.

Wappen des Gilles de Rais

Obwohl er damals einer der reichsten Männer Frankreichs war, schwand sein Vermögen im Laufe der Zeit immer mehr dahin. Er hatte im Dienst des Königs enorme Summen aufgewendet und unterhielt einen höfischen Kreis von Rittern, Knappen, Herolden und Priestern, der mehr der Hofhaltung eines Königs als der eines Barons entsprach. Er führte ein offenes Haus und zeigte sich als freigebiger Förderer der Künste, der Literatur und der Musik. Seine Bibliothek enthielt viele wertvolle Werke. Er selbst war ein geschickter Illustrator und Buchbinder und besaß eine große Leidenschaft für das Theater. Er veranstaltete viele große Theateraufführungen, bei denen er selbst als Schauspieler auftrat. Es wird sogar behauptet, dass die Passionsfestspiele 1420 in Angers von ihm selbst zur Feier seiner Hochzeit veranstaltet worden seien. Die erste Ausgabe des Schauspiels « Le mystère du Siège d’Orleans » (deutsch: „Das Geheimnis der Belagerung von Orleans“) entstand wahrscheinlich unter seiner Anleitung und enthält viele Details, die von einer engen Beziehung des Verfassers zur Jungfrau zeugen.

Wegen seiner finanziellen Schwierigkeiten begann Gilles, Land zu veräußern und seine Güter unter Wert zu verkaufen. Diese Vorgehensweise gab seinen Erben noch auf Jahre hinaus ausreichend Anlass für Rechtsstreitigkeiten. Zu den Nutznießern dieses Ausverkaufs gehörten auch der Herzog der Bretagne und sein Kanzler Jean de Malestroit, Bischof von Nantes. Schließlich wandten sich Gilles’ Verwandte 1436 an Karl VII., der weitere Verkäufe untersagte. Herzog Johann VI. widersetzte sich diesem Erlass und sprach dem König das Recht ab, Dekrete dieser Art für die Bretagne zu erlassen. Im Gegenzug ernannte er Gilles zum Statthalter der Bretagne und bestätigte ihn als seinen Waffenbruder.

Die Verbrechen des Gilles de Rais[Bearbeiten]

Gilles hoffte nun darauf, seinen Reichtum mit Hilfe der Alchemie zurückzugewinnen. Er gab enorme Summen für Geisterbeschwörer aus, die den Teufel für seine Ziele einspannen sollten. Auf der anderen Seite versuchte er, das Böse durch großzügige Wohltätigkeit und prachtvolle Gottesdienste abzuwenden. Die Praktiken, deren er sich schuldig machte, scheinen den gleich- oder höhergestellten Adligen seiner Umgebung nicht aufgefallen zu sein, obwohl er viele Komplizen hatte und bei der Landbevölkerung schon lange in Verdacht stand. Seine Gemahlin, die möglicherweise mit seinen Untaten vertraut war, verließ ihn 1434/35, und als sein Bruder René de Suze Schloss Champtocé, wo die ersten Morde verübt wurden, eroberte, fand man dort noch alle Spuren seiner Verbrechen vor. Aber „Familienrücksichten“ erzwangen zweifellos Stillschweigen.

Gilles’ Diener entführten Kinder, vor allem Jungen, die er in seinen Schlössern Champtocé, Machecoul und Tiffauges folterte und dann ermordete. Die Zahl seiner Opfer wird in den kirchlichen Untersuchungsprotokollen mit 140 angegeben, jedoch wird berichtet, dass es noch weit mehr waren.[1] Seine erstaunliche Unantastbarkeit fand 1440 ein Ende, als er durch eine Gewalttat, verbunden mit einem Sakrileg und einer Verletzung der Immunität des Klerus, mit der Kirche in Konflikt geriet. Er hatte Saint Étienne de Malemort an Geffroi le Ferron, den Schatzmeister des Herzogs Johann VI., verkauft. Aufgrund einer Meinungsverschiedenheit hinsichtlich der Übergabe des Eigentums an Geffrois Bruder Jean le Ferron, der Priester war, wurde Jean, während er die Pfingstmesse las, auf Betreiben Gilles in der Kirche überfallen und gefangengenommen. Gilles widersetzte sich weiterhin dem Herzog, versöhnte sich aber in Richemont wieder mit ihm. Trotzdem wurde er im Herbst verhaftet und aufgrund verschiedener Anklagepunkte, darunter hauptsächlich Häresie und Mord, vor das Gericht des Bischofs Jean II. de Châteaugiron von Nantes geladen. Da das kirchliche Gericht für die Mordanklage nicht zuständig war, weigerte sich Gilles am 8. Oktober, dessen Urteilsspruch zu akzeptieren. Unter Androhung der Exkommunikation bestätigte er dann aber die Aussagen der Zeugen und sicherte sich durch ein Geständnis die Absolution.

Er wurde durch den Inquisitor des Abfalls vom Glauben und der Häresie und durch den Bischof der Untugend und des Frevels schuldig gesprochen. Am 21. Oktober rang man ihm durch Androhung der peinlichen Befragung ein detailliertes Geständnis ab. Gleichzeitig hielt der Präsident des bretonischen Parlaments Pierre de l’Hôpital einen weltlichen Prozess ab, auf dessen Schuldspruch hin Gilles am 26. Oktober 1440 mit zweien seiner Komplizen gehängt wurde und nicht, wie es oft heißt, lebendig verbrannt.

In Anbetracht seiner eigenen wiederholten Geständnisse scheint an seiner Schuld kein vernünftiger Zweifel möglich. Aber die zahlreichen Prozessunregelmäßigkeiten und die Tatsache, dass der Nekromant Francesco Prelati und andere Mittäter ungestraft davonkamen, dazu noch das finanzielle Interesse Herzog Johanns VI. an seinem Ruin, lassen bis heute einen gewissen Zweifel an der Durchführung des Prozesses bestehen, der neben dem der Jeanne d’Arc einer der berühmtesten und meistbeachteten Prozesse im Frankreich des 15. Jahrhunderts war.

Die Prozessakten befinden sich noch heute in der Nationalbibliothek in Paris und in Nantes.

An der Kirche von Saint Étienne de Mer Morte befindet sich eine Gedenktafel mit der Aufschrift:

«Gilles de Raiz, Maréchal de France pénétra en cette Église Le jour de la Pentecôte 1440, en armes à la tête de ses routiers pendant la grand-messe. Il s’emparait de Jean Le Ferron, clerc tonsuré qu’il enfermait en sa forteresse toute proche. Jean de Malestroit Évèque de Nantes le citait à comparaître devant son official par mandement du 15 septembre. Jean V, Duc de Bretagne, faisait arrêter Gilles dès le lendemain. Il avouait ses crimes, jugé, condamné, il fut mis au gibet en Prairie de Biesse à Nantes le 26 octobre 1440.»

„Gilles de Raiz, Marschall von Frankreich, drang am Pfingsttage 1440 während des Hochamtes in Waffen an der Spitze seiner Gefährten in diese Kirche ein. Er brachte Jean Le Ferron, einen Geistlichen, in seine Gewalt und kerkerte ihn in seiner nahegelegenen Festung ein. Jean de Malestroit, Bischof von Nantes, lud ihn per Befehl vom 15. September vor. Johann V., Herzog der Bretagne, ließ Gilles bereits am folgenden Tage gefangennehmen. Er gestand seine Verbrechen, nachdem er gerichtet und verurteilt ward, kam er am 26. Oktober 1440 auf der Biessewiese bei Nantes an den Galgen.“

Rezeption[Bearbeiten]

Künstlerische Darstellung des Gilles de Rais von Éloi Firmin Féron aus dem Jahr 1835. Authentische zeitgenössische Darstellungen sind nicht bekannt.

Gilles de Rais gilt als Ausgangspunkt der Sage vom Blaubart, obwohl die Übereinstimmung der beiden Geschichten eher vage ist.

In seinem Roman Là-bas lässt der Autor Joris-Karl Huysmans die Geschichte des Gilles de Rais von der Hauptfigur des Romans recherchieren und nacherzählen.

Georges Bataille beschreibt in seinem Werk Gilles de Rais, Leben und Prozeß eines Kindermörders die Massenmorde anhand der Protokolle des weltlichen und kirchlichen Prozesses.

In ihrer Studie über Hans Henny Jahnns Romantrilogie Fluß ohne Ufer weist die Literaturwissenschaftlerin Nanna Hucke nach, dass der Protagonist Gustav Anias Horn nach dem Vorbild Gilles de Rais’ konzipiert wurde.[2]

Die Schweizer Thrash-Metal-Band Celtic Frost behandelt im Titel Into the Crypts of Rays von ihrer ersten EP Morbid Tales das Leben und die Verbrechen von Gilles de Rais. Die britische Dark-Metal-Band Cradle of Filth behandelt in ihrem Album Godspeed on the Devil’s Thunder das Leben und die Verbrechen von Gilles de Rais.

Literatur[Bearbeiten]

  • Georges Bataille: Gilles de Rais – Leben und Prozeß eines Kindermörders. Übersetzung von Ute Erb. 7. Auflage. Merlin Verlag, Gifkendorf 2006. ISBN 3-875-36042-7
  • Matei Cazacu: Gilles de Rais. Paris 2005. ISBN 2-84734-227-3
  • Aleister Crowley: Gilles de Rais. The banned lecture. Mit einem Interview, erschienen 1930 in The Oxford Mail. Englisch-deutsch. Herausgegeben und übersetzt von Michael Farin und Roland Hepp. belleville, München 1988. ISBN 3-923646-02-X
  • Tennille Dix: The black baron : the strange life of Gilles de Rais. Indianapolis 1930.
  • Philippe Relinquet: Ritter, Tod und Teufel: Gilles de Rais oder die Magie des Bösen , Artemis, München und Zürich 1984

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Gilles de Rais – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Iwan Bloch: Der Marquis de Sade und seine Zeit. Heyne 1978, S. 271f., verweist auf: Albert Eulenburg: Sexuelle Neuropathie. Leipzig 1895, S. 116.
  2. Nanna Hucke: „Die Ordnung der Unterwelt.“ Zum Verhältnis von Autor, Text und Leser am Beispiel von Hans Henny Jahnns „Fluss ohne Ufer“ und den Interpretationen seiner Deuter. Volltext als PDF