Guy Verhofstadt

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Guy Verhofstadt (2014)

Guy Maurice Marie Louise Verhofstadt anhören?/i (* 11. April 1953 in Dendermonde) ist ein belgischer Politiker der Flämischen Liberalen und Demokraten (Open Vld). Er ist seit 2009 Mitglied des Europäischen Parlaments, wo er die liberale Fraktion ALDE leitet. Zuvor war er unter anderem von 1999 bis 2008 Premierminister Belgiens.

Leben[Bearbeiten]

Ausbildung[Bearbeiten]

Im Jahre 1970 absolvierte er das Abitur in Latein-Griechisch am Königlichen Athenäum in Gent. Das Lizenziat in Rechtswissenschaften erreichte er 1975 an der staatlichen Universität Gent. In der Folgezeit arbeitete er als Anwalt bei der Genter Anwaltskammer.

Politische Tätigkeiten[Bearbeiten]

Erste politische Erfahrungen sammelte er als Vorsitzender der flämischen Vereinigung liberaler Studenten von Gent, der er von 1972 bis 1974 war. Ab 1976 war er Mitglied im Gemeinderat der Stadt Gent und 1977 wurde er schließlich politischer Sekretär des PVV-Vorsitzenden Willy De Clercq. In den folgenden Jahren hatte er mehrere Posten inne, so war er erster Stellvertreter der Abgeordnetenkammer Gent-Eeklo (1978) und Vizepräsident des PVV-Verbandes im selben Bezirk (1979). Ebenfalls 1979 übernahm er den nationalen Vorsitz der Jung-PVV und wurde Vorstandsmitglied der PVV. Vorsitzender der PVV wurde er 1982 und 1985 gelang ihm der Einzug in die Abgeordnetenkammer.

Ab 1988 war er Vorsitzender des Schattenkabinetts. 1989 wurde er wieder zum Vorsitzenden der PVV gewählt und 1992 erhielt er denselben Posten in der VLD. Nachdem er 1995 zum Staatsminister aufgestiegen war, wurde er im Mai desselben Jahren zum Senator gewählt und sofort Vizepräsident des Senats. Am 7. Juni 1997 übernahm er erneut den Vorsitz der VLD.

Regierungsfunktionen[Bearbeiten]

Von 1985 bis 1988 war Verhofstadt Vizepremierminister und Minister für Haushaltsplanung und wissenschaftliche Forschung. Vom 12. Juli 1999 bis zum 20. März 2008 war er Belgiens Premierminister.

Der Rechtsanwalt vollzog seit Mitte der 1970er Jahre eine aufsteigende Karriere bei den belgischen Liberalen. Vor dem Hintergrund der jüngsten Polit- und Justizskandale Belgiens war Guy Verhofstadt von Mitte 1999 ab als Ministerpräsident des Landes an einer radikalen Umgestaltung des Systems beteiligt. Verhofstadt trieb seine so genannte lila-grüne Koalition, die aus den zwei liberalen, den zwei sozialistischen sowie den zwei grünen Parteien bestand, gegen die schwarze Opposition stetig voran. Als Ministerpräsident wurde er im Frühjahr 2003 für eine zweite Amtsperiode bestätigt, diesmal in einer rein „lila“ Koalition mit Liberalen und Sozialisten.

Bei der belgischen Parlamentswahl vom 10. Juni 2007 verlor die Regierungskoalition deutlich an Sitzen, woraufhin Verhofstadt seinen Rücktritt einreichte.[1]

Da Yves Leterme, Spitzenkandidat der christdemokratischen CD&V, nach sechs Monaten seine Bemühungen um die Bildung einer Regierung aufgegeben hatte, wurde Verhofstadt am 3. Dezember von König Albert II. beauftragt, in Gesprächen mit allen Parteien eine Lösung aus der Staatskrise zu finden. Ab dem 21. Dezember 2007 führte Verhofstadt eine Übergangsregierung aus flämischen und frankophonen Christdemokraten und Liberalen sowie den frankophonen Sozialisten, die bis zur Ernennung einer neuen Regierung unter Leterme bis zum 20. März 2008 im Amt blieb.

Europäisches Parlament[Bearbeiten]

Bei der Europawahl 2009 wurde Verhofstadt ins Europäische Parlament gewählt. Wenige Tage nach der Wahl kam er als möglicher Kandidat für das Amt des Kommissionspräsidenten ins Gespräch. Nachdem vor den Wahlen die Sozialdemokratische Partei Europas (SPE) keinen Gegenkandidaten für den konservativen Amtsinhaber José Manuel Barroso nominiert hatte, kündigte ihr Fraktionsvorsitzender Martin Schulz nach der Wahl an, eine mögliche Kandidatur Verhofstadts zu unterstützen. Auch aus der Europäischen Grünen Partei sowie der liberalen Europaparlamentsfraktion ALDE wurde Unterstützung geäußert. Verhofstadt selbst äußerte sich zunächst nicht dazu.[2] Am 30. Juni 2009 wurde er als Nachfolger von Graham Watson zum Vorsitzenden der Fraktion ALDE gewählt.[3]

Seit 2010 ist Verhofstadt ein führendes Mitglied der Spinelli-Gruppe, die sich für den europäischen Föderalismus einsetzt.

In der Periode 2009 bis 2012 ist Verhofstadt Mitglied in der Konferenz der Präsidenten und im Ausschuss für konstitutionelle Fragen.[4]

Guy Verhofstadt war der Spitzenkandidat der Liberalen für das Amt des Präsidenten der Europäischen Kommission bei den Europawahl 2014 und geriet wegen seiner hohen Nebenverdienste in die Kritik. So verdiente bei der belgischen Investmentgesellschaft Sofina 2013 130.500 € an Vergütungen und Sitzungsgeldern. Bei der niederländischen Versicherungsgesellschaft APG verdiente er 2012 42.840 € und bei der belgische Gastanker-Reederei Exmar 60.000 € im 2013.[5][6]

Publikationen (Auswahl)[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Guy Verhofstadt – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Premier Verhofstadt gesteht Niederlage ein. In: Spiegel Online, 11. Juni 2007
  2. Unterstützung für Verhofstadt als Nachfolger Barrosos wächst. EurActiv, 10. Juni 2009
  3. Parlament wird Barroso-Abstimmung verschieben. EurActiv, 2. Juli 2009
  4. Website des Europäischen Parlaments
  5. Verhofstadt ein "Geldhai"?, deredactie.be, 14. Mai 2014
  6. Board of Directors, exmar.be, abgerufen 6. Juni 2014