Hans Asperger

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche

Hans Asperger (* 18. Februar 1906 in Hausbrunn; † 21. Oktober 1980 in Wien) war ein österreichischer Kinderarzt und Heilpädagoge, der 1944 als Erster das später nach ihm benannte Asperger-Syndrom beschrieb.

Biographie und pädagogisch-wissenschaftliches Wirken[Bearbeiten]

Asperger war der Älteste von drei Brüdern, der Mittlere starb kurz nach der Geburt, der Jüngste fiel 1942 in Russland. Über sein Elternhaus schrieb er: »Wie bin ich erzogen worden? Mit viel Liebe, ja Selbstentäußerung von meiner Mutter, mit großer Strenge von meinem Vater.«[1] Nach dem Besuch eines Humanistischen Gymnasiums absolvierte er in Wien ein Studium der Medizin. Nach seiner Promotion 1931 arbeitete Asperger als Assistent an der Kinderklinik der Universität Wien. Seit 1932 leitete er die heilpädagogische Abteilung der Klinik. Eine seiner kleinen Patientinnen war die spätere Schriftstellerin Elfriede Jelinek, »die sich auf Aspergers Station einer heilpädagogischen Therapie unterziehen [musste]. Asperger war fast immer anwesend und las den Kindern vor.«[2] Asperger war Berater beim Wiener Hauptgesundheitsamt und Gutachter in Sonderschulen sowie bei "schwierigen, nervlich oder psychisch auffälligen Kindern" in Normalschulen.[3]

Von 1957 bis 1962 war er im Vorstand der Innsbrucker Kinderklinik. 1962 wurde er Professor für Pädiatrie und Leiter der Universitäts-Kinderklinik in Wien, was er bis zu seiner Emeritierung im Jahr 1977 blieb. 1967 wurde er zum Mitglied der Gelehrtenakademie Leopoldina gewählt.

Am 3. Oktober 1938 hielt er in der Heilpädagogischen Abteilung der Universitätsklinik Wien einen Vortrag, in dem er anhand eines Fallbeispiels die Charakteristika der »autistischen Psychopathen« darstellte.[4] 1943 reichte Asperger seine Habilitationsschrift ein, die ein Jahr später veröffentlicht wurde:[4] 1944 veröffentlichte Asperger seine Beschreibung des später nach ihm benannten Asperger-Syndroms.[5] Er selbst nannte die Störung „autistische Psychopathie“. Das Wort „autistisch“ entlieh er Eugen Bleuler, der damit bestimmte Eigenschaften der Schizophrenie beschrieb, um „die Einengung der Person und ihrer Reaktionen auf sich selbst und die damit verbundene Beschränkung der Re-Aktionen auf die Reize der Umwelt“ zu verdeutlichen. Den Begriff „Psychopathie“ würde man heute wohl eher mit „Persönlichkeitsstörung“ bezeichnen. Fast gleichzeitig mit Aspergers Publikation erschien Leo Kanners Arbeit zum frühkindlichen Autismus, welcher große Ähnlichkeiten mit dem „Asperger-Syndrom“ aufwies. Aspergers Veröffentlichung enthielt die Beschreibung von vier Jungen, Fritz, Harro, Ernst und Hellmuth, die er als „autistische Psychopathen“ bezeichnete. Den Genannten war gemeinsam, bei durchschnittlicher bis hoher Intelligenz, ein Mangel an Empathie, die Unfähigkeit Freundschaften zu schließen, Störungen in Blickkontakt, Gestik, Mimik und Sprachgebrauch, intensive Beschäftigung mit einem Interessensgebiet sowie motorische Störungen. Sie waren selbstbezogen, konnten sich nicht in andere Menschen versetzen und auf diese eingehen. In ihrem Gefühlsleben wirkten die Jungen disharmonisch und im oft angstvollen Verhalten fehlte ihnen die affektive Beteiligung.[6] Asperger nannte sie „kleine Professoren“, da sie über das Gebiet ihres Spezialinteresses detailliert sprechen konnten und oft ein erstaunliches Wissen ansammelten.

Da Asperger seine Veröffentlichungen größtenteils in deutscher Sprache verfasste und sie kaum übersetzt wurden, waren seine Arbeiten zunächst wenig bekannt. Erst in den 1990er-Jahren erlangte das Asperger-Syndrom internationale Bekanntheit in Fachkreisen. Die britische Psychologin Lorna Wing führte in den 1980er-Jahren die Forschungen Aspergers fort, definierte das Syndrom und benannte es nach seinem Erstbeschreiber.

Hans Asperger war seit 1935 mit Hanna Kalmon verheiratet. Das Ehepaar hatte fünf Kinder. Tochter Maria Asperger Felder ist Fachärztin für Kinder- und Jugendpsychiatrie, spezialisiert für die Diagnose von Autismus und in Zürich praktizierend.[7]

Werke (Auswahl)[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Lorna Wing: Asperger's syndrome: a clinical account. In: PsycholMed 11 (1981) 115-129, PMID 7208735
  • Tony Attwood: Das Asperger-Syndrom: Ein Ratgeber für Eltern. Trias-Verlag/Georg Thieme, Stuttgart 2000, S. 240.
  • Maria Asperger-Felder: Zum Sehen geboren, Zum Schauen bestellt... Hans Asperger 1906-1980, Leben und Werk. In: Heilpädagogik, 49 2006/H.3, S. 2–11.
  • Manfred Berger: Hans Asperger - Sein Leben und Wirken. In: heilpaedagogik.de 2007/H. 4, S. 29–32.
  • Ferdinand Klein, Gerhard Neuhäuser: Heilpädagogik als therapeutische Erziehung. München 2006.

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. zitiert nach: Asperger 2006, S. 2.
  2. Verena Mayer, Roland Koberg: Elfriede Jelinek. Ein Porträt, Reinbek 2006, S. 32.
  3. Hans Weiss, Tatort Kinderheim,S. 81f.
  4. a b Vorlage:Internetquelle/Wartung/Zugriffsdatum nicht im ISO-FormatAutismus und NS-Rassengesetze in Österreich 1938: Hans Aspergers Verteidigung der »autistischen Psychopathen« gegen die NS-Eugenik. In: Erschienen in Hans Aspergers Verteidigung der ‚autistischen Psychopathen’ gegen die NS-Eugenik. In: Die neue Sonderschule 47 (2002) 6, S. 460-464. Abgerufen am 26. Dezember 2010 (PDF; 128 kB).
  5. Die „autistischen Psychopathen“ im Kindesalter, H. Asperger 1944 (.pdf-Datei, 7.85 MB)
  6. vgl. Klein/Neuhäuser 2006, S. 36–37.
  7. Peter Schneider: «Autisten fühlen sich ‹anders›» Interview in: Tages-Anzeiger vom 11. Juni 2013